SPECIAL: Und wenn du mal alt bist? – Tattoos im Alter

24.02.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Robin Brecht, Marlene Fulde, Richard Jones, Martina Wörz und SRF Inked (www.srf.ch/sendungen/inked)
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SPECIAL: Und wenn du mal alt bist? – Tattoos im Alter
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Wie ist es denn so, jenseits der 60, tätowiert zu sein? Und wir haben gemerkt: An Tattooleidenschaft stehen die »Alten« den Jungen in nichts nach. Unser persönliches Fazit: Zur Skepsis besteht überhaupt kein Anlass – tätowiert zu sein fetzt offenbar im Alter sogar noch mehr!
Inge (67)

Inge (67) 
 
Gleich nach »Tut das denn weh?« ist das die Frage aller Fragen, mit denen sich Tätowierte immer konfrontiert sehen. Schnell hört man auf da mitzuzählen. Doch was antwortet man auf diese unsinnige, und doch so oft gestellte Frage? Auch wir wissen es nicht. Was vor allem nervt: Die Frage impliziert ja, man hätte sich keine Gedanken zu seiner Entscheidung gemacht, und sei soeben in eine Jugendsündenfalle getappt. Eigentlich ist es mühsam, sich mit solchen Vorverurteilungen zu beschäftigen. Dennoch ließ es uns nicht ganz los. Immerhin ist es enorm, wie sehr die Frage nach den Tattoos im Alter die Allgemeinheit beschäftigt.

Also fragten wir jene, die es wissen müssen. Männer und Frauen jenseits der Sechzig, die mit Stolz und aus Überzeugung ihre Tattoos tragen und zeigen. Schnell stellten wir fest: Tattoobegeisterung ist nicht nur was für junge Leute und die Frage »Und wenn du mal alt bist?« erschien uns noch nie so unsinnig, wie nach unseren Begegnungen. So unterhielten wir uns zum Beispiel mit Inge und Annegret, deren Tattoos noch gar nicht so alt sind und vor allem noch nicht die letzten sein sollten. Auch zwei Seefahrer standen Rede und Antwort: Der eine sah auf der See Lehrfilme zur Abschreckung und ließ sich deshalb erst mit vierzig tätowieren, der andere brachte sich viele bleibende Erinnerungen von seinen Einsätzen auf hoher See mit.

Richard (67)

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Unser 15-Seiten Special zum Thema »Tattoos im Alter«
einhaltet die Geschichten unserer fünf Interviewpartner

Jakob (68)
Annegret (68)
Inge (67)
Richard (67)
Elvira (62)

Lest hier als ersten Vorgeschmack des großen »Bunte-Falten-Specials« die Geschichte des Schweizer Tattoomodels Jakob Waser und seinem Bodysuit von Filip Leu …

Jakob Waser ist 68 Jahre alt und bis zum Anschlag tätowiert. Das tolle Bildmaterial von Jakob Waser wurde uns von SRF Inked zur Verfügung gestellt.
 

Zum 40. Geburtstag fällt auf Goa der Startschuss 

Wie bereitest du dich darauf vor, einen alten Mann zu treffen, der einen atemberaubenden Bodysuit von den namhaftesten Tattoopionieren der Welt trägt, Zeit seines Lebens als Hochseematrose über die Meere schipperte und heute mit 68 sein Glück auf Reisen nach Goa findet? Die Google-Suchmaschine mit seinen Eckdaten füttern und dann einen Fragenkatalog zusammenstellen, mit dem im Schlepptau ich mich in das 330 Kilometer entfernte Zürich aufmache? Nein. Ich höre auf meine Intuition und lasse mich überraschen. 

Was wusste ich über meinen Gesprächspartner? Jakob Waser ist 68 Jahre alt und bis zum Anschlag tätowiert. Er trägt einen Bodysuit in beeindruckender Farbenpracht, der größtenteils von Filip Leu und Claus Fuhrmann stammt. Aufgefallen ist der interessante alte Kerl bereits vor ein paar Jahren, als er für die Schweizer Tattoostudio-Kette Giahi als Werbegesicht glänzte. Ein Kampagnenfoto, das Jakob neben einem gelben Lamborghini Murciélago in lackledernem Mikrostringtanga zeigt, nutzt der 68-Jährige als Facebook-Profilfoto. Ja, Jakob hat Facebook. Auf dem Weg nach Zürich frage ich mich häufiger, wie Jakob so drauf ist. Ist er ein liebenswerter Hippie, so wie es die Anhäufung der Herzchensmileys, herzenwerfenden Hunde-Comicfiguren oder schlichte »LOVE«-Wortmeldungen vor und nach jedem Satz im Facebookchat vermuten lassen? Was ich jedenfalls da noch nicht ahne: Der schwarze Mikro­string wäre fast an Jakobs Zuspätkommen schuld gewesen und ich werde diesen noch zu Gesicht bekommen. 

Wir treffen Jakob bei Giahi an, der Empfang ist herzlich. Bevor wir uns seinen imposanten Bodysuit anschauen und Fotos von ihm machen, unterhalten wir uns. Ich möchte mehr über den Mann wissen, dessen Aura bereits verrät, dass er eine Menge zu erzählen hat. »Tja, wo soll ich anfangen?«, fragt er mich mit gutmütigem Blick und Schweizer Dialekt. Es vergeht eine Stunde, in der er mir vor allem in loser Reihenfolge von seinen Erfahrungen auf hoher See und seinen Reisen erzählt. »Wisst ihr das noch, in den Jerry-Cotton-Büchern damals, dort standen auf der ersten und letzten Seite doch immer diese Anzeigen?« – Jakob vergisst dabei, dass uns über vierzig Jahre trennen – »Dort stand geschrieben, ich weiß es noch ganz genau – soll ich es euch erzählen? ›Die Welt erleben, Seemann werden – Schreiben Sie jetzt an Kapitän (...)‹«. Jakob war gefesselt von der Vorstellung zur See zu fahren und bewarb sich. Wenig später fand sich der »Schweizer Käsejunge«, wie ihn die anderen Boys auf dem Schiff nannten, auf einem deutschen Schulschiff.

Jakob erinnert sich lebhaft an die Lehrfilme, die dort gezeigt wurden. Einer behandelte das Thema Tätowierungen. »Jesses Gott, da konnte man manchmal gar nicht mehr schlafen. Die Filme machten mich richtig traurig. Sie handelten von den Großstädten, von Drogen, Kriminalität und da ging es auch um Tattoos.« Jakob schließt die Augen und schüttelt den Kopf. »Die haben uns eingebläut, dass man von der Tattoofarbe Knochenkrebs bekommt. Da dachte ich bei mir ›Uhhh, das machst du nicht mit!‹« 

Jakob hat also die Hälfte seines Lebens kein einziges Tattoo besessen. Zu seinem 40. Geburtstag ließ er sich dann auf Goa zum ersten Mal tätowieren. Doch was war der Anlass? »Ich habe viele Jahre in Indien gelebt und viele schöne Tattoos gesehen. Außerdem habe ich die Leu-Familie kennengelernt.« Die Arbeiten inspirierten ihn. »Und bis heute ist alles gut gegangen, ich bin kerngesund, habe keinen Knochenkrebs oder Aids bekommen. Und ich hatte es ja nicht so einfach wie die Leute heute – bei mir gab es noch keine Tattoohefte, in denen ich mir was abgucken konnte.«

Jakob erzählte mir so viele kuriose Geschichten, dass ich ein Buch füllen könnte. »Es ist so schade, dass wir damals noch keine Handys hatten … da sah noch alles anders aus. Die Chicken Street in Kabul zum Beispiel.« Am Ende unseres Gesprächs bat ich ihn um eine Antwort auf die Frage: »Und wenn du mal alt bist?«. Jakob kontert gemütlich: »Na, wenn ich mir meine Tattoos so anschaue, kann ich doch eigentlich ganz zufrieden sein.« Ferner rät er zur Pflege mit Kokosöl und auf den Erhalt einer schlanken Statur. Apropos Kokosöl. Hiermit ölte Jakob sich dann noch ein, um für das Shooting zu unserem Tattoo ZOOM (S. 64) zu glänzen. Hier sah ich dann auch den Mikro­string wieder, für den er auf halber Strecke von Bern nach Zürich extra noch mal umkehrte.
Was für eine wunderbare Begegnung. Jakob und ich sind nun auf Facebook in Kontakt. Er schickt mir in losen Abständen Reisefotos aus Indien und ich Herzchenhundesmileys.

Jakob hat also die Hälfte seines Lebens kein einziges Tattoo besessen. Zu seinem 40. Geburtstag ließ er sich dann auf Goa zum ersten Mal tätowieren.
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Stand:19 January 2018 18:32:39/szene/und+wenn+du+mal+alt+bist_172.html