Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K.

28.12.2015  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Sissi got Inked
Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K. Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K.
Storytelling mit der Nadel – Tätowiererin Konstanze K.
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Konstanze K. betreibt das Wiener Tattoostudio »Sissi Got Inked«. Mit ihren sauberen Tätowierungen aus Elementen der Natur, des Barock und des Jugendstils will sie die Geschichten ihrer Kunden erzählen. Ihr Erfolgsrezept: »Ich höre gern zu.«
Konstanze, du bist gelernte Garten- und Landschaftsplanerin, hattest ein Wirtschaftsstudium begonnen. Aber mit gerade 26 Jahren führst du nun schon seit drei Jahren dein eigenes Tattoostudio, bist weit im Voraus ausgebucht. Welch ein Lebenslauf!
Stimmt! Ich habe nie damit gerechnet, dass ich Tätowiererin werde, aber mein bester Freund Tommy Crow hat mich auf die Idee gebracht. Er hat gesehen, dass ich unglücklich war im Wirtschaftsstudium und mich aufs Zeichnen gestürzt habe. Es gab eine Situation in seinem Wohnzimmer. Alle haben dagesessen und gelernt, nur ich habe eben gezeichnet. Und dann hat er gesagt: Du musst was daraus machen, ich halte es nicht aus, dich so zu sehen. Ich solle doch tätowieren. In dem Moment ging bei mir das Licht an.

Du warst im Studium wirklich so unglücklich?
Wirtschaft ist halt ein Studium, mit dem du dich eines Tages selbstständig machen kannst. Das hat auch geholfen. Das, was ich brauchte, habe ich gelernt, mehr brauchte ich nicht. Und habe abgebrochen.

Die heimische Flora und Fauna stellt für Konstanze eine große Inspirationsquelle dar. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.

Dann hast du dir eine Maschine gekauft und losgelegt?
Nein. Dann habe ich über ein halbes Jahr erstmal das Internet durchforstet und Bücher gewälzt. Das TätowierMagazin lese ich auch seit damals. Ich habe Informationen über das Tätowieren gesucht. Ich bin einfach ein Streber. Und ein Monk. Als ich einen Überblick über die Geschichte des Tätowierens und die Theorie der Techniken hatte, wurde die Idee dann zum konkreten Vorhaben. Es hat aber auch immer wieder Menschen in meiner Umgebung gebraucht, die mir gesagt haben, dass sie an mich glauben. Ich habe dann noch mehr gelernt, auch über Hygiene, weil ich der Meinung bin, dass man ja doch eine riesige Verantwortung hat. Aber das Lernen an sich hat mir sehr viel Spaß gemacht. Zu erfahren, dass das Thema so tiefgreifend ist.

Warum war es dir wichtig, dir neben handwerklicher Theorie auch Wissen über die Geschichte des Tattoos anzueignen?
Weil ich etwas machen wollte, was ein echter, ehrlicher Beruf ist. Was tiefere Wurzeln hat, wo man für einen Menschen arbeitet und ihm nicht etwas andrehen muss. Weil der Mensch von selbst zu einem kommt, es ihm ein Grundbedürfnis ist, sich tätowieren zu lassen. So war das immer schon. Das ist so ein Mysterium.

Die heimische Flora und Fauna stellt für Konstanze eine große Inspirationsquelle dar. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.

Wie ging es weiter?
Ich habe einen Tätowierer getroffen und der hat mir geraten, einfach mal anzufangen. Ich hatte Angst, wollte nicht einfach auf jemandem loslegen. Aber er sagte: Anders lernst du es nicht. Dann hat sich mein Freund Asif, mit dem ich inzwischen mehr als sieben Jahre zusammen bin, bereitgestellt. Ihm habe ich das Logo der Band »Crevasse«, in der er Gitarre und Schlagzeug spielt, gestochen. Inzwischen habe ich es aber ausgebessert (lacht). Die Band hat mich überhaupt immer sehr inspiriert, weil sie einfach an das glaubt, was sie macht, und sich gegen alle Widerstände durchgeboxt hat. Ich habe dann genau so immer weiter geübt, erst einmal an Freunden. Und mir immer weiter Wissen angeeignet. 2010 habe ich mich dann auf den Weg zu Studios gemacht und gefragt, ob es dort Platz für mich gebe. Interessanterweise habe ich dann auch recht schnell etwas gefunden und ich glaube, dass es gut war, nicht nur mit Zeichnungen aufwarten zu können, sondern auch schon tätowiert zu haben. Allerdings bin ich bei diesem ersten Studio nur kurz geblieben, weil es mir nicht ganz so entsprochen hat. Mir war das alles etwas zu cool, viele waren darum bemüht, dem Klischee zu entsprechen, und so war ich nie. Ich passte da nicht so rein.

Wohin ging es anschließend?
Im zweiten Studio, bei Wolf’s Tattoo in Wien-West, war es dann ganz anders. Wolf hat mich so genommen, wie ich war, zum Beispiel nicht so stark tätowiert. Ich hatte einen kleinen Skorpion, war äußerlich also eher unauffällig für eine Tätowiererin. Aber er hat einfach gesagt: Die Arbeit passt, der Charakter passt, ich vertraue dir. Inzwischen habe ich zwar deutlich mehr Tattoos, weil man ja auch tolle Tätowierer kennenlernt, aber meine Grundeinstellung zum Beruf ist geblieben: Ich mache es, weil ich es gerne mache, ohne irgendeinem Klischee zu entsprechen. Ich denke, das sehen meine Kunden auch so. Den meisten von ihnen sieht man auf der Straße nicht unbedingt an, dass sie teilweise sogar sehr große Tattoos haben. Meine Kunden sind vor allem Leute, die es schön finden, tätowiert zu sein, und nicht den Zwang haben, cool sein zu müssen

Gargoyle auf dem Skateboard. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.

2012 hast du dich selbstständig gemacht.
Ja. Allerdings muss man für die Selbstständigkeit in Österreich vorher noch Prüfungen bei der Wirtschaftskammer ablegen. Als praktische Arbeit musste ich ein Tattoo anfertigen, schriftlich ging es unter anderem um Anatomie, Histologie, Virologie, Bakteriologie, Tätowiertechnik und so weiter. Und in der mündlichen Prüfung musste ich über den Studioalltag sprechen und wurde in Kompetenz und Reife getestet. Eigentlich muss man auch noch eine Unternehmerprüfung ablegen, aber die fiel wegen meiner Vorausbildung weg.

Dann ging es aber endlich los.
Mein erster Laden war ein Street Shop. Ein Jahr später bin ich dann ins heutige Atelier umgezogen und arbeite seitdem nur noch nach Termin. Das ist sehr angenehm, weil es viel weniger Trubel ist.

Der Bär bildet sich aus Streichholzrauch. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.
 
Dir ist die Ruhe wichtig?
Ja. Und ich liebe das persönliche Flair. Freitagabends bespreche ich mit meinen Kunden die Motive. Wenn die Leute von weiter herkommen, dann geht das natürlich auch über das Internet. Aber ich finde es wichtig, sich Zeit zu nehmen. Die Leute müssen nicht immer mit einer kompletten Vorstellung vom Tattoo kommen, eine Idee, ein Thema reicht schon aus. Eine Geschichte. Wir finden dann gemeinsam das Motiv. Ich glaube, die Leute kommen wirklich deshalb zu mir, weil ich gern zuhöre und mich für das interessiere, was hinter dem Tattoo steckt. Deshalb bevorzuge ich letztlich auch lange Sitzungen, so sechs oder acht Stunden. Dann kann ich mich total auf den Kunden und seine Tätowierung einlassen, mich richtig vorbereiten. Außerdem ist das Tattoo am Ende des Tages fertig und man muss nicht von Termin zu Termin warten. Das ist für alle befriedigender.

Warum »Sissi Got Inked«?
Als ich zur Geschichte des Tätowierens recherchiert und nach einem Wien-Bezug gesucht habe, habe ich eben auch über Kaiserin Elisabeth gelesen und dass sie auch tätowiert war. Die Namensgebung musste dann einfach sein. War naheliegend. Es ist für mich auch leichter, für den Namen des Studios zu werben als für mich selbst als Person. Das liegt mir nicht so, ich kann mich selbst nicht so anpreisen. Außerdem arbeite ich nicht allein, sondern mit meiner tollen Kollegin Kadaverism zusammen, was mich selbst auch noch einmal weitergebracht hat. Und echt Spaß macht. Sie hat von Anfang an einen ganz eigenen Stil gemacht und ist seit 2013 dabei.

Farbe setzt sie sparsam und sehr bewusst ein, um einzelne Motivbestandteile hervorzuheben. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.

Neben anderen Künstlern: Was inspiriert dich zu deinen Tattoos?
Geschichten. Und ich liebe die Natur, ich mag Jugendstil und Barock, allein schon, weil ich in Wien aufgewachsen bin und man ständig davon umgeben ist. Man hat sogar Natur in der Stadt: Parks und ab und zu sogar einen Fuchs, der über die Straße läuft. Ich versuche wirklich das zu machen, was der Kunde sich vorstellt, aber im Optimalfall mischt sich meine Inspiration stark hinein. Und in der Regel finde ich mich in den Arbeiten tatsächlich wieder, was früher nicht so war. Da habe ich nur geschaut, dass der Kunde glücklich wird. Mittlerweile brauche ich einfach auch etwas mehr für mich selbst. Am Ende wird dadurch das Tattoo besser.

Wie ist dein Stil?
Elemente aus der Natur, heimische Tiere und Pflanzen fließen relativ häufig mit ein. Ich mag das. Vermutlich habe ich deshalb auch zuerst die Ausbildung als Garten- und Landschaftsplanerin gemacht. Diese Arbeit und das Zeichnen und Tätowieren floraler Motive haben ja gewisse Parallelen. Man muss schauen, dass die Dinge zueinander passen. Und dass alles sauber ist.

Alice im Wunderland. Tattoo von Konstanze K., Sissi Got Inked, Wien.

»Sauber« meint handwerklich sauber? Eine saubere Ausführung?
Ja. Ich glaube, das liegt daran, dass ich ein Monk bin. Das hat mal ein Praktikant zu mir gesagt. Weil ich immer darauf schaue, dass alles passt. Weil ich ja selbst nicht damit leben könnte, wenn Fehler darin wären. Wenn ich weniger als 100 Prozent geben würde, wäre das nichts. Ganz oder gar nicht. Das heißt nicht, dass ich mich nicht noch entwickeln würde, im Gegenteil. Ich sehe meine Arbeiten als eine Art Puzzle an, das sich im Laufe der Jahre zusammenfügt. Momentan sammele ich noch an Techniken und Stilen und schaue, was mir liegt, damit das irgendwann ein Gesamtbild ergibt. Ich denke, dass sich gewisse Elemente durchsetzen werden, so dass sich eines Tages ein ganz besonderer Stil ausgeprägt haben wird.

Hast du eine Ahnung, in welche Richtung es gehen wird?
Der Stil soll auf jeden Fall stabile Linien haben, damit das Tattoo über Jahre hält. Er soll großflächig sein mit Tätowierungen, die zueinander passen. Ich denke, Jugendstil und Barock werden nach wie vor einen großen Einfluss auf meine Arbeiten haben. Und von den Motiven her weiterhin Frauen, Natur, Tiere. Generell Storytelling als Aufhänger. Jedes Tattoo soll eine Geschichte erzählen.

Kadaverism
Neben Inhaberin Konstanze arbeitet auch Kadaverism im Studio »Sissi Got Inked«. Sie tätowiert seit 2012 und hat sich auf einen Stil spezialisiert, der zwischen Grafik, Blackwork und einer gewissen Portion Realismus liegt. Auch in ihren Arbeiten finden sich viele Tier- und Naturmotive.


Sissi Got Inked
Zehetnergasse 18
A-1140 Wien

Konstanze K: +43 – (0)699 – 10 73 39 44
Kadaverism: +43 – (0)699 – 196 767 97

sissigotinked@gmail.com
www.sissigotinked.com
 
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Stand:22 November 2017 08:06:51/t%C3%A4towierer/storytelling+mit+der+nadel_1512.html