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21.07.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Heide Heim, Eisenherz Tattoo und Piercing
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Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg


Ständig wechselnde Top-Tätowierer arbeiten regelmäßig im Studio Eisenherz und haben es über die Grenzen Magdeburgs hinaus bekannt gemacht. Aber schon die Stammtätowierer Voller Kontrast, Aleksy Marcinow und Nachwuchstätowierer Äxel lohnen den Besuch der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts.


In Magdeburg hat sich ein Hotspot für kreative Tätowierkunst herausgebildet, wie man ihn in Großstädten wie Berlin, London oder Barcelona erwarten könnte. Im Eisenherz-Studio sind ständig Tätowierer aus ganz Europa zu Gast, deren Namen einen entweder ehrfürchtig aufmerken lassen oder die man zwar noch nie gehört hat, die aber spätestens beim Betrachten der Bildergalerie die gleiche Reaktion hervorrufen. Tätowierer aus Osteuropa scheinen gesetzt, und das mit Recht. Nirgendwo sonst, außer vielleicht in Spanien, geht zurzeit dermaßen der Punk ab.

ängst hat die Szene in Polen, Russland, der Ukraine oder Ungarn Stile wie Fineline, Biomechanic und den Fotorealismus hinter sich gelassen. Sie zeichnet sich mittlerweile vor allem durch einen künstlerischen Ansatz aus, der weg von der Reproduktion und hin zu Stilen geht, die sich durch Kreativität und Innovation auszeichnen. Gepaart ist dies mit einer unglaublichen technischen Raffinesse, die sich auch in der oft super sauberen Umsetzung zeigt. Und nach wie vor ist auch die universitär-künstlerische Ausbildung spürbar, durch die sich die Tätowierer aus Osteuropa von jeher auszeichneten. Im Magdeburger Eisenherz geben sie sich die Klinke in die Hand mit Kollegen aus Frankreich, Italien und Deutschland. Viele Gastkünstler kommen regelmäßig mehrmals im Jahr, dafür haben die Eisenherzer den Begriff »Resident Guest Artist« geprägt. 



Das Studio selbst blickt im Zeichen des Logos, eines gepiercten Herzens, auf eine einundzwanzig Jahre alte Geschichte zurück. 1996 als reines Piercingstudio von Kristian »Koli« Reinhardt gegründet, zog es im Jahr 2001 in ein großes Ladenstudio unweit des Bahnhofs. Gepierct wird nach wie vor, Harry und Basti haben diesen Bereich im Griff. Bekannt wurde das Studio auch durch die Tätowiererin Fräulein Fux und ihren Kollegen Maik Schilling, die von 2010 bis 2015 im Studio als Residents arbeiteten. 

Die qualitative Messlatte im Studio liegt hoch und unweigerlich poppt die Frage auf, wie in einem solchen herausfordernden Umfeld die Stammbesetzung agiert? Wie hält es das Ego aus, ständig Top-Leute um sich zu haben und diese kreative Herausforderung anzunehmen, ohne sich dabei stilistisch selbst zu verlieren? Dicke Eier müssen sie haben, und trotzdem noch darauf sitzen können! Als Stammbesetzung arbeiten zur Zeit drei Tätowierer im Studio: Basti aka »Voller Kontrast«, Aleksy Marcinow und der im Studio ausgebildete Nachwuchstätowierer Äxel. Und gleich vorweg: Sie sitzen ziemlich entspannt!

Sebastian Bauer (34), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Voller Kontrast, fest im Eisenherz.

Voller Kontrast

Seit gut zwei Jahren arbeitet Sebastian Bauer (34), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Voller Kontrast, fest im Eisenherz. Vor zwölf Jahren lernte er das Tätowieren bei Norman Breuer in seiner Heimatstadt Wolfen und seitdem ist er einen langen Weg gegangen. Ohne vorhandene Zeichenkenntnisse beschreibt Basti seinen Weg als einen Prozess aus »probieren, sehen und verarbeiten«. Fragt man ihn nach Kollegen, deren Arbeiten ihn beeindruckt haben, benennt er drei. »Sven Wiegand hat mir große Einblicke in den Umgang mit Farbe eröffnet, die Arbeiten von Ulrich Krammer finde ich wegen ihres sehr speziellen und einzigartigen Stils sehr gut und Mark Halbstark hat sicherlich auf jeden Tätowierer Einfluss, der in Deutschland grafisch-illustrativ arbeitet.« 

Voller Kontrast kombiniert realistische Elemente mit grafischen. Farbige Bildelemente stehen in vollem Kontrast zueinandern und werden zudem von sattem Schwarz und dem Linework getragen.

Sicherlich finden sich Elemente aller drei auch in Bastis Arbeiten, die rote Linie zwischen Kopieren und Inspirieren übertritt er jedoch nicht. Seine Collagen aus zentral im Fokus stehenden realistischen Porträts von Tieren oder Menschen ergänzt er mit comicartig aufgebauten, grafisch-abstrakten, den (Un)Sinn des Motivs unterstreichenden Bildelementen. Nicht nur seine Farbwahl sprüht vor positiver Energie, das Fehlen von allem Düsteren erklärt er damit, dass freundliche Farben das Spektrum seien, in dem er denken könne. Eine Aussage, die durch die Motive verifiziert wird. Voller Schabernack und witziger Details verbreiten sie einfach gute Laune. Viel Schwarz für Flächen und kräftiges Linework unterstützen diesen Effekt und sorgen für die Haltbarkeit. »Ohne Linien funktioniert nichts«, ist er überzeugt. 

Aleksy Marcinow (24) ist seit zwei Jahren im Studio, der auch noch bei The Circle in London arbeitet.

Aleksy Marcinow

Ebenfalls seit zwei Jahren ist Aleksy Marcinow (24) im Studio, der auch noch bei The Circle in London arbeitet. Der in Kattowitz Geborene ist ein guter Beleg für die eingangs erwähnte Feststellung, wie gut die Tätowierer aus dem Osten Europas ausgebildet sind: Drei Jahre studierte Marcinow bildende Künste auf dem KSP in Kattowitz, ein einjähriger Workshop bei der Künstlerin Agata Rawecka folgte, 2014 machte er seinen Abschluss auf der UCA, der Universität for Creative Arts in Canterbury.

»Take out the seriousness of tattooing« ist Aleksy Marcinows Grundsatz!

Mit dem Tätowieren hat er bereits mit neunzehn Jahren angefangen, sein großer Mentor ist Marcin Surowiec, der ihm nicht nur in seiner Anfangszeit als Lehrer zur Seite stand, sondern den er auch heute noch für seine Arbeit bewundert. Gemein ist beiden, dass sie sich nicht so ernst nehmen. Sein Grundsatz »Take out the seriousness of tattooing« ist in fast allen seinen Tätowierungen spürbar, am liebsten tätowiert er profane Dinge wie beispielsweise ein Whiskyglas oder die Micky Maus.

Ziemlich psychedelisch wirken die meist eindimensional angelegten Motive. Aleksy Marcinow selbst will die Motive auf keinen Fall mit Bedeutung aufladen – es geht einfach um den Spaß, den sie ihm selbst beim Zeichnen machen und den hoffentlich auch der Betrachter empfindet.

Tätowierungen brauchen für ihn nicht existenziell zu sein, der Spaß, der in den Motiven liegt, interessiert ihn viel mehr. Und ja, drei Kühe können lustig aussehen, und die Silhouette einer Katze auf der MEOW steht, stimmt den Betrachter auch eher heiter.



Surrealistische Einflüsse sind in seinen Arbeiten unverkennbar. Die in der Regel eindimensionalen, sich in geometrische Formen auflösenden Motive, leben vor allem durch die impulsive Farbwahl, deren Wirkung durch viel Schwarz noch verstärkt wird. Katzen und Schlangen sind ein Thema, das er häufig bearbeitet, aber auch das japanische Sujet der Shunga, also Bilder mit explizit sexueller Handlung, gehören dazu. Ein Thema, mit dem er sich in seiner Abschlussarbeit für die UCA mit dem Titel »Japanese Erotic Art from Shunga to Araki« ausgiebig befasste. Bei der Umsetzung dieser Tätowierungen entfernt er sich vollends von der japanischen Ästhetik und kreiert daraus die bildliche Umsetzung eines psychotischen Erlebnisses von Sex auf LSD. Wobei man nicht den Umkehrschluss ziehen darf, dass psychoaktive Substanzen Einfluss auf seine Kreativität haben. Der Grundsatz, alles nicht so ernst zu nehmen und Spaß zu haben, scheint ausreichend Inspiration zu liefern für seine abgedrehten Arbeiten.

Vor gut zwei Jahren gab Studioinhaber Kristian Reinhardt dem gelernten Grafikdesigner Äxel (28) die Chance, im Eisenherz das Tätowieren zu lernen.

Äxel 

Vor gut zwei Jahren gab Studioinhaber Kristian Reinhardt dem gelernten Grafikdesigner Äxel (28) die Chance, im Eisenherz das Tätowieren zu lernen. Er startete mit Dotwork-Tattoos, dann kombinierte er die Arbeiten mit Linien, heute beschäftigt er sich vor allem mit vollfarbigen Neo-Traditionals. »Kleine Sachen zu machen ist superwichtig«, ist er nach wie vor überzeugt. Er wie auch seine beiden Kollegen tätowieren Kundenwünsche, die nicht in das Wunschrepertoire passen. 

Mystisch und düster wirkende Neo-Traditionals sticht Äxel am liebsten. Die Bildkompositionen sind für einen Nachwuchstätowierer, der erst seit gut zwei Jahren tätowiert, schon sehr komplex.

Durch Voller Kontrast, Aleksy Marcinow und die Gasttätowierer bekommt er zwar die volle Breitseite an Input, von seinem Weg abbringen, gar verwirren, tut ihn das aber nicht. Eher pusht es ihn, und natürlich weiß er auch, dass er seine schnelle Entwicklung den Einflüssen seines Arbeitsumfeldes schuldet. Was aber alles nichts nützt, wenn eines fehlt: Kritikfähigkeit. Das ist eine Charaktereigenschaft, die Äxel selbst als die wichtigste ansieht, wenn man das Tätowieren erlernen will. 

Meist düster wirkende Neo-Traditionals und Black-and-Grey-Realismus setzt Äxel bereits souverän um, das Thema Komposition ist etwas, woran er zurzeit intensiv arbeitet – und wozu er sich auch über das Studio hinaus Inspiration holt. Auch da hat er seine Messlatte hoch gehängt, der US-amerikanische Tätowierer Evan Dowell überzeugt ihn mit seinen an japanische Konzepttätowierungen erinnernde Neo-Traditionals. Das mutige und dynamische Gestalten ganzer Körperteile ist der Punkt, den Äxel mit viel Energie vorantreibt, womit er sich zu einer idealen Ergänzung des Teams entwickelt und das Studio mit seinen Resident-Artist zu einem Tattoo-Hotspot macht, dessen Besuch sich nicht nur wegen der Gäste aus aller Welt lohnt.

Kontakt
Eisenherz Tattoo und Piercing
Breiter Weg 13
39104 Magdeburg
Tel.: 0391 - 5448977
E-Mail: eisenherz-piercing@web.de
IG: eisenherztattoopiercing
FB: eisenherz.tattoo

Text: Heide Heim
Bilder: Heide Heim, Eisenherz Tattoo und Piercing

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Ausgabe 10/17 erscheint am 29. September

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Stand:19 September 2017 20:49:41/t%C3%A4towierer/die+residents+des+eisenherz+tattoostudios+in+magdeburg_177.html