Cradle of Filthy – Tätowierer Marcel Preuß

23.12.2016  |  Text: Jan Burger  |   Bilder: Marcel Preuß
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Cradle of Filthy – Tätowierer Marcel Preuß
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Marcel »Filthy« Preuß aus dem ostdeutschen Plauen fischt seine Motive aus der Wiege des Schreckens.
Marcel Preuß zippt an einer 0,47-Liter-Dose Red Bull. Normalerweise trinkt er sowas ziemlich selten. Doch um dem Journalisten seine Fotos für diese Story rauszusuchen, hat er sich die letzten zwei Nächte um die mit zwei Finger breiten Plugs gedehnten Ohren geschlagen. Der 27-Jährige ist an diesem Morgen etwas aufgeregt und gerädert zugleich. Er sitzt im Halbdunkel am Zeichentisch seines arbeitgebenden Studios Hells Kitchen im sächsischen Plauen. Eine Ringlampe leuchtet im Hintergrund. Marcel mag es düster. Nicht nur was die Lichtverhältnisse angeht. In seinem Tattoowork schlägt ebenfalls ein schwarzes Herz. Da gibt es Motten, die von Sargnägeln aufgespießt werden, die Comicfigur Bob Belcher mit Corpsepaint und Sensen, verpackt in siechende Traditionals. Tod und Verderben sind Marcels Wegbegleiter. »Oft wollen meine Kunden ihre Tattoos sogar noch dunkler, als ich sie steche«, wundert er sich. 

Wenn der Druide Miraculix ein Tattoo hätte.

Eigentlich dachte Marcel, er könne gar nicht so gut mit Menschen. »Ich bin irgendwie kein Menschenfreund. Aber durch das Tätowieren habe ich diese Grenze überwunden und gemerkt, es gibt auch weniger schlechte Menschen. Der Job hat mir geholfen, selbstsicherer zu werden, und mir das Gefühl gegeben, geschätzt zu sein.« Es geht ihm also nicht nur um Kreativität. Das Tätowieren unterstützt ihn bei der Selbstverwirklichung und gibt ihm das Empfinden, etwas zu hinterlassen. Eine Wirkung, die ihm sein vorheriger Job als Kfz-Mechatroniker nicht geben konnte. Im Gegenteil: Seinen Eltern zuliebe quälte er sich durch diese seelenlosen Lehrjahre. Das Schlimme daran war nicht die Arbeit an sich und das Fehlen jeglicher Kreativität, vielmehr entsprang seine Frustration der allgemeinen Undankbarkeit des Berufes. Auf keinen Fall würde er sich das weitere vierzig Jahre antun.  

Stattdessen recherchierte er, wo er in seiner Gegend an stabile Tattoos kommen könnte, und fand sich schließlich in Teufels Küche wieder. Sebastian Born tätowierte ihm im Hells Kitchen die Entwürfe, die Marcel zuvor selbst gezeichnet hatte, beispielsweise ein Pärchen psilocybinhaltiger Mushrooms am Hinterkopf. Auch sein an den Seiten rasierter Kopf ist zugepflastert mit Tätowierungen, Kinn und Hals inklusive. Sebastian erkannte Willen und Talent des gerade mal 21-Jährigen und ließ ihn von da an unter seiner Anleitung an die Spulenmaschine. Mit dieser hat Marcel auch nach über drei Jahren als Tätowierer noch zu kämpfen, scheint diese doch manchmal ihren eigenen Willen zu haben. »Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, Linien mit einer Rotary zu ziehen.«

Marcel »Filthy« Preuß fischt seine Motive aus der Wiege des Schrecken.s

Seinen sächsischen Akzent hört man kaum heraus. Sein Gesichtstattoo ist aber unübersehbar. »Infitialis« steht über seiner linken Augenbraue, lateinisch für »ablehnend«. Folglich lehnt er es auch erstmal ab, darüber zu sprechen, erkennt aber auch den Widerspruch darin: »Es ist schon komisch von mir. Erst lass ich mir was ins Gesicht stechen, und will dann aber nicht drüber reden.« Im Endeffekt erzählt er dann doch darüber und stellt fest, dass die Leute ihn danach oft besser verstehen. Mittlerweile hat er eine Leidenschaft dafür entwickelt, sich im Gesicht tätowieren zu lassen. Auch auf ein paar silberne Zähne hätte er Lust, aber: »Man muss aufpassen und nicht so ignorant durchs Leben gehen. Man muss schauen, dass man sozialfähig bleibt. Dazu gehört auch, ein bisschen auf seine Freunde zu hören. Kompromisse sind der Schlüssel. Und von da aus kann man immer ein Stück weitergehen. Es ist auch gar nicht so wichtig, was jemand im Gesicht tätowiert hat, denn lesen kann das sowieso keiner. Die Leute sehen nur das Tattoo an einer, nach deren Meinung, ganz schlimmen Stelle. Fertig. Man schaufelt sich schon ein Stück weit sein soziales Grab damit. Aber ich glaube, dass eher junge als alte Leute darauf mit Abneigung reagieren. Die Alten haben schon viel gesehen im Leben.« Eine Wohnung wurde ihm deshalb jedenfalls noch nicht verweigert. Marcel fühlt sich normal und nimmt negative Reaktionen nicht wahr.
 
Marcel Preuß
Hells Kitchen Tattoo und Piercing
Herrenstraße 20
08523 Plauen
instagram.com/fxhq_tattooer

Der vollständige Artikel ist im TätowierMagazin 01/2017 nachzulesen.
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Stand:20 November 2017 13:00:32/t%C3%A4towierer/cradle+of+filthy_1612.html