Über Sneakerheads und Tattoolover

21.07.2017  |  Text: Amadeus Thüner  |   Bilder: Basti Harting, Hendrik Hinsken, Runnerway, Tobias Oberrauner, sizetenplease, Stefan-400-Photography
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Über Sneakerheads und Tattoolover
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Tattoos und Sneaker waren früher Merkmale von Subkulturen und sind heute in der breiten Masse angekommen. Wir widmen uns aktuell den beiden Themen und sprachen außerdem mit sechs Kennern aus den Szenen über die Szenen.
In der guten alten Zeit war das ja noch etwas leichter mit den Subkulturen: Lederjacke, Nietengürtel, Boots und rotzige Tattoos? Du warst Rocker. Chucks, kaputte Jeans, Holzfällerhemd, Crying-Heart-Tattoo? Ein Fan von Nirvana. Breite Hosen, Turnschuhe, Basecap, Chicano-Letterings? Du hörst Rap.

Tinte und Turnschuhe haben mehr gemeinsam, als man im ersten Moment vielleicht denken könnte.

Symbole der Subkulturen ließen einander erkennen und zeigten in ihrer genormten Individualität die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur wie gleichzeitig auch die Abgrenzung zur breiten Masse. Wer allerdings wiederum innerhalb der subkulturellen Menge individuell sein wollte, der sprengte den gewohnten Rahmen und suchte woanders. Die Skateboarder der legendären Bones Brigade um Tony Hawk trugen Michael Jordans ersten Basketballschuh, der wiederum auch bei den Heavy-Metal-Bands der amerikanischen Westküste Ende der 80er großen Anklang fand.

Und während Punkrocker den Converse Allstar Chuck Taylor liebten, so waren es Rapper wie Snoop Dogg oder The Game, die den Schuh raus aus den staubigen Straßen der Hood in die Hochglanzoptik ihrer Musikvideos entführten. Die einstigen Insignien der Subkulturen sind einem bunten Mischmasch gewichen. Die Interessengebiete sind weitläufiger geworden und das Internet bringt die Menschen wie ihre Geschmäcker zusammen. Erlaubt ist heute was gefällt. Subkulturen-Tetris.

Gemeinsam mit ihrem Freund, dem Fotografen Massimo Tayler, begibt sich Natascha häufig auf Fotomission. Gern gesehen bei Streetwear- und Sneaker-Shootings: Die urbane Kulisse von U-Bahnhöfen.

Dass viele Sneaker- und Streetwear-affine Menschen, die sich und ihre Outfits auf Instagram oder in speziellen Gruppen und Foren präsentieren, besprechen und bewerten, heute auch gerne zutätowiert sind und mit der Tattookultur kokettieren, ist dabei nur normal und logisch. Tattoos waren immer schon Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Sie drücken Haltung, Stimmung, Zugehörigkeit wie Abgrenzung aus, sind auffällig und haben abseits der Intention auch immer etwas mit Aussehen, also mit Stil zu tun.

Manche tragen ein aufwendiges Neo-Traditional aufgrund der Motivbedeutung, manche verbinden eine ganz persönliche Sache mit dem Bild und wieder andere mögen einfach das Motiv und die Stilistik an sich. Genauso wie Träger eines limitierten Schuhs oft nicht nur den Schuh an sich, sondern eben auch seine Begehrlichkeit präsentieren. So eint die Fans von Tinte und Turnschuh die gewollte Nonkonformität. Selbst in Zeiten, wo Sneaker nicht mehr nur Turnschuhe [sic!] und volltätowierte Körper kein Novum mehr sind.

Am Ort ständiger Versuchung! Die Arbeit in einem Sneakerstore erhöht das Suchtpotential enorm.

Alles für den Turnschuh

Der Sneaker ist ein Massenphänomen. Heute trägt man Turnschuhe nicht mehr nur beim Sport, wofür sie einst gedacht waren, sondern überall und bei jeder Gelegenheit. Wie es allerdings dazu gekommen ist, dass Sneaker heute alltägliche Begleiter geworden sind, hat mannigfaltige Gründe. Er ist bequem, im Gegensatz zu eigens gefertigten, italienischen Lederschuhen erschwinglich und wohl am wichtigsten: Jeder hat ihn, jeder will ihn. Subkulturen wie Hip-Hop brachten den Sportschuh durch Breakdance auf die Straße und machten ihn cool. Und wer cool sein will, muss coole Dinge tun. So entsteht der klassische Effekt: Es beginnt im Kleinen, breitet sich aus, findet Akzeptanz und landet in der breiten Masse, dem Mainstream. HipHop hatte den Adidas Superstar, Punkrock den Converse Chuck Taylor Allstar, Skateboarder und Surfer ihre Vans und Basketballlegende Michael Jordan brachte seinem Sponsor Nike mit seinem ersten Pro-Modell, dem Nike Air Jordan 1, in den Jahren 1985/1986 130 Millionen US-Dollar ein.

Turnschuhe sind juvenil, tragen sich bequem, sehen gut aus, unterstreichen den Stil, gar den Charakter seines Trägers und sagen im besten Falle sogar genau das aus. Sie können gleichzeitig Zugehörigkeit zu einer Subkultur kommunizieren, wie das Trendbewusstsein innerhalb der breiten Masse aufzeigen. Und das ist nur die Oberfläche, an der man beim Thema Sneaker kratzt. An dieser Stelle seien die Dokumentationen »Sneakers« sowie »Sneakerheadz« empfohlen. Heute jagen Sneakersammler weltweit nach limitierten Veröffentlichungen ihrer Lieblingsmarke oder spezifizieren sich in ihrer Sammelleidenschaft sogar auf nur ein einziges Modell, das es dann in unzähligen Farbgebungen und Ausführungen sowie aus verschiedenen Jahren gibt. Dem Spaß – und dem Portemonnaie – sind keine Grenzen gesetzt.

Tattoos und Sneaker waren früher Merkmale von Subkulturen und sind heute in der breiten Masse angekommen.

Schlussendlich sind Sneaker natürlich nicht viel mehr als ein Gebrauchsgegenstand – aber aufgeladen mit Emotionen. Die Erinnerung an die Jugend, in der man sich einen bestimmten Schuh noch nicht leisten konnte, die Liebe zum Detail und das einfache Besitzenwollen des Schuhs sind Gründe, aus denen Sneakerfans weltweit jeden Tag auf die Jagd nach Sneakern gehen. Dass sich Campinglager vor Ladenfronten bilden, wenn ein limitierter und begehrter Schuh veröffentlicht wird, mag für manch einen unverständlich sein. Aber dieser mag sich dann vielleicht bei der Ausgabe des neusten »Harry Potter«-Bandes, dem Verkauf des aktuellsten iPhones oder in langen Schlangen bei Schallplattenbörsen wiederfinden. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Wer noch nicht so drin ist, Sneaker-Thema und trotzdem mitreden will, für den haben wir hier mal die wichtigsten Begrifflichkeiten geklärt …

Erinnert ein wenig an Dagobert Ducks geliebtes Bad im Geldtresor: Das Kartonstapeln ist des Turnschuhfreunds liebste Beschäftigung.

Sneaker-Glossar

Collabo = Die Zusammenarbeit zwischen zwei Brands. Zum Beispiel Schuhmarke und Musiker oder Schuhmarke und Ladengeschäft.

Colorway = Beschreibt die Farbgebung des Schuhs.

Deadstock = Bedeutet, dass der Schuh ungetragen, mit allen Schuhbändern, Stickern und sonstigen Extras versehen und natürlich in seiner originalen Box aufzufinden ist. So bewahren Sammler ihre Schätze auch gerne Jahrzehnte lang auf – und steigern sie damit natürlich auch im Wert.

F&F = Steht für »Friends & Family« und beschreibt eine Kleinstauflage (meist ein bereits veröffentlichtes Modell in besonderen Farben, anderen Materialien oder ganz toller Verpackung), die nur an Freunde des Hauses (oder des Künstlers) rausgegeben werden. Heiß begehrt bei Sammlern.

Grail = Religiös adaptierte Begrifflichkeit, die ungefähr die gleiche emotionale Tiefe besitzt, wie die Suche nach dem Heiligen Gral. Oder anders: Der Schuh, den man noch unbedingt braucht und der meist gar nicht so leicht zu bekommen ist.

In-line Release = Oder auch: General Release. Keine Limitierung, dadurch auch (meist) kein Hype. Kommt jeder ran.

Lace-Tip = Sichert die Enden der Schnürsenkel. Darf auch mal aus Gold sein.

OG = Bezeichnet in erster Linie die originale Farbwahl (den Colorway) eines Modells, wird als Bezeichnung im Rahmen der Retrowelle aber auch gern für ein ganzes Schuhmodell herangezogen.

QS = Quickstrike. Von Nike geprägter Begriff darüber, dass ein Schuh ohne große Ankündigung veröffentlicht wird. Häufig schnell ausverkauft. Nur Shops die einen QS-Account haben, können die Modelle auch verkaufen.

Reseller = Menschen, denen es weniger um den Schuh als vielmehr um das Geld dahinter geht. Kaufen zum Verkaufen. Zu Recht das Hassobjekt einer ganzen Szene.

Restock = Wenn ein eigentlich bereits ausverkaufter Schuh doch wieder im Handel erhältlich ist.

Retro = Die Neuauflage eines bereits veröffentlichten Modells. Gerne in leicht abgeänderter Form hinsichtlich Materialien, Technologie und/oder Farbwahl.

Sample = Der unverkäufliche Protoyp eines Schuhs. Lässt Sammler mit schweißnassen Händen darum ringen.

Toebox = Die Zehenkappe.

Unboxing = Der Moment, wenn man den Sneaker das erste Mal aus der Box holt. Ein erhabener Moment für viele Sneakersammler.

VNDS = Very Near Deadstock. Eine Beschreibung des Ist-Zustandes. Bedeutet also fast neu, aber eben nicht ganz neu.

#LPU = Latest Pick Up. Also der Sneaker, den man sich zuletzt geholt hat. Gern gesehenes Hashtag in den sozialen Medien.

#Womft = What’s On My Feet Today. Die egomanische Zur- schaustellung der aktuellen Fußbekleidung im Internet.

Ein Blick auf die Schuhe reicht, um den Sneakerhead von einem gewöhnlichen Träger von Turnschuhen zu unterscheiden. Genauso ist es mit Tattoos: eine Unendlichkeitsschleife sagt etwas anderes aus als zwei Traditional-Schmetterlinge.

Wir haben uns außerdem mit sechs Personen unterhalten, für die Straßenmode, Sneaker und Tattoos Hand in Hand gehen und damit nicht weniger als ihre Persönlichkeit, ihren Individualismus ausdrücken.

Erfahrt was diese sechs Sneakerheads über ihre Liebe zu Schuhen und Tattoos zu sagen haben …

Crystal F
Kim
Maik
Natascha
Hendrik
Gin
 
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Stand:18 November 2017 05:44:50/szene/ueber+sneakerheads+und+tattoolover_177.html