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21.04.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Cionka, Jesper Jorgensen, Porträtbilder: Robin Brecht
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Neo-Traditionals von Cionka und Jesper Jorgensen


Zwei Tätowierer, zwei unterschiedliche Konzepte. Mit Cionka und Jesper Jørgensen stellen wir zwei Traditional-Tätowierer vor, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten. Sowohl ihr Werdegang zum Beruf des Tätowierers als auch die stilistische Umsetzung sind vollkommen unterschiedlich. Tradition ist ihnen wichtig, Tattoo-Folklore lehnen sie ab: Traditionals in Perfektion von Cionka und ziemlich wildes Zeug von Jesper!


Seeleute stehen vor den Studios Schlange, um sich ihre Souvenirs aus fernen Ländern abzuholen. Die Nacht war lang und wild, sie haben getrunken, gehurt und das letzte Geld der Heuer investieren sie in ein Tattoo, bevor sie wieder aufs Schiff zurück müssen und die Reise auf den Fracht- oder Kriegsschiffen weitergeht. »Stewed, Screwed and Tattooed« (saufen, ficken und tätowieren) ist die Kurzfassung der Nächte an Land, die sich so oder so ähnlich in Hongkong, Amsterdam und Hamburg abgespielt haben könnte. Eine Vergangenheit, die es so nicht mehr gibt, und was bleibt, ist das verklärte Bild einer Seefahrerromantik, die so romantisch bestimmt nicht war. Etwas hat jedoch überdauert, findet sich noch heute auf Instagram und auch als Bild an den Wänden in den Tattoostudio und natürlich auch als Motiv auf der Haut: Anker, Segelschiff, Schädel, Dolche, Rosen … Motivklassiker, die es über die Zeit geschafft haben und die, und das ist das eigentliche Wunder, auch heute noch gestochen werden. Im Unterschied zu heute stand den Tätowierern früher nur schlechtes Arbeitsmaterial zur Verfügung. Mit den Maschinen, Nadeln und Farben, mit denen beispielsweise ein Ole Hansen in Kopenhagen, ein Sailor Jerry Collins auf Hawaii oder Christian Warlich in Hamburg arbeiteten, konnten die Tattoos per se nicht mit der Qualität gestochen werden, wie sie heute auf die Haut gebraten werden. Ein Vorteil sicherlich, erklärt aber nicht, warum gerade heute sich wieder so viele junge Tätowierer in diese Tradition stellen und sogenannte Traditionals stechen. 

Traditinals goint wild! Bär von Jesper Jorgensen, The Sailors Grave, Kopenhagen, DK.

In Hamburg haben wir uns mit Cionka und Jesper Jørgensen getroffen. Hier hat die deutsche Tattootradition wie in keiner anderen Stadt ihre Spuren hinterlassen. Namen wie Karl »Kuddl« Finke, Christian Warlich und Herbert Hoffmann sind hier verortet und erleben posthum eine mediale Aufmerksamkeit, die sie zu Lebzeiten wohl nie bekommen haben. Mitten auf dem sündigen Kiez, nach dem sich auch das Studio benannt hat, nämlich im »Forever St. Pauli«, wird klar, dass es doch einige Unterschiede zwischen dem Tätowieren früher und heute gibt, selbst wenn sie im »Gestrigen« verhaftet scheinen.

Traditional-Tätowierer heute

Der Abgleich zwischen früher und heute offenbart sich ganz offensichtlich im Fehlen des Seemännischen, das einst so stark mit dem Tätowieren verbunden war. Die beiden Tätowierer Cionka und Jesper Jørgensen haben so gar nichts mit einem gestandenen Ex-Seebären gemein, der sich nach seiner Zeit auf dem Meer mit der Tätowiermaschine niedergelassen hat. Vielleicht weckt noch der rote Bart des Dänen Jesper zarte Assoziationen, die jedoch von der über dem Hosenbund hervorblitzenden Björn-Borg-Unterhose sofort konterkariert wird. Und den Italiener Cionka kann man sich besser als Kreativen in einer Werbeagentur vorstellen, als dass er die betrunkene und tätowierwillige Brut im Studio in ihre Schranken und zur Ordnung gewiesen hätte – was heute glücklicherweise nicht mehr nötig ist. So weit entfernt liegt man mit diesem ersten Eindruck bei Cionka auch gar nicht, denn bevor er Tätowierer wurde, hat er die Shops großer italienischer Mode-
labels wie Gucci und Versace entworfen und gestaltet, daneben war er Musiker in einer Band, mit der er durch die Welt tourte.

Tattoo-City Hamburg

»Im Jahr 2008 hat sich die Band aufgelöst und ich suchte nach etwas, was diesem Lebensstil glich, mein Job war das definitiv nicht. Ähnlich wohl gefühlt habe ich mich bei den Tätowierern im Studio, wo ich mich tätowieren ließ. Ich fing also mit dem Zeichnen an und mein Traum erfüllte sich – ich wurde Tätowierer.« Vor zehn Jahren kam er das erste Mal nach Hamburg, um sich von Chriss Dettmer tätowieren zu lassen und blieb 2012 hier hängen.
Trotz aller Veränderungen lebt hier auf St. Pauli ein Geist fort, der eine Ahnung gibt von wilden, früheren Zeiten. »Hamburg is so fucking raw«, begeistert sich Jesper Jørgensen, der im angesehenen Studio »Sailor’s Grave« in Kopenhagen arbeitet und regelmäßig als Gasttätowierer in Hamburg ankert. »It’s Punkrock und ich liebe es!« Wie auch Jesper nutzt der in Italien geborene Cionka die Möglichkeiten und reist zu befreundeten Tätowierern, um dort zu 
arbeiten – eine Berufsoption, die sich den Umtriebigen und Neugierigen bietet und auch von immer mehr Tätowierern genutzt wird. Seine Homebase sieht Cionka aber nach wie vor in Hamburg. »Die Community hier, insbesondere auf St. Pauli, ist eine ganz Besondere. Hier trifft man täglich eine Menge wirklich interessanter Leute. Und ein wenig kann man den Einfluss des Hafens auch noch heute spüren. Es ist vielleicht die Offenheit dieser Stadt, die durch ihn geprägt wurde und noch heute erlebbar ist.«

Europa machts möglich! Der Italiener Cionka und der Däne Jesper nutzen die Möglichkeiten, in anderen Ländern zu arbeiten. Als Guest-Artists reisen sie gerne, um Kollegen zu treffen und neue Eindrucke zu sammeln.


Traditionals going wild: Jesper Jørgensen

So unterschiedlich Cionka und Jesper und ihre Arbeiten auch sind, so vereint die beiden die Liebe zu und der Respekt gegenüber traditionellen Tätowierungen. Unter dem Label Traditional sind die Arbeiten beider Tätowierer einzuordnen, wirklich vergleichbar sind sie aber nicht. »Ich tätowiere selbst nicht nach den Vorlagen der Oldschooler«, benennt Jesper einen Unterschied zur Arbeitsweise seines Kollegen Cionka. »Ich weiß, wie wichtig die Auseinandersetzung mit deren Arbeiten ist. Vielleicht kann ich es für mich so sagen: ›Ich schaue, was sie machen, lerne daraus und entwickle dann Motive und Technik weiter‹. Ich hab schon früh angefangen, meinen eigenen Stil herauszuarbeiten und auf diesem Weg bin ich jetzt.« Als »raw«, also als rau bezeichnet sein Kollege Cionka die Arbeiten von Jesper und trifft mit dieser Beschreibung ins Schwarze. Genauso wie Jesper mit seinem Stil den Geschmack des Hamburger Publikums trifft. Dem weiblichen, um es genauer zu sagen. »Das passiert mir nirgendwo sonst, weder zuhause noch bei meinen Guest Spots. Hier in Hamburg lassen sich fast ausschließlich Frauen von mir tätowieren. Ich mache ja jetzt nicht wirklich ›Girly-Kram‹!« Die Hamburger Frauen seien wohl etwas härter als sonstwo, stellt er respektvoll fest. »Die kommen alle zu dir, weil du so ein cooler Typ bist«, foppt ihn Cionka – und hat sicherlich nicht unrecht. Seine mitunter mit fetten Linien gearbeiteten Tätowierungen wirken etwas derb, aber genau das macht ihren Charme aus. Ein Teufel mit fein ziselierten Outlines wirkt halt weniger böse als die Version, die Jesper auf die Haut bringt. Die Bedeutung des Motivs liegt ja in ihm selbst und genau das ist es, was er mit seinem Stil rüberbringt. »Ich brauche eigentlich keine große Erklärung des Kunden, was er mit diesem oder jenem Tattoowunsch ausdrücken will. Meine Kunden sehen das wohl genauso und geben mir das Thema vor und ich mache es so, wie ich es eben interpretiere.«

Der Perfektionist: William »Cionka« Ciocolini

Der stilistische Gegenpol sind die Arbeiten von Cionka. Auffällig sind seine supersauber gestochenen Linien und die ebenso akkurat ausgefüllten Farbflächen, mit denen er überwiegend Motivklassiker tätowiert. Als »Italian Style« bezeichnet sein Kollege Jesper die Art und Weise, wie Cionka die Tattoos auf die Haut bringt. Und es stimmt. Da verrutscht nichts, alles ist exakt an seinem Platz, hat eine italienische Eleganz, wie man sie von der Mode kennt. Keine schrillen Farben zerstören die schlichte Schönheit der Motive. Grün, Rot und Gelb reichen, um einen bunten Blumenstrauß aus einer Vase wachsen zu lassen. Die Motive strahlen eine große Klarheit aus, durch die Reduktion gewinnen sie noch an Ausdruck. Als Folklore will Cionka seine sich an klassischen Vorlagen orientierenden Tattoos nicht bezeichnen lassen. »Wenn es gute Vorlagen sind, dann halte ich mich recht stark ans Original. Aber schau dir mal die Originaltattoos an, dann siehst du, dass die Linien abgefucked sind und die Farben wenig intensiv. Meine Arbeiten sehen so aus, wie eine Tätowierung im Jahr 2017 aussehen soll: saubere Linien und strahlende Farben, die wirklich in der Haut drin sind.« 

Traditional-Schmetterling von Cionka, Forever St. Pauli, Hamburg.

Die Art, wie er die Tattoos umsetzt, entsprechen auch seinem Charakter, wie er zugibt. Um sich auf seine Arbeit konzentrieren zu können, eliminiert er alles Störende. Alles hat seinen Platz und harmoniert – so auch die Tätowierungen, die er selbst trägt und auf dem ersten Blick wie aus einem Guss beziehungsweise wie aus einer Hand wirken. Dabei ist er Sammler, trägt von zahlreichen Kollegen Arbeiten auf der Haut. »Einige sind von Chriss Dettmer gestochen, in letzter Zeit neu hinzugekommen sind Arbeiten von Nick Colin Corbett, Lucas Wagner, Yobbo, Julian Hets … Ich weiß sehr genau, was ich will. Durch den Stil und durch die Farbwahl wirken die Arbeiten harmonisch zusammen«, erklärt er sein persönliches Konzept. 

Ein Vergleich mit der Tätowiertradition von vor achtzig oder hundert Jahren ist anscheinend weder nötig noch möglich. Was bleibt sind aber die Motive und ihre Ausstrahlung, die bis heute weiterwirken. Neu, frisch und doch sehr traditionell. 



Kontakt
William »Cionka« Ciocolini
Forever St. Pauli
Brigittenstraße 3
20359 Hamburg
info@foreverstpauli.de
www.instagram.com/cionka_tattoo
facebook.com/xcionkax

Jesper Jørgensen
The Sailor‘s Grave
Montergade 4
1116 Kopenhagen, DK
dflhcu@gmail.com
facebook.com/cut.det.svin
instagram.com/gatortattoo

Text: Heide Heim
Bilder: Cionka, Jesper Jorgensen, Porträtbilder: Robin Brecht

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Stand:17 August 2017 09:55:16/t%C3%A4towierer/neo-traditionals+von+cionka+und+jesper+jorgensen_174.html