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19.05.2017  |  Text: Amadeus Thüner  |   Bilder: Joline Miez
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Dekorative Neo-Traditionals von Joline Miez aus dem Berliner Red Chapel Tattoo


»Dekoratives hervorzubringen ist kreativ, aber noch keine künstlerische Leistung.« Die Berliner Tätowiererin Joline Miez aus dem Studio Red Chapel Tattoo sieht sich deshalb als Kunsthandwerkerin. Ansonsten zieht sie es vor, wenn das Motiv nicht nur schön und schmückend ist, sondern auch Inhalt und Bedeutung hat.


Joline ist nicht die laute, auf Instagram nach Likes und Fame wirtschaftende Tätowiererin. Sie muss nicht jedem unter die Nase reiben, was sie gerade denkt, macht oder tut – und seien es noch so gute wie aussagekräftige Hautbilder. »Screaming gets you nothing«, sang einst die großartige Punkband American Nightmare (heute Give up the Ghost, Anm. d. Red.). Ein Credo, das die gebürtige Berlinerin mit Sitz im Berliner Red Chapel Studio so unterschreiben kann.

Die Berliner Tätowiererin Joline Miez. Moment – sind da etwa Katzenohren ?

Joline, du bist auf eine sehr familiäre und doch unkonventionelle Art und Weise zum Tätowieren gekommen? Erzähl doch mal.
Ja, das stimmt. Als ich noch zur Schule ging, schenkte mir mein Vater eine Tätowiermaschine, die ich mir sehnlichst gewünscht hatte. In dieser Zeit versuchte ich dann erstmals mein Glück auf Schweinehaut und kurz darauf auch an Bekannten, die verrückt genug waren. Nachdem ich meine Abiturprüfungen hinter mich gebracht hatte, begann ich das Tätowieren ernster zu verfolgen.

Dass du Tätowiererin geworden bist, hast du also deinem Vater zu verdanken?
Das habe ich tatsächlich meinem Vater zu verdanken, aber auch aus einem anderen Grund: Er war ein Sammler von Schallplatten und Marvel-Comics und so waren es die Comics, die mich tagelang in ihren Bann zogen und die Platten, die mich mit ihren tollen Covern zum Üben animierten. Ich wollte auch – wie scheinbar aus dem Nichts – fantastische Welten und abenteuerliche Szenerien erschaffen können.


Einmal war ich dabei, als mein Vater eine Tätowierung bekam. Auch wenn ich mich kaum noch daran erinnern kann, erinnere ich mich gut an seinen Tätowierer. Er war ein Freund meines Vaters, mit dem wir damals den ein oder anderen Tag verbrachten. Ich schätze, dass es wohl auch die Bekanntschaft mit ihm war, die mein Interesse für Tätowierungen weckte. Es war für mich, als käme er aus einer anderen Zeit. Nicht wegen seiner langen Haare, der Ringe an den Händen oder der Schädel an den Wänden, sondern eher wegen seiner unkonventionellen Gedanken und seines ebenso unkonventionellen Berufs. Das hat mich beeindruckt.

Eine kreative wie ausdrucksstarke Interpretation des Underboob-Trends.

Wie ging es dann für dich weiter?
Björn Liebner hat mich ausgebildet und 2012 das Red Chapel in Berlin zusammen mit Iban Maya eröffnet. Es war an der Zeit, meine Arbeit in ein professionelles Studio zu verlegen und die zwei nahmen mich bei sich auf. Mittlerweile besteht das Red-Chapel-Team aus fünf Tätowierern: Björn, Iban, Jurena Elliw, Laura Virago und mir. Das Studio ist gut versteckt in Berlin-Friedrichshain, sollte also jemand mit uns in Kontakt treten wollen, ist das nur per Facebook oder E-Mail möglich.

Siehst du dich eher als Künstlerin, Handwerkerin – oder am Ende beides?
»Dekoratives hervorzubringen ist kreativ, aber noch keine künstlerische Leistung.« Das ist ein Satz, auf den ich mal gestoßen bin und den ich im Zusammenhang mit Tätowieren recht passend finde. Andererseits halte ich es für eine Art Kunst, Tätowierungen zu kreieren, die mit dem Körper fließen und die Natur übertreffen, in dem sie die richtigen Formen betonen. Ich finde den Begriff Kunsthandwerk recht passend. 

Joline Miez aus dem Berliner Red Chapel Tattoo Studio fokussiert auf die Arbeit.

Viele Diskussionen über Tattoos kreisen um die Bedeutung der Motive. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Leute, die einfach so schnell wie möglich »zu« und »bunt« sein wollen. Wie stehst du zu dem Thema?
Das kommt ganz darauf an. Einige Leute wollen einfach nur tätowiert sein und denken sich irgendeine Geschichte dazu aus. Ich habe es gern, wenn die Idee einen tiefergehenden Hintergrund hat oder ein Erlebnis illu­striert. Wenn dem nicht so ist, dann verurteile ich das nicht, denn am Ende hat jede Tätowierung, unabhängig von ihrer Bedeutung, auch einen anderen Zweck. Sonst könnte man sich ja auch ein Bild für die Wand anfertigen lassen.
   


Mit dem Tattoo der beiden Hände, die eine Blume halten, bist du auf den aktuellen Underboob-Trend eingegangen, hast diesen aber neu interpretiert und die Stelle anders genutzt. Welche Rolle spielen für dich Platzierung und Komposition?
Jeder bekommt die Tätowierung, die er verdient. Es ist nicht so wie mit anderen Dingen, die man mit Geld kaufen kann. Für ein bestmögliches Ergebnis muss man nicht einfach seinen Willen durchboxen. Es kommt auf eine gute Zusammenarbeit an, für die man etwas tun muss. Man muss bereit sein, Schmerzen zu erleiden, geduldig zu sein und Kontrolle abzugeben.
Warum ich die Stelle recht ungewöhnlich genutzt habe? Das liegt an dem Motiv. Die Körperpartie und die Symbole waren vorgegeben. Anschließend habe ich versucht, diese sinnvoll unterzubringen. Da ich es für wichtig halte, wie eine Tätowierung am Körper wirkt, lege ich großen Wert darauf, dass die Fläche gut genutzt wird und das Tattoo dem Schwung des Körpers folgt. 

Für Joline begann das Tätowieren auf Schweinehaut. Jetzt tätowiert sie Schweine auf Menschenhaut. So schließt sich der Kreis.

Viele deiner Motive stammen aus der Tierwelt. Warum?
Wie durch Fabeln bekannt, eignen sich Tiere gut für Metaphern und bieten uns Raum für Projektionen. Das ist ein Grund, warum ich gern Tiere zeichne. Ein anderer ist, dass ich sie einfach mag und als schön empfinde. Es ist erstaunlich, welche Formen die Vegetationen und Lebewesen annehmen. Ich schätze die Mischung aus aneinandergereihten Wiederholungen, der Symmetrie, gleich gefolgt von einer unerwarteten Wendung, diese Vielfalt an unterschiedlichen Formen und Strukturen eines Tieres oder einer Pflanze … und zu guter Letzt hat alles auch noch einen Sinn.



Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
Gar nicht. Was das angeht, interessiert mich nur das Machen. Zudem halte ich es für überflüssig, immer alles zu betiteln. Entweder gefällt es einem oder nicht.

Okay. Würdest du denn zustimmen, wenn man deinem Stil ein gewisses Maß an Melancholie 
unterstellen würde?

Das ist wohl so. Ich möchte da aber gar nicht tiefer darauf eingehen, letztendlich ist es für mich eine Geschmacksfrage.

Was erwartet jemanden, der einen Termin mit dir im Red Chapel vereinbart?
Ganz klar: Arbeitszeit ist Lebenszeit. Daher ist das miteinander auskommen für mich das A und O. Schließlich sitzt man eine Weile beieinander und muss zusammenarbeiten. Als ich angefangen habe zu tätowieren, war ich ganz scharf darauf, nur mit meinen Zeichnungen zu arbeiten. Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, dass es für einen gelungenen Tag nicht nur darauf ankommt, was ich tätowiere, sondern auch wen. Jetzt mache ich auch gerne Kleinigkeiten, die mir meine Kunden mitbringen und habe sogar Spaß daran. Und Musik ist bei der Arbeit natürlich ein Muss. Was das Genre angeht, sind wir im Laden nicht festgelegt. Der ein oder andere Kunde wird aber nicht drumherum kommen, einige Alben von Kyuss, 16 Horsepower, Fugazi oder CCR kennenzulernen. Vielleicht hat er ja auch Glück und ist bei einer unserer exzessiven Kiss-, The-Smith- oder Nick-Cave-Phasen mit dabei.

Wie steht es mit Guestspots in anderen Städten?
Ich habe Katzen, was die Sache ein wenig verkompliziert, aber da ich eine Freundin in Braunschweig be-suchen möchte, wird das mein nächstes Ziel sein.

Nicht nur im Herbst schön: die Kastanie.

Du bist gebürtige Berlinerin. Welchen Einfluss und welche Bedeutung hat die Stadt für dich?
Natürlich hängen viele Erinnerungen an bestimmten Straßen und Bezirken, aber wichtig ist mir diese Stadt hauptsächlich wegen der Menschen, mit denen ich gern mein Leben teile. Da ich hier groß geworden bin und den Vergleich nicht habe, kann ich nicht beurteilen, wie weit Berlin mich beeinflusst. Die Stadt war halt schon immer da.

Klingt ganz so, als würdest du gerne auch mal umziehen.
Ich möchte auf jeden Fall irgendwann in einer anderen Stadt leben. Ich vermisse den Horizont und würde gerne Berge sehen können. Das ist schon eines meiner Ziele für die nächsten Jahre.

Man könnte glatt meinen, das abgeriegelte Schloss auf dem Sixpack ist zur Trainingsmotivation platziert worden.

Und welche Wichtigkeit nehmen die sozialen Medien für dich ein?
Da ich nicht in einem offenen Laden arbeite, habe ich keine Laufkundschaft. Natürlich läuft da viel über Mundpropaganda, aber mittlerweile gibt es allein in unserer Straße mehr Tätowierläden als Späties – und das in Berlin! Bei diesen Verhältnissen ist eine Plattform wie Facebook oder Instagram essenziell für mich.

 Ihr Blick ist stark und doch wohnt der neo interpretierten Stammeslady etwas Melancholisches inne.

Du hast es angesprochen: Gerade in Berlin gibt es Tätowierer wie Sand am Meer und Instagram macht die Welt noch ein Stück kleiner. Wie setzt man sich da noch von seinen Kollegen ab? Wie wird man einzigartig, oder muss man gar nicht einzigartig sein? 
Ich glaube, die Leute müssen nur genau hinsehen, dann erkennen sie die Unterschiede. Um aber gut zu werden, sollte man sich auch mit seinen Schwächen beschäftigen und viel Energie in die Arbeit stecken. Ich habe das große Glück, dass mir von meinen Kunden viel Vertrauen entgegengebracht wird. Ich bin sehr frei beim Arbeiten. Wenn eine Tätowierung vollendet ist, ich zufrieden bin und der Kunde sich freut – dann ist das Erfolg für mich.

Joline dottet mit beeindruckender Ausdauer – so entsteht ein wunderschönes Frauenporträt mit hervorragend ausgearbeitetem Faltenwurf.

Kontakt
Joline Miez
Red Chapel Tattoo
Berlin-Friedrichshain
E-Mail: jolineb1@googlemail.com
IG: @jolinemiez
FB: RedChapelTattooStudio

Text: Amadeus Thüner
Bilder: Joline Miez

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:23 October 2017 02:32:37/t%C3%A4towierer/dekorative+neo-traditionals+von+joline+miez+aus+dem+berliner+red+chapel+tattoo_177.html