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06.10.2017  |  Text: Pascal Bagot, Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Anderson Luna, Pascal Bagot
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Atemberaubende Tattoos von Anderson Luna


In der Stadt, die niemals schläft, schläft auch die Konkurrenz nicht, und wenn man hier als Tattookünstler nicht untergehen will, muss man ordentlich Gas geben. Scheint aber für Tätowierer Anderson Luna kein Problem zu sein. Zu behaupten, er sei mit Talent gesegnet, wäre angesichts der religiösen Motive vieler seiner Tattoos wahrscheinlich gar nicht falsch. Hat er vielleicht einen himmlischen Pakt geschlossen …?


Anderson Luna konnte neulich einen besonderen Jahrestag feiern: Zehn Jahre als Tätowierer! »Das ist schon etwas Besonderes. Die alten Tattoolegenden, die sagen oft ›So lange du nicht mindestens zehn Jahre tätowiert hast, bist du kein Tätowierer!‹ Jetzt hab ich das geschafft!« Als ob Anderson irgendjemandem etwas beweisen müsste. An Anfragen von Leuten, die von ihm lernen möchten, mangelt es jedenfalls nicht. »Aber das geht nicht, ich tätowiere doch noch gar nicht so lange. Vielleicht denke ich in fünf, sechs Jahren über so etwas nach, wenn ich meinen eigenen Shop habe.«
Da New York ja so etwas wie die Tattoohauptstadt der Welt ist, kann man davon ausgehen, dass Anderson quasi rund um die Uhr mit anderen Tätowierern abhängt – aber das Gegenteil ist der Fall. »Ich vermeide das, ich muss nicht auf jeder Tattooshow sein und mich ständig mit anderen Tätowierern treffen. Wenn Tattookünstler von außerhalb nach New York kommen, treffen sie andere Tätowierer, und das ist alles, was sie hier machen. Aber ich halte mich da raus. New York ist meine Stadt, ich hab hier meinen Freundeskreis.«



Wie viele New Yorker Kids rutschte auch Anderson über die Graffiti-Schiene in die Tattooszene. Als er im Studio Tuff City in der Bronx zwei Graffiti-Freunde traf, entdeckte er an den Wänden Flashs von Andre Malcolm und war hin und weg. »Er hat dann meinen kompletten linken Arm tätowiert – natürlich hätte er das nicht machen dürfen, ich war ja gerade mal 15 oder 16 Jahre alt!« Für den jungen Anderson schien das ein sehr attraktiver Beruf zu sein. Man konnte Kunst machen, aber kam dabei mit Leuten in Kontakt. »Bei jeder anderen Art von Kunst verbringst du ja die meiste Zeit allein – aber beim Tätowieren hast du die ganze Zeit mit Menschen zu tun.« Dennoch hätte seine Laufbahn auch ganz anders verlaufen können: »Eigentlich war ich schon drauf und dran, mich bei einer Kunstschule anzumelden, als die Jungs von Tuff City mir einen Job in ihrem Studio anboten. Ich blieb dann dort für drei Jahre und lernte praktisch alles von Andre. Später, 2010, traf ich dann Scott Campbell, der mich einlud, bei Saved Tattoo zu arbeiten.«

Jeanne d Arc, die Jungfrau von Orléans, zog im 15. Jahrhundert gegen die Engländer in den Krieg, nachdem sie ihrer Überzeugung nach von Gott dazu auserkoren wurde.
 

10 Jahre Tattoo-Business


Was Anderson gleich zu Beginn seiner Tattookarriere lernte, war, dass er sich einiges wieder abgewöhnen musste, was er sich in anderen Kunstformen angewöhnt hatte. »Bei einem Sleeve zum Beispiel, da muss man das Motiv von der anderen Seite des Zimmers aus schon erkennen können. Die Lesbarkeit ist am wichtigsten: viel Kontrast, genug Haut, genug Schwarz. Ich füge dennoch auch viele Details ein. Ich möchte, dass es aus der Entfernung schon stark wirkt, aber dass es immer noch Dinge zu entdecken gibt, wenn man sich dem Tattoo nähert.« Andersons bevorzugtes Sujet, nämlich religiöse Bilder, eignet sich besonders für diesen Ansatz. »Religionen haben mich immer schon interessiert, das habe ich wohl meiner Großmutter zu verdanken, die mich immer in die Kirche mitgenommen hat. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich von dem Gefühl des Raums überwältigt war, von den vielen Bildern, es hatte für mich etwas sehr Kraftvolles, aus dem ich viel Energie bezog. Ich bin gar nicht besonders gläubig, auch wenn ich mich viel mit Religionen beschäftige, aber die Bilder haben mir immer schon gefallen. Dabei fühle ich mich auch mehr zu den östlichen Religionen hingezogen, zum Buddhismus und Hinduismus. Das entspricht eher meiner Weltsicht, im Hier und Jetzt zu leben, an sich selbst zu arbeiten und nach Verbesserung zu streben.«



Die Bildsprache der östlichen Religionen sei auch besser zum Tätowieren geeignet, meint Anderson. »Die Ikonographie der fernöstlichen Glaubensrichtungen ist definitiv besser geeignet zum Tätowieren. Die Bilder sind älter und ich habe den Eindruck, dass sie dadurch auch kraftvoller, bedeutungsvoller werden. Die indischen Sachen machen mir besonders Spaß. Man kann die Sachen gut variieren, es gibt unterschiedliche Stile. Ägyptische Motive würde ich gern öfter stechen, das sieht man kaum. Das ist noch relativ unberührt, das kann man definitiv entwickeln.« Man spürt förmlich, wie Anderson darauf brennt, sich dieses Themas anzunehmen. Dafür ist er bestens gerüstet: Er hat eine enorme Sammlung an Kunstbüchern, »so ungefähr tausend dürften es sein«, schätzt er. »Ich liebe es, sie um mich zu haben, zu sammeln, zu lesen … Manchmal will ich nur eine Referenz finden und zack, sind zwei Stunden vergangen, ohne dass ich es gemerkt habe. Manchmal denke ich, mein Job besteht darin, Referenzen nachzuschlagen …«

 Jesus mit der Dornenkrone, ein Tattoo-Klassiker.
 

Tattoos in schwarz und grau


Und warum nur in Schwarz und Grau? »Ich verstehe es besser. Ich konzentriere mich dadurch mehr auf die Form, die Linien, den Kontrast. Ich bin dadurch freier in meinem Denken. Farbe funktioniert oft nur dann richtig gut, wenn man die geeignete Hautfarbe dafür hat, aber ich will Tattoos stechen, die auf jeder Art von Haut gut aussehen. Ich habe aber nichts gegen Farbe, wenn sie flach, grafisch verwendet wird, so wie in japanischen Tätowierungen.«
Was neben der Abwesenheit von Farben an Andersons Arbeiten auffällt, ist die Ruhe und Friedlichkeit, die sie ausstrahlen. »Es gibt keine Gewalt in meinen Arbeiten. Ich denke, die Leute, die zu mir kommen, möchten etwas Friedliches. Ich glaube, das hat auch eine besondere Kraft. Ich versuche, bei jedem Tattoo vor allem diesen Aspekt herauszuarbeiten. Auch auf die Gesichter lege ich großen Wert, Gesichter sind sehr kraftvoll, ganz gleich, ob es eine Gottheit ist oder ein Heiliger – nicht leicht zu zeichnen, aber sie lenken immer die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich.« Sind es dann besonders religiöse Menschen, die zu ihm kommen? »Es sind vor allem Leute, die etwas Schönes, Friedvolles haben möchten. Die meisten haben kaum andere Tattoos, zu mir kommen keine Sammler. Viele meiner Kunden hatten vorher gar keine Tattoos oder dachten, dass sie nie ein Tattoo haben wollten, bis sie dann meine Arbeiten sahen.«


Kontakt:
Anderson Luna
Saved Tattoo
426 Union Avenue
USA-Brooklyn NY, 11211
www.savedtattoo.com
instagram.com/andersonluna

 

Text: Pascal Bagot, Dirk-Boris Rödel
Bilder: Anderson Luna, Pascal Bagot

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:23 October 2017 02:42:38/t%C3%A4towierer/atemberaubende+tattoos+von+anderson+luna_178.html