Mystische Mosaik-Tattoos von Diego Brandi

21.04.2017  |  Text: Marco Annunziata. Übersetzung und Bearbeitung: Dirk-Boris  |   Bilder: Diego Brandi und Marco Annunziata
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Mystische Mosaik-Tattoos von Diego Brandi
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Der italienische Tätowierer Diego Brandi erweckt auf der Haut seiner Kunden die seltsamsten Kreaturen zum Leben: Chimären, Fabeltiere, Monster. Mit seinem einzigartigen Tätowierstil zerlegt er sie erst in Mosaike, um sie dann mit einer mystischen Old-School-Sauce zu übergießen.
Man kann Diego wohl mit Fug und Recht als frühreif bezeichnen, wenn es um Tattoos geht, denn sein erstes ließ er sich praktisch noch im Kindesalter stechen, nämlich mit dreizehn. Es war ein Tribal und er wollte damit cooler sein als die anderen Kids (wofür in dem Alter tatsächlich ein Tribal ausreicht). Diego verrät uns nicht, welcher verantwortungslose Kratzer damals einem 13-jährigen Jungen ein Tribal tätowiert hat, aber nach diesem Erlebnis war für ihn sofort klar, dass er dieses Handwerk erlernen wollte. Er hätte es selbst auch gern mal ausprobiert, aber an eine Maschine zu kommen war praktisch unmöglich. »Ein Freund hat mir dann gezeigt, wie man eine Knastmaschine bastelt und mit der hab ich dann so lange gearbeitet, bis ich vor siebzehn Jahren eine richtige Maschine bekommen konnte.« Die private Rumkratzerei hatte dann auch ein Ende, als Diego letztendlich doch eine Ausbildungsstelle in einem Studio bekam. »Da hab ich dann zwei Jahre lang alles von der Pike auf gelernt, sogar Nadeln löten. Braucht man heute ja nicht mehr, wo man die Nadeln schon fertig kaufen kann, aber ich bereue es nicht, für mich gehört das zum Handwerk dazu.«

Diegos einzigartiger Stil ist unverkennbar an die Mosaiken römischer Villen angelehnt. Auch seine Motive beziehen sich  oft auf die griechisch-römische Mythologie –es darf aber auch mal ein Star-Wars-Charakter dabei sein.

Teil dieses Handwerks und der Geschichte des Tätowierens zu sein, nimmt Diego nicht auf die leichte Schulter: »Man steht damit in einer Tradition, die tausende von Jahren zurückreicht, bis zu den Höhlenmenschen, die sich tätowierten, um sich vor wilden Tieren zu schützen. Aber man bringt auch gewisse Opfer in diesem Job; wenn ich daran denke, dass ich als Tätowierer mein Leben damit verbringe, anderen Leuten Schmerzen zuzufügen, darf ich in Bezug auf mein Karma wohl keine allzu hohen Erwartungen haben …«, philosophiert er lachend.
Aber Spaß beiseite, Diego nimmt die Sache schon ernst. »Ich sehe es als meine Aufgabe an, diese Tradition zu bewahren, sodass die Leute auch noch in zwanzig Jahren die Bedeutung der Motive nachvollziehen können. Und wenn man die korrekt reproduzieren will, braucht man ordentliche Referenzen. Ich lerne aus Büchern, allein letzte Woche habe ich für über siebenhundert Euro Bücher aus Kalifornien und Japan bestellt. Ich möchte meinen Kunden eine Art Bücherei bieten, einen Fundus, aus dem sie sich bedienen können. Man kann ein und dieselbe Sache auf tausend unterschiedliche Arten ausdrücken, und ich möchte durch meine Fähigkeiten den Kunden helfen, ihren Horizont dafür zu erweitern. Ich möchte, dass die Kunden einen ursprünglichen und direkten Bezug zu ihrem Motiv bekommen.«

Seeschlangen, Medusen, Göttergestalten; für Diego nicht nur hübsche Bildchen, sondern bedeutungsvolle Symbole.

Vor sieben Jahren eröffnete Diego seinen ersten Shop. Danach reiste er und verbrachte auch einige Zeit im bekannten Londoner Studio von Mo Coppoletta, dem Family Business. »London ist wirklich großartig, die Leute sind entspannt und sie sind neugierig!«, schwärmt er heute noch.
Dass Diego einen Stil tätowiert, der rein technisch gesehen starke Anleihe an die Old School macht, hat ganz pragmatische Gründe: »Es ist einfach und es ist schnell, und ich arbeite gern schnell. Fünf Stunden für ein Tattoo sind das Maximum. Ich mache gerne Tattoos, die ich wirklich innerhalb einer Session zu Ende bringen kann. Wenn ich mal in einem anderen Stil arbeite, muss ich mir schon mehr Zeit nehmen.« Von diesen pragmatischen Gesichtspunkten abgesehen, ist Diegos Stil ziemlich einzigartig und wirkt wie eine tätowierte Version der Mosaike, die man heute noch in Villen und Badehäusern aus der Zeit des römischen Reiches kennt. Auch die Motive sind oft die gleichen: wilde Tiere, die man damals in der Arena vorführte, bacchantische Szenen und mythische Gestalten.
Angesprochen auf den Symbolismus in seinen Arbeiten meint Diego: »Das spricht sehr viele Leute an, viele Menschen fühlen sich solchen mystischen Symbolen zugetan und möchten sie gern verstehen. Ich selber habe einen Bezug dazu, weil meine Mutter ein Medium ist und als paranormale Therapeutin arbeitet. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der diese Art von Symbolik wie eine zweite Sprache genutzt wurde. Aber wenn du die Bedeutungen der Zeichen nicht kennst, dann bleiben sie unerklärlich und mysteriös. Letztlich sind alle Zeichen und Symbole auf der Welt verbunden, durch Menschen, die reisen, Handel treiben und sich austauschen, und so entstand daraus eine Art von Sprache oder Kommunikationsmittel. Und mir gefällt auch die Vorstellung, über meine Tattoos vielleicht sogar etwas Magie zu transportieren, die das Leben eines Kunden verändern kann.« Die Einflüsse zu seinen Motiven bezieht Diego Brandi zu einem großen Teil aus den Illustrationen alter russischer Bücher; Monster und andere Schreckensgestalten aus alten Märchen und Erzählungen. »Ich versuche aber auch, meine Sichtweise und meine Zeichentechnik konstant zu verändern, um so auch durch eine Mischung der Einzelteile neue Kreaturen zu erschaffen. Für mich ist es ganz wichtig, nicht einfach nur irgendetwas Altes zu reproduzieren, sondern die wahre Bedeutung eines Symbols zu erkennen und zu würdigen. Das hat nicht nur etwas mit Respekt zu tun, auf diese Weise lasse ich mich vom Original inspirieren und erschaffe nicht einfach nur eine Kopie.«

Der Wolf taucht häufig in Diegos Portfolio auf; im Gründungsmythos der Stadt Rom spielt er eine zentrale Rolle.

Auch von den Symbolen der Freimaurer oder der Zeichensprache des alten Ägyptens und Mesopotamiens ist Diego sehr angetan. Insbesondere sein Tätowiererkollege Rudy Fritsch vom Original Classic Tattoo in Triest hat ihn da maßgeblich beeinflusst. »Mich haben seine Arbeiten immer völlig fasziniert, ich hab mich immer gefragt »Warum ist dieser Schädel über einem Dreieck, was hat das Auge da zu bedeuten …?« Ich wollte jedes seiner Symbole deuten können und nachdem ich durchgestiegen war, habe ich sie in meine Arbeiten aufgenommen. Ein Symbol, das ich häufig benutze, ist beispielsweise der Wolf; als Römer hat es für mich eine besondere Bedeutung, der Sage nach sind ja Roms Gründer, die Brüder Romulus und Remus, von einer Wölfin aufgezogen worden. Ich mag es, dass in der italienischen Kultur alles letzten Endes auch wieder einen religiösen Bezug hat.«
Da wundert es bei Diegos Begeisterung auch nicht, dass er auf die Frage nach seinen Einflüssen neben den absehbaren Tattooeinflüssen wie Rudy Fritsch, El Monga, Jonas de Goteborg oder Chad Koeplinger, auch der Name des chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky fällt: »Er ist für mich wichtig, weil er Theorien über die Kraft von Symbolen entwickelt hat und darüber, welche Kraft Symbolen innewohnt, um negative Dinge auszutreiben.«
Wer also in Rom nach einer anderen Art von Mystik abseits des Vatikans, der Engelsburg und des Petersdoms sucht, kann Diegos Studio in der Via Urbano ansteuern, um seine ganz persönlichen Dämonen in Angriff zu nehmen.

Seeschlangen, Medusen, Göttergestalten; für Diego nicht nur hübsche Bildchen, sondern bedeutungsvolle Symbole.


Diego Brandi
Nightmare Tattoo
Via Sciacca, 20
IT-00182 Rom
www.nightmaretattoo.it
instagram.com/diego_brandi

 
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