Die Tradition mit Leben füllen – Tätowierer Shige

26.08.2016  |  Text: Travelingmic, Übersetzung und Assistenz: Sana Sakura   |   Bilder: Yellow Blaze, Travelingmic
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Die Tradition mit Leben füllen – Tätowierer Shige
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Shige von Yellow Blaze in Yokohama wird von vielen Kollegen als einer der besten Tätowierer der Welt bezeichnet. Den japanischen Ausnahmekünstler interessiert diese Kategorisierung wenig, Starallüren und Selbstdarstellung sind ihm fremd und die große Öffentlichkeit scheut er ohnehin.
Man kann es nicht anders sagen: Nach zwanzig Jahren harter Arbeit hat Shige vom Studio Yellow Blaze in Yokohama die höchsten Sphären seiner Kunst erreicht. Mit seiner Spezialisierung auf zeitgenössische Interpretationen traditioneller japanischer Motive arbeitet er abseits aller Trends und Modeerscheinungen. Shige und seine Tattoos sind in der Szene allgegenwärtig; und das wird auch so bleiben. 

Das Geheimnis dieses Erfolges liegt (wenig überraschend) in harter Arbeit, dem uneingeschränkten Support seiner Familie, viel Geduld und einer erstaunlichen Fähigkeit, mit wenig Schlaf auszukommen. Doch es gibt auch noch zwei weitere, wesentliche Faktoren für Shiges herausragende Rolle in der Tattoowelt. Ein Tattookünstler operiert immer in einer Art Symbiose mit seinen Kunden. Schon rein definitionsgemäß gehört zum Tätowieren neben der ausführenden Hand auch die Haut, die das Werk empfängt; eine lebende Leinwand. Das gegenseitige Verständnis zwischen Künstler und Kunde ist Grundlage einer erfolgreichen Kooperation. Ohne funktionierende Kommunikation wären enttäuschte Erwartungen oder frustrierender Arbeitsalltag die unausweichlichen Folgen. Shige hat daher seine eigene Herangehensweise entwickelt, wie er sich die »richtigen« Kunden und Kundinnen heraussucht. 

Ein Ausnahmekünstler ohne Starallüren: Shige.

Das zweite herausragende Merkmal Shiges ist seine einmalige Position in der japanischen Tattooszene. Einerseits sieht er sich seit Jahrzehnten der Erhaltung von Traditionen verpflichtet. Dabei handelt es sich nicht allein um die japanischen Tattoomotive, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Auch seine Einstellung zum Beruf, die man durchaus als »Old School« bezeichnen kann, spielt dabei eine Rolle. Doch Shige lebt wie wir alle im 21. Jahrhundert, und diese Welt ist innerhalb kürzester Zeit – auch in Japan – ein sehr globaler Ort geworden. Kulturen vermischen sich, verlieren an Profil oder verschwinden gar komplett. Andererseits entstehen an jeder Ecke neue Technologien und es öffnen sich Türen, die man vorher überhaupt nicht bemerkt hat. Shige hat sich dem Fortschritt geöffnet, seine eigene Technik verändert und angepasst und dabei eine Flexibilität gezeigt, die ihm selbst Insider nicht zugetraut hätten.

Unter den Unmengen von Menschen, die sich von dir tätowieren lassen wollen, musst du deine Kunden auswählen. Wie entscheidest du, mit welchem Kunden du am besten zusammenarbeiten kannst? 
Bevor ich das beantworten kann, muss ich ein wenig darüber reden, was ein Tattoo tatsächlich ausmacht. In meinem Fall heißt es, dass ich nicht nur Kunst auf die Haut übertrage, sondern diese auch mit Bedeutung füllen möchte. Sie muss korrekt angebracht werden, passend zur Persönlichkeit des Trägers. Das ist der zentrale Ausgangspunkt für meine Existenz als Tätowierer.  

Der zarte Faltenwurf des Stoffes, der über die Hannyamaske weht, zeigt unter anderem Shiges außergewöhnliches zeichnerisches Talent.

In deinem Fall bedeutet das, dass sich ein Kunde von dir auf eine intensive Vorbereitungsphase gefasst machen muss; einen gewissen Zeitraum, in dem entschieden wird, was er oder sie tätowiert bekommt, oder? 
Richtig. Zuerst einmal muss der Kunde verstehen, dass ein Tattoo von mir über viele Sessions geht, die mit zahlreichen Reisen nach Japan verbunden sind. Bei einem persönlichen Interview in Yokohama, das durchaus einen ganzen Nachmittag oder auch länger dauern kann, entscheiden wir uns dann für ein Thema oder Motivbereich, und ich beginne zu zeichnen. Beim nächsten Besuch versuchen wir alle Linien des Entwurfes zu tätowieren. Und danach geht es an Schattierungen und Farbe.

Du hattest niemals einen Meister, dessen Arbeiten du exakt kopieren musstest, so wie das japanische Tattootradition ist. Wie gehst du stattdessen vor? Wie sieht ein originales Shige-Tattoo aus? 
Die Tradition zu bewahren ist ohne Zweifel wichtig. Zum Glück bin ich mittlerweile in der Lage, mit den alten Dogmen zu spielen und sie – immer respektvoll – abzuändern. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass dazu lebenslanges Lernen und Studieren die unabdingbare Voraussetzung ist. 

Pablo Picasso hat einmal sinngemäß gesagt: »Lerne die Regeln wie ein Profi, dann kannst du sie brechen wie ein Künstler.« Aber woraus bestehen diese Regeln denn genau? Was muss man beachten, um »echte« japanische Tattoos machen zu können? 
Grundsätzlich kann man die Motive der japanischen Kunst und damit auch des Tätowierens, in drei Kategorien unterteilen: Zunächst ist da die Schönheit. Diese wird durch Blumen wie Päonien und Chrysanthemen oder auch Vögel ausgedrückt. Diese eher dekorativen Motive kommen bei mir persönlich nicht sehr oft vor. Ich widme mich mehr der zweiten Kategorie, dem Erzählen von Geschichten. Dabei geht es um Krieger, Mönche oder dramatische Ereignisse der japanischen Historie. Wir haben zahllose Variationen von Legenden, die sich um fantastische Charaktere wie die Hannya, Kiyohime, Kitsune oder sonstige Wesen drehen. Und etliche Schlüsselmomente in unserer Geschichte, wie beispielsweise wichtige Schlachten, enthalten lehrreiche Botschaften, aus denen man auf unsere Ideale und Werte schließen kann. Diese kann ich dann in einem Tattoo über bestimmte historische Persönlichkeiten wie einen General oder Mönch personifizieren. Dazu kommt dann noch meine eigene Fantasie, mit der ich die Bilder mit Bedeutung und Symbolismus fülle, je nachdem, wie sich der individuelle Charakter des Kunden in diese Bildwelt einfügt. 

Zwei Verwandlungskünstler trägt dieser Kunde: Auf seiner rechten Schulter einen mit magischen Fähigkeiten ausgestatteten Fuchs, und auf seiner linken ein Tanuki, einen Marderhund.

Das ist also sehr vielschichtig. Und was ist die dritte Kategorie der Tattookunst von Shige?  
Dabei geht es um die Religion, die für mich die tiefgründigste und wichtigste Grundlage für das Tätowieren darstellt. Ich rede von buddhistischer Kunst, einer unendlich komplexen Themenwelt von buchstäblich Tausenden von Inkarnationen und einem großen Überbau von Symbolen und bedeutungsschwangeren minutiösen Details. Ein Leben reicht nicht aus, um das alles zu erfassen, aber das Studium lohnt sich definitiv! 

Dass du stets Neuem gegenüber aufgeschlossen bleibst, sieht man ja auch an deiner Technik: Nachdem du zwanzig Jahre lang hauptsächlich mit Spulenmaschinen tätowiert hast, arbeitest du seit diesem Jahr fast ausschließlich mit Rotarys. Worin liegt für dich der Unterschied zwischen diesen Systemen?  
Ich habe unendlich viele Maschinen ausprobiert, hauptsächlich mit Spulen. Ich war ja früher Mechaniker und liebe es, Dinge mit meinen eigenen Händen anzufassen, auszuprobieren und daran herumzuschrauben. Bis Oktober 2015 habe ich jede einzelne Tattoonadel, die ich verwendet habe, eigenhändig gelötet. Aber nun benutze ich ausschließlich den Cheyenne PEN, da dieses Werkzeug sich komplett von allen anderen unterscheidet, auch von anderen Rotarys. 

Dieser Bodysuit zeit Taira no Tomomori, einen Krieger und Clanführer.
Denkst du, dass du jetzt aufgrund deines moderneren Equipments ein besserer Tattookünstler geworden bist? 
Nun, wenn du einige frühe Fotografien von japanischen Tattoos aus dem 19. und 20. Jahrhundert anschaust, siehst du, dass die Tebori-, also Handtätowierer damals schon wunderschöne Tattoos gestochen haben. Und die haben praktisch nur Nadeln und Tinte verwendet, nicht wahr? Alle Maschinen kamen erst danach und sie haben das Tätowieren eigentlich nur beschleunigt, sonst nichts. Es ist die Hand des Künstlers, die tätowiert. Doch ein Profi kann sich die Arbeit erleichtern, indem er die bestmögliche Ausrüstung verwendet. 

Shige, herzlichen Dank dafür, dass du wieder Zeit für uns gefunden hast, uns von deiner Arbeit und deiner Kunst zu erzählen. 

Wie auch bei den anderen Vogeltätowierungen integriert Shige die Schulter ins Arrangement.


Shige 
Yellow Blaze

Shigenori Iwasaki 
1-15-6 SAZA BLD. #6 
Ishikawa-cho Naka-ku 
Yokohama City, Kanagawa 231-0868
Japan 

Tel.: +81-(0)45-662-7807 
Fax: +81-(0)45-662-7844 

shige@yellowblaze.net 
www.yellowblaze.net 
Instagram: @shige_yellowblaze 
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Stand:20 November 2017 13:01:04/t%C3%A4towierer/die+tradition+mit+leben+fuellen_168.html