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23.06.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Marlene Fulde (www.mimikry-berlin.de)
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Tattoos und Kraftsport bei Berlin Strength


Im Berliner Fitnessstudio »Berlin Strength« finden viele Kraftsportbegeisterte aus der Tattooszene ihr Zuhause – nicht nur, weil sie dort Muskeln aufbauen, sondern auch, weil es ein Raum ohne Vorurteile ist.


Es ist ein wunderbar frühsommerlicher Sonntag in Berlin. Auf dem RAW-Gelände an der Revaler Straße in Friedrichshain tummeln sich all jene, die das schöne Wetter genießen, den Flohmarkt durchstöbern oder in der Sonne gemütlich ein Bier trinken. Hier und da gibt es handgemachte Musik, hippes Streetfood für jeden Geschmack und die Zeit zieht hier ein paar Takte langsamer vorüber. Es ist das perfekte Berlinerische Nichtstun. Und mittendrin befindet sich eine Muckibude, in der Jungs und Mädels auf verschiedene Arten Kraftsport betreiben, ihre Muskeln fordern und ihre tätowierten Körper stählen. Es ist ein irrer Kontrast zur Umgebung und das ist sicherlich der Grund, weshalb Mädels mit Hipsterdutt und Mate und Papas mit Kids und Softeis vorm Zaun des Berlin Strength stehen und den Sporttreibenden beim Training zusehen.



Später wird Bosslady Nina in der Sonne vor eben jenen Zaungästen ein intensives Zirkelworkout zeigen. Die blonde junge Frau ist nicht viel größer als 1,65 und strahlt dennoch Stärke und Souveränität aus. Mit ihren Tattoos fällt sie sogar für Berliner Verhältnisse auf. Stolz gibt Nina eine Führung und zeigt ihr »Baby«. Seit der Gründung vor drei Jahren ist die 25-Jährige Geschäftsführerin im Berlin Strength, einem veganen, politisch korrekten und gender-freien Fitnessstudio.

Das Studio-Logo tragen übrigens einige direkt unter der Haut – Boss Nina hat es auf dem Fußrücken.

Nina kam mit 16 Jahren aus Bayern nach Berlin. »Das war damals natürlich eine Reizüberflutung für mich.« Heute würde man nicht vermuten, dass Nina jemals Mühe hatte, in Berlin anzukommen. Tattoomäßig boten sich für sie in der Hauptstadt ganz neue Möglichkeiten, auch wenn sie erst einmal warten musste, bis sie 18 wurde, ehe sie hier zur Kundin werden konnte. »Ich hatte schon immer eher eine ›I don’t care‹-Einstellung, wenn es um Tattoos ging.« Daher experimentierte Nina schon mit 14 Jahren mit selbstgebauten Maschinen im Freundeskreis. »Das hat uns einfach einen Heidenspaß gemacht und wir haben uns null Gedanken darüber gemacht, was wir in 20 Jahren mal von den Küchentisch-Jugendsünden denken werden.« Bis heute ließ sich Nina aber schon ein paar Tattoos covern. »Zum Beispiel das auf meinem Dekolleté, ist zwar ’ne coole Erinnerung und ich denke gern an diese Zeit zurück, aber mein ganzes Leben wollte ich dann doch nicht mit so einem Schrott auf der Brust rumlaufen.«

Im Outdoor-Bereich des Berliner Fitnessstudios geht es handfest zu – dieser Kerl malträtiert den großen Reifen mit einem Eisenhammer.

In ihrem Studio werden viele Bereiche des Kraftsports kompetent abgedeckt: »Wir bieten Functionaltraining, Bodybuilding, Powerlifting, Strongman und so weiter. Es ergänzt sich super«, erzählt Nina. Auf ein Training mit hochwertiger Ausstattung legt sie großen Wert, vor allem wegen der Sicherheit.



Doch für wen ist das Studio geeignet? Für einen blutigen Sportanfänger ist besonders der erste Gang ins Fitnessstudio eine nicht zu unterschätzende Hürde. Fitte Mädels und starke Kerle, die genau wissen, was sie da tun, und den Anschein machen, als hätten sie die Abläufe mit der Muttermilch aufgenommen, das kann einschüchtern. Doch wer kommt zum Trainieren? »Puh, das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Vom blutigen Anfänger bis hin zum Leistungssportler – worin wir uns alle einig sind, ist ein gewisser politischer Kontext: Wir dulden keinen Sexismuss, keinen Nazikram.« An einer Wand steht »Refugees welcome« und das Berlin Strength ist darüber hinaus ein rein veganes Studio. In Zeiten des Instagram-Fitnesshypes, wo perfekte Lichtverhältnisse für den besten Bizeps-Pump alles sind, was bewegt, ist es eine erfrischende Abwechslung und sicher eine Ausnahme, ein Studio mit Message zu finden. Nina beschreibt die Atmosphäre im Studio als sehr freundlich und vor allem open-minded. Ein Bild, das sich binnen weniger Minuten bestätigt. 

Die bunten Socken sind so etwas wie ein Running Gag unter den Trainingsbuddys im Berlin Strength. Da man Kreuzheben idealerweise ohne Schuhe macht, kommen diese super zur Geltung.

Etwas, das auch auffällt: Viele der Trainierenden sind volltätowiert. Keiner käme im Berlin Strength auf die Idee, die Tattoos zu verstecken. Ein Kerl, der gerade Kreuzheben macht, trägt das Berlin-Strength-Logo sogar auf dem Unterarm und Nina verewigte es sich auf dem Fußrücken. »Ich denke, unser Konzept würde in Mitte oder Charlottenburg nicht funktionieren. Dort sind die Leute zu spießig. F’hain ist eben schon noch so der Szenekiez, da tummeln sich mehr Alternative«, glaubt Nina. An der Revaler Straße sind die Leute fast durch die Bank überdurchschnittlich stark tätowiert. »Tätowierte gibt’s bei uns so viele, weil wir einfach ein Szeneladen sind und sich dementsprechend auch optisch eher szene-typische Ausrichtungen zeigen.« Doch auch Nina weiß, dass Tattoos eigentlich in keiner Gesellschaftsschicht mehr außergewöhnlich sind. »Trotzdem herrscht es ja doch noch mehr in der linken, Punk- und Hardcore-Szene vor, und dieses Klientel ziehen wir mit unserm Laden am meisten an, daher mag das wohl kommen.« Nina lässt sich übrigens direkt um die Ecke bei Tremuschi Ink tätowieren – auch das Studio liegt an der Revaler Straße.

Sport und Tattoos

Die Sportsuchtis unter den Tattoofans wollen das sicher nicht hören: Mit einem frischen Tattoo sollte man beim Sport erstmal pausieren. Mindestens ein bis zwei Wochen, empfiehlt der Experte, und selbst nach vierzehn Tagen ist Vorsicht geboten. Zu Beginn ist natürlich die Infektionsgefahr der frischen Wunde ein Thema, doch auch später sollte aufpassen, wer lange Freude an einem nicht aufgerissenen, farbkräftigen Tattoo haben will: Wer zum Beispiel ein neues Oberarmtattoo hat, kann mit dem Joggen nach 8 bis 14 Tagen wieder beginnen, sollte aber keine Krafttrainingsübungen für den Oberarm machen.

Schmilz Fett

Nachdem Nina Einblick in ihre Muckischmiede gegeben hat, wird es Zeit, selbst aktiv zu werden. Ich ziehe mich fix in der Unisex-Umkleide um. Draußen hat es frühsommerliche Temperaturen und Nina lässt keinen Zweifel daran, dass sie für uns ein hartes Workout geplant hat. Effektiv und intensiv soll’s werden. Wir machen uns zehn Minuten warm, mobilisieren die Gelenke durch Dehnübungen und gehen in den Outdoor-Bereich. Hier hat Nina schon sechs Stationen aufgebaut, sprich, Übungen, die wir in fünf Runden nacheinander für je 40 Sekunden durchführen. Die Pause dazwischen beträgt 20 Sekunden – ein schnelles, schweißtreibendes Zirkelworkout, angelehnt an den Trendsport Crossfit.



1. Box Jumps
Aus dem Stand springt man bei den Box Jumps auf eine Kiste, die mindestens kniehoch ist. Kraft holt man, indem man beim Absprung in die Knie geht, die Arme geben Schwung.



2. Battle Rope Waves
Bei den Battle Rope Waves werden dicke Tauseile in Wellen geschwungen. Hierbei steht man leicht gebeugt, der Bauch bleibt angespannt. Fühlt sich nur zu Anfang leicht an.



3. Hanging Knee Raises
Für die Hanging Knee Raises hängt man sich zunächst an eine Klimmzugstange und bringt dann die Knie im 90-Grad-Winkel nach oben. Die Bauchmuskeln brennen!



4. Burpees
Burpees – die sicherlich schwerste Übungsabfolge in diesem Workout. Zunächst in oben angezeigte Position gehen und – wenn möglich – eine Liegestütze machen ... 
… dann unmittelbar aus der Liegestütze in die Hocke springen. Immer darauf achten, dass der Bauch schön angespannt ist und man so kompakt wie möglich arbeitet ...
... nach der Hocke geht es über zu Schritt 3: Dem Strecksprung. Aus diesem gehts dann rasch wieder in die Liegestützposition aus Schritt Nummer 1. Das hilft gegen Fett.



5. Plank
Der Unterarmstütz, auch Plank genannt, ist in dieser Abfolge fast schon easy. Doch nur für ein paar Sekunden, auch hier steht der ganze Körper unter Strom. Wichtig: Die Ellenbogen parallel unters Schultergelenk bringen und den Bauch anspannen.



6. Tire Flips
Ihr wolltet euch schon immer mal wie Hulk fühlen? Dann solltet ihr die Tire Flips ausprobieren. 120 Kilogramm wiegt der Reifen!


Kontakt
Berlin Strength
Revaler Str. 99
10245 Berlin
berlinstrength@gmail.com 
www.berlinstrength.de

Text: Jula Reichard
Bilder: Marlene Fulde (www.mimikry-berlin.de)

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Stand:19 September 2017 20:48:22/szene/tattoos+und+kraftsport+bei+berlin+strength_176.html