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23.06.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Golden TImes Gallery, Porträtbilder: John Deer
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Feinste Neo-Traditionals und Blackwork von Lorena Morato und Darby Woodall


Die Neo-Traditional Tätowiererin Lorena Morato ist wieder zurück in Köln. Nach kurzem Intermezzo in ihrer Heimat Brasilien eröffnete sie zusammen mit dem Blackworker Darby Woodall das Tattoostudio 
Golden Times Gallery.


Einen besonderen Ort hat das Tätowiererpaar Lorena Morato und Darby Woodall Anfang des Jahres mit seinem ersten gemeinsamen Studio in Köln, der Golden Times Gallery, geschaffen. Der Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft des kleinen Atelierraums, Spiritual-Minimal bringt den durch das vitale Leben der Kölner Innenstadt aufgeputschen Puls wieder runter, zahlreiche ausgeschenkte und getrunkene Tassen Kaffee und die Energie von Lorena Morato halten die Atmosphäre aktiv-kreativ. Lorenas Temperament ist auch in ihren Arbeiten spürbar, was sie tut, scheint sie mit aller Kraft zu machen. Ausgleich findet sie in der Beschäftigung mit Tantra und spirituellen Erfahrungen und durch ihren Partner Darby Woodall, ebenfalls Tätowierer, dessen bloße Gegenwart die vorhandene Energie im Studio in sanftere Bahnen lenkt. 

Zwei sehr gegensätzliche Charaktere, die stilistisch ganz unterschiedliche Wege gehen: Lorena Morato und Darby Woodall.

Das Studio zeigt auch optisch die gegensätzlichen Charaktere der beiden und ist begleitet von der Erkenntnis, dass das Leben von Dualität bestimmt wird: Leben und Tod, Maskulinität und Femininität, Spannung und Entspannung … »Es ist an uns, den Schlüssel zur Balance zu finden«, sind sich Lorena und Darby einig. 

»Wie unterschiedlich wir sind, zeigt sich schon bei unseren Kunden. Lorenas finden beim ersten Besuch den Eingang zum Studio nicht und kommen eigentlich immer zu spät. Meine Tribal-Leute sind da anders, sie sind pünktlich, wissen, was sie wollen, meist sportlich und fokussiert«, fasst Darby unter großem Lachen beider die so gegensätzlichen Kunden zusammen.

Spannungsgeladen sind Lorenas Bildkompositionen.

Lorena Morato ist in Deutschland schon viele Jahre bekannt und hinterließ 2014 eine große Lücke, als sie zurück in ihre Heimat Brasilien ging. In Belo Horizonte baute sie erstmals das Golden Times Studio auf, voller Enthusiasmus, in der Farbenpracht der Tropen ihre Neo-Traditionals tätowieren zu können. Nach acht Monaten stand ihr Entschluss fest, wieder nach Europa zurückzugehen. »Die Arbeit in Brasilien fand ich sehr schwierig, dort sind eher Japanisch und Realistic angesagt. Vielleicht war ich auch schon zu lange weg, um mich in meiner Heimat wieder wohl zu fühlen, ich bin schon sehr mit der europäischen Kultur verbunden.« 

Die mittlerweile Dreiunddreißigjährige zog es bereits mit zwanzig Jahren nach Barcelona, mit vierundzwanzig kam sie nach Köln. Den Einstieg ins Tattoo-Business verdankt sie der Tätowiererin Petra Kempka, die sie förderte und pushte. Lorena ist bereits vor Jahren unter den Top-Tätowierern angekommen, sie genießt weltweit Reputation, seit 2013 bekommt sie eine Einladung für die London Convention. Paris, Stockholm, Brighton sind weitere internationale Events, wo Lorena ein gern gesehener Gast ist. 

Gemütlich ist es, das kleine Atelier von Lorena und Darby. Den zur Verfügung stehenden Platz haben sie gerecht untereinander aufgeteilt, der Besucher- und Kundenbereich wird natürlich von beiden genutzt.

Wie stark die erfolgreiche Tätowiererin der westlichen Kultur verhaftet ist, zeigt sich in ihren bevorzugten Motiven, den verwendeten Farben und den Stilelementen. Diese Verbindung zu Europa hat sie eher unbeabsichtigt ihrer Mutter zu verdanken, die die Fantasie ihrer kleinen Tochter mit Märchen der Gebrüder Grimm fütterte. Von ihr und der Großmutter hat sie auch das Wissen über die Kraft der Mineralien und der Pflanzen und die Erkenntnis, dass es noch dem Menschen übergeordnete Kräfte gibt. All das spiegelt sich in ihren Tätowierungen wider.

Die Märchenwelt offenbart sich in Tierdarstellungen wie Füchsen, Wölfen, Schwänen – Tapire, Tukane oder Echsen, die in ihrer brasilianischen Heimat leben, scheinen sie hingegen nicht zu reizen. Häufig kombiniert sie das Hauptmotiv mit Kristallen, überwiegend asiatischen Blüten und Schmuckstücken, die in ihrer floralen Ausschmückung und Farbwirkung eher an die viktorianische Epoche erinnern und definitiv nicht an die grell-bunte und überschwänglich wuchernde Flora eines tropischen Regenwaldes. »Die Farben sind in Europa ganz anders. In Brasilien ist das Licht einfach immer strahlend, hier in Europa variiert es, je nach Tageszeit, Wetterlage und Jahreszeit verändert es sich und vermittelt eine andere Stimmung«, erklärt Lorena.

Viel Schwarz und Grau verwendet Lorena, die Tattoos sehen jedoch nie traurig und düster aus.

Seit eineinhalb Jahren beschäftige sie sich intensiver mit Farbkompositionen, arbeitet bevorzugt mit Komplementärfarben wie Gelb zu Violett, Türkis zu Orange – farbliche Gegensätze, die ein harmonisches, stimmiges Bild ergeben. In Kombination mit viel Grau und Schwarz und ihren unglaublich soliden, kraftvollen Outlines schafft sie sowohl eine solide Wirkung als auch eine Klarheit in den Motiven, die in ihrer Lichtwirkung an einen Herbsttag nach einem Regenschauer im Mischwald der Eifel erinnert. 


E
ine deutliche Entwicklung ist in den letzten Jahren bei ihrer Bildkomposition zu spüren, die sich immer stärker weg von der Symmetrie und hin zu einer nicht-gespiegelten Aufteilung der Motive entwickelt. »Ich habe das Glück, viele Kunden zu haben, die sich von mir Körperkonzepte stechen lassen und weniger Single-Spot-Tätowierungen. Bei der Platzierung hab ich viel von Darby gelernt. Die Tribal-Leute befassen sich viel mehr mit der Gesamtwirkung des Tattoos auf dem Körper«, spielt Lorena den Ball zu ihrem Partner, den sie vor eineinhalb Jahren bei einer Ayahuasca-Zeremonie kennenlernte. Seitdem sind sie nicht nur ein wunderschönes Paar, sondern auch eines, das eine wunderbar positive Ausstrahlung hat.



Der gebürtige Engländer Darby tätowiert seit neun Jahren, überwiegend Tribal-Blackwork. »Ich bin kein Tätowierer für polynesische Tätowierungen, ich will da auch keiner bestimmten Richtung folgen. Ich bin auch kein Tribal-Artist, sondern Tätowierer«, so Darby. Seine Arbeit sieht er eher darin, den Körperformen zu folgen, die einzelnen Designelemente sind dabei nicht so wichtig.

»Blackwork-Tätowierungen sind wie ein Schmuck, sie müssen gut auf dem Körper aussehen, dann geben sie ihm Stärke, die sich auch auf den Menschen überträgt, sein Inneres beeinflusst«, ist er sich sicher. Nicht ganz so glücklich ist er über seinen Spitznamen »The Tribal Guy«, den er von seinen Kunden in einem Streetshop im englischen Folkstone bekommen hat. »Die haben mich so genannt, weil sie meinen Namen nicht wussten, aber  ich war eben im Studio derjenige, der die Blackwork-Tattoos sticht. Ich hab ihn dann übernommen, überlege aber ernsthaft, ihn abzulegen.

Nicht-traditionell ausgearbeitetes Blackwork mit schönem Kontrast von Schwarz zu Haut.

Leider klingt Darby Woodall auch nicht so toll wie Lorena Morato … «, feixt er. Die Fixierung auf einen Stil wird seinen Arbeiten nicht gerecht, häufig tätowiert er auch Tattoos, die im Grenzbereich zwischen Traditional und Blackwork liegen, Asia-Elemente fließen ebenso ein und Spiralen sind fast immer gegenwärtig. »Auch bei Tätowierungen sind Gegensätze wichtig. Ein gutes Blackwork braucht starke Kontraste, Schwarz die hellen Bereiche der Haut, es braucht Maskulines und Feminines.« Da ist er wieder, der Dualismus, und die Herausforderung, beides in die richtige Balance zu bringen.

Darby Woodall arbeitet aber auch grafisch und im Grenzbereich zwischen Blackwork und Traditional.

Kontakt
Golden Times Gallery
Lorena Morato und Darby Woodall
Privates Studio, Köln
E-Mail: that_tribal_guy@hotmail.com
IG: www.instagram.com/goldentimesgallery
IG: www.instagram.com/ninmesarra
IG: www.instagram.com/that_tribal_guy
FB: www.facebook.com/Lorena Morato

Text: Heide Heim
Bilder: Golden TImes Gallery, Porträtbilder: John Deer

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Stand:17 August 2017 09:57:59/t%C3%A4towierer/feinste+neo-traditionals+und+blackwork+von+lorena+morato+und+darby+woodall+_176.html