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21.07.2017  |  Text: Marco Annunziata  |   Bilder: Ruco
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Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco


Ängsten und menschlichen Schwächen verleiht Tätowierer Ruco aus Rom in seinen Tattoos ein Gesicht, meist ein grotesk entstelltes. Dennoch wirken seine auf der Haut sichtbar gemachten Dämonen nicht bedrohlich, sondern oft sogar beinahe liebenswert. Sein eigenes Gesicht mag er jedoch nicht zeigen.


Wie der in Rom geborene Ruco sich seine eigene Bildsprache aneignete, ist unschwer nachzuvollziehen. In Florenz studierte er Kunst an der Academy of Fine Arts und war in dieser von Kultur beherrschten Stadt ständig den Einflüssen großartiger Renaissance-Gemälde, barocken Skulpturen und den anderen Kunstwerken in den berühmten Uffizien ausgesetzt, der atemberaubenden Kunstgallerie in Florenz.

Die drei verschmolzenen Dämonen-gesichter erinnern an die opulenten Steinreliefe italienischer Paläste.

Der erste Kontakt zu Tattoos war aber weniger von den Einflüssen der feinen Künste geprägt, sondern von Rucos Interesse für Punk, als er ein pubertierender Teenie war. Viele Punks hatten damals Tätowierungen, klar, dass Ruco auch welche brauchte. Eines Tages machte er sich mit Freunden auf zum Shop von Amedeo, damals »der« angesagte Tätowierer der Punkszene in Rom, und als Ruco an der Reihe war, erklärte er ohne lange nachzudenken: »Ich will den Drachen aus Puzzle Bubble!« Nicht gerade sehr punkig, aber eben das, womit sich Ruco am liebsten beschäftigt: Video Games. »Ich dachte, ein Tattoo von dem, was mir am meisten Spaß macht, das kann ja wohl nicht verkehrt sein. Heute noch tätowiere ich im Prinzip alles, um was ein Kunde mich bittet, wenn ich merke, dass er eine wirkliche Leidenschaft dafür hat.«
Rucos Begeisterung für Kunst – und zwar nicht nur passiv, sondern auch aktiv – machte es praktisch unvermeidlich, dass er schließlich selbst mit dem Tätowieren anfing. Schon als Kind war er beneidenswert einfach ruhigzustellen: seine Mutter musste nichts weiter tun, als ihm ein Blatt Papier und Buntstifte in die Hand zu geben, die sie zu diesem Zweck immer bei sich trug – zack, Ruhe, egal wo sie sich gerade befanden.

Die organisch verzerrten Fratzen lassen sich perfekt an Knie und Ellenbogen anpassen – bei Bewegung der Extremitäten erhalten sie  zusätzliches Leben. Bei dem Ellenbogentattoo  lassen sich Übergänge zu Neo-Tribal erkennen.

Als seine Freunde später seine Zeichnungen sahen, waren sie es, die darin die potenziellen Tattoodesigns erkannten. Aber Ruco hatte keine Maschinen. Erst durch einen Aushilfsjob neben seinem Studium konnte er genug Geld auf die Seite legen, um sich eine Liner- und eine Shader-Maschine zuzulegen – beide benutzt er heute noch. Das erste Tattoo entstand ganz klassisch und zu einhundert Prozent »oldschool« am Küchentisch – eine Sonnenblume mit einem Schriftzug. »Ich glaub, ich hab den ganzen Tag dafür gebraucht. Ich hab es erst neulich wieder gesehen – es sieht gar nicht so übel aus!« Dass er mit den Freunden, auf deren Haut er seine ersten Experimente machte, immer noch in Kontakt ist, spricht ja für sich: »Die kommen immer noch zu mir, um sich tätowieren zu lassen. Und wenn ich auf ihnen dann meine frühen Arbeiten sehe, dann finde ich das schon cool. Und ich kann diese Arbeit heute ausüben, weil diese Leute mir damals die Gelegenheit gaben, meine ersten Schritte zu machen und stetig besser zu werden – dafür kann ich ihnen gar nicht genug danken!«

Mag sein eigenes Gesicht nicht gerne zeigen: Tätowierer Ruco

Was Ruco heute am meisten beeinflusst, sind Themen aus den Bereichen der Anthropologie, der volkstümlichen Kunst sowie historische Kostüme. Oft kommen dabei groteske Gesichter heraus, nahezu Karikaturen unserer Ängste und Seelenzustände, für immer auf die Haut der Kunden gebannt. Seit einiger Zeit fertigt Ruco solche Masken auch aus Pappmaché. »Ich kann so noch tiefer in das Thema meiner Tätowierungen eintauchen, mit den Masken habe ich noch eine weitere Dimension, die ich erforschen kann, ich muss mein Gehirn dafür auf andere Weise benutzen als beim Design eines Tattoos. Bei den Masken erlaube ich mir auch die Freiheit, Farben zu benutzen. Ich habe eben erst mit diesem Projekt angefangen und habe jede Menge Ideen und Einfälle dazu – schaut gerne bei mir auf Instagram, wie sich das weiterentwickelt.«

Welche Künstler haben dich am meisten beeinflusst?
Was meine Arbeit wirklich dramatisch verändert hat, ist die Kunst von Antonio Ligabue, der Tiger malt, ohne jemals einen gesehen zu haben. Seine Werke sind extrem kraftvoll und so einfach zu verstehen, da braucht man keine Bedienungsanleitung dafür. Und dann hat mich noch James Ensor beeinflusst, ein belgischer Expressionist und Surrealist. Mein Maskenprojekt wurde vor allem durch seine makaberen und grotesken Arbeiten geprägt.

Schlangenfrau vs. Drache: das brachiale Backpiece wird elegant auf den Pobacken und den Rückseiten der Oberarme weitergeführt.  

Hast du schon mal mitbekommen, dass andere Künstler Designs von dir klauen?
Ja, aber ich sehe darin nichts Unmoralisches. Es ist vorgekommen, dass Tätowierer, die meine Arbeiten kopiert haben, mich dann in ihren Fotos markiert haben und sich für das Design bedankten. Das ist doch süß, oder?

Kannst du deinen Stil irgendwie betiteln?
Hm, vielleicht grotesk? Ich mag Gesichter, die Angst oder einfach menschliche Schwächen ausdrücken; hässlich, furchteinflößend, aber auch irgendwie romantisch. Und mein Stil ändert sich auch ständig. Vielleicht nicht für den Betrachter, aber für mich. Heute mag ich etwas mit harten klaren Linien, morgen mag ich vielleicht runde, softere Formen. In der letzten Zeit habe ich Kontraste stärker herausgear-beitet. Manchmal mache ich Anleihen bei Tribal- Tattoos und in Zukunft verwende ich vielleicht auch wieder Farbe, wer weiß.

Was machst du besonders gern?
Ich werde ganz aufgeregt, wenn ich komisch geformte Zwischenräume zwischen bereits vohandenen Tattoos füllen soll. Da liegt die Herausforderung für mich darin, eine speziell Form für mein Design zu finden. Deshalb zeichne ich auch alles direkt auf die Haut, so kann ich spontaner arbeiten.

 Die verzerrte Dämonenfratze verschlingt gierig ein Kleinkind – eine grausame Szene, die an das berühmte Gemälde »Saturn verschlingt seinen Sohn«  des spanischen Malers Francisco de Goya erinnert.

Was würdest du auf keinen Fall tätowieren?
Ich würde nie ein Tattoo von zwei Penissen machen, die sich mit zwei Schwertern duellieren. (Das stimmt überhaupt nicht, das hat er bereits tätowiert!)

Du bist ja Veganer, auch wenn deine Monster Menschen fressen. Was kochst du gerne?
Ich bin Italiener, ich mag es beim Kochen gern simpel: Spaghetti mit Tomatensoße sind unschlagbar. Wichtig ist, dass die Tomatensauce aus frischen Tomaten gemacht und ordentlich zubereitet ist; sie muss dick sein, mit Knoblauch und Öl. Warum reden wir jetzt eigentlich über Essen?

Da hast du recht … hast du Zeit, außer Kunst noch etwas anderes  zu machen?
Ich habe das große Glück, mit dem, was ich gern mache, meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Entweder ich tätowiere oder ich zeichne oder ich denke daran. Aber es wäre schon gut, wenn ich mehr Zeit mit Freunden oder meiner Freundin verbringen würde.

Völlig entspannt sitzt der kleine Teufel im Schatten und genießt sein Kippchen. Seine offensive Nacktheit scheint ihn nicht zu beschämen, sondern zu belustigen.

Kannst du dennoch jungen Tätowierern einen Tipp geben, um Fehler zu vermeiden, die du womöglich selbst gemacht hast?
Ich habe mir ja alles selbst beigebracht, das heißt, all die Erfahrungen, die ich bis jetzt gemacht habe, basieren auf Dingen, die ich vorher falsch gemacht habe. Das ist keine schlechte Art und Weise zu lernen. Es ist wichtig, sich selbst gegenüber immer kritisch zu bleiben. Ich bin ständig bemüht, Aspekte zu suchen, in denen ich mich verbessern kann. Wenn ich eines Tages meine Neugier verliere und mich nicht weiter verbessern kann, dann werde ich aufhören zu tätowieren und mich etwas anderem zuwenden.



Kontakt:
Ruco
Hard Work Tattoo Via Di San Calisto 8
00153 Rom
www.instagram.com/ruco__ www.facebook.com/rucorucoruco www.ruco.bigcartel.com
E-Mail: rucoruco.info@gmail.com

 

Text: Marco Annunziata
Bilder: Ruco

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Stand:17 August 2017 09:57:36/t%C3%A4towierer/groteske+daemonen-tattoos+von+ruco_177.html