Szeneshop-Angebote
21.07.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Caco Menegaz, Annegret Hirschmann
Alle Bilder »

Dotwork-Tattoos als Mantra


»Tätowieren hat mein Leben gerettet« – der Brasilianer Caco Menegaz über die Perfektion von Mandala-Motiven, konzentrationsfördernde Dotwork-Technik und die Gabe, Menschen durch Tattoos glücklich zu machen.


Einen Unterschied im Leben eines anderen machen. Für Caco Menegaz aus Brasilien ist das die größte Gabe des Tätowierens. Vor rund sechs Jahren hat die Kunst Cacos Leben verändert, ja, sogar gerettet. Heute hat der Tätowierer viele Möglichkeiten, kann die ganze Welt bereisen und für sich und seine Familie sorgen. Das sah vor einigen Jahren noch ganz anders aus: Ein früher Auszug aus dem Elternhaus, Jobs als Tellerwäscher und Kellner, Jugendkriminalität und leere Taschen bestimmten das Leben des jungen Caco. Als er davon erzählt, dass viele seiner damaligen Weggefährten heute im Gefängnis sitzen oder bereits tot sind und keine fünfundzwanzig Jahre alt wurden, legt sich für einen kurzen Moment ein Schleier über seine warmherzigen, dunkelbraunen Augen. »Erschossen im Streit mit der Polizei oder im Drogenrausch dahingerafft. Ich bin sicher, ich würde heute auch im Knast sitzen oder wäre gar nicht mehr am Leben, wenn ich nicht die Kunst und das Tätowieren für mich entdeckt hätte«, sagt Caco so überzeugend, dass kein Raum für Zweifel bleibt.

Caco tätowiert neben kleineren, feinen Mandalas auch gerne brachialere Konzepte. An so manchem davon hat er schon auf mehreren Kontinenten gearbeitet, etwa in Nepal begonnen und in Berlin weitergearbeitet.

Ein Glück hatte Caco schon immer ein Händchen fürs Malen. So kamen schon früh die Kumpel zu ihm, wenn sie Vorlagen brauchten, mit denen sie zum örtlichen Tätowierer gehen konnten. »Irgendwann fragten sie mich natürlich ›Hey, wieso fängst du nicht selbst an zu tätowieren?‹ Und ich dachte mir, wieso eigentlich nicht? Ich habe selbst Tattoos, male schon lange Vorlagen für meine Freunde, also fing ich an, mich mit der Materie vertraut zu machen.«
Bei einem älteren Tätowierer in seiner Heimatstadt Curitiba fragte er nach einer Ausbildungsmöglichkeit und begann, tagsüber dort umsonst zu arbeiten. Am Abend warteten Schichten in der Bar auf ihn, die bis tief in die Nacht andauerten. Das ging anderthalb Jahre jeden Tag so. Eine harte Zeit. Als Caco Fortschritte machte, hängte er die Gastrojobs an den Nagel und begann sich ganz dem Tattoobusiness zu widmen. Das ist nun fünf Jahre her.

Die Geometrie, die niemals endet, fasziniert Caco besonders bei den Mandalas. Die Muster scheinen unendlich erweiterbar. »Das verleiht dem Motiv Power und Energie«, so der Tätowierer.

Bis Caco aber seinen persönlichen Stil festigen konnte, dauerte es zunächst. Bei seiner ersten Station arbeitete man auf »die alte Tour«. »Das war gut für mich, um die Basics zu lernen. Wie mache ich meinen Arbeitsplatz anständig sauber, wie setze ich die Maschine zusammen und so weiter. Aber meinen Weg musste ich dann alleine gehen.« Damals gab es dort in Brasilien niemand anderen, der im Dotwork-Stil tätowierte. Von Cacos Chef gab es dafür auch wenig Verständnis: »Das Zeug ist scheiße, niemand wird dich dafür bezahlen. Wenn du hier weiter arbeiten willst, musst du Letterings und Oldschool machen«, sagte er ihm unverhohlen. Für Caco bedeutete das, sie müssen getrennte Wege gehen.

Hinduismus öffnet Tor zu einer neuen Welt


Als Caco den Hinduismus für sich entdeckte und auch mit Hare Krishna in Berührung kam, begann er mehr über Mandalas und ihre Tradition zu lernen. »Eines Tages zeigte mir ein Freund die Arbeiten von Tomas Tomas und sagte ›Hey, schau mal! Der tätowiert auch Mandalas, die du so magst, aber im Dotwork-Stil.‹ Für mich war das damals völlig neu«, erinnert sich Caco.
Tomas Tomas’ Stil faszinierte ihn so sehr, dass klar wurde, für Caco wird eine neue Zeit beginnen. Der Brasilianer, der mit vierzehn von zu Hause auszog, teilte sein Appartement mit vier anderen Kerlen, die wie er versuchten, sich über Wasser zu halten. In dem einzig freien Zimmer der WG richtete sich Caco ein kleines Studio ein. Sein erstes eigenes Tattoostudio. Eine Liege, ein Tisch, ein Stuhl und ein bisschen Kunst an den Wänden – mehr brauchte es vorerst nicht. »Ich tätowierte anfangs vor allem meine Freunde, gab viele Tattoos umsonst raus, denn es kannte niemand mein neues Zeug und ich musste es ja irgendwie mal zeigen.« Und auch üben, wie Caco zugibt. Dotwork-Tätowieren musste er sich selbst beibringen, also fragte er einige Kunden, ob er es denn auf ihnen ausprobieren dürfe. »Nur ein kleines Symbol, wir können es auch schwarz covern, wenn ich versage.« Heute würde wohl kein Kunde im Traum daran denken, eines von Cacos Tattoos zu covern. Der Tätowierer ist mittlerweile über die brasilianische Landesgrenze hinaus bekannt und gefragt. Doch bis dahin war es ein harter Weg.

Caco tätowiert neben kleineren, feinen Mandalas auch gerne brachialere Konzepte. An so manchem davon hat er schon auf mehreren Kontinenten gearbeitet, etwa in Nepal begonnen und in Berlin weitergearbeitet.

Eine erste Wendung kam, als ein befreundeter Tätowieren fragte, ob Caco mit einsteigen wolle. »Also investierte ich Geld, half den Shop zu verschönern und machte mit meinem Kumpel gemeinsame Sache.« Doch hier prallten zwei Gegensätze aufeinander. »Der Tätowierer und seine Frau sind Menschen, die kein Abenteuer wagen wollen und sich nur in ihrer Komfortzone wirklich gut und sicher fühlen. Diese verlassen sie dann eben auch nicht. Ich war anders. Ich studierte neue Trends, allen voran Dotwork und Mandala. Wir hatten nicht den gleichen Flow, würde ich sagen.« Nach einem Jahr sagte Caco seinem Partner, dass er gehen wird.
Eine dritte Station folgte. Caco, der heute durch die Weltgeschichte bummelt, hat bis hierhin Brasilien noch nie verlassen. »Klar hatte ich Träume. Ich wollte andere Länder bereisen und was von der Welt sehen. Aber ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich das anstellen sollte. Ich hatte doch niemals das Geld dafür.«

Caco tätowiert neben kleineren, feinen Mandalas auch gerne brachialere Konzepte. An so manchem davon hat er schon auf mehreren Kontinenten gearbeitet, etwa in Nepal begonnen und in Berlin weitergearbeitet.

Zunächst sah es so aus, als würde Caco bald Europa besuchen können. Sein neuer Chef schwärmte von Portugal und bot ihm an, ihn bei einem künftigen Trip mitzunehmen. Caco nahm diese Chance sehr ernst und sparte ein Jahr lang all sein Geld. Einen Monat vor Abflug sagt das Paar den Europatrip ab. Caco, der online bereits Termine angenommen hatte, war ratlos. »Was soll ich nur tun? Ich kann nicht mal Englisch«, dachte sich Caco für einen kurzen Moment. Doch die Ratlosigkeit war schnell verdrängt. »Ich dachte mir, ich werde es einfach wagen. Genügend Geld gespart und Zeit freigeschaufelt hatte ich ja.«
Auf Facebook postete Caco in diversen Gruppen einen Aufruf und suchte nach Guestspot-Möglichkeiten. Da ahnte er noch nicht, wie das sein Leben verändern würde. Und auch nicht, dass so seine Beziehung zu Deutschland beginnen würde und damit ein wichtiger Grundstein für seine internationale Tattookarriere gelegt war.

Heidelberg veränderte alles


Nicolai Toth, der Studioinhaber von Anarchist Tattoo Collective aus Heidelberg, las Cacos Aufruf und lud ihn nach Heidelberg zum Tätowieren ein. »Ich habe zuvor noch nie von Heidelberg gehört, aber ich checkte es auf Google und dachte mir nur ›Oh, wow, das sieht aber wirklich nett aus!‹« Vor drei Jahren besuchte Caco dann das erste Mal Europa, darunter auch Deutschland. Er machte sich wegen seiner fehlenden Englischkenntnis nicht die größten Sorgen, sondern sagte sich, sein Spanisch würde es schon richten. So machte sich der junge Brasilianer auf den Weg zu einem neuen Kontinent. Was sollte schon schiefgehen?

Die Geometrie, die niemals endet, fasziniert Caco besonders bei den Mandalas. Die Muster scheinen unendlich erweiterbar. »Das verleiht dem Motiv Power und Energie«, so der Tätowierer.

»Doch dann kam ich nach Amsterdam. Und hier wurde es dann gleich mal so richtig schwierig. Es gab in der ganzen Stadt kein freies Zimmer für mich – es war meine erste Reise, ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, wie beliebt Amsterdam im Sommer ist und dass ich ein paar Tage eher hätte buchen müssen!«, erzählt Caco. Seine Stimme klingt jetzt aufgeregter. Er erzählt von seiner ersten Nacht in Amsterdam, in der er zunächst bis 1 Uhr nachts im Bulldog Coffeeshop rumlungerte, bis die zumachten und ihn rauswarfen und er dann notgedrungen unter freiem Himmel im Vondelpark übernachten musste. Immerhin sah er so gleich zwei Adressen, die auch jeder Tourist mit Hotelreservierung höchstwahrscheinlich angesteuert hätte.
Wenn man Caco fragt, welche Station sein Leben veränderte, sagt er ohne zu zögern »Heidelberg«. Hier lernte er Englisch – ein unerlässliches Tool, um als Künstler selbständig weltweit arbeiten zu können. »Und außerdem nahm man mich hier wirklich als Künstler wahr. Das tat gut. In meiner Heimat in Brasilien bist du als Tätowierer ein Handwerker wie jeder andere auch, die Beachtung fällt gering aus. Der Respekt kam erst, als ich nach vier Monaten aus Europa zurückkehrte.«
Als Caco sich dem Hinduismus zuwandte und mehr über »Sacred Geometry«, also heilige Geometrie, lernte, begriff er die Kraft und die Bedeutung, die bestimmte Muster und Formen haben können. So begann für ihn die Faszination an Mandala-Motiven zu wachsen. »Beim Mandala geht es darum, Energie zu empfangen und auch zu geben. Die Power, die ein Mandala haben kann, ist beeindruckend. Eine perfekte Geometrie, die niemals endet.«

Dotwork-Tattoos haben Caco geerdet


Caco strahlt heute eine unglaubliche Ruhe aus, etwa wenn er stundenlang kerzengerade im Schneidersitz sitzt, wo anderen bereits die Beine bitzeln und das Steißbein schmerzen würde, oder wenn er auf überfüllten Conventions in andächtiger Stille seine Kunden tätowiert. Doch das war nicht immer so. »Ich hatte früher schlimme Probleme mit Aufmerksamkeitsdefiziten. Es fiel mir schwer, mich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Das Dotwork und die Mandalas brachten mich wieder auf Spur.« Diese Technik half Caco sich endlich besser auf seine Arbeit konzentrieren zu können. »Es ist wie ein Mantra für mich … Dot, Dot, Dot«, flüstert er mit geschlossenen Augen. »Die Mandalas haben mit ihrer Energie mein Leben verändert. Seit dieser Erkenntnis habe ich entschieden, nur noch auf diese Weise zu arbeiten: Sacred Geometry, Dotwork, gleichmäßige Muster. Das bringt einfach eine unglaublich gute Energie. Es ist außerdem immer wieder unbeschreiblich, wie sich die Kunden nach einer Session fühlen – man könnte fast sagen, sie fühlen sich gesegnet.«

Die Geometrie, die niemals endet, fasziniert Caco besonders bei den Mandalas. Die Muster scheinen unendlich erweiterbar. »Das verleiht dem Motiv Power und Energie«, so der Tätowierer.

Um zu erfahren, ob ein Mandala stärker oder zarter angelegt werden muss, sodass es dem Flow des Trägers folgen kann, spricht Caco zunächst mit seinem Kunden – und fühlt sich in ihn hinein. »So ist es mir auch noch nie passiert, dass ich etwas für jemanden malte und dieser sagte: ›Oh, das sagt nun aber so gar nichts für mich aus‹. Die meisten sind geflasht.« Caco erklärt es sich so: »Ich übersetze die Kunst nur. Die Menschen tragen sie bereits in sich drin. Ich spüre sie und bringe sie zu Papier.« Das Wohlbefinden der Menschen mit seiner Kunst wirklich beeinflussen zu können, ist für Caco eine besondere Gabe, hat etwas Magisches.
Caco hat in seiner Heimat Curitiba sein eigenes kleines Studio Good Karma Tatuaria. Doch zu Hause und willkommen ist er heute in zahlreichen Tattoostudios weltweit. Der Tätowierer mit der spirituellen Ader hat heute fast 40 000 Follower auf Instagram und macht regelmäßig Guestspots in Deutschland, Spanien und sogar Nepal.

Kontakt:
Caco Menegaz
Good Karma Tatuaria
Curitiba, Brasilien
www.cacomenegaz.com
FB: goodkarmatatuaria
IG: cacobilltattoo





 

Text: Jula Reichard
Bilder: Caco Menegaz, Annegret Hirschmann

Kommentare zum Artikel





Aktuell am Kiosk: TätowierMagazin 10/17

Artikel aus der Ausgabe: 10/17

Dead Fish Art Project
Dead Fish Art Project
Drei zu eins: Ignorant-Style
Drei zu eins: Ignorant-Style
Von Elfenohren und anderen Körperidealen
Von Elfenohren und anderen Körperidealen
Tattoo-Party am Millerntor
Tattoo-Party am Millerntor
Realistic-Tattoos von Naktata aus Neuss
Realistic-Tattoos von Naktata aus Neuss
The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt
The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt

Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

Weitere, relevante Artikel
  • Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

    Ständig wechselnde Top-Tätowierer arbeiten regelmäßig im Studio Eisenherz und haben es über die Grenzen Magdeburgs hinaus bekannt gemacht. Aber schon die Stammtätowierer Voller Kontrast, Aleksy Marcinow und Nachwuchstätowierer Äxel lohnen den Besuch der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts.

  • Mandala-Tattoos: Mehr als nur kreisförmige Ornamente

    Mandala-Tätowierungen haben das Potential zu einem Stilklassiker zu werden. Sie sind zeitlos, vielfältig wandelbar und sowohl für Frauen als auch für Männer geeignet. Wir stellen drei Tätowierer vor, die sich auf diese Tattoomotive spezialisiert haben und erklären, welche stilistischen Möglichkeiten es gibt auf welche technischen und ästhetischen Prinzipien Tätowierkunden achten sollten, die eine Mandala-Tattoo tragen möchten.

  • So wird das Tattoo-Jahr 2015

    Ein Ausblick auf das Tattoo-Jahr 2015: Welche Tattoo-Stile und Motive beherrschen die Szene, welche Entwicklungen kommen und welche Erwartungen Hoffnungen verbinden Tätowierer und Szene-Kenner mit dem Jahr 2015.

  • Zum Abheben schön: Tattoo-Motive aus der Geschichte des Fliegens

    Die Geschichte des Fliegens ist die Geschichte eines Traums. Mit dem Fesselballon, dem Luftschiff oder Flugzeug abheben und weit über allem Irdischen schweben, der Inbegriff der Freiheit: Tattoo-Motive zum Abheben.

  • Die Illusion des Wirklichen

    Lukasz Sokolowski ist kein Tätowierer, der einen eigenen Stil entwickelte; vielmehr kann man ihn als Künstler ansehen, der im Tätowieren das für ihn optimale Medium gefunden hat.

  • Zwischen den Welten

    Jessi Manchester lebt zwischen den Welten: Nicht nur, dass die Wahlhamburgerin in den USA geboren wurde und zwei Nationalitäten besitzt, sondern sie pendelt auch stilistisch zwischen Realistic und Asia-Ornamentic.

  • Eine Linie und drei Punkte – Tätowierer Mo Ganji

    Der Deutsch-Iraner Mo Ganji tätowiert Single-Line-Tätowierungen. Die radikale Reduktion ist dabei nicht nur sein künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern auch Lebenskonzept.

  • Mit dem Titel zum Erfolg: Tattoo Starlet Annitotheka

    Die schöne Recklinghauserin Annitotheka ist zum TATTOO STARLET 2016 gewählt worden. Mit dem TätowierMagazin spricht sie ein paar Wochen nach ihrer Kür über zahlreicher werdende Fotografenanfragen, Shootings als spannenden Ausgleich zum Alltag und üppige Tattoopläne zwischen Oldschool, Dotwork und Mandala.


Stand:23 October 2017 18:48:57/t%C3%A4towierer/dotwork-tattoos+als+mantra_177.html