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24.03.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Robin Brecht
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Halunken – Fünf Tätowierer aus Bielefeld


Schweinesympathisch und vor allem gerade in aller Munde: Die Bielefelder Halunken. Ob es Bielefeld wirklich gibt und was es mit dem aufstrebenden Tätowiererkombinat auf sich hat, checkten wir für euch. Tolle Tattoos gab es auch zu sehen.


Etwas mehr als ein Jahr treiben die Halunken nun schon ihr Unwesen. Und das in Bielefeld. Dem Fleckchen Erde, das sich nicht unbedingt durch hippe Kunst und junge Kreative in unseren Köpfen eingebrannt hat. Wir schauten uns die Erfolgsgeschichte der Jungtätowierer genauer an.
Die Organisation ist durchdachter, als es die Studiobezeichnung erwarten lässt. Gegründet wurden die »Halunken« von Philipp Bussemas und Edgar Lanz vor etwas mehr als einem Jahr. Die beiden Freunde beweisen gerade erfolgreich, wie es funktionieren kann, Spaß und Business miteinander zu verbinden.

Philipp Bussemas, mi Edgar Lanz zusammen Inhaber des Tattoostudios Halunken.


Philipp ist der Mann für alles im Background

Philipp macht bei den Halunken alles, außer tätowieren, und das hat nur kurz den Anschein, als wäre sein Job damit im Tattoostudio zweitrangig. Der Gründer und Shopmanager sorgt dafür, dass die Jungs ihren Rücken frei haben. Er organisiert Materialien und hat die Finanzen im Blick. Außerdem regelt er alle Angelegenheiten in Sachen Gasttätowierer. Er schaut, dass die Jungs einen Schlafplatz haben und natürlich dann auch Termine im Kalender. Er will, dass sich die Tätowierer im Studio ganz auf ihre Kunst und ihre Kunden konzentrieren können. Er korrigiert sich an einer Stelle häufiger: Wenn er von seinen Mitarbeitern spricht, schiebt er prompt »Kumpel« hinterher.
Der gelernte Industriekaufmann rutschte ganz klassisch in die Szene als Kunde in einem Gütersloher Studio. Bei seinem zweiten Termin dort lernte er Edgar kennen. Später ließ er sich von Ed, wie ihn alle nennen, tätowieren, und schnell wurde aus dem Kunden-Dienstleister-Verhältnis eine Freundschaft.

»Wir waren in Lissabon auf Convention und dort entzündete sich die Idee, ›hier wollen wir mal zusammen hin, als Studio‹. Und dann ging alles ganz schnell.« Philipp und Edgar setzten sich hin, rechneten alles durch und machten sich ein Konzept. »Wir sind beides keine Typen, die einfach aus dem Bauch heraus entscheiden.« So wurde alles durchdacht, eine passende Immobilie gefunden und schon ging es los. Die Immobilie, das hübsche Häuschen in der Buddestraße 1a, war ein Glücksgriff von Edgars Frau. Ein Ebay-Schnapp, tatsächlich. Und nun hat das Halunkenteam hier seine zweistöckige, liebevoll eingerichtete Basis.

»Unterm Strich läuft es gut, wir investieren viel Zeit und Arbeit. Die haben wir aber auch im Vorfeld einkalkuliert und aufgebracht. Sonst hätten wir ein Studio in der Größenordnung gar nicht eröffnet«, erzählt Phil. Die Planung war gründlich und das zahlt sich aus. Das merken die Jungs an den Gasttätowierern, die gerne zu den Halunken kommen, und an der Runde, die das Studio im Netz macht. Den Jungs ist das manchmal unangenehm. »Selbst hört man das gar nicht immer so gerne, dass es gut läuft. Oder Sprüche wie ›Man kennt euch ja‹. Weil das Studio eben gerade mal ein Jahr alt ist. Aber ich denke, das muss man einfach nüchtern sehen: Es ist schön, wenn es gut läuft. Aber am Ende müssen Rechnungen bezahlt und die Leute hier beschäftigt werden, das zählt.« Ausruhen werden sich die Halunken nicht, sie sehen ihren Erfolg pragmatisch. In Phi-lipps Mundwinkeln zeichnet sich ein spitzbübisches Lächeln ab, als er einen für sich treffenden Vergleich findet: »Obwohl wir beide in einer festen Beziehung leben, ist das hier so unser ›Männer-Baby‹, das benötigt viel Pflege.«

Edgar Lanz, der Tätowierer und Studioinhaber bei der Arbeit.

Eds und Phils Männer-Baby hört auf den Namen »Halunken«

Zwei Monate Planungszeit investierten Philipp und Edgar. »So viele schlaflose Nächte waren das gar nicht, wir haben einen Businessplan erstellt, so wie sich das gehört.«
Zum Studiokonzept der Halunken zählt neben der bunten Mischung, die sie mit den eigenen Leuten abbilden, auch das Angebot an krassen Gasttätowierern. Diese machen es sich im zweiten Stock des Halunkenhauses bequem, dort haben sie nicht nur ihre Arbeitsplätze, sondern auch ihr Schlafgemach. Aus Sicht eines Gasttätowierers herrschen hier super- schöne Bedingungen.
Ein Plus: Dadurch, dass Edgar der russischen Sprache mächtig ist, kommen sehr häufig herausragende Künstler aus Russland nach Bielefeld.

Das bietet ganz neue Chancen. Häufig trifft man Künstler dieser Qualität nur auf Conventions; und von einem Termin kann man nur träumen. Apropos Edgar. Ed ist gemeinsam mit Phil Shopinhaber. Vor drei Jahren fing er mit dem Tätowieren an und war vorher in einem anderen Bielefelder Studio tätig. Sein Stil? »Ich lege mich ungern fest beziehungsweise stecke ich meinen Stil ungern in eine Schublade. Ich versuche immer, von überall her das Beste für mich rauszuziehen. Daraus entsteht dann mein eigener Mix. Ich arbeite viel mit schwarzen Flächen, addiere gerne etwas Filigranes hinzu, Dotwork zum Beispiel. Und tatsächlich mache ich auch gerne Farbe mit rein, obwohl es sich bei dem vielen Schwarz nicht immer anbietet. Die Nachfrage geht aktuell klar zu Dunklem.«

Tattoos von Edgar Lanz.

Abgesehen davon, was kriegen die Leute hier? »Ich würde sagen, wir decken hier so gut wie jede Stilrichtung ab. Angefangen bei Black-and-Grey-Realistic bis hin zu gesketchten Sachen, Oldschool-Traditional und Neo-Traditional, Dotwork und Blackwork. Die Stammkonstellation bietet schon sehr viel an. Und das, was wir nicht selbst abdecken können, versuchen wir über coole Guestspots reinzuholen.« Phil und Ed suchen sich die Gäste kaum selbst zusammen, tatsächlich kommen sehr viele Anfragen rein, aus denen sie dann auswählen und schauen können, was passt. Der Kontakt kommt meist über Social Media zu Stande. Ein Tanzbereich, den alle Halunken ohnehin bestens beherrschen. Zu krasse Überschneidungen versuchen sie bei der Auswahl zu vermeiden, es soll jeder genug zu tun haben. In Zukunft möchte auch Edgar wieder Guestspots machen. In Jahr eins seines Tattoobusiness war das noch nicht drin. Doch jetzt, wo der Laden brummt und alles mit den drei festen Residents wie am Schnürchen läuft, kann auch Ed wieder reisen. Die anderen Halunken machen das ohnehin. »Hier möchten wir unseren Leuten auch keinen Riegel vorschieben. Die können ruhig jeden Monat einen Spot machen, das ist okay.«

Marvin Diekmaennken in seiner Tattoo Homebase.

Marvin Diekmaennken sticht Western Traditional Tattoos

Zu den eigenen Leuten gehört zum Beispiel Marvin Diekmaennken. Satte, gestochen scharfe und technisch sehr saubere Traditionals, die eine eigene Handschrift tragen – hierfür steht der ruhige, angenehme Typ mit den zerzausten Haaren. »Vor drei Jahren habe ich durch meine damalige Freundin einen Fuß in die Tür des Ladens bekommen, in dem ich dann eine Ausbildung machen durfte. Zu der Zeit habe ich noch Illustration und Design in Münster studiert, hatte aber bereits länger großes Interesse daran, das Tätowieren zu lernen. Meine ersten richtigen Tattoos habe ich bei True Love in Düsseldorf bekommen. Von da an beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Thema, hatte aber kaum Anhaltspunkte, um den richtigen Zugang zur Materie zu finden«, erzählt der 27-Jährige. Hinzu kam, dass er zu großen Respekt vor dem Handwerk hatte, als dass er es sich selbst zuhause hätte beibringen wollen.

»Ich kam über Umwege an dieses Angebot und war eigentlich kaum vorbereitet, hatte noch nicht mal meine Bewerbungsmappe ordentlich ausgearbeitet. Aber es funktionierte, ich durfte sofort anfangen.« Seit einer Weile arbeitet Marvin bei den Halunken in Bielefeld. »Am wohlsten fühle ich mich im westlich-traditionellen Bereich. Oldschool ist für mich die sinnvollste Art zu tätowieren, zumindest technisch. Ich denke, es macht am meisten Sinn, gerade am Anfang, die handwerklichen Aspekte traditioneller Tätowierungen vermittelt zu bekommen. Hier geht es um Haltbarkeit und Präzision.«

Tattooflash von Marvin Diekmaennken.

Es gibt viele Tätowierer, die ihn auf unterschiedliche Art und Weise inspirieren. Außerdem holt sich Marvin gerne bei Klassikern Anregungen, er blättert oft in alten Flashbüchern. »Eine große Inspiration ist für mich auch der Austausch mit anderen Tätowierern, dadurch lerne ich am meisten, ob handwerklich oder gestalterisch. Am interessantesten sind Gespräche mit Kollegen und Kolleginnen, die schon viele Jahre in diesem Beruf arbeiten.«
Auffällig und vor allem beliebt sind nicht nur die Tätowierungen mit der typischen Handschrift, sondern auch die schönen Flashs von Marvin. Und tatsächlich: »Ich würde gerne mal ein Buch rausbringen. Ob alleine oder mit anderen Künstlern oder Tätowierern zusammen, weiß ich nicht. Ich finde es generell wichtig, sich auch fern des Mediums Haut präsentieren zu können. Das ist zumindest mein Anspruch. Printmedien können zudem extrem lange überdauern, im Gegensatz zur Haut.«

Jusse ist ein perfekter Allrounder

Neben Edgar und Marvin vollenden die beiden Mädels Jusse und Alicja Andersen das Studioangebot der Halunken. Und die beiden Ladys sorgen nicht nur formal für die Frauenquote, sondern ergänzen das Portfolio durch ihr Repertoire ganz fabelhaft. Jusse ist seit 2017 fest im Team. Sie deckt den Sketchy-Bereich ab. Für Edgar ist sie ein perfekter Allrounder, ihr Hauptaugenmerk liegt aber auf dem eigenen Style. Die fröhliche Art von ihr ist ansteckend, es macht Spaß der quirligen Tätowiererin bei der Arbeit zuzusehen. Die Halunkin transportiert ihre Lebensfreude auch in ihren Tätowierungen. Wenn sie im Netz zur Terminvergabe aufruft, braucht sie den Tag darauf frei, um ihre Schäfchen unterzubekommen.

Jusse ist der fröhlicher Allrounder im Halunken-Team.


Alicja Andersen: Von der Grundschule ins Tattoostudio

Alicja aus Berlin ist seit Oktober bei den Halunken und arbeitet selbst noch nicht allzu lange als Tätowiererin. Eigentlich ist sie Pädagogin. Sie experimentiert sehr gerne, sich künstlerisch zu betätigen war ihr großer Wunsch. »Doch ich wollte nicht der hunderttausendste Grafikdesigner sein. Also klopfte ich für ein Praktikum bei einem Tattoostudio an. Und plötzlich war es, als hätte man auf mich gewartet.« Die ehemalige Grundschullehrerin ist froh über das tolle Umfeld bei den Halunken. Hier kann sie super viel lernen, hat tolle Freunde gewonnen. »Hier wird ein Ort geschaffen für die Kunst, für den Austausch. Wir lernen voneinander, das finde ich großartig. Es  geht nicht um die Masse an Tattoos, ums Geld, sondern ums Wohlfühlen.«
Phil und Ed ist es also in einem Jahr gelungen, ein solides Studio auf die Beine zu stellen, das vieles zu bieten hat. So lohnt sich also auch ein Trip nach Bielefeld.

Alicja Andersen ist Tätowiererin bei den Bielefelder Halunken.


Halunken
Buddestraße 1a
33602 Bielefeld
0521 - 399 72 119
facebook.com/HalunkenBielefeld

Studio: @halunken_tattoo
Ed: @edgar_lanz_taetowierungen
Marvin: @marvin_diekmaennken
Jusse: @jussses
Alicja: @alicja_andersen

Text: Jula Reichard
Bilder: Robin Brecht

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Stand:24 June 2017 03:58:23/t%C3%A4towierer/+halunken+-+fuenf+taetowierer+aus+bielefeld_173.html