»Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja

29.01.2016  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Xenija Woskresenskaja
»Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja »Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja
»Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja
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Farbenfroh, elegant und illustrativ: Wie aus einem Fabel- oder Märchenbuch entsprungen, wirken die ausdrucksstarken Tierdarstellungen der Tätowiererin Xenija Woskresenskaja, die regelmäßig im Karlsruher Tattoostudio Körperkunst arbeitet.
Zierlich, dunkles Haar, fein geschnittene Gesichtszüge, seitlich am Hals prangen auf der hellen Haut zwei in Schwarz tätowierte Rosen. Wenn Xenija Woskresenskaja (27) durch die Karlsruher Innenstadt läuft, zieht die hübsche junge Frau Blicke auf sich. Falls sie diese spüren sollte, lässt sie sich nichts anmerken, mit festem Schritt und ohne Hast geht sie durch die von klassizistischen Bauten geprägte ehemalige baden-württembergische Residenzstadt. »Seit zwei Jahren besuche ich Tom im Studio Körperkunst regelmäßig. Und obwohl ich nicht so gut Deutsch spreche, fühle ich mich dort mit den Kollegen sehr wohl«, erzählt sie mit ihrem charmanten slawischen Akzent. Deutsch hat sie bereits am Goethe-Institut in Minsk gelernt, Motivation war ihr Interesse für die hiesige Kunst und Kultur. »Mir gefallen die deutschen Wortverbindungen, aber vor allem interessiere ich mich für Kunst. In Deutschland ist der Kunstbetrieb offener als in meiner Heimat Weißrussland, man genießt hier eine größere Freiheit für unterschiedliche künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten.«

Die 27-jährige Minskerin ist regelmäßig zu Gast im Karlsruher Studio Körperkunst.

Klassische Ausbildung

Als zu starr erlebte sie die künstlerische Ausbildung in Minsk, wo aus ihrer Sicht »Kunst sehr akademisch betrieben wird«, sich zu stark an klassischen Inhalten orientiert. Profitiert hat sie vom dort Gelernten trotzdem und weiß es heute auf ihre Arbeit als Tätowiererin zu übertragen: Das Zeichnen realistischer Porträts, des Aktes und des Stilllebens beherrscht sie. Wenn sie heute ihre Skizzen anfertigt, dann geht ihr das schnell von der Hand, bei Bild- und Farbkompositionen und Schattenwurf muss sie nicht lange nachdenken, das fließt aus ihr heraus.
»Ich liebe Tierdarstellungen. Bevor ich mit dem Zeichnen der Skizze anfange, suche ich mir entsprechende Fotos, auf denen die Tiere in unterschiedlichen Perspektiven zu sehen sind. Das ist die Grundlage für die Linien und die richtigen Proportionen.« Auf dieser realistischen Basis entsteht eine farbenfrohe Komposition, auf der das dargestellte Tier eher wie eine Figur aus einer Fabel oder einem Märchen erscheint. Realistisch ist die stimmige und ausdrucksvolle Körperhaltung der abgebildeten Tiere, die fertige Komposition erzählt anscheinend eine ganze Geschichte: illustrativ und ausdrucksstark. Und bereits die Skizze legt sie so an, dass sie diese eins zu eins als Tattoo umsetzen kann. »Schon beim Zeichnen überlege ich, wie ich das Ergebnis später tätowieren muss, das Bild soll ja vor allem auf der Haut funktionieren.«

Xenija Woskresenskajas liebt Tiermotive. Die Kompositionen scheinen wie für ein  Märchen- oder Fabelbuch gemacht.

Feuerwerk an Farben

Und dafür braucht es Linien, die das Bild tragen, und zwar schon bevor Xenija ein Feuerwerk an Farben zündet. Denn farbgewaltig sind ihre Arbeiten, jedoch nie quietschend bunt oder gar grell. »Farbe und vor allem die Farbkomposition spielen eine große Rolle, denn sie schärfen die Bedeutung der Motive«, erklärt sie. Verläufe verwandter Farben, Komplementärfarben, Kombination von kalten und warmen Tönen, Schattierungen in dunklem Grau bis Schwarz, untätowierte Hautflächen – das Spektrum der künstlerischen Möglichkeiten hat sie nicht neu erfunden, wendet es aber stilsicher und stringent an. Dass sie ursprünglich Biomechanik-Tattoos tätowieren wollte, ist heute kaum vorstellbar.
Der größte Kontrast zu ihren Arbeiten ist Xenijas Erscheinungsbild. Bevorzugt kleidet sie sich in Schwarz, manchmal auch kombiniert mit Grau. Und auch ihre eigenen Tätowierungen sind überwiegend in Black-and-Grey gestochen.

Tätowierungen für Männer und bestimmte Motive wie der Piratenotter dürfen auch etwas herber wirken; dies erreicht Xenija durch einen höheren Schwarzanteil und gedeckte Farben, die den Charakter des Motivs unterstützen.

Auf Papier zu skizzieren, das schult!

Ihre farbenfrohen Skizzen zeichnet sie zurzeit mit Copic-Marker, die ihr die Freiheit einer fast schon grenzenlosen Farbwahl geben. Die Arbeit am Computer lehnt sie ab. »Das gefällt mir nicht, ich will den Stift fühlen, wenn er über das Papier geht. Bei der Arbeit mit der Tätowiermaschine habe ich ja auch einen Untergrund. Haut und Papier sind nicht miteinander zu vergleichen, aber das Material ist da, es ist ein besonderes Gefühl«, findet sie. Und sie fürchtet, dass die Arbeit am Computer sie zu Schlamperei verleiten könnte. Und das würde gar nicht zu ihr passen. Die Kollegen im Karlsruher Studio Körperkunst beschreiben sie respektvoll als »sehr diszipliniert«. »Auf Papier muss man aufmerksamer arbeiten, alle Linien müssen stimmen, da kann man zwischendrin nichts löschen. Wenn man einen Fehler gemacht hat, muss man gleich die ganze Arbeit in den Mülleimer werfen. Das schult.«

Lernprozess und Weiterentwicklung

Dass auch Copic-Marker und Papier ihre Grenzen haben und nicht alles, was auf dem Papier gut aussieht, als Tattoo wirkt, ist ein Lernprozess, den die 27-Jährige sehr bewusst durchläuft. »Ich probiere vieles aus, die Arbeit soll ja auch interessant aussehen. Was auf dem Papier gut aussieht, funktioniert leider auf der Haut nicht immer. Manche Farben sind zu schwach, die haben abgeheilt in der Haut nicht die Wirkung. So wirkt die Kombination von Mint mit Orange auf dem Papier sehr schön, in der Haut wirkt Mint aber einfach nur blass.«

Wie sie sich weiterentwickelt, sieht man schon an ihren Arbeiten von heute und von vor einem Jahr. Ihre aktuellen Werke wirken wesentlich grafischer als ältere. »Mir gefällt es zurzeit, die Konturen grafischer auszuführen. Das bringt auch mehr Kontrast in die Tätowierung. Meiner Meinung nach bringt die Kombination aus eher grafischen Konturen und satten Farben einen stärkeren Ausdruck als ganz feine Konturen und leichte Schatten. Aber das hängt natürlich vom Stil ab.«

Das Spiel mit den Farben ist auch bei ihren neueren Arbeiten ein tragendes Stilelement, das Linework in Schwarz ist aber wesentlich stärker ausgearbeitet.

Tattoos, keine Aufklebe

Und wie sieht es bei der täglichen Arbeit mit den Kunden aus? Zahlreiche Vorlagen hat sie vorgezeichnet in der Hoffnung, dass es den Kunden gefällt und sie diese tätowiert haben möchten. »Ich hab von Anfang an versucht, meine Zeichnungen umzusetzen. Ich halte es für wichtig, dass ich meine Tattoos selbst zeichne. Nur wenn man es gezeichnet hat, kann man das Motiv verstehen und besser wiedergeben.« Ein Bild aus dem Internet zu nehmen und als Tattoo zu stechen, ist für sie »ein Aufkleber, aber kein Tattoo«. Eine Tätowierung ist für sie vielmehr ein Stück Kunst, das nicht nur in Bezug auf Komposition, Linien und Farbkombination technisch gut gemacht sein sollte, sondern in dem auch etwas vom Tätowierer selbst liegt. Und die Motive sollten in ihren Augen ästhetisch sein, egal ob es sich um einen bösen Wolf oder ein Vögelchen handelt.
So entwirft sie nach Kundenwünschen selbstredend die Skizzen, man spricht darüber und glücklicherweise finden ihre Entwürfe meist Anklang. »Es bringt nichts, etwas zu tätowieren, was man nicht mag. Das wird doch nichts!«


Xenija Woskresenskaja
Körperkunst
Hirschstraße 52
76133 Karlsruhe
facebook.com/xenija.woskressenskaja
Instagram: XenijaWo
E-Mail: designtattooxenija88@gmail.com

 
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Stand:24 November 2017 15:41:15/t%C3%A4towierer/ich+steche+tattoos+keine+aufkleber_161.html