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19.05.2017  |  Text: Heide  |   Bilder: Mica One, Chris Weber, Jakub Settgast
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Drei verschiedene Tätowierer, ein gemeinsamer Stil. Diesmal: Fineline


Drei Tätowierer – ein Themenschwerpunkt. In dieser Ausgabe erklären Mica One, Chris Weber und Jakub Settgast ihren Ansatz zu Fineline-Tätowierungen.


Was ist Fineline?

Für Fineline-Tätowierungen werden Dreier- bis Fünfer-Nadelkombinationen benutzt. Die Single-Needle-Technik, also das Tätowieren mit nur einer Nadel, ist eine Unterkategorie.
Ihren Ursprung hat die Fineline in der mexikanisch-amerikanischen Cholo-Kultur Südkaliforniens, die eng verbunden ist mit Knast- und Gang-Tätowierungen. Tätowierer wie Freddy Negrette und Jack Rudy haben diese Technik aus der Subkultur heraus in die professionellen Studios gebracht und perfektioniert; sie gelten heute als Pioniere für Fineline.

In Deutschland war in den späten 80ern und bis Mitte der 90er Jahre die Fineline der angesagte Stil. Die Möglichkeit für die Tätowierer, extrem detailreich arbeiten zu können und auch Bilder auf der Haut umzusetzen, die niemals als Tattoo konzipiert waren, führten letztendlich zu ihrem Ruf, diese Technik sei nicht haltbar. Die Grenzen des Mediums Haut hat man ignoriert und als Gegenbewegung setzte sich die Devise der Oldtimer »Only bold will hold« wieder durch. Heute stehen Fineline-Tätowierungen am Anfang eines Revivals.

Chris Weber (35) arbeitet seit vier Jahren als Tätowierer und sticht seine Single-Needle-Blackwork-Tätowierungen seit Anfang des Jahres im Tragic Kingdom Tattoo Mannheim.

Chris Weber

Zur Person: Chris Weber (35) arbeitet seit vier Jahren als Tätowierer und sticht seine Single-Needle-Blackwork-Tätowierungen seit Anfang des Jahres im Tragic Kingdom Tattoo Mannheim. Chris setzt die Fineline-Technik für den kontrollierten Einsatz von Schwarz für feine Graustufen und Details ein. Er verwendet für die Ausarbeitung der Oberflächen bevorzugt eine Single-Needle.

Chris Weber

Dem Pfälzer Tätowierer geht es darum, seiner Vorstellung einer idealen Tätowierung immer näher zu kommen. Für ihn ist neben einer angebrachten Größe das großzügige Verarbeiten von purem Schwarz für eine langlebige Tätowierung essenziell. Mit seinen Single-Needle-Dotshades erreicht er Grauwerte, Abstufungen und Texturen, die wie superfeines Dotwork aussehen, von der Ferne allerdings wie eine sanfte Black-and-Grey-Schattierung wirken. »Dotshades und Dotwork sind in den letzten drei Jahren sehr populär geworden. Häufig werden sie mit Dreier-Nadeln gestochen. Für meinen Geschmack werden die einzelnen Punkte aber im Alter zu dick«, erklärt der gebürtige Wormser. »Seit einem Jahr setze ich feinere Dotshades als Greywash-Ersatz ein und habe die Erfahrung gemacht, dass die während des Abheilens abdunkeln und logischerweise im Alterungsprozess weicher werden.«

Dotshades als Greywash-Ersatz. Kontrastreiche Oberflächenstrukturen lassen sich auch gut mit der Single-Needle-Technik umsetzen: Fell, Haut, Metallisches wie der Helm und Schädelknochen bekommen so ihre Maserung und Struktur. Tattoo bvon Chris Weber.

Seine meist sehr düsteren Tattoos erinnern an die Tätowierungen des Ungarn Róbert Bórbas. Chris ist ein großer Fan von dessen Arbeit und ließ sich auch von ihm tätowieren – den Vergleich scheut er aber, diesen Schuh will er sich nicht anziehen: »zu groß«, so seine selbstkritische Einschätzung.
Genauso wie der Kollege aus Budapest setzt Chris sein Arbeitsmaterial motivabhängig ein. Für ihn gibt es für jedes Motiv die richtigen Maschinen und Nadeln. »Von Traditional über Comic zu Fineline bis zum Realismus bestimmt insbesondere die Nadelstärke der Outlines den Look. Ich orientiere mich dabei an dem Motiv und versuche, trendunabhängig und abwechslungsreich zu arbeiten. Dennoch habe ich meine Vorlieben und stehe auf Knasttätowierungen und die Geschichte des Tätowierens und deren Charme.«

Chris Weber

Motivisch bezieht er sich nicht nur auf das Fineline-Repertoire der 80er und frühen 90er Jahre, seine komplexen Kompositionen sind thematisch breiter angelegt. »Es gibt so viele Motive, die mich faszinieren, da reicht ein Leben leider nicht aus, um die alle umzusetzen. Im Grunde pushen mich da meine Kunden, die immer wieder was von morgen wollen. Ich hab aber schon immer meinen eigenen Kopf und spiele nicht bei jedem Trend mit. Zumindest was das Tätowieren angeht, kommt mir das mal zugute«, freut er sich. Dass Single-Needle-Tattooing der neue Mainstream wird, glaubt er nicht. »Die Technik ist anspruchsvoll und der Zeitaufwand ist wesentlich höher, aber es ist ein tolles Werkzeug.«

Mit feinem Linework und kräftigem Dotshading ist das düstere Todesmotiv umgesetzt.

Chris Weber
Tragic Kingdom
Bürgermeister-Fuchs-Straße 6
68169 Mannheim
christian-weber666.tumblr.com
IG: christian666weber
FB: christian.weber666
FB: tragickingdomtattoo

Jakub Settgast arbeitet seit Anfang des Jahres im Pechschwarz Tätowierungen in Berlin. Seit zwei Jahren pusht er den Fineline-Stil, Darüber hinaus sticht er Traditionals und Blackwork.

Jakub Settgast

Zur Person: Jakub Settgast (38) arbeitet seit Anfang des Jahres im Pechschwarz Tätowierungen in Berlin. Seit zwei Jahren pusht er den Fineline-Stil, Darüber hinaus sticht er Traditionals und Blackwork.

Bereits seit sechzehn Jahren tätowiert Jakub Settgast als Fulltime-Tätowierer. Durch Zuschauen bei einem Tätowierer in Polen (Bydgoszcz) fand er den Einstieg in den Beruf, der in London tätowierende Henry Martinez brachte ihm schließlich alles bei, auch das Fineline-Tattooing. Im Anschluss konzentrierte er sich ganz bewusst auf Traditionals, jetzt pusht er die Fineline.

Das Bikermotiv von Jakub Settgast ist ein Klassiker aus den 90er Jahren. Präzise stehen sie in der Haut, ein Eindruck, der durch die fehlende HIntergrundschattierung verstärkt wird.

Ich hab so viel Fineline tätowiert, dass mich die 90er ziemlich angekotzt haben und ich mich voll auf Western-Traditionals konzentriert habe.« Und jetzt hat sie ihn wieder eingeholt und Jakub ist einer derjenigen, der versucht, diesen Stil in Berlin wieder zu etablieren. »Mit Fineline-Tätowierungen hab ich jetzt noch eine Art Alleinstellungsmerkmal und alles steht noch am Anfang. Niemand weiß, wie sich das entwickeln wird, aber ich sehe da ein großes Potential.« Als Referenz sieht er international einige Kollegen, die mit diesem Stil vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten für ganz unterschiedliche Klienten realisieren. »In Neuseeland arbeitet Spider Sinclair, der eher punkige und bikermäßige Tätowierungen sticht. Der US-Amerikaner Scott Campbell mischt die unterschiedlichen Techniken und bedient die Kunstszene in New York, Ben Grillo macht die kleinen Mini-Porträts und Oliver Macintosh schattiert so weich, als wären die Schattierungen konventionell mit großen Nadelbündeln gestochen. Mit der Fineline können ganz unterschiedliche Kundenwünsche verwirklicht werden, sie eignet sich auch für eher künsterisch-experimentelle Projekte«, ist er überzeugt. 

Durch die Reduktion und überraschende Perspektive wirkt das Porträt sehr modern und stylish, die fein ausgearbeitete Rosen-Schlangenkombination hingegen sehr edel. Tattoo von Jakub Settgast.

Jakub verwendet ganz bewusst den Ausdruck Fineline, ob die Tätowierung mit einer Einer, Dreier oder Fünfer gestochen wird, spielt für die klare Wirkung der Tätowierungen keine Rolle, denn »wir befinden uns ja in keinem Wettbewerb, wer die feineren Linien sticht.« Vor allem kleinere Tattoos eignen sich in seinen Augen besonders dafür, sie bleiben sehr scharf und haben eine starke Präsenz in der Haut. »Aber auch größere Sachen kann man natürlich in der Fineline-Technik stechen. Wir machen hier ja im Vergleich zu Los Angeles noch baby steps. Wohin das alles geht, ist schon spannend.« 

Jakub Settgast

Bei seinen Vorlagen-Sheets zeigt er bevorzugt Klassiker aus den 90er Jahren, etwa Sensenmann, Spinnen, böse Bikertanten, Skorpione und Rosen. »Ich hab wirklich viele Kunden, die aus der Bikerszene kommen, und das auch sehr authentisch leben; die feiern die Sachen ab. Darüber hinaus sehe ich aber auch, dass die Ästhetik der Fineline-Tattoos Leute anspricht, die nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten für innovative Konzepte suchen.«

Jakub Settgast
Pechschwarz Tätowierungen
Kreuzbergstraße 9
10965 Berlin
www.jakubsettgast.com
FB: settgast 
IG: jakubsettgast

Mica One aus dem »2K Tattoo Company« in Ravensburger kam vor vier Jahren ins Studio. Ursprünglich war er auf Traditionals spezialisiert, ist mittlerweile aber auf Black-and-Grey eingeschworen.

Mica One

Zur Person: Mica One (41) aus dem »2K Tattoo Company« in Ravensburger kam vor vier Jahren ins Studio. Ursprünglich war er auf Traditionals spezialisiert, ist mittlerweile aber auf Black-and-Grey eingeschworen.

Mit dem Fineline-Stil ist Mica One aufgewachsen. Aus seiner Jugendzeit kennt er noch die klassischen Tattoomotive aus den 80er und 90er Jahren, damals, als dieser Stil in Deutschland sehr populär war. Wenn es passt, nutzt er gerne die Single-Needle-Technik sowohl für Linien als auch für die Schattierungen.

Mica One
Schaut man sich die von Mica One gezeichneten Flashes an, ist das wie eine Zeitreise in die 80er und 90er Jahre: eine Rosen-Tribal-Kombination, eine Burg, der legendäre Skorpion. Tattoomotive, deren Wiederentdeckung und Verbreitung bis vor drei Jahren keiner für möglich gehalten hat. »Eigentlich habe ich anfangs bevorzugt Traditionals gestochen, aber als ich dann bei Toke im Studio war, wurde von den Kunden eigentlich nur Black-and-Grey nachgefragt, denn dafür ist das Studio bekannt. Also hab ich mit Black-and-Grey experimentiert und dadurch auch mit der Fineline-Technik.« 

Mica One
Mit den entsprechenden Motiven und der Umsetzung  ist Mica aufgewachsen und das hat ihn wohl geprägt, obwohl er sich am Anfang seiner Arbeit als Tätowierer auf Traditionals spezialisiert hatte. »Der Look gefällt mir einfach. Sicherlich spielt dabei auch eine Rolle, dass die Traditionals immer fetter und schwärzer wurden. Irgendwann fing ich an, die Linien auch mit der Single-Needle und mit Dreier und Fünfer zu ziehen. Die Tattoos bekommen durch die Arbeit mit einer oder kleinen Nadelkombinationen einen ganz anderen Ausdruck, sie wirken sehr fein und das Motiv sehr präzise auf der Haut.« 

Die richtige Technik ist wichtig, die Arbeiten von Könnern wie Jack Rudy haben Mica überzeugt, dass diese Art von Tätowierungen auch nach zwanzig Jahren noch gut aussehen können. »Im Gegensatz zu Tokes Arbeiten sind meine Sachen näher am Gefängnis-Style. Toke arbeitet den Hintergrund stärker aus, während ich auf freistehende Motive stehe.« 

Mica One
Passen muss es natürlich für das Motiv, zu groß sollte das Tattoo auch nicht sein und dem Kunden muss es natürlich auch noch gefallen – noch sind die Sehgewohnheiten, wie ein Tattoo auszusehen hat, stärker am Traditional orientiert. Auch Hintergründe für größere Tätowierungen sind mit dieser Technik nur sehr eingeschränkt zu machen. »Das dauert einfach zu lange. Aus meiner Erfahrung heraus empfinden die Leute jedoch das Tätowiertwerden selbst als weniger schmerzhaft.« 

Trotz der wohl hautschonenderen Tätowiertechnik ist es bei bestimmten Designs auch einfach geboten, mit größeren Nadelkombinationen zu arbeiten. »Es macht wenig Sinn, schwarze Flächen mit ’ner einzigen Nadel auszufüllen. Aber auch die Kombination aus schwarzen Flächen mit feinen Details sieht ja sehr reizvoll aus. Überhaupt haben die Schattierungen eine ganz andere Struktur, als wenn sie mit einem Siebener-Liner gemacht werden. Die feinen Pünktchen lassen Oberflächen ganz anders wirken.« Noch ist es der kleinere Teil der Kundschaft, der bewusst Single-Needle-Tätowierungen nachfragt. »Ich denke, dass Fineline-Tätowierungen schon wieder ihre Anhänger finden, allerdings eher die ganz kleinen Micro-Tattoos à la Dr. Woo und nicht so sehr das 80er- und 90er-Jahre-Zeug. Viele Mädels fragen nach so ganz kleinen Motiven, aber der 80er-Biker- oder Cholo-Style wird wohl eher was für eine kleine Szene bleiben, da der Look den meisten zu hart ist.«

Mica One

Mica One
2K Tattoo Company
Deisenfangstraße 47
88212 Ravensburg
Tel.: 0751-97786701
IG: mica_one
FB: 2k.tattoo
www.2ktattoo.com

Text: Heide
Bilder: Mica One, Chris Weber, Jakub Settgast

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:23 October 2017 02:33:59/t%C3%A4towierer/drei+zu+ein+fineline+taetowierungen_177.html