Szeneshop-Angebote
19.05.2017  |  Text: Jula Reichard   |   Bilder: Vverlan, Robin Brecht
Alle Bilder »

Schweizer Blackwork Tattoos – Tätowierer Verlan


Im Züricher Tattoostudio Gallery Verlan sind alle Farben schwarz. Raphael Bühlmann und seine Crew interpretieren Blackwork in wunderschönen Variationen. Seinen vier Residentartists, von denen Tätowierer Raphael Bühlmann zwei ausbildete, lässt er in Sachen Tattoo (fast) freie Hand.


Raphael Bühlmann tätowiert jetzt seit mehr als sechs Jahren und fand den Zugang dazu zunächst über die Theatermalerei. In dieser sehr intensiven Lehrzeit lernte Raphael jemanden kennen, der ihn in die Schweizer Tattooszene einführte und sein Interesse am Tätowierhandwerk weckte. Als er seine Ausbildung am Theater beendet hatte, begann er, bei Jacqueline Spörlé (Corazon Tattoo in Luzern) seine Tattoolehre zu absolvieren. Ein paar Jahre später eröffnete er sein erstes eigenes Studio und gründete ein gleichnamiges Modelabel. Daraus löste er sich wieder und seit rund anderthalb Jahren betreibt der 30-Jährige die Gallery Verlan. 



Es ist in der Schweiz übrigens nicht unüblich, vom Theatermalen in den Tätowierberuf zu geraten. Ob man als Theatermaler Techniken lernt, die einem als Tätowierer hilfreich sind? »Auf jeden Fall. Allen voran zeichnerisch. Man lernt in der Thea-termalerei sehr schnell, effektiv zu arbeiten und zügig von der Idee zur tatsächlichen Zeichnung zu kommen. Das sind Abläufe, die man als Tätowierer gut gebrauchen kann. Du lernst, dich nicht ewig zu verlieren, sondern schnell voranzukommen und Formen eben auch aufs Wesentliche zu reduzieren«, weiß Bühlmann. Plötzlich nicht mehr nur in der Werkstatt auf Leinwand zu arbeiten, sondern tatsächlich zu tätowieren, war extrem für Raphael: »Das war natürlich eine Herausforderung. Ich hatte das große Glück, eine klassische Tattoolehre beginnnen zu dürfen. Dort wirst du ja genau durch diesen Prozess begleitet und gehst nicht gleich am ersten Tag an die Maschine.« Dass er Blut schwitzt, so wie damals bei seinem ersten Kunden, passiert auch heute noch manchmal, ist aber selten. Diese Sicherheit kommt erst mit den Jahren und trotzdem spürt Raphael noch den Struggle, wenn er sich wirklich entfaltet: »Man spielt ja immer innerhalb seiner Grenzen und versucht, diese Schritt für Schritt so ein bisschen auszuweiten.«

Raphael und seine Crew arbeiten am liebsten mit Schwarz. Sie finden, den größten Effekt erhalten ihre Designs, wenn sie sich farblich ganz darauf konzentrieren.

Seinen Stil zu beschreiben, fällt dem Tätowierer gar nicht so leicht, die japanischen Einflüsse sind aber definitiv nicht von der Hand zu weisen. »Lustigerweise habe ich letztens einen Ausdruck gelesen, den ich bis dahin gar nicht kannte: Neo-Japanese. Ich glaube, das kommt dem, was ich momentan mache, schon am nächsten. Weil es sicherlich sehr aus dem Japanischen inspiriert ist, dort bin ich ja auch sehr oft. Was ich mache, ist wohl eine westliche und persönliche – also Bühlmann’sche – Interpretation von japanischen Designs.« Raphaels Stils ist nicht ganz klar zu kategorisieren, doch darin besteht für die Kunden wohl der Reiz, glaubt er. 
Nach Japan kam Raphael das erste Mal vor rund vier Jahren für eine Frau. Diese Liebe hat nicht gehalten, doch die Liebe zum Land blieb. Eine Sache, die er ebenso sehr liebt wie das Tätowieren und die japanische Kultur, ist Fotografie. »Japan ist dabei für mich die treuste und beste Muse. Ich kann einfach dort hinkommen und spüre sofort, wie ich mich verändere, wie sich meine Stimmung verändert und wie sich – oh Gott, das klingt jetzt wahnsinnig absurd – meine Augen weiter öffnen.«




Tattoos und Fotografie

Mit seiner Fotografie fing der Tätowierer vor 15 Jahren an, als er die ersten Frauen malte. Die Entwicklung klingt kurios: Raphael spürte bald, dass er beim klassischen Aktmalen nicht so sehr die Details herausarbeiten kann, also fing er an, die Frauen zunächst zu fotografieren und dann vom Foto zu malen. Irgendwann bekamen seine Fotografien eine eigene Qualität und er stellte fest: »Meine Bilder haben ein eigenes Existenzrecht.« 

Die Chefrolle im Studio fällt dem jungen Schweizer gar nicht so leicht. »Ich habe das Glück, ein Team zu haben, das sehr gut funktioniert, bei dem ich selten intervenieren muss. Es gibt diese Situationen natürlich. Die rauben mir Kraft und oftmals den Schlaf, aber ich bin stolz auf meine Leute. Ich will gar nicht immer der Chef sein müssen, ich will kreativ sein können.« Im Grunde hat sich das ohnehin einfach so entwickelt, Raphael wollte nie von irgendjemandem der Chef sein – nur der eigene. Jetzt hat Raphael in seinem Studio vier herausragende Residents, von denen zwei bei ihm in die Lehre gingen.



Die Regeln, die er in seinem Studio Verlan vorgibt? »Die basieren eigentlich auf gesundem Menschenverstand. Hier gehts vor allem um Kundenumgang oder die Zeiten, in denen hier tätowiert wird. Ich will nicht, dass 24 Stunden geöffnet ist.« Hier schützt Raphael die Artists aber auch ein bisschen vor sich selbst, wie er sagt. Gerne neigen die nämlich dazu, zu viel zu leisten. Ausbrennen soll im Verlan keiner. Neben Sofie, der aktuellen Lehrtochter – wie es in der Schweiz heißt –, lernte schon Janik Jehle bei Raphael.

»Die Freiheit, die man beim Tätowieren hat, ist einmalig. Mit Herzblut seine Arbeit machen zu können, wer kann das schon von sich behaupten?«, sagt Janik und strahlt dabei. Seit vier Jahren ist er nun Tätowierer und kam wie Raphael über Theatermalerei zum Tätowieren. Er machte allerdings neben den künstlerischen Jobs nochmal einen Umweg über den Bau – zwei Gegensätze, wie er findet. »Nach meiner vierjährigen Lehre, die sich immer in der gleichen Werkstatt abspielte, zog es mich raus auf den Bau. Das war ehrliche Arbeit, ein Knochenjob und ich mochte das.« Irgendwann verstärkte sich aber der Kontakt zu Raphael wieder und Janik begann, sich für das Tätowieren zu interessieren. Das ging eine Weile so, bis er letztlich als Lehrling von Raphael das Tätowieren selbst erlernte. Es war an der Zeit, sich wieder der Kunst zuzuwenden. Doch weshalb Tattoos? Der Grund klingt zunächst profan: »Es sieht halt toll aus. Tattoos sind ästhetisch«, erklärt Janik. »Irgendwann beginnst du dann zu unterscheiden: Was ist das für ein Stil, wie wurde das gemacht? Und als ich dann selbst mit Tätowieren anfing, fielen mir Tattoos einfach überall auf.« Janik, der heute massive und ausgefallene Blackwork-Tattoos designt, fing zunächst an, Simples zu zeichnen: Herzen, Kreuze, Piratenschiffe und so weiter. Irgendwann war er so weit, sich selbst zu tätowieren und daher sind seine ganzen Beine tätowiert – er nennt sie Übungsfläche. 

Sofie findet ihre Inspiration in allen möglichen Dingen, das zeigt sich in ihren Tattoos ganz deutlich. Am liebsten sind ihr persönlich aber Pflanzen- und Tiermotive.

Tattoo-Ausbilder Bühlmann

Janik liebt es, möglichst viel Schwarz zu benutzen und ihm gefällt Oldschool, aber auch modernstes Blackwork und holzschnittartige Schraffuren. »Ich lasse mich eigentlich von allem inspirieren. Ich finde, jedes Tattoo hat seine eigenen Facetten, die du gebrauchen kannst, um deinen persönlichen Stil zu prägen.« Wie im Verlan üblich, verzichtet Janik auf Farbe, holt sich aber Inspiration von farbigen Tattoos. 

Janik und Raphael stellten bereits in der Ausbildung bei gemeinsamen Malprojekten fest, dass sie gut miteinander können. Heute ist Janik Raphaels wichtigste Hilfe. »Ich versuche, Raphael Arbeit abzunehmen und unterstütze zum Beispiel unsere Lehrtochter Sofie. Ich habe ein Auge drauf, dass alles läuft, wenn Raphael nicht da ist. Und schaue, dass sich alle lieb haben.«

Michaels Zugang zum Tätowieren war die Musik. »Ich war viel in der Punkszene unterwegs, sah damals viele Tattoos. Außerdem zeichnete ich schon immer – so kam eines zum anderen.« Michael hat heute eine große Leidenschaft für Tattoos entwickelt. Bevor es dazu kommen konnte, ging auch er erst einen Umweg: »Ich studierte Industriedesign, was mich aber nie wirklich erfüllte. Also brach ich ab und widmete mich einer klassischen Tattoolehre.« Auf Instagram lernte Michael dann Raphael kennen und besuchte die Jungs im Verlan. »Ich wollte etwas Neues ausprobieren, mich weiterentwickeln. Also fragte ich, ob ich vorbeikommen kann.« Michaels Stil passt perfekt hierher. Das war auch ein Grund, aus dem er das Verlan ins Visier nahm. Auf die Frage, was er am liebsten tätowiere, sagt der ruhige Typ: »Viel Schwarz.« Ansonsten sind es ungewöhnliche Dinge, die ihm gefallen: »Ich kombiniere gerne Sachen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.«

Ein Team zum Verlieben: Im Verlan kommen die Artists aus unterschiedlichen Beweggründen zusammen und weisen dennoch ein Portfolio vor, das wunderbar zusammenpasst.

Und dann ist da noch Sofie Flachsberger. Sie suchte eines Tages für ihre Abiturprüfung Informationen zu Raphaels damaligem Modelabel. Sie interviewte ihn, als er gerade am Tätowieren war. Von da an begann sich die schon immer kunstinteressierte Schweizerin auch für Tattoos zu begeistern. »Das hat sich alles ganz natürlich entwickelt. Wir haben damals nicht ausgeschrieben: ›Wir suchen eine Lehrtochter!‹ Aber wie bei Janik muss ich sagen, das macht in ihrem Fall alles Sinn«, erklärt Ausbilder Raphael. Seine und Sofies Wege kreuzten sich nach der ersten Begegnung immer wieder. Raphael war es, der den Anstoß gab: »Weißt du eigentlich, was du nachher machen willst?« Und Sofie wusste es nicht, es sollte aber etwas Künstlerisches sein, denn daran fand sie immer schon Gefallen. Letztlich entschied sich Sofie gegen ein klassisches Studium und fing als Lehrtochter bei Raphael an. »Das hier ist mein erster richtiger Arbeitsplatz. Ich habe vorher noch nirgends gearbeitet und ich bin extrem glücklich hier.«  Trotz ihrer jungen Jahre spürt Sofie schon, wie sie das Tätowieren ausfüllt. Es sind die vielen Bereiche, die der Job für sie umfasst: »Es ist das Handwerk an sich, das extrem faszinierend ist. Und das Zeichnerische, von dem ich immer wusste, dass es für mich bestimmt ist. Und auch die soziale Komponente, also der Kontakt mit den Menschen. Es ist etwas extrem Intimes und Persönliches – das schätze ich sehr.« Besonders gefällt ihr, dass sie mit Menschen zusammenkommt, die sie sonst vielleicht nie kennengelernt hätte. 
Wie muss man sich den Alltag eines Tattoolehrlings im Verlan vorstellen? Viele Jobs würde man wohl als klassische »Azubi-Aufgaben« bezeichnen. Sofie kommt als Erste in den Laden, richtet die Plätze ein, sterilisiert, bereitet alles vor. »Ich gehe einkaufen für alle, begrüße die Kunden, verwalte die Termine. Dann zeichne ich natürlich sehr viel und letztlich tätowiere ich auch«, erklärt Sofie. 



Tätowieren bedeutet auch Extremsituation

Seit fast zwei Jahren lernt sie nun schon. Das erste Mal einen Kunden zu tätowieren, beschreibt auch sie als Extremsituation: »Du musst unfassbar stark sein, hast einen extremen Druck. Ich hatte das Glück, dass meine erste Kundin eine meiner besten Freundinnen war, die mir Sicherheit gab.« Ob es bei ihr Zweifel gab? Durchaus. »Ich hatte immer wieder Momente – mittlerweile nicht mehr –, in denen ich mich gefragt habe, ob es das Richtige ist. Ist es das, was ich machen möchte? Denn es ist eine schwere Lehre, man muss viel dafür geben und opfern. Aber man bekommt auch sehr viel zurück.« Sofie spürte bald, dass ihr der Job unheimlich viel gibt und ist nun ebenso mit Herzblut dabei, wie ihre Kollegen im Verlan. Diese geben ihr auch immer dann Rückhalt, wenn es doch mal Anlass zum Zweifeln gibt. Sofie zieht ihre Inspiration aus vielen Dingen, etwa der Kunst und dem Film und natürlich von anderen Tätowierern. »Ich mag die Natur, zeichne sehr gern Pflanzen und Tiere. Das hat für mich etwas Klassisches.«

Weibliche Verstärkung bekommt Sofie von der Französin Laurie Franck. Ihre Geschichte ist romantisch: Es war die Liebe, die sie zum Tätowieren brachte. Sie verliebte sich in einen Tätowierer, der ihr sein Handwerk und seine Kunst beibrachte. Seit ungefähr drei Jahren tätowiert sie nun. »Ich habe ein neues Medium für mich gefunden. Vorher war ich Fotografin.« Laurie greift bei ihren Tattoos zur Handpoking-Technik. Sie sagt, das passe zu ihren fragilen und zarten Tattoos. Und was sie unter die Haut bringt? Frauenkörper in Bewegung.
 
Gallery Verlan
Seebahnstrasse 125
8003 Zürich, CH
+41 78 826 68 07
facebook.com/galleryverlan


Text: Jula Reichard
Bilder: Vverlan, Robin Brecht

Kommentare zum Artikel





Aktuell am Kiosk: TätowierMagazin 8/17

Artikel aus der Ausgabe: 8/17

Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Dotwork-Tattoos als Mantra
Dotwork-Tattoos als Mantra
Sommer, Sonne und Tattoos
Sommer, Sonne und Tattoos
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

Weitere, relevante Artikel
  • Donnerwetter im Regenwald

    Ein Paradies für Fans von Blackwork ist Sarawak, der malaysische Bundessstaat auf Borneo. Ein Mal im Jahr treffen traditionelle Iban-Tätowierer und Handtätowierer aus aller Welt zur Tattoo-Convention.

  • Tribal-Crossover von Taku Oshima

    Taku Oshima erweckt prähistorische Tätowierungen zum Leben. Der studierte Anthropologe tätowiert seit fast 20 Jahren und vereint die Bildelemente und Formensprache von Stammestätowierungen, die zum Teil in Vergessenheit geraten sind, mit Avantgarde-Blackwork.

  • Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco

    Ängsten und menschlichen Schwächen verleiht Tätowierer Ruco aus Rom in seinen Tattoos ein Gesicht, meist ein grotesk entstelltes. Dennoch wirken seine auf der Haut sichtbar gemachten Dämonen nicht bedrohlich, sondern oft sogar beinahe liebenswert. Sein eigenes Gesicht mag er jedoch nicht zeigen.

  • Maßgeschneiderte Tattoos

    Bei der Suche nach dem Tätowierer sollte man sich vor allem nach dem Stil richten, der einem am besten gefällt, denn eine Motividee kann in vielen Stilrichtungen und Variationen in ein individuelles Bild umgesetzt werden.

  • Bettina Bestgen macht die erste Tattoo-Doku der Schweiz

    »Endlich mal eine gescheite Tattoosendung« las man in den sozialen Netzwerken kurz nachdem das Format »Inked« von der Schweiz rüber nach Deutschland geschwappt war. Wir trafen den Menschen hinter der Sendung, die Radiomoderatorin Bettina Bestgen.

  • Tattoos und TV

    Pia Tillmann wurde als Tätowiererin Meike aus den Scripted-Reality-Dokus »Berlin Tag und Nacht«und »Köln 50667« bekannt. Mit dem TätowierMagazin sprach die tätowierte Jungschauspielerin über Vor- und Nachteile ihrer Tattoos für ein Rollenengagement.

  • Feinste Neo-Traditionals und Blackwork von Lorena Morato und Darby Woodall

    Die Neo-Traditional Tätowiererin Lorena Morato ist wieder zurück in Köln. Nach kurzem Intermezzo in ihrer Heimat Brasilien eröffnete sie zusammen mit dem Blackworker Darby Woodall das Tattoostudio 
Golden Times Gallery.

  • Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

    Ein Tätowierer mit rumänischen Wurzeln, einem spanischen Herzen und einer unkontrollierbaren Leidenschaft für Japan. So soll er sein, der perfekte Tätowierer, der unkonventionelle Japan-Style-Motive sticht. Und so ist Acetates.


Stand:17 August 2017 09:58:49/t%C3%A4towierer/schweizer+blackwork+tattoos_175.html