Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas

08.10.2015  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Guen Douglas
Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas
Bloß nicht Newschool – Tätowiererin Guen Douglas
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Die polyglotte Tätowiererin Guen Douglas ist in Berlin angekommen – weil sie die Stadt liebt. Ihre Werke nennt sie »illustrativ«, auf keinen Fall Newschool. Inspirieren lässt sich die 36-Jährige von Fotografen und früheren Tattoopionieren.
Woher kommst du ursprünglich?
Ich habe zwei Staatsangehörigkeiten, britisch und kanadisch. Ich hab in Großbritannien gelebt, bis ich 14 war, in meinen Zwanzigern in Kanada und die letzten fünf, sechs Jahre in den Niederlanden, mit kurzen Abstechern nach Großbritannien.

Wie alt bist du jetzt?
Ich bin 36.

Und wann bist du nach Berlin gekommen?
Ich lasse mich eben gerade in Berlin nieder und werde ab Februar in der Taiko Gallery arbeiten. Ich habe davor drei Jahre in Amsterdam gelebt, aber mich dort nicht wirklich zuhause gefühlt. Es ist eine tolle Stadt und ich bin gerne dort, aber ich wollte nicht für immer da bleiben. Viele meiner Kunden reisen von sonstwoher an, also habe ich eine Stadt gesucht, die von ganz Europa aus leicht erreichbar ist und nicht nur zum Tätowieren einlädt, sondern auch die Möglichkeit bietet, ein cooles Wochenende zu verbringen. Ich bin in diesem Jahr non-stop umhergereist, um mich nach einem Ort umzuschauen, an dem ich leben möchte. Und in Berlin war ich schon oft, ich finde es toll, was diese Stadt zu bieten hat, also habe ich mich dazu entschlossen, hierher zu ziehen.

Guen sammelt selbst alle möglichen Tattoo-Styles auf ihrer Haut, so bleibt sie aufgeschlossen und innovativ.

Wann hast du mit dem Tätowieren angefangen und wie lief das ab?
Meine Ausbildung hab ich im Juni 2005 begonnen, mein erstes Tattoo habe ich einen Monat später gestochen. Es war eine richtig traditionelle Ausbildung, lang und zäh. Ich durfte jahrelang nur kleine, schwarze Tattoos oder kleine Bildchen mit Grauschattierungen machen. Mein erstes farbiges Tattoo habe ich im Mai 2007 gestochen.

Hast du vorher einen anderen Beruf ausgeübt?
Ich habe zehn Jahre lang gekellnert, bevor ich anfing zu tätowieren. Das hat mir auch Spaß gemacht, aber zwei Jahre, nachdem ich meine Tattoolehre angefangen hatte, habe ich das Kellnern aufgegeben. Anfangs habe ich das noch gebraucht, solange ich für umsonst im Laden gearbeitet habe. Ich habe tagsüber unentgeltlich Vollzeit im Studio gearbeitet und nachts Vollzeit gekellnert, um die Rechnungen bezahlen zu können.

Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du bewusst ein Tattoo wahrgenommen hast?
Ich glaube, das war in der High School, einer meiner Freunde hatte ein barock anmutendes Kreuz auf dem Rücken tätowiert, das fand ich saucool. Da habe ich mir auch gleich gedacht, dass ich so etwas auch machen könnte.
Ich hatte dann großes Glück, denn als ich 18, 19 Jahre alt war, habe ich viele junge Tätowierer getroffen, die zu guten Freunden wurden. Sie waren alle im selben Alter wie ich, interessierten sich für Malerei oder Custom Art. Natürlich wollte ich auch so cool sein – aber Spaß beiseite, ich hab schon ziemlich früh den Kunstaspekt darin erkannt. Diese Freunde haben mich auch während meiner Tattoolehre unterstützt. Auch wenn ich die Lehre nicht bei ihnen gemacht habe, hab ich doch sehr  viel Input von ihnen bekommen.

Es muss nicht immer bunt sein: Guen sticht auch gern solche monochromen Bilder. Motive mit viel Linework mag sie besonders.

Findest du Tattoos an sich als Kunstmedium spannend oder gilt dein Interesse eher einem bestimmten Stil?
Ich denke, was mich an Tattoos fasziniert, ist diese Verbindlichkeit und Hingabe, man legt sich damit auf eine bestimmte Lebensart fest. Es hängt nicht am Tätowierstil, ich habe mich immer für verschiedene Styles interessiert und auch selbst Tattoos in unterschiedlichsten Stilrichtungen. Das finde ich auch wichtig, so bleibt man innovativ.

Denkst du, dass die Tattooszene in Berlin sich von anderen Städten unterscheidet?
In Berlin gibt es wirklich tonnenweise fantastische Tätowierer aus der ganzen Welt. Da gibt es tatsächlich für jeden etwas. Das liebe ich so an Berlin, es ist so multikulturell. Und diese Vielseitigkeit sieht man auch an den Sachen, die hier entstehen. Ich freue mich schon darauf, ein Teil davon zu werden!

Denkst du darüber, nach warum Menschen sich überhaupt tätowieren lassen?
Ich denke, mit Tätowierungen heben Menschen sich einerseits von anderen ab, gleichzeitig verbinden sie sich damit mit anderen. Und es kann auch diesen Effekt einer Rüstung haben, ein Tattoo kann einen stärken.

Für deinen eigenen Stil, welche Bezeichnung fändest du da angebracht – Newschool?
Nein, definitiv nicht Newschool. Oft wird mein Stil als Neo-Traditional bezeichnet, damit bin ich aber auch nicht glücklich. Ich bevorzuge »illustrativ«, das umfasst besser, was ich mache.

Ein Karnickel mit stylischem Bandana macht sich über Grünfutter her.

Du hast ziemlich viele Oldschool-Elemente in deinen Tattoos. Fühlst du dich den Tätowierern aus dieser Zeit, zum Beispiel Bert Grimm, Sailor Jerry Collins oder Christian Warlich, verbunden?
Ich denke, die Basics des Traditional Tattooing sind generell die Grundlage für alle Arten von Tattoos. So gesehen fühle ich mich diesen Pionieren schon verbunden. Ich versuche immer, traditionelle Techniken auf meine Designs anzuwenden. Starke Linien, Whip Shading, kräftige Farben und genug freie Haut. Am Anfang habe ich mich bemüht, den großen kanadischen Tätowierern nachzueifern, die ich bewundere: Craig Driscoll, Steve Moore, Dave Knight, James Tex, Rob Noseworthy. Die kanadische Tattooszene hat ihre Wurzeln im Graffiti, daher habe ich mich schon früh in diese illustrative Richtung orientiert. Als ich 2009 nach Europa zurückkam und hier mit dem American Traditional konfrontiert wurde, der zu der Zeit gerade populär wurde, hat sich das auch noch mal auf meinen Stil ausgewirkt. Ich denke, Sailor Jerry Collins war ein Genie, seine Designs sind zeitlos, schlicht und ausgewogen. Er hatte damals ein gutes Auge für sowas. Ich lasse mich gern von Tätowierern dieser Zeit inspirieren, ich will mich aber auch nicht festlegen lassen, daher sind manche meiner Arbeiten ziemlich traditionell, andere verraten wieder eher mein Interesse am Comic-Stil.

Was inspiriert dich außerdem?
Mode, Film und Fotografie sind für mich die wichtigsten Inspirationsquellen, mehr noch als andere Kunststile. Meine Lieblingsfotografen sind Joel-Peter Witkin, Andres Serrano, Richard Kern, George Hurrell und David Lynch. Ich habe bestimmt mehr Foto- als Kunst-Bildbände. Das ist bei mir auch phasenweise, da kann es passieren, dass ich ein halbes Jahr lang nur Haar-Foto-Bücher kaufe.

Sehr viele deiner Tattoos sind Einzelmotive. Daran lässt sich ja schwer anschließen, oder ist das gar nicht beabsichtigt, also sollen die Motive auch isoliert für sich stehen?
An manche kann man gut anschließen, aber größtenteils stehen sie schon für sich. Ich würde gern mehr großformatige Sachen wie Sleeves oder Backpieces machen – insbesondere natürlich, weil Rückentattoos immer für sich allein stehen können – aber mit dem ganzen Umherreisen ist es praktisch unmöglich, über mehrere Sessions zu arbeiten. Aber ich freue mich schon darauf, dass ich in Zukunft auch größere Arbeiten angehen kann.  

Ich hab unter deinen Arbeiten einige tätowierte Handrücken gesehen; viele Tätowierer weigern sich, Kunden Hals, Gesicht oder Hände zu tätowieren, wenn diese nicht zumindest die Arme volltätowiert haben. Findest du das verantwortungsvoll oder heutzutage eher überholt?
Gesichter tätowiere ich nicht – aber wahrscheinlich einfach deswegen, weil mich noch nie jemand darum gebeten hat. Aber so will ich es auch lassen. Bei Händen und Hals – ich denke, das ist nicht in Stein gemeißelt. Wenn einer gerade mal 18 ist und noch kaum andere Tattoos hat, dann lehne ich vermutlich ab, aber wenn jemand etwas älter ist, einen Job hat, dann würde ich es eher in Betracht ziehen. Das sind Einzelfallentscheidungen.

Du wirfst ja oft unterschiedlichste Bild- elemente zusammen, zum Beispiel Obst-hut mit Flamingo … Arrangierst du nur Motive, die zusammen interessant aus-sehen, oder hat der Wahnsinn Methode?
Oft geht es wirklich nur um die Optik – aber manchmal steckt auch ein Witz oder eine interessante Geschichte dahinter.

Man hat den Eindruck, ungefähr neun
von zehn deiner Tattoos seien Frauenporträts.

Ich liebe es, diese Porträts zu stechen, und auch Hände, Tiere, Blumen … Wenn mir jemand also die Freiheit lässt, dann tätowiere ich am liebsten so was. Es ist aber auch toll,  Designs zu stechen, die einen fordern und die neu sind. Ich mag es auch gern zu recherchieren, wenn jemand beispielsweise ein historisches oder wissenschaftliches Motiv möchte. Ich denke, sobald ich mich an einem Ort niedergelassen habe, wird mein Portfolio automatisch vielfältiger werden.

Deine Designs wirken oft feminin, ich würde schätzen, dass du mehr weibliche Kunden hast.
Ja, das stimmt, aber das hat sich in den vergangenen zwei Jahren auch gewandelt. Die meisten meiner männlichen Kunden sind Illustratoren, Grafik-Designer, Musiker, Surfer, Skater … Coole, entspannte Typen. Die mögen mehr die traditionellen Tattoos. Ich würde schon auch gern mehr maskuline Tattoos stechen, man muss mich nur danach fragen.

Bis du zufrieden damit, wo du jetzt bist, oder möchtest du dich in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln?
Ich bin sehr zufrieden damit, wie sich alles entwickelt, und natürlich hoffe ich immer, dass ich mich weiterentwickeln kann – wenn das mal aufhört, dann hat man ein Problem. Ich würde gern mehr malen und an größeren Projekten arbeiten.

Zwischen den farbigen Sachen sieht man hier und da auch rein schwarze Tattoos, eher so im Kupferstich- oder Holzschnitt-Stil. Sind das einfach Experimente?
Ich liebe solche Aufträge und bin froh, Kunden zu haben, die auf so etwas stehen. Ich bin wirklich blitzschnell beim Linienziehen und mache das sehr gern, insofern hoffe ich sehr, dass die Nachfrage nach diesen Tattoos weiter anhält. Es ist eine schöne Abwechslung, es spricht andere Areale in meinem Gehirn an.

Was findest du für einen Tätowierer wichtiger, Technik oder Kreativität?
Da gibt es Gründe für beide Seiten. Für die Technik spricht, dass Kunst etwas subjektives ist. Aber ein tolles Tattoo wird in beiderlei Hinsicht herausragend sein. Ein cooles Design kann immer noch über dürftige Technik hinwegtrösten, aber wenn das Design Mist ist, dann ist es egal, wie gut es gestochen ist, es ist auch dann immer noch kein gutes Design.

Wo, denkst du, wird das Tätowieren in zehn Jahren sein?
Die Wettbewerbssituation wird sich verschärfen. Viele Tätowierer werden sich nach anderen Jobs umschauen müssen. Der Markt ist bereits übersättigt und wird nicht mehr jeden tragen können.


Kurz & knapp

Dein Lieblingsbuch?
Entweder ist das »The Picture of Dorian Grey« von Oscar Wilde, oder »Morning in the Burned House« oder »The Handmaid’s Tale« von Margaret Atwood.

Sport: aktiv, passiv, gar nicht?
Oh, das ist auf meiner To-do-Liste für dieses Jahr. Ich schau mir Sport nicht im Fernsehen an, aber liebe es, ins Stadion zu gehen. Ich liebe Hockey und Baseball, Bier und Hotdogs!

Wochenende?
Essen, schrille Cocktails, Musik hören, mich von der Woche erholen, zeichnen und malen.

Facebook?
Nur zum Teilen von Videos von niedlichen Tieren.

Wenn du eine Unterhaltung mit einer beliebigen Person, tot oder noch lebend, führen könntest:
Oscar Wilde für die Toten, Stephen Fry für die Lebenden. Das läuft ja beinahe aufs selbe raus!

Wenn du nicht als Tätowiererin arbeiten könntest, wäre dein Lieblingsjob:
Am liebsten Musikdirektorin beim Fernsehen. Aber wahrscheinlich würde ich einfach wieder kellnern.

Ein perfekter Abend:
Gutes Essen, guter Wein, noch bessere Gesellschaft, kuscheln und einen Film anschauen – himmlisch!





Guen Douglas
Taiko Gallery
Schönleinstraße 33
10967 Berlin
 
taikogallery@gmail.com
Guentaikogallery@gmail.com
www.guendouglas.com

Der vollständige Artikel ist in der Oktober-Ausgabe, 10/2015, des TätowierMagazins nachzulesen.
 
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Stand:20 November 2017 13:00:47/t%C3%A4towierer/bloss+nicht+newschool_159.html