Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo

26.08.2016  |  Text: Amadeus Thüner   |   Bilder: Dennis Dirksen, Andreas Bradt
Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo
Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo
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Tattoos trägt man sein ganzes Leben lang, doch ihr Sinn und ihre Bedeutung kann sich über die Jahre verändern, erklärt Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray.
Nimmt jetzt der nächste Frontmann die Akustikgitarre in die Hand und singt sich durchs Leben? Das kommt Nathan Gray nicht in die Tüte. Der Sänger der US-amerikanischen Post-Hardcoreband Boysetsfire hat mit »NTHN GRY« anfang letzten Jahres seine Solo-EP veröffentlicht, eine Symbiose aus düsteren Balladen, Industrial und Darkwave. Das neue Album seiner seit 1994 bestehenden Band Boysetsfire erschien kurz darauf. 

Man könnte also sagen, der 44-Jährige ist beschäftigter denn je, sich musikalisch zu verwirklichen. Man wächst schließlich mit seiner Musik, und Nathan hat auch nach über zwanzig Jahren im Musikgeschäft noch genügend zu erzählen. Das hat dann weniger mit jugendlicher Aufbruchstimmung zu tun, als mit den »großen« Themen eines gestandenen Mannes. Man merkt, dass sich Nathan Gray über die Jahre hinweg nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich weiterentwickelt hat. Das registriert man auch anhand seiner Tattoos, die zum jetzigen Zeitpunkt vor allen Dingen eines sind: die Zeichen einer Entwicklung.

Ob mit der Post-Hardcoreband Boysetsfire oder mit seinem Soloprojekt: Nathan Gray beeindruckt als Frontmann.

Nathan, lass uns zuerst ein bisschen über deine Musik sprechen. Mit »NTHN GRY« hast du zuletzt den Schritt in Richtung Solokünstler gewagt.
Ich wollte schon viele Jahre ein Soloalbum machen. Natürlich war der Hauptgrund dafür, dass man viel freier arbeiten kann. Man muss keine Kompromisse eingehen. Und ich musste das endlich mal machen. Ich bin jetzt vierundvierzig Jahre alt – da habe ich keine Zeit mehr zu verschwenden (lacht). Aber ich wollte auch nicht den klassischen Weg gehen und akustische Songs auf der Gitarre performen. Ich wollte es härter. Ich habe mich also gefragt, welche Bands mich am meisten beeinflusst haben – und die kamen eher aus der Industrial-Szene. Daniel E. Smith, mit dem ich die Platte gemacht habe, war im Freundeskreis immer der mit der meisten Ahnung über das Genre. Er gab meinen düsteren Ideen den letzten Schliff und nun habe ich endlich mein Soloprojekt.

Auf der anderen Seite erschien mit gerade mal neun Monaten Abstand auch ein neues Album deiner Hauptband Boysetsfire. Dieses klang sehr klassisch, thematisch allerdings viel positiver als seine Vorgänger.
»s/t« ist, glaube ich, eines meiner liebsten Alben von uns. Wir hatten sehr viel positive Energie und waren glücklich während des gesamten Prozesses. Es ging voran, musikalisch wie menschlich. Und das war ein sehr schönes und auch wichtiges Gefühl. Und daher geht es auf dem Album eben auch viel darum, erwachsen zu werden und sein Leben mit diesem Wissen auch weiterzuführen. Wir sind unglaublich glücklich mit diesem Album. Und immer, wenn ich es höre, fühle ich mich selbst durch unser Album inspiriert. Ich denke, das ist ein ziemlich gutes Zeichen.

Aus »Hope« und »Faith« wurde über die Jahre »Dark Hope« und »Dead Faith«. Dinge ändern sich eben...
 
Gute Überleitung: Zeichen. Wann hast du angefangen, dich tätowieren zu lassen?
Da muss ich ungefähr neunzehn gewesen sein. Da habe ich mir dieses wirklich blöde Vogel-Tribal-Ding auf den Oberarm stechen lassen. Aber hey, das war halt damals so (lacht). Ich habe zu der Zeit natürlich viele tätowierte Menschen gesehen, weil das die Hardcoreszene eben so mit sich gebracht hat. Ich fand das schon Jahre vor meinem ersten Tattoo cool und war wahrscheinlich dann auch davon beeinflusst. Ich glaube, ich wollte schon ein Tattoo, seitdem ich zwölf war. Und nachdem ich dann mein erstes hatte, wurde es wie bei vielen Leuten eine Sucht.

Wie siehst du die Entwicklung deiner Tattoos?
Für mich ist es wie eine Reise. In meinen jungen Jahren habe ich mich selbst als Christ bezeichnet. Natürlich nicht konservativ oder radikal, sondern liberal. Aber mir waren Religion und Glaube schon sehr wichtig. So bin ich aufgewachsen. Doch über die Jahre hinweg und auch durch all die Dinge, die man erlebt und durch die man durch muss, hat sich meine Einstellung gewandelt. Und davon sprechen auch meine Tattoos. Viele von ihnen hatten zum damaligen Zeitpunkt einen christlichen Hintergrund, den sie heute nicht mehr haben.

Die neueren Tattoos betonen Nathans Entwicklung.
 
Deine Tätowierungen spiegeln also auch deine geänderte Lebenseinstellung wider.
Ja, sie sind wie die Zeichen einer Wiedergeburt für mich.

Zum Beispiel?
Vor allen Dingen zeigen das die beiden Schädel mit den Ornamenten auf meiner Brust. Ich hatte jahrelang unfassbare Angst vor dem Tod. Bis zu dem Punkt an dem ich verstand, dass es nicht mehr darum ging, ob es nach dem Tod Gut oder Böse und somit Himmel oder Hölle gibt, sondern dass der Tod einfach das Ende ist. Während ich das sage weiß ich zwar auch, dass es auch anders sein könnte, denn niemand konnte jemals davon berichten, aber es hat nicht mehr diese starke Spannung in meinem Seelenfrieden. Für mich ist klar: Wenn du tot bist, dann war es das. Also musst du dein Leben in vollen Zügen genießen. Daher repräsentieren die Ornamente die Wiedergeburt, und die Schädel den Tod und »Memento mori«. 

Eine eigentlich doch sehr positive Einstellung.
Definitiv! Lebe dein Leben so, wie du es für richtig hältst, während du niemandem damit Schaden zufügst. Sei dir darüber bewusst, dass wir alle sterben werden und mache daher das Beste aus der Zeit, die du hast.

Wiedergeburt, Tod und Freiheit. Ein ausdrucksstarkes Chestpiece samt Ornamenten, die Nathans Lebenseinstellungen zusammenfassen.
 
Ein Grund, warum du dir einen Adler als Chestpiece-Motiv ausgesucht hast?
Der Adler ist ein sehr ausdrucksstarkes und mächtiges Tier und repräsentiert natürlich auch immer Freiheit und Stärke. Es geht dabei ebenso um meine Entwicklung als Mensch. Darum, selbstbestimmt und selbstbewusst zu sein. Jeff Madonna aus Wilmington, Delaware, in den USA hat das gestochen. Er ist ein Freund von mir und geht jetzt bald nach Japan, um dort zu arbeiten. Ein super Typ und Tätowierer.

Was hat es mit den Schriftzügen »Dark Hope« und »Dead Faith« auf sich?
Die stehen ähnlich wie der Rest meiner Tattoos für meine Entwicklung. »Hope« und »Faith« standen zuerst dort und über die Jahre hinweg verstand ich, dass diese beiden Worte nicht die Wichtigkeit in meinem Leben haben, wie ich zuerst gedacht hatte. Somit änderte ich ihre Bedeutung – und 
finde sie heute positiver denn je. Denn es ist nichts Intelligentes daran, nur an solche Worte zu glauben. Denn sie sind nicht greifbar. Dadurch, dass man sich das bewusst macht und einem auch klar wird, dass es immer eine gute und schlechte Seite gibt, und jeder Mensch diese auch in sich trägt, kann man sichergehen, dass man die gute Seite auch auslebt und ein positiver Mensch wird. Und der bin ich. Oder würdest du nach unserem Gespräch was anderes behaupten (lacht)?

Nathan Gray auf der Bühne – eine Erscheinung.
 
Stechbrief
Nathan Gray wurde 1972 in den USA geboren und wurde schnell Teil einer stetig wachsenden Hardcore-Punkszene. 1994 gründete er die Post-Hardcoreband Boysetsfire, die mit ihrem zweiten Album »After the Eulogy« gut fünf Jahre später eine ganze Szene prägen sollten. BSF gelten noch heute, über zwanzig Jahre nach ihrer Gründung, als eine der wichtigsten Bands ihres Genres, und nehmen nach einer kleinen Pause wieder Alben auf und touren durch die Welt. Daneben lässt Gray seiner Kreativität in Bands wie »I Am Heresy« oder solo freien Lauf und fühlt sich mit Mitte vierzig frischer denn je. Musik hält anscheinend jung.
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Stand:24 November 2017 15:42:13/szene/ueber+das+leben+und+den+tod_168.html