Sak Yan – Tattoos mit übernatürlichen Kräften: Tätowierer Matthieu Duquenois

29.01.2016  |  Text: Lars Krutak, Übersetzung Heide Heim  |   Bilder: Lars Krutak, Ajarn Matthieu Duquenois
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Sak Yan – Tattoos mit übernatürlichen Kräften: Tätowierer Matthieu Duquenois
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Sak Yan, thailändische Schutztätowierungen, sind mittlerweile sehr populär, aber immer weniger Tätowierer kennen sich mit der traditionellen Vorgehensweise aus. Der Franzose Matthieu Duquenois ist einer von zwei Europäern, der sich Ajarn, also Tätowiermeister, nennen darf, und die magische Kraft in den Bildern und Schriftzeichen wecken kann.
Tätowiermeister Matthieu Duquenois sitzt neben seinem großen Altar. Reich geschmückt ist dieser mit Buddha-Statuen, Opferschalen, Bildern von Mönchen, Tigerskulpturen und Glücksamuletten. Und der Maske des weisen Eremiten Pho Kae, der als der Begründer der Sak-Yan-Tradition angesehen wird, also der magischen Tätowierungen in Thailand. Vor dem Altar kniend hält ein junger Mann eine flache Schale über seinen Kopf, darin liegen Blumen, Kerzen, Bethelnuss, Tabak und eine Geldspende, die vom Tätowiermeister gesegnet werden. Duquenois entzündet ein Bündel Räucherstäbchen, um die Geister der Vorfahren an diesem Ort zu versammeln, er segnet das Tätowierinstrument und beginnt, mit den langen Nadeln in die Haut seines Kunden zu stechen.

Seit über tausend Jahren ist die überlieferte Kunst des Sak Yan ein wesentlicher Teil des religiösen Lebens in Thailand, Bestandteil einer Glaubensvorstellung, die sich aus Theravada-Buddhismuns, Hinduismus, Animismus und Verehrung der Vorfahren zusammensetzt. Sak Yan entwickelte sich zu einer auf den Körper geschriebenen magischen Schrift, die ihre Anhänger (Luksit) durch eine Welt begleitet, die von Feinden, Göttern, Geistern und dem Tod bedroht ist. Ausgeführt von heiligen Mönchen und Laien-Tätowierern, verleiht die Kunst des Sak Yan ihren Trägern nicht nur Schutz vor Schaden. In ihr liegt auch die Kraft, Einfluss auf das Verhalten Dritter zu nehmen, die Verstorbenen sicher ins Totenreich zu bringen oder ganz profan ihrem Träger Glück.

Manche der Gläubigen lassen sich eine regelrechte »Rüstung« aus magischen Zeichen und Symbolen stechen.

Der lange Weg zum Tätowiermeister

Die Tätowiermeister (Khru Sak oder Ajarn genannt) lernen die Kunst in einer langen Ausbildung unter der Aufsicht eines erfahrenen Khru Sak. Wenn der Lehrling nach vielen Jahren des Studiums das Wissen um die Magie des Sak Yan aufgenommen hat, wird er mit einer Zeremonie in die entsprechende Abstammungslinie seines Sak-Yan-Tätowiermeisters aufgenommen.
Fast zehn Jahre lang hat der gebürtige Franzose Matthieu Duquenois die magisch-religiöse Kultur des Sak Yan studiert, hat die heiligen Orte besucht, wo die Rituale ausgeführt werden und hat unter zahlreichen angesehenen Tätowiermeistern gelernt. So wurde Matthieu Duquenois der zweite Europäer, dem es erlaubt ist, den Titel Ajarn zu tragen, den des Tätowiermeisters.
Ajarn Matthieus magisches Tattooabenteuer begann im Jahr 2009 mit seinem ersten Sak Yan. »Ich war damals 37 Jahre alt und befand mich in einem schwierigen Lebensabschnitt. Ich war auf der Suche nach etwas Spirituellem, um mich weiterzuentwickeln. Ich hab zahlreiche Tätowiermeister in ganz Thailand besucht und an vielen magischen Ritualen teilgenommen. Schließlich hatten mich fünfundzwanzig der circa zweihundert in Thailand lebenden Ajarn tätowiert und Sak Yan wurde meine Leidenschaft, meine Obsession.«

Sak Yan sind nach unseren westlichen Maßstäben nicht besonders kunstvoll, dennoch haben sie eine unbestreitbare Ästhetik.

Jenseits aller Logik

Es sind intime Szenen, die Matthieu in dieser Zeit mit seinem Fotoapparat eingefangen hat, sie gewähren Einblicke in die Vielfalt des spirituellen Glaubens: Angefangen von den heiligen Tätowierbereichen der Ajarns und der buddhistischen Tempel bis hin zu den blutigen, frisch gesegneten Sak Yan der Gläubigen. Die Bilder sind Zeugnis des übersinnlichen und die Logik des Verstandes ignorierenden Glaubens.

»Ich wurde in vielen Schritten zum Ajarn«, erklärt Matthieu. »Zuerst taten ich und meine Frau Rung uns mit drei weiteren Thais zusammen und wir wurden Studenten des bekannten Tätowiermeisters Luang Pi Man. Wir haben an der Yoke-Pan-Khru-Zeremonie teilgenommen und Opfergaben an den Tätowiermeister dargebracht, der uns als Schüler aufnahm und uns die Khom-Schrift lehrte, also die heilige Schrift, in der die sakralen Texte des Sak Yan geschrieben werden. Auch lernten wir die technischen Grundlagen des Tätowierens. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch gar nicht darüber nach, selbst Sak Yan zu tätowieren. Aber bereits am zweiten Tag der Schulung übertrug mir mein Lehrmeister die Aufgabe, einen Hanuman auf einen der Gläubigen zu tätowieren.«

Bilder, Schrift und ornamentale Symbole verbinden sich zu Tätowierungen mit Zauberkräften.

»In jedem Jahr meiner Ausbildung nahm ich an einem Wai Khru teil, auf dem ich dem Meister Ajarn Thong in einer traditionellen Zeremonie meinen Respekt zeigte. Ajarn Thong ist einer der angesehensten Tätowiermeister in Thailand, er hatte mich einige Jahre zuvor bereits tätowiert. Während der Wai-Khru-Zeremonie kommen die Gläubigen, um die Kraft ihrer Sak Yan erneuern zu lassen. Thong erfuhr dort, dass ich angefangen hatte, die heilige Kunst des Sak Yan zu erlernen. Anstatt wie üblich meine Tätowierung abermals zu segnen, ehrte er mich mit einem sogenannten Krop Khem, was bedeutet, dass er mir den Titel eines Tätowiermeisters verlieh. Er schenkte mir ein Tätowierinstrument und ein Buch (Tamla Yan) mit Sak-Yan-Designs und geheimen Beschwörungsformeln, die er bereits von seinem Lehrer bekommen hatte.  Ajarn Thong erwies mir diese Ehre, weil er etwas in mir spürte. Er sagte mir noch, dass ich jetzt in seine Fußstapfen trete und ein vollwertiger Tätowiermeister sei. Im gleichen Jahr wurde ich buddhistischer Mönch, um mich zu reinigen und auf das, was kommen würde, vorzubereiten.

Mystisches Wissen

Sak Yan sind meist pointilinear, also aus Punkten aufgebaut. Einige thailändische Mönche arbeiten hingegen so präzise, dass ihre Tätowierungen aussehen, als wäre sie mit der Maschine gestochen, ihr Linework ist nahezu perfekt. Aber diese technische Seite der Sak-Yan-Tätowierungen ist nur ein Aspekt. »Für einen Ausländern ist das Stechen eines Sak Yan aus vielerlei Gründen eine Herausforderung. Viele denken, dass es einfach sei, ein Sak Yan zu stechen, weil sie Mönche gesehen haben, die Vorlagen benutzten.

Die Bedeutungen der vielen Götter, Dämonen und Fabelwesen muss ein Ajarn natürlich kennen!

Aber die Bedeutung einer solchen Tätowierung setzt sich aus vielen, sehr komplexen Faktoren zusammen. Zuerst muss der Tätowiermeister aus einer Linie von Meistern stammen, und je kraftvoller diese Herkunft ist, umso stärker ist auch die Wirkung der Tätowierung. Wir Tätowierer müssen bestimmte Verhaltensregeln einhalten, sowohl die Abstammungslinie respektieren als auch buddhistische Lehren. Das Schwierigste ist die Lehrzeit, in der man die Schriften in unterschiedlichen alten Sprachen wie Khom, Paili, Tai Yai, Môn und Burmesisch lernen muss. Nicht zu vergessen die zahllosen Mantras, also die im Buddhismus und Hinduismus verwendeten magischen Formeln. Wir singen diese Mantras, um die Geister unserer verstorbenen Meister herbeizurufen und ihnen unseren Respekt zu zeigen, damit sie den Körper des Gläubigen segnen, bevor wir mit dem Tätowieren beginnen. Auch während der Arbeit singen wir Mantras, die jeweils spezifisch für ein bestimmtes Design, eine Linie oder Schrift gewählt werden. Das ist ein sehr komplizierter Prozess, das Wissen darum wird unter den Tätowiermeistern geheim gehalten und variiert, je nachdem, aus welcher Abstammungslinie man kommt. Und wenn das Tattoo gestochen ist, gibt es wieder andere Mantras und Formeln, die die darin liegende Kraft erwecken. Der Lernprozess ist für meine Frau und mich noch lange nicht abgeschlossen, das wird noch Jahre dauern.«

Bewahrer der Tradition

Seit Jahrhunderten haben Ajarns die menschliche Haut mit kraftvollen Tierdarstellungen (Tiger, Tausendfüßler, Schildkröten und Löwen), mit Göttern (Garuda, Ganesh, Hanuman usw.), weisen Eremiten (Ruesi) und heiligen Symbolen tätowiert, um den Menschen ein langes Leben und Unverwundbarkeit zu geben. Auf der Grundlage des Wissens über Astronomie, heilige Geometrie und die heiligen Texte sticht der Khru Sak die langen Tätowiernadeln in die Haut und schöpft aus einer Vielzahl von Bildern, die zum einen den Schutz heraufbeschwören sollen als auch die persönliche Hingabe ihrer Anhänger zum Übernatürlichen bestätigen.   

Inzwischen lassen sich auch viele Besucher aus dem Westen die magischen Zeichen stechen.

Sak Yan sind keine Kunstform

Nach Aussage von Duquenois ist diese Tradition am Schwinden. »Auf der einen Seite sind Sak Yan enorm populär und werden auf die Schnelle mit der Maschine gestochen. Aber die ursprünglichen, magischen Thai-Tätowierungen, die nach traditionellen Ritualen ausgeführt werden, gibt es immer weniger und sie verschwinden mit dem Tot der alten Meister, die ihr Wissen mit sich nehmen. Es gibt zwar einige junge Tätowierer, aber nur ganz wenige unter ihnen verschreiben sich vollkommen der Tradition. Ich nenne diese Leute ganz bewusst Tätowierer, während meine Frau und ich uns nicht als Tätowierer ansehen. Für uns ist das Tätowier- ritual nur das Medium, mit dem wir die magische Wirkung in den Körper des Gläubigen einträufeln. Unser Credo ist es, den Menschen zuzuhören, um ihre Bedürfnisse, ihre Sorgen und ihren Kummer zu erkennen; so können wir ihre Gemütslage mit einem ausgleichend wirkenden Yanra oder Mantra wieder ins Gleichgewicht bringen. Aus unserer Sicht sollen die Sak Yan den Gläubigen helfen, ihre Ziele durch die Kraft ihrer Tätowierungen zu erreichen. Sak Yan führt sie auf Wege, die sie nicht erwartet haben.
 Von den animistischen Wurzeln der Sak Yan fühle ich mich sehr angezogen und ich spüre eine tiefe, alte Kraft in diesen Tätowierungen. Aus diesem Grund sind sie für mich auch keine Kunstform.«

Wissen bewahren

Um diesen Geist der Sak Yan am Leben zu erhalten, haben Ajarn Matthieu und seine Frau das erste Tattoomuseum in ihrer thailändischen Heimatstadt Hua Hin gegründet. Ihr Ziel ist es, die kulturelle Vielfalt und das religiöse Vermächtnis der heiligen Tätowierungen für zukünftige Generationen von Schüler und Anhängern zu bewahren.
»Das Museumsprojekt ist wichtig, da die Geräte und alle anderen Gegenstände, die mit Sak Yan im Zusammenhang stehen, langsam verschwinden. Wir sammeln sowohl Artefakte aus Thailand als auch aus Burma, Laos und Kambodscha, denn die dort praktizierten Tätowiertraditionen teilen die gleichen Wurzeln. Zum Ende des Jahres werden wir um die 600 bis 700 unterschiedliche Objekte haben. Gewichte aus Bronze, unterschiedliche Nadeln, hölzerne Stempelvorlagen, Farbtöpfe, magische Stoffe, Bücher mit Beschwörungsformeln und vieles andere. Im vergangenen Jahr haben wir achtzig Prozent des für die Sak-Yan-Tätowierungen gespendeten Geldes für Ankäufe verwendet, um so viel wie möglich dieser aussterbenden Tradition zu erhalten und bewahren«.


Weiterführende Literatur
Joe Cummings (2012)
Sacred Tattoos of Thailand: Exploring the Magic, Masters and Mystery of Sak Yan. Singapore: Marshall Cavendish.

· Lars Krutak (2012)
Magical Tattoos and Scarification: Spiritual Skin. Aschaffenburg: Edition Reuss.

· Tomasz Madej (2014)
Sak Yan: The Magic of Thai Tattoo. Warsaw: Asia and Pacific Museum.


Samnak Sak Yan Ajarn Matt
1334/296 Baan Ploen Puksa
Wang Phong - Pranburi
Prachuap Khiri Khan, 77120 Thailand

E-Mail: matthieuduquenois@ymail.com
facebook.com/Ajarn.Matthieu
www facebook.com/huahinsakyan
 
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