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25.08.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Marlene Fulde (www.mimikry-berlin.de)
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Darkwork Tattoos by Ela Pour


Märchenhaft, düster und verspielt, ohne dabei kitschig zu wirken – das sind die Tattoos von Ela Pour. Die Berliner Tätowiererin betreibt mit »Pechschwarz« ein erfolgreiches Tattoostudio in Kreuzberg, bei dem der Name Programm ist.


Die ersten Jahre von Ela Pours zwanzigjähriger Tattoo-Karriere haben mit ihrer Arbeit heute wenig gemein. Und ohnehin wollte sie eigentlich lieber Kunst und nicht Tattoos machen, sie studierte zum Beispiel an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. »Nee anders, Plan A war sogar – ganz wichtig – Rockstar zu werden! Und deswegen habe ich eigentlich angefangen zu tätowieren, um nämlich meine Musik zu finanzieren.« Ela hat tatsächlich lange Jahre erfolgreich Musik gemacht und will die Sache bald auch wieder angehen. »Meine größte Show war mit Black Sabbath vor 40000 Zuschauern. Das war schon fett!« Ela spielt Gitarre, steht gern auf großen Bühnen und war in mehreren Bands. Jetzt will die 41-Jährige wieder Musik machen – das Tätowieren, das zu Beginn nur ein »Zweckding« war, ist mittlerweile aber ein ganz fester Bestandteil in ihrem Leben.



Ihre ersten Schritte an der Tattoomaschine machte Ela im Wohnzimmer ihrer Eltern. 1997 war eben alles noch etwas anders. »Das war richtig alte Schule, noch mit selber Nadel löten und so. Es gab damals vielleicht fünf Studios in Berlin zu der Zeit«, erinnert sich Ela. Schnell ging’s ins Studio und schon bald hatte die Tätowiererin das Glück, bei Alexander Schwarz (Painful Steele) arbeiten zu können. »Dort war ich zehn Jahre lang. Ein toller Künstler, den man gar nicht so auf dem Schirm hat. Aber das ist eben keiner, der so viel postet. Er hat auch Kunst studiert und mir viel beigebracht.« Hier hörte dann auch nach und nach die Katalogarbeit für die kunstinteressierte Berlinerin auf – die Zeit, in der Kunden in den Laden kommen und eine Tattoovorlage innerhalb von Minuten aussuchen und draufgeklatscht bekommen. Nach zehn Jahren machte sich Ela Pour dann mit ihrem eigenen Studio selbstständig. »Ich muss zugeben, ich habe schon so meine Probleme mit der Tattooszene. Mir geht das Rockstar-Getue gegen den Strich, das nervt mich. Das war der Grund, wieso ich mich selbstständig gemacht habe. Ich hatte keinen Bock auf die Typen, die außer Gequatsche kaum was draufhaben, und damals gab es ja auch fast nur Kerle, die tätowiert haben. Ich war da eine der ersten Frauen hier in Berlin – einfach war’s nicht.«


Zehn Jahre Pechschwarz Tätowierungen


Ihre Haltung gegenüber solchen Posern hat sich bis heute nicht geändert und das bekommt auch jeder zu spüren, der in ihrem Studio anfangen will.
Mit »Pechschwarz Tätowierungen« zog Ela 2007 in Berlin-Kreuzberg ein, damals war sie ganz alleine. Danach kam Laura Yahna hinzu. Heute sind in Elas Studio einige Künstler beschäftigt, fast alle haben von der Chefin persönlich gelernt. »Es kamen und gingen in den zehn Jahren auch viele. Ich sage eben, es muss menschlich passen. Ich habe keine Lust auf Leute, die nichts bieten und auf Star machen.« Ein weiterer Punkt, den Ela vertritt und der ihr in der Szene heute viel zu kurz kommt: Tätowieren ist eine Dienstleistung, man muss auf den Kunden eingehen können. »Außerdem achte ich darauf, dass das Team untereinander klar kommt, anders läuft’s nicht. Wir haben alle ’ne Macke, sonst wären wir nicht Tätowierer, aber funktionieren muss es trotzdem.«
Ela Pour ist auf ihr aktuelles Team sehr stolz, und das ist nicht verwunderlich, checkt man etwa die Arbeiten von Teammitgliedern wie Laura Yahna, Matteo Al Denti oder Mareen Henkens.

Ela Pours Tätowierungen sind düster, brachial und besitzen dennoch eine Harmonie, die auf den Betrachter anziehend wirkt. Die Vielfalt ihrer Motivik scheint schier unerschöpflich.

Mittlerweile macht Ela Pour nur noch das, worauf sie Lust hat. Das mag auf den ersten Blick arrogant klingen, doch das hat sich die Tätowiererin in den über zwanzig Jahren verdient. Außerdem bringt sie hier noch einen ganz anderen Aspekt auf: »Es ist dem Kunden gegenüber einfach fair. Denn es gibt hier Leute, die dies oder jenes besser können und lieber machen. Ich mag zum Beispiel kein Biomechanik, stehe dagegen sehr auf Düsteres.« Ihren Stil bezeichnet sie als »Darkwork«. Ihre Tattoos sind dunkel und morbid, dennoch haben sie etwas Verspieltes und wirken hier und da fast ein bisschen märchenhaft. Doch das alles, ohne dabei kitschig zu sein. Ihre Kunst fasziniert Männer wie Frauen gleichermaßen und hat einen Wiedererkennungswert. In ihren Motiven finden sich mystische Frauenporträts, Fabelwesen, Szenen aus Flora und Fauna. Trotz ihres gefestigten eigenen Stils beherrscht Ela das Tätowierhandwerk umfassend. Sie kommt von der »alten Schule«, wie sie sagt. »Da muss man alles können. Da gibt’s nicht ›Ich mache nur diesen Stil‹!« Heute muss Ela allerdings gar nicht mehr alles stechen. Die Kunden, die zu ihr kommen, suchen den Weg zu ihr extra wegen ihres Stils – und das aus dem Aus- und Umland. »Das ist schon ein Traum«, gibt Ela zu.
Den Vorteil, dass Kunden gezielt zu Ela kommen, genießt sie seit ungefähr zehn Jahren. Die ersten Jahre ihrer Karriere waren Katalogarbeiten ihr Alltag, Dienstleistung eben. »Das war mir in den ersten Jahren aber auch gar nicht so wichtig, da ging’s mir um die Musik. Heute ist das ja ohnehin grundlegend anders, die Kunden wollen alle etwas Eigenes, Individuelles. Da stichst du nicht das gleiche Motiv fünf verschiedenen Leuten.«

Ela Pours Tätowierungen sind düster, brachial und besitzen dennoch eine Harmonie, die auf den Betrachter anziehend wirkt. Die Vielfalt ihrer Motivik scheint schier unerschöpflich.

Auch die Tattooszene hat sich in den zwanzig Jahren seit Ela Tätowiererin ist sehr verändert. Dem kann sie aber nicht nur Gutes abgewinnen. »Die Szene hier in Berlin ist sehr jung geworden, sehr kurzlebig. Es ist ein Kommen und Gehen, Anfragen für eine Ausbildung bekomme ich wöchentlich. Doch die wenigsten können dir überhaupt was bieten. Das Internet, also Instagram und Facebook, macht vieles kaputt, die Jungen kriegen viel zu schnell das Gefühl, richtig gut zu sein. Da kommt es vielen weniger auf die Qualität an, sondern wie sie sich darstellen, wie viel Likes sie bekommen. Früher ging es noch um das, was man zu bieten hat.« Ela findet es traurig, dass Kunden Künstler oft nach Like-Zahlen bewerten.
Wenn Ela Tätowierer ausbildet, ist ihr neben der Teamfähigkeit und der Qualität besonders wichtig, dass sie ihr Handwerk draufhaben. Am Anfang sollen sie Schriften tätowieren, »das müssen die einfach können. Die sollen erstmal wegkommen von diesem ›Mein Stil, nur mein Stil‹-Verständnis«, sagt sie. Dennoch ist ihr wichtig, dass die Künstler ihre eigene Linie herausbilden – das sei heute nunmal sehr wichtig. Das Handwerk muss dennoch jeder sauber beherrschen, der bei »Pechschwarz Tätowierungen« arbeiten will. »Die sollen einen geraden Strich ziehen können und nicht aus Verlegenheit Krickel-Krackel-Linien machen.«


 

Qualität als oberstes Gebot


Ela Pour nimmt sich bei ihren Leuten die Zeit, das herauszukitzeln, was sie am besten können. »Dabei geht es gar nicht nach meinem Geschmack«, erklärt sie. Es gehe ihr dabei vor allem um das Abbilden von Kunst und Qualität. Dass sich das Portfolio von »Pechschwarz Tätowierungen« klar von Massentattoos unterscheidet, ist auf den ersten Blick klar. »Die Qualität, die rausgeht, muss stimmen, dafür arbeite ich mit Zuckerbrot und Peitsche«, gibt die Studiochefin zu.
Bei ihren eigenen Tattoos sind Ela saubere Linien und Kontraste besonders wichtig. »Die Tätowierungen müssen auch noch nach Jahren leben und dürfen nicht aussehen wie Matschhaufen.« Daher verzichtet die Tätowiererin auch auf großflächige Black-and-Grey-Schattierungen, sondern setzt auf den Kontrast zwischen dunkel und hell. »Ich achte außerdem sehr darauf, wie ich das Tattoo an die jeweilige Körperpartie anpasse. Das muss Sinn ergeben und das Motiv soll außerdem von Weitem zu erkennen sein«, erklärt sie ihre Herangehensweise. Ihre Stammkunden kommen gerne zu ihr, weil sie sich wohl fühlen und Elas Tattoos brauchen. Auch hier sind die Tattoos ein Ventil. Ob ihr zu viel Nähe unangenehm ist? »Nein, ich finde es total interessant. So entstehen ja auch meine Motive. Wenn ich weiß, wie meine Kunden ticken, weiß ich, wie weit ich gehen kann. Ob ich etwa ausrasten kann, zehn Pfeile in den Kopf oder so!«
Von den potentiellen Kunden da draußen wünscht sich Ela, dass Qualität wieder angemessen gewürdigt und Kunst als solches respektiert wird. »Zu viele denken heute, Tätowieren ist unser Hobby und weil es uns Spaß macht, müssen wir froh sein, das machen zu dürfen.«

Seit zehn Jahren ist Ela Pours Studio »Pechschwarz Tätowierungen« die Adresse für all diejenigen, die auf individuelle und leicht morbide Motive stehen.



Kontakt:
Ela Pour
Pechschwarz
Kreuzbergstr.9
10965 Berlin
Tattoo@elapour.com
IG: @elapour

 

Text: Jula Reichard
Bilder: Marlene Fulde (www.mimikry-berlin.de)

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Ausgabe 10/17 erscheint am 29. September

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Stand:19 September 2017 20:51:00/t%C3%A4towierer/darkwork+tattoos+by+ela+pour_178.html