Ungeschönt und unpoliert – Tätowiererin Léa Nahon

23.06.2016  |  Text: P-Mod (Übersetzung: Armelle Boussidan, Julia Fähndrich)  |   Bilder: P-Mod
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Ungeschönt und unpoliert – Tätowiererin Léa Nahon
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Rau, ungekünstelt, regelrecht unfertig wirken Léa Nahons aktuelle Arbeiten. Seit zwei Jahren konzentriert sich die Wahlbelgierin auf die Umsetzung ihrer eigenen Skizzen, die bei Träger und Betrachter Raum für Interpretationen lassen.
Du hattest dich für einige Zeit etwas zurückgezogen, jetzt bist du mit voller Kraft wieder auf der Bildfläche erschienen. Gab’s einen bestimmten Grund dafür?
Zurückgezogen würde ich nicht unbedingt sagen. Aber ich musste tatsächlich ein bisschen Fahrt rausnehmen. Ich war jahrelang unterwegs, reiste in Zügen, Flugzeugen und Autos durch die Welt, schlief in Hotels oder bei Freunden auf der Couch. Und selbst wenn ich dann mal Zuhause war, konnte ich nicht abschalten. Ich war einfach müde.

Als Tätowierer arbeitet man eigentlich immer und ich bin eigentlich auch gerne unterwegs, aber mir fehlte einfach die Zeit für meine Familie und Freunde. Meine Mutter machte Termine mit mir aus, damit wir uns mal zum Lunch treffen konnten, und die Geburtstagsgeschenke für meine Geschwister überreichte der Zusteller der Los Angeles Post. Aber persönliche Anwesenheit kann einfach nicht ersetzt werden. Also entschied ich mich dazu, für ein, zwei Jahre nicht mehr auf Conventions zu gehen. Ich musste einfach einen sauberen Schnitt machen, andernfalls hätte ich für jedes Event eine Ausnahme gemacht. Ich hab dann auch weniger Termine angenommen. Wenn Tattoos und Kunden wichtiger werden als persönliche Beziehungen oder gar die eigene Gesundheit, muss man aus dieser Spirale einfach aussteigen. Mittlerweile gehe ich aber wieder auf Conventions und arbeite. Allerdings eben weniger als vorher. Ich nehme mir jetzt mehr Zeit für mich und meine Freunde und Familie.

Hast du in dieser Zeit auch die Arbeit mit den Skizzenbüchern für dich entdeckt?
Nein, das ist das Erbe der Boulle-Schule, wo ich meinen Abschluss in Angewandter Kunst gemacht habe. Dort war es Pflicht, immer ein Skizzenbuch bei sich zu haben. Die wurden am Ende jeden Monats auch benotet. Ich mache das so, seit ich fünfzehn war, habe mir das damals so angewöhnt und es bis heute beibehalten. Mittlerweile habe ich eine beträchtliche Sammlung. Und besonders auf Reisen ist das schon unheimlich praktisch. Und im Zug einfach auch handlicher als eine Staffelei und Ölfarbe!

Léa Nahon entspricht ihren Arbeiten: ungezwungen, spontan und authentisch.
 
Überall in deinen Skizzen und Tattoos finden sich Augenblicke wieder, die einer Nan-Goldin-Fotografie oder einem Selbstporträt von Egon Schiele entsprungen sein könnten. Was spricht dich an den Arbeiten dieser Künstler besonders an?
Eigentlich die Spontaneität in ihren Arbeiten. Goldins Bilder fangen einen Moment ein, der nicht vom Model gewählt worden ist. Ähnlich wie Schiele mit seinen Porträts. Als ob niemand für das Foto gepost hätte, als ob die Models sich gar nicht bewusst wären, dass sie grade fotografiert oder gezeichnet werden. Ich arbeite viel mit Fotos. Vor allem solche, die ich von Freunden und meiner Familie gemacht habe, dienen mir als Basis. Aber auch Bilder von Thomas Krauss und ein paar anderen Fotografen. Ich selbst fotografiere auch am laufenden Band und so manches Foto, das man vielleicht sogar für ein schlechtes Bild halten könnte, dient mir dann als Grundlage für meine Arbeit.

Das Ungestellte fasziniert mich und ohne es wirklich zu merken, ist dieses Element auch in die technische Seite meiner Tätowierungen eingeflossen. Ich mag Fehler, die zu Großartigem führen. Allerdings ist das auch eine besonders für Tattoos durchaus praktische Technik. Wenn mein Kunde sich bewegt, ist das kein Problem. Wir ziehen die Linie dann noch weiter raus und schon hat sich das Problem erledigt und das Tattoo sieht wieder großartig aus! Zugegeben, da spielt zu fünfzig Prozent auch meine eigene Faulheit mit rein, aber mir sind diese Ergebnisse lieber, als wenn alles super sauber poliert aussieht. Und meinen Kunden scheint es auch zu gefallen, also haben doch alle was davon.

Mit dem von dir erwähnten Fotografen Thomas Krauss hast du eine Weile auch zusammengearbeitet. Was bewegt dich an seinen Fotografien und was hat eure Zusammenarbeit befruchtet?
Ich habe ihn auf einer Convention kennengelernt, wo er mich fotografiert hat. Und ich konnte später auch die Bilder sehen, die bei Shootings mit anderen Tätowierern entstanden sind. Er schafft es irgendwie immer, eine gewisse Spontaneität beizubehalten, obwohl er die Leute posieren lässt. Es sieht immer aus, als würde das Model gleich etwas sagen oder tun und wirkt nie eingefroren. Solche Bilder sind schwer zu zeichnen, aber für mich sind es wahre Schätze.

Erkennen deine Kunden eigentlich die Intention deiner Skizzen?
Nein, und ich bin da auch ganz froh drum, denn ich lege nie viel Intention in meine Zeichnungen. Nichts ist durchdacht, sondern es kommt ganz auf das Bild an, das ich finde. Deshalb ist es für mich auch so schwer, meinen Zeichnungen einen roten Faden zu geben. Das Motiv ist komplett unabhängig von mir. Wenn ich irgendwo ein Bild vorbeirauschen seh, das mir gefällt – sei es der Winkel, der Ausdruck der Person, die Perspektive, die Position – egal ob in einem Buch oder online, dann leg ich es beiseite und zeichne es. Wenn meine Kunden den Bildern Bedeutung beimessen, dann, weil sie sie an jemanden oder etwas erinnern. Was auch immer es sein mag. Ich lasse meinen Kunden Raum für ihre eigene Interpretation der Vorlagen, denn ihre Geschichte dazu wird definitiv interessanter sein als meine.

Leá hat immer ein Skizzenbuch dabei.
 
Wie siehst du die Tattooszene und ihre Entwicklung in den letzten fünfzehn Jahren?
Ich bin noch eine von der alten Schule, wo man noch wissen musste, wie man in diesem Job überlebt. Ein guter Tätowierer sollte alle Arten von Anfragen beantworten können. Wir haben noch nicht wegen der Coolness und dem Geld angefangen zu tätowieren. Eher das Gegenteil war der Fall.

Jahrelanges unbezahltes Putzen, Nadeln löten, ätzende Dämpfe einatmen, Geschirrspülen und Sterilisieren, und danach noch stundenlanges Zeichnen in allen Stilen. Da war keine Zeit für einen eigenen Stil oder eigene Bedürfnisse. Es war die Hölle und hatte nichts mit dem Glamour gemein, der heute mit diesem Job assoziiert wird. Ich glaube, ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass Tätowierer ihre festgelegten Pfade ein bisschen verlassen haben und sich heute trauen, neue Dinge auf der Haut ihrer Kunden auszuprobieren. Ich habe es nur geschafft, diesen »Sketch-Style« zu entwickeln, weil ich so viel gezeichnet habe, verschiedene Objekte wie Tiere und menschliche Körper in allen Stilarten analysiert und studiert habe. Meine eigenen Zeichnungen tätowiere ich gerade mal seit zwei Jahren.

Ich glaube, eine Menge junger Tätowierer tun einfach nur das, wovon sie wissen, dass sie es können, und bezeichnen es dann als ihren eigenen Stil. Und das eher aus Enttäuschung heraus, als dass sie es sich so ausgesucht hätten. Paradoxerweise gehen aus den Arbeiten dieser neuen Artists aber gleichzeitig immer verrücktere Stile hervor. Ideen, die keiner zuvor hatte, weil alle zu festgefahren in ihrer Tattoodenkweise waren. Das wiederum finde ich eine gute Sache.

Ich bin jeden Tag aufs Neue überrascht von den Dingen, die ich online sehe, und frage mich: Womit kommen sie als Nächstes um die Ecke? Wie weit kann das gehen? Tätowierungen haben sich in den letzten zehn Jahren komplett verändert. Aber zum Guten. Und die Leute lassen sich jetzt auch immer mehr Tattoos stechen, weil sie nur darauf gewartet haben, dass man ihnen so etwas anbietet. Nicht nur aufgrund der Dauerpräsenz von Tattoos im Fernsehen.

Wie würdest du deine deine Entwicklung und deine Entscheidungen in den letzten fünfzehn Jahren beurteilen?
Bestätigt wurde ich vor allem darin, dass harte Arbeit sich auszahlt. Dabei rede ich nur mittelbar von Geld. Ich meine eher einen bestimmten Lebensstandard. All die Jahre, die ich unterwegs war, wusste ich nicht, wohin sie mich führen würden. Ich habe irre viele Menschen getroffen und versuchte, in einem sehr eigenen Universum Anerkennung zu finden. Das hat mich geformt. Ich kann es mir heute leisten, ein bisschen weniger zu arbeiten und bin jetzt von vier auf zwei Tattoos pro Tag runter, yes! Ich kann jetzt fast ausschließlich meine eigenen Zeichnungen stechen und mit Leuten arbeiten, die ich sehr bewundere. All das wäre aber nicht möglich gewesen, hätte ich diese Jahre nicht durchlebt. Und ich habe ewig viele Erinnerungen! Es gibt eigentlich nichts, das ich nicht wieder so machen würde.

Ein lebendiger, schroffer Strich und ein ungewöhnlicher Bildaussschnitt, der den Betrachter direkt in seinen Bann zieht: so entsteht ein Tattoo mit der Anmutung eines Schnappschusses.

In welcher Verbindung stehst du zu Belgien?
Es ist eine starke Verbindung! Während all der Jahre auf Reisen, habe ich mir bei jeder Rückkehr nach Paris gesagt, dass es die schönste Stadt der Welt sei und dass ich mich nirgendwo besser fühle – bis ich nach Brüssel kam. Ich bin im Pariser Stadtteil Belleville aufgewachsen, einer sehr beliebten Gegend im Nordosten von Paris. Aber Städte verändern sich.

Und in Marolles, dem historischen Stadtteil Brüssels, wo die Boucherie Moderne ist, habe ich die Atmosphäre dieses Bellevilles aus meiner Kindheit wiedergefunden. Mit dem alten Marktplatz und den Opas, die morgens um acht Uhr schon Weißwein trinken. Irgendwann hab ich mich dort niedergelassen. Aber auch hier hat sich die Stadt irgendwann verändert, also bin ich meinem Freund nach Liège gefolgt, wo ich diese altmodische Atmosphäre von Kopfsteinpflaster und alten Fabriken sowie diese Punk-Attitude gefunden habe, die Liège zu einer Gefahr für jeden werden lassen, der Alkohol und Drogen nicht gerade abgeneigt ist. Man nennt es nicht umsonst auch ToxCity!

Was liegt aktuell bei dir an?
Oh, eine ganze Menge. Der Reihe nach: Zuerst das Bootprojekt. Ich habe letztes Jahr ein herrliches siebzehn Meter langes Schleppschiff gekauft. Zunächst wollte ich darin ein Tattoostudio eröffnen, weil ich ja keinen Shop in Liège hatte. Den ganzen letzten Sommer über haben wir daran gearbeitet, an den Docks gegrillt und zum Abkühlen im Kanal gebadet. Ich habe den Gedanken, dort zu tätowieren, noch nicht ganz verworfen. Ich möchte wirklich gern so eine Art mobiles Tattoostudio darin umsetzen, sobald es vom Stapel laufen kann.

Da die Arbeiten noch andauern werden, hab ich ein weiteres Projekt in Angriff genommen: die Fabrik. Die haben wir im Juni offiziell eröffnet. Als ich das Gebäude mit meiner Freundin Sabina (Sabina Patiperra, Anm. d. Red.) gesehen habe, waren wir beide sofort verknallt. Wären wir damit der x-te Tattooshop in Liège, hätten wir das nicht gemacht. Aber dieser Ort bietet eine zusätzliche Galerie, die vom Tattoobereich getrennt ist, und das ist es, was wir wirklich toll daran fanden. Das heißt: Jeden zweiten Monat wird es hier Ausstellungen geben, es wird tätowiert und das bringt endlich ein bisschen Stabilität in mein Leben. Und sobald ich mich daran gewöhnt habe, werde ich mit dem Kahn hoch nach Brixton schippern und dort eine Weile vor Anker gehen. Ich habe vor, regelmäßig darauf zu arbeiten, und so wird das Schiff dann mein Zuhause werden. So weit ist es aber noch nicht.

Mit dem Management einer Galerie stellst du dich einer neuen Herausforderung. Welche Ziele hast du mit dieser Eröffnung?
Ich denke, wir werden die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Organisationsprobleme wird’s mit Sicherheit geben. Aber es gibt eben Sachen, die uns wichtig sind. Wir möchten jeden zweiten Monat eine neue Ausstellung machen, mehr geht wegen unserer Conventiontermine nicht, und von den Einnahmen aus den Kunstverkäufen werden wir selbst nur einen kleinen Prozentsatz einbehalten. Der große Rest wird jedes Mal an eine andere Wohltätigkeitsorganisation gespendet werden. Das ist uns wichtig. Seien wir mal ehrlich: Beim Tätowieren macht man genug Geld, da kann man auch im kleinen Maßstab Gutes tun und etwas verändern. Wenn wir Menschen helfen können, indem wir feiern, profitieren alle davon.

Léa tätowiert mittlerweile deutlich weniger als früher, hat aber nun die Möglichkeit, fast ausschließlich ihre eigenen Entwürfe zu stechen.

Bei der Eröffnung wurden Arbeiten von Köfi gezeigt. Weißt du schon, wer die nächste Ausstellung machen wird?
Im August werden einige Künstler aus Liège ausstellen. Tätowierer oder eben auch nicht. Es wird ein Schmelztiegel unterschiedlicher Stile werden. Und danach werden Piet du Congo, Franky Baloney von den Requins Marteaux und Elzo Durt ausstellen. Dann ist auch schon 2017 und wir werden sehen, wie es danach weitergeht. Jeder ist willkommen, die neue und alte Generation, und wenn wir den Leuten neue Talente näherbringen können, umso besser!

Wirst du selbst trotz all dieser Arbeit auch noch außerhalb von Liège anzutreffen sein?
Sicher! Liège erlaubt es mir, wieder mehr zu zeichnen und diese Arbeiten dann auszustellen. Und auch als Gasttätowiererin will ich hier und da was machen. Das ist der Vorteil, dass wir die Fabrik zu zweit eröffnen. Wir können uns abwechseln. Meine nächsten Ausstellungen habe ich schon kurz nach der Eröffnung. Im Oktober bin ich bei Turbo Zero in Nantes, im Dezember in Toulouse im Dispensary – wahrscheinlich zusammen mit Thomas Krauss – und im Januar dann in Portsmouth in England bei Play Dead. Danach wird sich zeigen, was kommt.


L'Usine
Léa Nahon
10b rue St Léonard, 4000 Lüttich
www.leanahon.com
leanahontatouage@gmail.com

 



Inspirationen

Nan Goldin

Die US-amerikanische Fotografin Nan Goldin (geb. 1953) widmete sich in ihrer Arbeit stigmatisierten Randgruppen wie Homosexuellen und Transsexuellen. Weltweite Anerkennung hat sie mit ihrer Arbeit »The Ballad of Sexual Dependency« (Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit) bekommen. Als eine mit Musik hinterlegte Diashow konzipiert (erstmals 1979 in New York vorgeführt), zeigt das Projekt um die 700 Schnappschüsse, aufgenommen von 1983 bis heute, wobei sich jede Aufführung von der vorangegangenen unterscheidet. Ihre enge Beziehung mit den Porträtierten (sie selbst bezeichnet sie als ihren Stamm), zu Junkies, Drag Queens und Halbweltgestalten, ermöglichten ihr Bilder, die wenig inszeniert erscheinen und Geschichten von sexuellen Beziehungen und Geschlechterrollen erzählen. Nan Goldins Intention war es zu zeigen, wie Menschen sexuell voneinander abhängig sind und daß dies – vollkommen wertungsfrei – absolut nichts mit Liebe zu tun habe.

Web-Tipp: Unter der Suchoption »Nan Goldin - La Balada de la Dependencia Sexual« findet ihr Videozusammenschnitte von Nan Goldins Fotografien.
 


Thomas Krauss

Léa Nahon lässt sich für ihre Tätowierungen nicht nur von ihren eigenen Fotos von Freunden und Bekannten inspirieren, sondern auch von den Arbeiten ihres guten Freundes Thomas Krauss. Der in Metz geborene und in Perpignan lebende Fotograf kam erst vor knapp zehn Jahren zur Fotografie. Als Autodidakt standen anfänglich Familienbilder, vor allem von seinen mittlerweile vier Töchtern, im Fokus seiner Arbeit. Der nicht digital, sondern auf Film fotografierende Krauss entwickelte eine ganz persönliche Ästhetik der Porträtfotografie, seine emotional berührenden Bilder zeigen Menschen in Momenten, die offensichtlich nicht dem Zufall geschuldet sind, aber sehr viel von der Gefühlssituation, vom Inneren der Porträtierten auszudrücken scheinen. Ein Teil der Arbeiten von Thomas Krauss widmet sich auch dem Thema Porträts von Tätowierern und Tätowierten.

flickr.com/photos/hurluber_lu
www.hurluber.lu
www.facebook.com/thomas.krauss.5


Die Fotos von Thomas Krauss sind ausschließlich in Schwarzweiß gehalten.
 
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Stand:18 November 2017 05:50:10/t%C3%A4towierer/ungeschoent+und+unpoliert_166.html