Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo

18.12.2015  |  Text: Travelingmic, Assistenz und Übersetzung: Sana Sakura  |   Bilder: Horikyo und Travelingmic
Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo
Die verborgene Welt der Japan-Tattoos – Tätowierer Horikyo
Alle Bilder »
Horikyo aus dem Tokioter Stadtteil Shinjuku ist ein traditioneller Tätowierer in Japan, der sich modernen Zeiten nicht verschließt. Durch sein Können, einen sympathischen Humor und selbstsicheres Auftreten genießt der 66-jährige Künstler die Hochachtung der Tattooszene
Unter den japanischen Tattoomeistern ist er die Graue Eminenz: Horikyo setzt sich selbst nicht in Szene, aber seine Präsenz ist allgegenwärtig. Seine Fähigkeiten sind unbestritten und als Person wird er respektiert wie kaum jemand sonst in dieser schwer durchschaubaren japanischen Tattoowelt. Der ehemalige Schüler des legendären Horishige aus Osaka praktiziert die hohe Kunst der Tebori-Handtätowierung seit Jahrzehnten in seinem Atelier im Herzen von Tokio, wo er mit stets makellosem Auftritt die Ehre der Tattootradition hoch hält.    Shinjuku, die heutige Touristenmeile von Tokio, sah 1975 noch ganz anders aus als heute: Egal ob in den hell erleuchteten Karaoke-Tempeln inmitten endloser Häuserschluchten oder in einer winzigen Stehbar im anrüchigen Viertel Kabukicho – die Unterwelt traf sich hier mit den hohen Herren aus Business und Politik. Begleitet von dienstfertigen Damen wurde getrunken, gesungen, gefeiert und nebenbei die Wirtschaft Japans nicht nur kräftig angekurbelt, sondern auch gelenkt und bestimmt. Wichtige Deals wurden unter dem Tisch ausgehandelt und Geld spielte keine große Rolle. Man verdiente es irgendwie reichlich und gab es wieder mit vollen Händen aus.

Ein Paradebeispiel für eine japanische Ganzkörpertätowierung.
 
Es waren die goldenen Zeiten des aufstrebenden Japans, die sogenannte Bubble Time, und damit auch die beste Ära der Yakuza, der japanischen Mafia. Und mittendrin in diesem Universum der Macht war oft auch ein Künstler zu finden, ein Tätowierer, wie ihn Tokio in seiner Geschichte nur selten gesehen hat: Horikyo!

Shinjuku – Sin City in Tokio

Heute, 40 Jahre später, präsentiert sich Shinjuku komplett ausgewechselt: Die Karaoke-Bars und Bierkneipen gibt es zwar immer noch, aber ondulierte Schlepper versuchen eher verzweifelt Kunden zu locken. Die einst überfließenden Budgets der Spesenritter sind ausgetrocknet, die Business-Tycoone und Yakuza haben sich in ihre Bürotürme zurückgezogen. Das Bild in den Straßen hat sich verändert: Unzählige Touristen aus den asiatischen Tiger-Nationen strömen vorbei, shoppen ohne Unterlass und sinken abends erschöpft in die Hotelbetten.  

Der sonst stets elegant gekleidete Horikyo geht heute nicht mehr so gerne im schicken Anzug und mit getönter Brille aus. Seine ehemaligen Verbindungen zur Unterwelt spielen jetzt keine große Rolle mehr und er zieht es vor, in seiner Nachbarschaft nicht mehr als ein Teil von ihr gesehen werden, denn die Vorurteile sitzen tief: Tätowierungen und Yakuza werden immer noch miteinander gleichgesetzt, obwohl das so schon lange nicht mehr stimmt. Dennoch haben es sichtbar tätowierte Menschen im Alltag immer noch schwer. Auch sind viele Tattooshops mittlerweile geschlossen, die Szene in Tokio findet wieder hauptsächlich im Untergrund statt. Die Künstler lecken zuhause ihre Wunden oder denken an Auswanderung.

Horikyos berühmte Kirschblüten auf Brust, Bauch und Beinen.

Horikyo – Künstler und Respektsperson

Horikyo ficht das nicht an: Er kann sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen, und selbst mancher Tattoofan aus dem Ausland findet den Weg in das private Atelier in Shinjuku. Im Gegensatz zu anderen Veteranen der Szene ist er offen gegenüber der Veränderung und weiß sich anzupassen.  
Man sieht ihm seine 66 Jahre nicht an: Hochgewachsen, aufrecht und mit einer attraktiven Frau an der Seite führt er die Gäste in eines seiner Lieblingsrestaurants, um dort aus seinem bewegten Leben zu erzählen: Fast fünfzig Jahre lang ist Horikyo ein Teil der mehr als zwei Jahrhunderte währenden Tradition der Tebori-Tätowierer, ein Mitglied einer der angesehensten Familien.
Zur Ruhe setzen will sich Herr Yoneda, so sein richtiger Name, noch lange nicht. Das stellt er gleich zu Anfang klar: »Ich werde bis zum letzten Atemzug tätowieren«, statuiert er mit entschlossener Stimme, um dann mit einem verschmitzten Lächeln zu relativieren: »Außer meine Kunden beschweren sich zu sehr … Obwohl, das wäre mir auch egal, ich höre einfach nie auf!«

In Ausnahmefällen wird der typische Hintergrund auch weggelassen.

Es ist dieser Humor, der eine Begegnung mit Horikyo unvergleichlich macht. Sein Lachen und der Spaß am Leben machen es fast vergessen, dass sein Weg nicht immer gerade verlief: »Ich war ein böser Junge, fasziniert von der Welt der Yakuza. Mit achtzehn lernte ich zuerst beim Meister Horiken, aber ich brachte die nötige Geduld nicht auf. Obwohl ich das Tätowieren schon immer liebte, wurde ich erstmal ein kleiner Gangster. Dann wurde meine Gruppe aufgelöst und ich schlug mich als Arbeiter durch, der immer mal wieder ein krummes Ding für die großen Jungs drehte.«

Aus der Unterwelt in den Tattoo-Olymp

Es waren glückliche Zufälle, die den Jungen wieder auf den rechten Pfad brachten. Der legendäre Horishige nahm ihn als Lehrling, obwohl Horikyo davor schon eine Tätowierlehre abgebrochen hatte. Eigentlich ein Tabubruch in dieser äußerst konservativen Tradition. Doch mit Entschlossenheit setzte er sich am Ende durch. Er hatte seine Berufung gefunden und war bereit, dafür alles zu geben.  

Das traditionelle japanische Chest-Piece.

Der hoch verehrte Meister Horishige starb mit nur 43 Jahren, schaffte es aber vorher noch, seinen Schüler in die Welt der japanischen Handtätowierer zu entlassen.
Es war keine große Feierlichkeit gewesen: Der Schüler war mal wieder auf Reisen geschickt worden, um einige Yakuza-Mitglieder außerhalb von Osaka zu tätowieren, als ihn der Meister fragte, was er vom Namen »Horikyo« hielte?
Was sollte er da sagen? Glücklich war er und dankbar, obwohl er es nicht immer leicht bei ihm hatte. Oft weilte er eine oder zwei Wochen an einem Ort, tätowierte den ganzen Tag und die halbe Nacht Yakuza-Gangster, dann wurde er weitergeschickt. Das Geld stimmte, Spaß und Mädchen gab es zuhauf, aber das Leben war unstet und oft ungemütlich und einsam.
Nach dem frühen Tode des Meisters suchte Horikyo nach einem passenden Ort für die Selbständigkeit und gelangte über die Hafenstadt Kawasaki nach Shinjuku in Tokio, wo er sich endlich eigenständig Respekt und Anerkennung verdienen konnte. 

Charisma und Können, die perfekte Kombination

Denn im Endeffekt ist es neben dem Charisma, das dieser Mann ausstrahlt, vor allem das echte Können, das Horikyo als einen der ganz Großen auszeichnet: Die Gradierungen seiner sanften grauen Schattierungen sind unübertroffen und ergießen sich wie Milch über die Haut seiner glücklichen Kunden. Über geschickte Kontraste verstand er es schon immer, Hintergrund und die meist schlicht gehaltenen, aber hervorragend gezeichneten Hauptmotive in perfekter Harmonie erstrahlen zu lassen.

In Ausnahmefällen wird der typische Hintergrund auch weggelassen.
 
Obwohl er keine Probleme damit hat, auch die Hilfe von Maschinen und modernen Stencils in Anspruch zu nehmen, schattiert er natürlich von Hand; der wohl schonendsten und perfektesten Methode zu tätowieren. Er liebt die Schlichtheit und klare Linien, arbeitet mit unglaublicher Sättigung in der Haut, verkünstelt sich nicht in Einzelheiten und trifft gerade deshalb den Bewunderer mitten ins Herz.
 
Offen spricht er über das perfekte Tattoo: »Als Handwerker brauche ich auch den passenden Kunden. Wenn der dauernd rumzappelt und sich beschwert, dann muss ich mich beeilen und das Ergebnis wird entsprechend. Aber glücklicherweise sind sie bei mir meist anders: Sie lassen sich fallen und überlassen sich mir komplett, werden zum Objekt. Dann habe ich die vollkommene Freiheit, mein hart erarbeitetes Können voll auszuspielen. Die Perfektion und Schönheit belohnen dann die Stärke des Kunden.«
 Wenn man Horikyo nach dem wahren Geheimnis der Tebori-Tattoos befragt, zitiert er gerne wieder seinen eigenen Meister Horishige: »Du darfst nie an die Stelle zurückkehren, die du schon einmal tätowiert hast. Ein Profi macht keine Fehler beim Tätowieren!«  

Horikyos Lehrer, dem legendären Tätowiermeister Horishige.

Das traditionelle Chestpiece
Sakura, die Kirschblüte, ist das Markenzeichen und Lieblingsmotiv von Horikyo. Für ihn ist sie zugleich die Basis und das Prinzip der japanischen Tätowierung: Sie symbolisiert die Vergänglichkeit der Schönheit, denn der menschliche Körper (und damit das Tattoo) schwindet so schnell dahin, wie die nur wenige Tage dauernde Blütenpracht.
Außerdem war die Sakura, wie auch Päonien und Drachen, eines der ursprünglichen Motive im Horimono, also der Tätowierung von eher klassisch-japanischen Motive.
Horikyo sagt: »Sie stellen die Seele der japanischen Tätowierung dar, und ohne sie zu eeherrschen, sollte man gar nicht erst weiterblicken. Die Kunden wollen von mir Kirschblüten haben, und ich liebe es, sie zu tätowieren. Ich kombiniere sie mit reinen Hintergrundmotiven, wie Wolken oder Wasser; so kommen sie perfekt zur Geltung. Hinter der vordergründigen Simplizität eines Motives verbirgt sich die größte Schwierigkeit: Je einfacher es erscheint, desto schwieriger ist es, die Perfektion zu erreichen.«

 Sakura – die Kirschblüte

Sakura, die Kirschblüte, ist das Markenzeichen und Lieblingsmotiv von Horikyo. Für ihn ist sie zugleich die Basis und das Prinzip der japanischen Tätowierung: Sie symbolisiert die Vergänglichkeit der Schönheit, denn der menschliche Körper (und damit das Tattoo) schwindet so schnell dahin, wie die nur wenige Tage dauernde Blütenpracht.
Außerdem war die Sakura, wie auch Päonien und Drachen, eines der ursprünglichen Motive im Horimono, also der Tätowierung von eher klassisch-japanischen Motive.
Horikyo sagt: »Sie stellen die Seele der japanischen Tätowierung dar, und ohne sie zu eeherrschen, sollte man gar nicht erst weiterblicken. Die Kunden wollen von mir Kirschblüten haben, und ich liebe es, sie zu tätowieren. Ich kombiniere sie mit reinen Hintergrundmotiven, wie Wolken oder Wasser; so kommen sie perfekt zur Geltung. Hinter der vordergründigen Simplizität eines Motives verbirgt sich die größte Schwierigkeit: Je einfacher es erscheint, desto schwieriger ist es, die Perfektion zu erreichen.«


Horikyo
Shinjuku, Tokio
www.horikyo.com
second.hand1023@gmail.com

 
Szeneshop-Angebote
The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt

The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt

 

Zwanzig Jahre Liebe und Leidenschaft: Das Studio »The Sinner and the Saint« von Andreas Coenen feiert am 1. November sein zwanzigjähriges Bestehen. Wie…

The Beautiful Struggle – Tätowierer Millo

The Beautiful Struggle – Tätowierer Millo

 

Längst im ganzen Land für seine preisgekrönten Neo-Traditionals bekannt, führt der 39-jährige Millo aus Ramstein weiterhin einen Kampf mit seinem Kuns…

Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

 

Ständig wechselnde Top-Tätowierer arbeiten regelmäßig im Studio Eisenherz und haben es über die Grenzen Magdeburgs hinaus bekannt gemacht. Aber schon die…

Körperkonzepte

Körperkonzepte

 

Tätowierungen trägt man auf dem Körper – ist ja klar. Wie aber Tattoos und menschliche Anatomie zusammenwirken können, darüber gibt es unterschiedliche…

Neo-Naga

Neo-Naga

 

In Indiens Nordosten entsteht ein neuer Tattoostil: Neo-Naga verbindet die Symbolik fast vergessener Stammestätowierungen mit moderner Hautkunst. Begründer…

Keine Porno-Tattoos, sondern Shunga!

Keine Porno-Tattoos, sondern Shunga!

 

Tattoos mit sexuellen Anspielungen sind keine Erfindung unserer mehr oder weniger aufgeklärten Gesellschaft. Schon vor über dreihundert Jahren haben die…

Neon Judas

Neon Judas

 

Dunkel, beklemmend, beinahe paranoid erscheinen die Tattoos von David Rinklin auf den ersten Blick. Bizarr, brillant beobachtet und offen für Interpretation…

Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie

Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie

 

Noch ’ne Convention? Warum nicht, wenn sie gut ist! Die 1. Kaiserstadt Tattoo Expo brachte die ganz große Tattoowelt ins beschauliche Aachen.

Japans tätowierte Seele

Japans tätowierte Seele

 

Sein erster Bildband »Ransho« (»Skulpturen in Indigo«) war ein Meilenstein der Tattoofotografie aus Japan. 30 Jahre später legt der Fotograf Masato Sudo…

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

 

Ein Tätowierer mit rumänischen Wurzeln, einem spanischen Herzen und einer unkontrollierbaren Leidenschaft für Japan. So soll er sein, der perfekte Tätowierer,…

Willkommen im Congoland

Willkommen im Congoland

 

Der Belgier Piet du Congo kreiert Tätowierungen, die auf den ersten Blick brutal, chaotisch und fremdartig wirken und sicher nicht jedermanns Geschmack…

Drei zu eins: Ignorant-Style

Drei zu eins: Ignorant-Style

 

In einem spannenden Vergleich widmen wir uns drei Tätowierern, die sich dem Tätowieren auf ganz andere Weise nähern. Im Netz ist an dieser Stelle oft von…

Kängurus mit Eingeweiden

Kängurus mit Eingeweiden

 

Obwohl Aborigines nie tätowiert waren, wurden Symbolik und Stil ihrer traditionellen Kunst zur Inspirationsquelle für die australische Tätowiererin Tatu…

Szeneshop-Angebote
Stand:22 November 2017 08:18:52/t%C3%A4towierer/die+verborgene+welt+der+japan-tattoos_1512.html