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21.04.2017  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Johann Sotke, Lilia Belz
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Bunte New-School-Comicstyle-Tattoos von Johan Sotke


Die Freiheit, eigene Ideen in das Tattoomotiv einzubringen, schätzt der Osnabrücker Tätowierer Johan Sotke hat seinem stark von Comics beeinflussten New-School-Style.


Ungefähr drei Jahre lang tätowierte Johann, während er selbst komplett untätowiert war. Da sein Talent offensichtlich ist, gab es zwar an seiner Qualifikation keine Zweifel, komisch fanden das manche Kunden aber schon. Und Johann war dann bei seinem ersten Tattoo doch ziemlich überrascht, wie unangenehm sich das anfühlt, was er schon jahrelang seinen Kunden angetan hat.

Du siehst ziemlich jung aus?
Das höre ich öfter. Ich bin 27.

Johann hat übrigens nur ein Tattoo – dafür ist das aber gleich der ganze Arm.

Seit wann tätowierst du? Hast du direkt mit dem Tätowieren angefangen?
Ich tätowiere seit 2013. Nach dem Abitur habe ich erst mal ein duales Studium zum Technischen Zeichner mit Maschinenbau an der Fachhochschule gemacht.

Das hört sich nicht so kreativ an.
Ja – deshalb hab ich ja dann gewechselt. Das mit dem Maschinenbau war auch eher, um was Vernünftiges zu lernen. Ich wollte eigentlich Kunst studieren und wollte das mit dem Maschinenbau als Absicherung.

Ich finde es ganz lustig, dass mir heute ein 27-Jähriger sagt, dass er was Vernünftiges lernen wollte, bevor er mit Kunst oder Tätowieren anfängt. Das hört sich ein wenig so an, als sei Kunst oder Tätowieren quasi der Pudding, und bevor man da dran darf, gibt’s erst mal was Vernünftiges wie Maschinenbau. Das ist dann sozusagen das Schnitzel oder das Käsebrot. Unterm Strich wurde es dann bei Johann aber zum Glück noch richtig unvernünftig.

Die extremen, weißen Outlines bringen das Hauptmotiv noch deutlicher nach vorn.

Wie kommt man denn spontan zum Tätowieren?
Na, ich wollte ja Kunst studieren und war da mit meiner Mappe unterwegs und bin dann damit auch zu ’nem Tätowierer gegangen und der meinte, das sei doch auch ’ne Option.

Aha. Also für alle, die immer schon mal wissen wollten, wie man Tätowierer wird: So wird’s gemacht!
Ich hatte ja auch vorher noch keine Berührungspunkte mit der Tattooszene gehabt. Höchstens durch Miami Ink oder so.


Aber tätowierst warst du ja schon zu der Zeit?
Nö, komplett nicht. Mein erstes Tattoo hab ich vor ’nem halben Jahr bekommen. Aber dafür dann auch gleich den ganzen Arm.

Sehr knallig, sehr deutlich: Eine perfekte Symbiose von Comic und Neotraditional.

Das heißt aber dann, du warst eine ganze Weile lang ein untätowierter Tätowierer?
Ja, da konnte ich mir auch einiges anhören, vor allem von Kunden, die das verunsichert hat.

Kann man ja auch verstehen. Wenn man da anderen Leuten in der Haut ’rumwühlt, ohne selbstzu wissen, wie das eigentlich ist … Hast du das als Nachteil empfunden?
Ja, auf alle Fälle, ich konnte das schon verstehen, dass das die Kunden gestört hat. Und es war ja nicht so, dass ich nicht tätowiert sein wollte, aber wenn man dann da drin steckt und sich jeden Tag damit beschäftigt, wird man natürlich auch etwas wählerischer, weil man weiß, was alles möglich ist.

Das ist ja auch nachvollziehbar. Gerade bei der älteren Tätowierergeneration sieht man ja schön den Spruch bestätigt: Die besten Schuster tragen die schlechtesten Schuhe. Die haben ja oft irgendwelches Gekratze, das Jahrzehnte alt ist, teilweise haben sie auf sich selbst geübt … das vermittelt natürlich tolle Glaubwürdigkeit, sieht aber eben ein Leben lang scheiße aus.

Und wie ist das, wenn man dann, nachdem man schon ein paar Jahre tätowiert hat, den Arm hinhält und zu ersten Mal spürt, wie sich das anfühlt?
Es war auf alle Fälle schlimmer, als ich mir das vorgestellt hab! Ich hab versucht, für Victor (Victor Chil aus Barcelona) der beste Kunde zu sein, den ich mir gewünscht hätte, also ruhig zu sitzen und so. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es sich so anfühlt. Trotzdem haben wir bei der ersten Sitzung sieben Stunden gemacht.

Bis jetzt hat Johann noch nicht viele Backpieces gemacht, reizen würde ihn das aber schon.

Fand der Tätowierer, bei dem du gelernt hast – wer war das eigentlich? – das denn nicht komisch, dass du so lange nicht tätowiert warst?
Alex Salow von Magic of Art aus Osnabrück hatte da kein Problem damit, ich glaub, der fand das auch doof, wie das bei ihm früher gelaufen ist, und hat mir deshalb die Entscheidung überlassen. Für ihn war es wichtiger, dass ich die Sachen selber zeichnen und tätowieren kann, nicht so sehr, ob ich die selber auf der Haut hab.

Du hast ja auch einen ziemlich eigenen Stil mit einem ordentlichen Comic-Einfluss.
So mit 13, 14 hab ich auf RTL2 nachmittags immer die Animes wie Dragonball angeschaut, ich denk, das war die Grundlage. Ich hab dann versucht, die Sachen nachzuzeichnen, später hab ich mich dann auch an Landschaften, Porträts und so versucht. Aber als ich mit dem Tätowieren angefangen hab, bin ich wieder einen Schritt zurückgegangen zu den Comic-Sachen. Mir macht es mehr Spaß, selbst zu entscheiden, was es wird, anstatt etwas einfach eins zu eins zu kopieren, wie man das bei Realistic macht. Ich hab dann mehr Freiheiten, eigene Ideen einzubringen.

Du hast ja aber schon auch Porträts tätowiert aus Filmen wie Hateful Eight oder Django Unchained. Aber ein leichter Comic-Touch ist ja da dennoch drin?
Da ist es auch der Hintergrund, der in das Bild mit reinscheint und der sehr knallig ist. Und ich hab die Linien auch in einem hellen Grau vorgezogen, ich denke daher kommt auch der comicartige Effekt, dass dadurch die Farbflächen sehr klar voneinander abgegrenzt sind. Dadurch ist es nicht einhundertprozent realistisch, mehr eine Mischung aus beidem.

Zu Realistic-Porträts sagt Johann nicht Nein, aber auch sie haben bei ihm einen leichten Comic-Touch.

Aber größtenteils machst du ja schon so New-School-Comic-Arbeiten. Wie kommen Kunden denn da überhaupt auf die Idee, dich nach Porträts zu fragen?
Also gezeichnet hab ich Porträts und realistische Sachen früher ja schon, und die Bilder hängen ja auch hier im Studio, insofern ist das nicht so abwegig, mich auch nach so etwas zu fragen.  

Wo liegt für dich der Unterschied zwischen einer Zeichnung, die für einen Comic funktionieren würde, und einer Tattoovorlage?
Ich denke, das Wichtigste ist, zu berücksichtigen, wo es hinkommt, also dass man beim Zeichnen schon die Körperstelle im Hinterkopf behält. Und dass man die Möglichkeit für einen Übergang hat. Beim Comic gibt es einfach einen rechteckigen Rahmen um das Bild, aber beim Tattoo ist ja dann freie Haut drum ’rum. Da muss man dann schauen, dass man den Fluss der Körperform mit einbezieht, das Tattoo auslaufen lässt und keine harte Kante schafft, eher fließende Übergänge. Und ein Tattoo darf nicht zu überladen sein, da sollte es nur ein oder zwei Hauptmotive geben, die im Vordergrund stehen, damit es auch dann, wenn es sehr aufwendig erscheint, noch übersichtlich bleibt.

Wenn Akupunktur schiefgeht: Mit Pfeilen gespickter, schlecht gelaunter Wolf.

Während ich Johann zuhöre, denke ich: Das könnte zum Beispiel auch eine Beschreibung für den traditionellen japanischen Tätowierstil sein. Schon ganz interessant, dass verschiedene Stilrichtungen doch denselben Grundprinzipien folgen. Da würde mich natürlich interessieren, ob Johann sich schon mal näher mit der japanischen Tätowierkunst befasst hat?
Ich denke, das sind ja Grundprinzipien, die auf viele Tattoostile zutreffen. Bewusst hab ich mich mit der japanischen Tätowierkunst noch nicht beschäftigt. Aber wenn da ein japanischer Einschlag bei mir vorhanden ist, kommt er eher von den Mangas und von den Leuten, die New School mit dem Asiatischen mischen, als von der traditionellen Tätowierkunst.


Was bei dir ja sehr als Stilmittel ins Auge springt, sind diese sehr prägnanten und dicken, weißen Lines, teils auch gelb oder türkis. Welchen Sinn haben die in deinen Designs?
Die sind da, um das Ganze noch deutlicher zu machen, noch mehr in den Vordergrund zu holen. ’ne dicke schwarze Outline erfüllt ja auch diesen Zweck, und so kann man den Effekt noch verstärken, den Hintergrund noch weiter zurückschieben. Das hab ich mir ja auch nicht ausgedacht, das machen ja auch andere Tätowierer so, ich hab das nur noch mal etwas mehr ausgeprägt.

Ist das noch eine Liner, mit der du diese Linien ziehst?
Meistens nehm ich da schon eine 7er-Shader, das sind ja schon zwei, drei Millimeter dicke Linien.

Mümmelmann im Sherlock-Holmes-Stil.

Hast du denn Lieblingsmotive? Oder auf der anderen Seite, gibt es Sachen, die dir zum Hals raushängen?
Es kommt nicht so sehr auf das Motiv an – auch wenn man etwas schon oft gemacht hat, kann man es ja immer neu interpretieren. Es ist weniger eine Frage des Motivs, sondern des Stils, und in meinem Stil kann ich eigentlich jedes Motiv darstellen.

Aber gäbe es denn so ein Projekt, auf das du total Bock hättest? Vielleicht mal ein Ganzkörpertattoo?
Meine Arbeiten sind meistens eher kleinformatig, vielleicht ein Rücken ist dabei … ich hab dieses Jahr zwei, drei komplette Sleeves, aber mal einen kompletten Bodysuit zu stechen, das wäre natürlich schon krass! Aber da muss man auch erst mal jemand finden, der sich so was stechen lässt. Also – das wäre schon ’ne Herausforderung.



Johann Sotke
Magic of Art
Pagenstecherstraße 31A
49090 Osnabrück
wwww.facebook.com/johannsotketattoo

Text: Dirk-Boris Rödel
Bilder: Johann Sotke, Lilia Belz

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:23 October 2017 02:38:03/t%C3%A4towierer/bunte+new-school-comicstyle-tattoos+von+johan+sotke_175.html