Tätowiermeister Horitoku - Bewahrer der alten Tradition

22.02.2008  |  Text: Maki, Übersetzung: Heiko Krämer  |   Bilder: Geoff Johnson
Tätowiermeister Horitoku - Bewahrer der alten Tradition
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Sie machen keine Reklame, sind nicht im Telefonbuch eingetragen und Aufträge werden ausschließlich auf Empfehlung angenommen - es kann eine schwierige Aufgabe sein, einen traditionell arbeitenden japanischen Tätowierer ausfindig zu machen.
Sie machen keine Reklame, sind nicht im Telefonbuch eingetragen und Aufträge werden ausschließlich auf Empfehlung angenommen – es kann eine schwierige Aufgabe sein, einen traditionell arbeitenden japanischen Tätowierer ausfindig zu machen.

japanischer Tätowiermeister Horitoku
Nur noch wenige japanische Tätowiermeister arbeiten noch komplett von Hand.


Horitoku, ein Großmeister mit über 35 Jahren Tattoo-Erfahrung und dem Ruf nach einer der besten Tätowierer Japans
, ist das perfekte Beispiel. Mehr als zehn Jahre waren seit meinem letzten Zusammentreffen mit Horitoku vergangen. Nach dem Verlust seiner Kontaktdaten gelang es mir nach Jahren letztendlich per Telefon erst vor kurzem wieder mit dem tadellos freundlichen Sensei (Lehrer, Meister) Kontakt aufzunehmen. Horitokus Studio befindet sich in einer unspektakulären Wohnung über einem Bento-Shop (eine japanische Imbissbude), in dem Viertel von Tokyo, das früher für Geisha-Häuser und Trinkhöhlen bekannt war, heute aber nur ein gewöhnlicher, von Hotels und Wolkenkratzern eingerahmter Block ist. Als ich durch die Tür trete, erblicke ich einen Mann Anfang 30, der auf einer Tatami-Matte liegt, während Horitoku-san in traditionelle Arbeitskleidung gewandet, in rascher Folge an einem Stab befestigte Nadeln in die Haut des Kunden stößt. Stufenförmig wirbeln Wellen über den Brustkasten des Mannes, aus denen sich ein phantastischer weißer Drache erhebt. Während er weiter an seinem Kunde arbeitet, erzählt uns Horitoku: »Ich mag Drachen. Sie entstammen einzig der Vorstellungskraft, was bedeutet, dass ihre Entwicklung ein immer währender Prozess ist, der kein Ende hat. Aber der Punkt, dem bei einer japanischen Tätowierung eine wichtigere Rolle zufällt als dem eigentlichen Motiv ist der Hintergrund. Er trägt in sich Bedeutung und gestaltet oft den Ausdruck des Tattoos.«

Tebori – Tätowieren von Hand
Das Tätowieren von Hand ist sehr zeitaufwändig, schmerzt aber trotz der brutal anmutenden Prozedur weniger als das Stechen mit der Tattoo-Maschine.


Sieht man einen kompletten, in die Haut gestochenen japanischen Body-Suit, ist der Effekt atemberaubend.
Wohl proportionierte Motive, makellose Details, komplexe Designs, perfekt mit den Linien des Körpers in Einklang gebracht – einfach machtvoll und majestätisch. Horitoku arbeitet noch immer nach der traditionellen Tebori (wörtl.: Hand-Stich) Methode, obwohl er gelegentlich die Outlines mit einer Maschine sticht, weil es wesentlich schneller geht. Er hat sich das Tätowieren selbst erarbeitet, mit ersten »Spielereien« startete er während der Mittelschule. Anfangs hat er sich die Nadeln mit Klebeband an den Stäben befestigt. Mittlerweile arbeitet er mit Teakholz-Stäben, an denen er mit einem Superkleber Nadeln befestigt, die mit einer bestimmten Schärfe speziell für ihn in einer Nadelfabrik gefertigt werden.

Koi Tattoo – Yakuza Style
Der Kampf des Buben Kintaro mit dem Monsterkarpfen steht symbolisch für den Übergang vom Kind zum Mann.


Horitoku, der für seine weißen Drachen berühmt ist, sagt: »Es gibt einige Farben, wie beispielsweise dieses kräftige Weiß, die man mit einer Maschine einfach nicht so hinbekommt. Mit Tebori halten die Farben besser. Das Schwarz wirkt bläulich, du musst es sehr tief einbringen, um dieses Blau-Schwarz zu erhalten. Tebori ist eine alte japanische Tradition ... es ist die Faszination der Tinte.«
Wir verabreden uns mit Horitoku für ein Interview in einem Café. Er erscheint traditionell gekleidet und mit perfekt gestylter Frisur, die aus einem Film der Showa-Ära1 stammen könnte. Während er mit dem Strohhalm in seinem Eiskaffee rührt erzählt er uns: »So weit ich weiß, gibt es in ganz Tokyo nur drei Tätowierer die sich auf Tebori spezialisiert haben. Wenn man einer »Familie« wie dieser angehört, verpflichtet man sich dem Schutz einer japanischen Tradition, die seit der Edo-Zeit2 besteht.«

japanischer Bodysuit
Oft dauert es Jahre, bis ein komplettes Ganzkörper-Tattoo fertig ist.


»Japanische Tätowierungen sind mehr die Arbeiten eines Handwerkers, als die eines Künstlers. Wenn man einen eigenen Zeichenstil hat, muss man diesen zurückstellen. Man muss die Illustrationen der Edo-Zeit studieren, andernfalls wird man nie traditionell japanisch tätowieren.« »Am Anfang ließ ich mich von den Werken Kuniyoshis inspirieren. Sie sind klar und man findet leicht den Einstieg. Schließlich befasste ich mich mit Hokusai. Ich sehe ihn als meinen Lehrer. Es ist unheimlich schwierig Stile wie Hokusais Ukiyo-e Illustrationen in Horimono3 zu konvertieren, da man dazu wirklich fähig sein muss das Bild in seine Bestandteile zu zerlegen. Seine Technik entwickelte Hokusai so, dass kein Künstler seiner Zeit in der Lage sein sollte sie zu kopieren. Man braucht ein äußerst feinsinniges Verständnis japanischer Kunst und Philosophie, um eine Tätowierung nah am Original zu schaffen. Es ist wichtig Festivals wie Sanja4 zu besuchen und sich live Kabuki oder Sumo anzuschauen. Außerdem hilft es jemandem der authentische japanische Kunst replizieren möchte, sich Bücher zum Thema in Gegenden wie Kanda5 zu kaufen und in Bibliotheken kulturelles Wissen zu sammeln.

1 Showa-Ära: »Zeit des erleuchteten Friedens«, Regierungszeit des Kaisers Hirohito von 1926 bis 1989. In Japan werden Jahreszahlen traditionell nach den Jahren in der Regierungszeit des jeweiligen Kaisers angegeben, momentan haben wir das Jahr Heisei (»Umfassender Frieden«) 20, also das 20. Regierungsjahr des Kaisers Akihito. Die Regierungsdevisen wie »erleuchteter Frieden« ergeben sich aus astrologischen Berechnungen wie auch konfuzianischen Idealen und haben wenig mit der politischen Realität zu tun. In der »Zeit des erleuchteten Friedens« beging Japan in China und Korea die schlimmsten Kriegsgräuel seiner Geschichte ...

2 Die Edo-Zeit umfasst die Zeit von 1603 bis 1868. Der Beginn markiert den Umzug der Regierung nach Edo (dem heutigen Tokyo). Die Edo-Zeit, in der Japan von einer Militärdiktatur, dem Tokugawa-Shogunat regiert wurde, endet 1868 mit der de facto Wiedereinsetzung des Kaisers als Staatsoberhaupt. Die Edo-Zeit war eine Periode ohne kriegerische Auseinandersetzungen in der sich verschiedenste Kunstformen herausbilden und entwickeln konnten.

3 Horimono bezeichnet künstlerische Tätowierungen im klassischen Stil, im Gegensatz zu Irezumi, den Straftätowierungen. Heute werden beide Begriffe oft gleichbedeutend verwendet, wobei »Irezumi« immer noch eine leicht abschätzige Nuance beinhaltet.

4 Das Sanja-Festival ist eines der berühmtesten traditionellen Feste in Japan, bei dem Männer lediglich in Lendenschürzen (und manchmal noch in kurzärmeligen Kitteln) buddhistische Trage-Altare durch die Straßen schleppen. Besonders beim Sanja-Festival sieht man viele Tätowierte unter den Altar-Trägern und kann bei dieser Gelegenheit die Stile verschiedenster Tätowiermeister vergleichen, da diese ihre Arbeiten stets signieren.

Fußnoten von Dirk-Boris
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