Tätowieren jetzt im gemeinsamen Studio: Alex Wild und Christian Otto

19.05.2017  |  Text: Fabienne Anthes  |   Bilder: Tattoofotos: Otto, Wild PorträtFotos: Martina Wörz
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Tätowieren jetzt im gemeinsamen Studio: Alex Wild und Christian Otto
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Der Stuttgarter Alex Wild und der Wahl-Mallorquiner Christian Otto zählen zweifelsohne zu den renommiertesten und besten deutschen Traditionalisten. Und obwohl sie die Grundregeln des traditionellen Tätowierens sehr ernst nehmen, empfehlen sie, das Tattoobusiness lieber locker zu nehmen. Folgerichtig fusionieren sie unter dem Studionamen »Take it Easy».
Alex Wild und Christian Otto erwarten mich im Stuttgarter Bohnenviertel mitten im Rotlichtmilieu, das am hellichten Tag noch altbackener und surrealer wirkt als bei Nacht. Für unser Interview und Fotoshooting haben sie sich das »Paul & George« ausgesucht, eine angesagte Cocktailbar, die ein Freund von Alex uns am Mittag freundlicherweise ein paar Stunden zur Verfügung stellt. Die Räumlichkeit ist passend gewählt: Stilvoll, aber schlicht eingerichtet, entfaltet das »Paul & George« dank naturbelassener alter Backsteinmauern einen authentischen Charme. Und dank der beeindruckend überbordenden Bar wird kein Zweifel daran gelassen, worauf hier der Fokus liegt: Cocktails und Longdrinks, egal welch noch so ausgefallene Wünsche man hat. Inmitten des noch leeren Gastraumes nehmen wir auf Thonet-Stühlen Platz und wissen gleichermaßen, worauf bei unserem Gespräch der Fokus liegen wird: Western Traditionals.

Doch erst kurz zu den beiden Tätowierern selbst. Alex Wild kommt aus Leonberg und wuchs in Stuttgart in einer stark künstlerisch geprägten Familie auf. Alex’ Opa war Schriftsteller, sein Onkel ist Künstler und seine Mutter Förderschullehrerin und Pianistin, weswegen er neben Hip-Hop und allerlei anderen Musikstilen auch immer noch gerne Klavierkonzerte hört, teilweise auch beim Tätowieren. Alex tätowiert seit neun Jahren und hat sich mittlerweile in der deutschen und internationalen Tattooszene einen Namen gemacht. Sein Weg führte über eine Jugend als Sprayer und Jobs als Verkäufer in einem Streetwear-Klamottenladen und Barkeeper zu Luke Atkinson ins Stuttgarter »Checker Demon», wo er ein Jahr zum Inventar gehörte und viel dazulernte. Danach war Alex vier Jahre on the road und tätowierte überall in Deutschland, bis er vom ständigen Unterwegssein völlig erschöpft war und sich erstmal drei Jahre bei »No Pain No Gain« in Ulm niederließ. Inzwischen ist Alex wieder zurück in Stuttgart im Kreis von Familie und Freunden und natürlich bei Frau und Hund. 2015 eröffnete er ein kleines Privatstudio, dem nun große Wandlungen bevorstehen.  



Tattoostudio auf Mallorca

Christian hingegen kommt aus Heilbronn, ging als Teenager nach Amerika, um Basketball zu spielen, musste jedoch leider die lockende Profikarriere verletzungsbedingt an den Nagel hängen. Zurück in Deutschland studierte er wie er heute sagt »aus der Not geboren Grafikdesign«, da neben dem Sport einzig Zeichnen seine Leidenschaft war, und Grafikdesign Ende der 90er Jahre der einzige Kreativberuf war, der ein solides Einkommen zu versprechen schien. Christian fällt daher eher unfreiwillig in die Kategorie »vom Grafikdesigner zum Tätowierer«. Vor dreizehn Jahren wechselte Christian dann zusammen mit der Firma seines Vaters nach Mallorca, wo er seit 2009 in Palma de Mallorca im Studio »Old Town Tattoos« arbeitet. Die Idee, selbst mit dem Tätowieren anzufangen, kam ihm übrigens nicht selbst, sondern von seinem damaligen Tätowierer, dem Black-and-Grey-Spezialisten Xavi García Boix, bei dem er sich damals in Valencia tätowieren ließ und bei dem er dann auch in die Lehre ging. Christian rutschte also später auf Umwegen in den Beruf hinein, obwohl er schon seit seiner Jugend ein Faible für Tattoos hatte und sich bereits ab dem achtzehnten Lebensjahr tätowieren ließ. »Es ist ja klar, dass man sich in die Richtung orientiert, in der man eingelernt wird«, erzählt Christian über seine Anfangstage. »Ich habe also mit Black-and-Grey angefangen, aber schnell gemerkt, dass die Bildsprache des Traditional mein Ding ist. Ich habe dann die Arbeiten von Sailor Jerry zu studiert, um zu sehen, wie das alles funktioniert. Es ist wichtig, authentisch zu sein, und das zu machen, was dir gefällt und dich als Person wiedergibt. In meinem Fall war das ganz klar Traditional.«

Christian und Alex sind also völlig verschiedene Wege gegangen, aber zweifelsohne nun am gleichen Punkt angekommen. Und obwohl sie von ihren Charakteren und ihren Biografien völlig unterschiedlich sind, haben sie ein klares gemeinsames Verständnis von dem, was sie wollen, und ziehen das einfach durch. »Entweder man macht etwas einhundertzehnprozentig oder gar nicht, und so sind wir beide. Wir sind beide extrem, bei uns gibt es keine Mittelwege«, sagt Alex. Und so wie die Tätowierer im Gespräch zusammen auftreten, merkt man gleich: Das sind richtige Freunde und optimale Kollegen, verbunden durch Respekt vor der alten Schule und einen krassen professionellen Eigenanspruch.
Nun zu den Tätowierungen. Es wird sofort klar: Hier sitzen zwei, die fürs Tätowieren brennen, den Respekt vor der Tradition und der alten Schule leben und vor allem unglaublich viel Wissen angesammelt haben.



Aus Alex sprudelt es nur noch so heraus: »Im Traditional-Bereich kann ich dem Kunden ein sehr hohes Level bieten, weil ich mich da jahrelang eingearbeitet habe. Und ich kann alles ganz genau erklären, denn die Grundregeln im Traditionalbereich sind alle klar nachvollziehbar. Alles, was man dazu wissen muss, steht in unzähligen Büchern geschrieben wie zum Beispiel bei Spaulding und Rogers. Und die sollte man auch lesen, denn alles ist ganz einfach aufgeschlüsselt. Dort wird zum Beispiel erklärt, ab wann ein Shading ein Dead Shading ist, welches Liniengerüst sloppy ist und welches nicht, welches Verhältnis von Farbanteil zu Licht und zu Linie funktioniert. Der Anfang eines Studiums, also eines akademischen Studiums, ist ja immer, sich mit den Grundpfeilern zu beschäftigen, mit dem, worauf das Fach an sich basiert.« Christian wirft unterstützend ein: »Dieses Basiswissen bildet die Grundlage von allem, was du danach machst. Ich finde das sehr wichtig. Ich glaube, bei vielen Tätowierern scheitert es an der Bildung und dann sind Tattoos leider schlecht platziert, sehen nicht gut aus oder könnten einfach besser sein.

Früher war das Tätowieren noch viel mehr ein Rockergeschäft, da waren keine Studierten oder Künstler am Start. Heute ist der Markt sehr überlaufen und viele Leute denken, wenn sie zeichnen können, können sie auch tätowieren. Das ist nicht so. Du kannst dir natürlich ’ne Maschine bestellen, die bereits eingestellt bei dir ankommt, kannst diese aus der Schachtel nehmen und loslegen. Das Wissen um das, was du da machst, scheint da oft zweitrangig. Das ist halt die aktuelle Generation, die das alles ein bisschen unter den Teppich kehrt und einfach keine Muse hat, sich damit zu beschäftigen und tiefer zu gehen. Aber da trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Egal welchen Stil du tätowierst, du musst dir des Backgrounds bewusst sein. Das ist wie bei der Musik: Auch hier hat jede aktuelle Strömung ja einen Ursprung und wenn man den kennt, kann man ganz anders arbeiten.«

In einem älteren Interview haben Alex und Christian erklärt, dass ihrer Meinung nach der Träger das Tattoo zu dem macht, was es ist – und nicht anders herum. Das sehen ja aber nicht alle Tätowierer so. Christian rekapituliert: »Natürlich bilden sich innerhalb der Tattooszene auch verschiedene Gruppierungen. Heute gibt es viele Tätowierer, die es genießen, ein gewisses Image zu pflegen und ihre eigene künstlerische Selbstverwirklichung voranzutreiben. Dabei entsteht nicht unbedingt ein Tattoo im Dienst des Kunden (Haltbarkeit, vorteilhafte Positionierung etc., Anm. d. Red.). Und so hat man einerseits Tätowierer, die eher eine Egoschiene fahren und Kunden bedienen, die sich durch die Tätowierung erst definieren, und andererseits Kunden, die eine Tätowierung wählen, um ihren Charakter nach außen zu tragen und zu unterstreichen. Die brauchen einen Tätowierer, der erkennt, was zum Kunden passt und das umsetzen kann.«

Gemeinsames Tattoobusiness in Stuttgart

Und wo soll die Reise stilistisch hingehen? Alex schätzt bei der Kunst wie bei den Tattoos das Rohe und Echte, neuere Arbeiten lassen erkennen, dass der Stuttgarter sich in der Kunstgeschichte zu Hause fühlt, Künstler wie Dix und Grosz schätzt. Elemente des späten Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit werden erkennbar. Ansonsten öffnen sich beide zunehmend Motiven, die nur formal dem Western Traditional entsprechen, inhaltlich aber die Einflüsse von Mode und aktueller (Pop-)Kultur beinhalten und übertragen so den modernen Zeitgeist in traditionelle Tattooästhetik. »Die Motivklassiker sind natürlich zeitlos, denn sie wurden über die Jahre so perfekt optimiert, dass es für jede Körperstelle etliche passende Varianten gibt. Aber leider fehlt der heutige Zeitgeist im Traditional, denn wer ist denn eigentlich zum Beispiel noch Seemann? Deswegen müssen wir neue Inhalte einbringen! Das Tattoo soll den Träger widerspiegeln, also warum nicht mal einen Motocrossfahrer im Traditional-Style? Das geht genauso. Es muss nur jemand die Grenzen sprengen. Wir haben neulich gesehen, dass ein koreanischer Tätowierer ein Michel-Jordan-Porträt als Traditional gestochen hat – das fanden wir großartig.«



Immer wieder fällt das Wort »Austausch« und das unterstreicht nicht nur den Fluss an Wissen und Erfahrung, in dem die beiden sich gezielt bewegen, sondern auch ihr Selbstverständnis, sich immer weiterentwickeln und besser werden zu wollen. Und das im nächsten Schritt im gemeinsamen Studio. Alex erklärt: »Unser Ziel ist ja zu wachsen und das nächste Level zu erreichen. Wir wollen in diesem Beruf immer noch besser werden und uns die nächsten Jahrzehnte konstant steigern. Und am wichtigsten: Wir wollen uns den Spaß an diesem Beruf erhalten. Im Alleingang funktioniert das nicht.« Christian wirft ein: »Es funktioniert vielleicht schon, aber wenn, dann wäre es ein deutlich verlangsamter Prozess. Wenn du jemanden hast, mit dem du dich austauschen kannst und der ein ähnliches Verständnis der Materie hat, dann bringst du dich gegenseitig voran. Alex sieht oft etwas, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht sehe – und umgekehrt. Und zack, dann bist du bereits einen Schritt weiter! Alleine hättest du wesentlich länger gebraucht oder wärst gar nicht so weit gekommen.« Alex schwärmt: »Wir meinen das ernst, da wird sich richtig gegenseitig reingequatscht! Da sagt man auch mal, dass etwas kacke ist, und das ist okay, denn wir verstehen uns und nur das hilft uns, uns weiterzuentwickeln. Und so macht das Arbeiten Spaß. Ich hab jetzt die letzten eineinhalb Jahre abgesehen von Guest Spots alleine gearbeitet und hab gemerkt, dass zu viel Zeit alleine nicht gut tut. Seit dem ersten Januar habe ich nun einen Azubi und zudem regelmäßig Gäste da, so hat der Wandel des Ladens begonnen. Ich mag einfach keine One-man-Show mehr und deshalb wird es nach vielen Gesprächen nun endlich Zeit für den gemeinsamen Laden.«

»Take it easy!«

Alles klar, da bleibt ja nun nur noch eine Frage: Wie soll das gemeinsame Baby denn heißen? Beide lachen und Alex freut sich: »Der Name ist uns schon lange klar. Wir waren mal zusammen hier im Wald spazieren und auf dem Parkplatz stand ein alter handbemalter Hippie-VW-Bus, auf dem ›Take it easy‹ stand. Wir haben uns angeschaut und gleichzeitig dasselbe gedacht: So muss das Studio heißen. Ich meine, worum geht’s beim Tätowieren? Da wird so viel reininterpretiert, man trifft eine endgültige Entscheidung, nimmt Schmerzen auf sich, durchläuft einen Prozess – all dem kann man nur eins entgegensetzten: ›Mach dich locker, take it easy!‹«


Take it Easy
Christian Otto und Alex Wild
Gutenbergstraße 53a
70176 Stuttgart
FB: takeiteasytattoos
www.christianotto.com
www.alexwildtattoo.de
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Stand:18 November 2017 05:42:52/t%C3%A4towierer/taetowieren+jetzt+im+gemeinsamen+studio+alex+wild+und+christian+otto_175.html