Der Anti-Hipster – Tätowierer Alex Knierer

23.12.2016  |  Text: Fabienne Anthes  |   Bilder: Alex Knierer, Porträtfotos: Niklas Niessner
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Der Anti-Hipster – Tätowierer Alex Knierer
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Tattookünstler Alex Knierer aus München verweigert es, sich selbst zu inszenieren, und konzentriert sich auf das Wesentliche.
Alex Knierer wirkt gleich beim ersten Kontakt unkompliziert und sympathisch, ist aber auch nicht einfach einzuschätzen. Amüsiert er sich? Fühlt er sich wohl? Oder muss er erstmal ein wenig mit dem Gegenüber warm werden? Und plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Alex Knierer ist einfach ganz normal, aber recht ruhig –  er ist interessiert, entspannt und weder überdreht noch überzogen freundlich. Und dazu ist er vor allem auch noch sehr bescheiden. Dabei könnte Alex es sich leisten, ein bisschen mehr auf dicke Hose zu machen, denn er verfolgt nicht einfach »nur den klassischen Traditional-Ansatz«. Alex Knierers Tätowierungen tragen eine ganz eigene Handschrift und wer sich damit beschäftigt hat, erkennt seine Arbeiten – egal, ob er klassische Motive, Botanisches oder geekigen 70er-Jahre-Science-Fiction sticht. Alex zieht sich aus vielem, was die Tattooszene aktuell prägt, bewusst heraus, und geht entspannt seinen Weg. Keine Selbstinszenierung im Internet, kein forciertes Anknüpfen an Trends, keine Wettbewerbsgedanken: Hier geht es nicht um Follower und Likes, sondern darum, Tattoos zu stechen, die im Idealfall in fünfzig Jahren noch gut aussehen.

Jesus Christus, wie man ihn selten sieht – sagen wir mal »modern«.
 
Alex, du hast am Anfang etwas gebraucht, um richtig gut ins Tätowieren reinzukommen, oder?
Genau, ich wollte schon seit ich sechzehn war Tätowierer werden, und habe mich darauf gefreut, mich mit achtzehn endlich tätowieren lassen zu dürfen. Beim Sonny von Traitors’ Island Tattoo hier in Pasing hab ich mir feierlich ein Chestpiece abgeholt. Über meine jetzige Frau habe ich dann Igor von der Lionheart Tattoo Gallery in Oberhausen kennengelernt, als er mal für einen Guest-Spot in München war, und er hat mich in den Ruhrpott geholt. Das ging aber leider nicht gut, weil ich erst einmal komplett versagt habe (lacht). Ich weiß auch nicht, was da los war – vielleicht bin ich zu behütet und zu konservativ aufgewachsen oder war zu sensibel und das war damals alles zu viel auf einmal. Man hat viel erwartet und das war auch gut, aber irgendwas hat erstmal nicht optimal funktioniert. 

Ich bin aber drangeblieben und habe mir dann noch ein Jahr im Ruhrpott eher die handwerkliche Seite des Tätowierens angeeignet, danach war ich ein Jahr bei Kelu in Stuttgart, der mir auch noch künstlerischeres Arbeiten gezeigt hat. Dann war ich zwei Jahre deutschlandweit on the road unterwegs und hier und da zu Gast.

Huch, da ist ja eine nackte Dame versteckt! Eine solche Verbindung von zwei Motiven in einer Zeichnung nennt man übrigens Vexierbild.
 
Das klingt nach intensiven Lehr- und Wanderjahren!
Auf jeden Fall. Heute sind ja viele junge Tätowierer gleich on the road unterwegs, aber ich glaube, dass es schon gut ist, sich erstmal Technik anzueignen und diese zu festigen. Unterwegs lernt man dann sehr schnell, effizient zu werden. Du kommst an, hast die Woche mit Terminen vollgepackt, du hast wenig Platz und der erste Kunde wartet schon. Dann musst du zackig was zeichnen und los gehts. Das ist echt eine gute Schule.

Jetzt wiederum hab ich ja seit Juli 2015 hier an der Münchner Freiheit mein eigenes Privatstudio und bin froh, dass ich mir für die Kunden richtig Zeit nehmen kann. Ich mach hier nicht so viel und tätowiere maximal drei Leute pro Tag. Meistens treffe ich die Kunden vor dem eigentlichen Tattootermin bereits zum Besprechen, daher kann ich oft länger überlegen, wenn ich Entwürfe mache. Bei mir kommt ja auch nicht alles aus’m Kopf und ich muss mich teilweise richtig gut vorbereiten, wenn der Kunde einen speziellen Motivwunsch hat.

Alex Knierer mit seiner Auszubildenden Coco in der Mittagspause.
 
Du wolltest also, nachdem du überall in Deutschland gearbeitet hast, doch am liebsten in deine Heimat München zurück?
Also ich komme ja aus der Nähe von München und wenn man auf dem Land Teenager ist, dann will man erst mal weg, nach Berlin und Party machen und so. Aber ich bin ja jetzt ein bisschen rumgekommen und habe gemerkt, wie schön es hier eigentlich ist. Ich liebe München. Als Tätowierer ist es nicht ganz so einfach hier, denn vieles, was in anderen Städten selbstverständlich ist, muss man den Leuten hier noch näherbringen. Das hat nichts damit zu tun, dass es provinziell wäre, sondern eher damit, dass es den Leuten hier fast schon zu gut geht. In Städten, die mehr soziale Reibung haben, hat man mehr kreatives Schaffen und mehr Subkultur. Daher gehen viele Leute, die hier anfangen was Cooles zu machen, nach ’nem Jahr weg, denn in Berlin oder so erreicht man schneller Kunden und das verstehe ich auch.

Ich denke, die Kunden in München sind schon da – jede Stadt will tätowiert werden. Man muss nur ein bisschen Geduld und Verständnis haben. Ich selbst forciere das hier nicht, ich halte mich zurück und freue mich, wenn neue Kunden über fünf Ecken bei mir ankommen, weil ein Arbeitskollege mich zum Beispiel empfohlen hat. Zudem schätze ich Stammkunden sehr, denn man wächst zusammen.

Dieses Tattoomotiv ist ein »Drexciyan«, eine Figur aus der Geschichte eines konzeptionellen Technoprojektes namens »Drexciya«, das als eines der einflussreichsten Projekte der elektronischen Musik gilt. Wenn man diese Informationen nicht hat, ist das aber trotzdem ein schickes Tattoo.
 
Kannst du dich denn beim Münchner Tattoopublikum kreativ ausleben?
Meine Stammkundschaft in München interessiert sich meist nicht für irgendwelche abgefahrenen Sachen. Hier tätowiere ich oft Variationen klassischer Motive aus dem Traditionalbereich und greife auf Vintage-Flashs zurück. Ich tätowiere das, was der Kunde sich wünscht – das ist kein Problem. Wenn jemand Blumen haben möchte, dann gibts halt Blumen und das ist auch schön. Und ich versuche das dann so gut umzusetzen, wie ich nur kann und vielleicht auch noch ein bisschen meinen eigenen Stil einzubringen. Die von den Kunden erdachten Motive umzusetzen fordert mich und ich entwickle mich dadurch weiter. Wenn ich nur die Motive machen würde, die ich gerade für naheliegend und einfach halte, dann würde ich einiges verpassen. Als Tätowierer will ich ja, dass jeder, der zu mir kommt, mit einem zu ihm passenden Tattoo geht, ich will ja niemandem was andrehen. Und das möchte ich den Leuten auch bieten: Ich möchte offen bleiben für alles, was kommt.

Was ich im Netz zeige sind Sachen, von denen ich denke, das sie speziell sind, also das, was ich Besonderes anzubieten habe. Da stecken dann natürlich meine persönlichen Interessen drin. Viele Tätowierer fahren einen sehr forcierten Stil, was natürlich auch, ohne jemanden angreifen zu wollen, oft aus einer gewissen Inkompetenz herrührt. Ich will mich auch nicht in eine bestimmte Ecke drücken lassen, also dass ich der Science-Fiction-Tätowierer bin oder so. Zurzeit steche ich viele dementsprechende Motive und es macht mir irre Spaß, aber jetzt ist Winter und ich werde jetzt sicher wieder mehr düstere Sachen als Wanna-dos vorbereiten, denn das spiegelt ja immer wider, was gerade so in meinem Kopf ist. 

Science-Fiction vom Feinsten: ein Killer-Gorilla.
 
Du hast ja in den letzten zwei Jahren sehr viele Geek-Themen gestochen: Motive mit Musik-, Film- und Serienbezug, Science-Fiction-Szenerien, Psychedelisches und Monster wie zum Beispiel japanische Kaiju. Kommt dir die aktuelle Achziger-Retrowelle entgegen?
Ja, die Retro-Sachen sind ja wieder voll da, dank Serien wie Stranger Things. Und das finde ich super, denn die 70er und 80er Jahre bergen für meinen Geschmack extrem viel Ästhetisches, das war eine unglaublich kreative Zeit, die auch mich als 90er-Kind sehr geprägt hat. Ich freue mich, wenn sich die Kunden mit meinen Arbeiten und mir auseinandergesetzt haben und wissen, was ich gut kann, und sich davon ausgehend was Persönliches wünschen. Oft sind es Motive mit Film- oder Musikbezug und da bin ich dann schnell leidenschaftlich dabei, recherchiere, um einen Motiventwurf um kleine Details und Referenzen zu erweitern. Vielleicht ist das tatsächlich so ein Geek-Ding, dass ich mich da so freuen kann, aber dann hat der Kunde nicht einfach ein Film-Still, wie man es im Netz finden würde, sondern ein individuelles Motiv und das ist natürlich wesentlich wertiger. 

Geek-Träume werden wahr. Hier wird eine Drohne einem X-Wing-Fighter der Rebellenallianz aus Star Wars gegenübergestellt.
 
Und es ist auch angenehmerweise gerade sehr gefragt, oder?
Ich bin halt einfach jemand, der sich nicht so im Hier und Jetzt suhlt. Also das, was heute so als Hipster beschimpft wird, das beinhaltet ja auch, dass man Trends nachjagt und sich sehr schnell blind in etwas reinstürzt, was einem als Trend entgegengeworfen wird. Allerdings stimmt das: Momentan überschneidet sich das natürlich auch viel mit Dingen, die ich interessant finde, wie eben halt gerade die Retrosachen, die gerade durch den Wolf gedreht werden. 

Inspiriert von Science-Fiction-Filmen aus den 70er und 80er-Jahren kreiert Alex zur Zeit viele herrlich trashige Illustrationen und Tattoos.
Abgesehen von den Motiven ist dein Stil aber traditionell.
Na ja, ich mache ja keine ultraklassischen Traditionals, aber ich verfolge den klassischen Traditional-Ansatz und bin da auch recht konservativ, was das Regelwerk angeht. Das elektrische Tätowieren gibt es jetzt seit gut einhundertzwanzig Jahren und mittlerweile weiß man einfach, was funktioniert und was nicht. Und wenn man sich daran hält, gibt es einem trotzdem noch genug Freiraum, um kreativ zu sein, ohne dass man dem Kunden etwas mitgibt, was auf dem ersten Instagram-Foto noch cool aussieht und abgeheilt schon gar nicht mehr funktioniert oder nach zwei Jahren Mist ist. Ich habe neulich jemanden kennengelernt, der ein Tattoo von 1961 trägt, und das Motiv war immer noch gut erkennbar – großartig. Eine Tätowierung muss im Schnitt so höchstens fünfzig Jahre halten, aber in der Zeit sollte sie gut aussehen.

Alex Knierer lässt sich eigentlich nicht so gerne fotografieren, hat aber für diesen Bericht eine Ausnahme gemacht. Die schönen Porträtbilder des Münchner Fotografen Niklas Niesser entstanden vorwiegend im Botanischen Garten.
 
Du verwendest nicht viel Energie darauf, dich im Internet zu bewerben und selbst darzustellen. Warum nutzt du das nicht so wie viele deiner Kollegen?
Ich finde durch Instagram und durchs Internet wirkt einiges verschoben. Ich hab jetzt nicht so viele Follower, weil ich mich ja auch nicht drum bemühe, aber ich denke, es nützt auch nichts, wenn man 20 000 Follower hat, denn die könnte ich ja eh nicht alle tätowieren. Es geht ja nur darum, dass ich jeden Tag gut zu tun hab. Ich mag es lieber, Kunden aus der Nähe zu haben, von denen ich weiß, dass sie kommen, als tausend Anfragen aus Singapur zu erhalten. Ich versuche meine Social-Media-Aktivitäten auf ein Minimum zu reduzieren. Meine Frau versucht mich da zu animieren und sagt: »Nimm doch mal Hashtags«, also vielleicht bin ich da auch ein bisschen hinterher (lacht). Ich persönlich verstehe, wie es funktioniert, und kann auch noch gut schlafen, obwohl ich keine 20 000 Follower habe. Das Schöne an den Plattformen ist, dass man hier auch Kontakte zu anderen Tätowieren knüpfen kann, das ist sehr bereichernd. Kollegen wie Sławomir Nitschke hätte ich sonst vielleicht nicht kennengelernt.



Dieser Androiden-Kopf ziert Alex Backdrop, das er auf Conventions nutzt.
 
Alex Knierer
Leopoldstraße 67
80802 München
www.alexknierer.tumblr.com
www.facebook.com/alexknierertattoo
E-mail an alexanderknierer@aol.com
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Stand:20 November 2017 13:00:55/t%C3%A4towierer/der+anti-hipster_1612.html