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29.09.2017  |  Text: Mark Benecke  |   Bilder: Ines Benecke
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Tattoos im Museum


Museen sind angestaubt und langweilig? Muss nicht sein, hat Mark Benecke im Grassimuseum für Völkerkunde in Leipzig herausgefunden. Da läuft derzeit eine facettenreiche Ausstellungsserie zum Thema Tattoo, 
die er euch nachdrücklich ans Herz…


In ethnografischen Sammlungen finden sich öfter auch Tätowierungen, wie beispielsweise im Institut für Rechtsmedizin in Bukarest, wo Hautstücke tätowierter Menschen im Verbrechensmuseum ausliegen. Fotos und Zeichnungen, die Forschungsreisende in den letzten Jahrhunderten angefertigt haben, sind in zahlreichen Museen in Europa und Nordamerika zu sehen. Im Grassimuseum für Völkerkunde zu Leipzig – übrigens ist die sächsische Metropole eine der weltweiten Hauptstädte des entspannten Tattoo-Tragens – läuft nun unter der Überschrift »Grassi invites # IV« die ganz andere Aktion »Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut«. Das ist keine künstlich cool gemachte Rückschau; stattdessen können dort schon seit Mitte März (und noch bis Mitte September) Kinder und Jugendliche beispielsweise in einem »Tattoo-Labor« zusammen mit dem jungen Ausstellungsteam anschauen, was Tattoos überhaupt sind und dabei ihre Meinung – auch zu Piercings – offen aufschreiben. Die dabei entstehenden, echt lustigen Kärtchen werden dann gleich ausgestellt.



Im Juli ging es um Tätowiermaschinen, wie sie beispielsweise im Knast und auf der Straße verbreitet waren, und auch um Graffiti, die besonders in den USA viele Tätowierer auf ihren Wegen begleitet haben. Eine Soundinstallation untermalte das Ganze durchgehend mit dem gleichförmigen Surren der Tattoomaschinen, und jede Menge Fotos zum einfach nur Staunen gibt es sowieso.   
Unter diese laboratmosphärische Menagerie mischt sich – und das finde ich äußerst geil – kommentarlos korrekte Tattookunst, etwa von Ricaletto (geb. 1986), der als Grafiker und Künstler in Leipzig arbeitet: Er steuerte kopierte und selbst zusammengeheftete Broschüren mit dem Titel »Too Cool For School« bei. Darin finden sich Tätowiervorlagen und Fotos seiner häufig wilden Tattoosessions, außerdem Flashes und Skizzen von hochklassiger, schwarzweißer Oldschool-Güte. Bei den Freunden sanfter Tätowierfarbkompositionen löst das wohl Staunen, bei den Liebhabern der altschuligen »Bold will hold«-Einstellung hingegen ein fettes Freudentänzchen aus.
Am 29. Juni hatte ich die Ehre, ein via Facebook und Plakaten aufgerufenes und vor Ort spontan zusammengewürfeltes Zufallsteam aus tätowierten Menschen im »Labor« auf WG-Paletten-Couch-Möbeln vor Publikum zu interviewen. Mitgemacht hat ein Lehrling der Leipziger Verkehrsbetriebe (sie wird Straßenbahnfahrerin), ein Tätowierer, der unter anderem über Erinnerungstattoos nach Todesfällen sprach, eine sauber vollgepiercte Zuschauerin und viele andere Menschen, die dem Publico durch ihre ehrliche und freundliche Art mehr Respekt abzollten, als es auf mancher Con aus dem Graben spürbar ist.



Fotografen wie Nick Putzmann und Benjamin Pohle schossen derweil vor einer weißen Studiowand oder im Freien Fotos aller Freiwilligen. Diese wie auch Videos und Interviews landen getreu dem Aktionsmotto »Showtime – Du gehörst ins Museum!« im Körperkunst-Archiv des Grassi. Es trägt, das ist jetzt schon von den Kuratoren beschlossen, für die kommenden Jahrhunderte den Namen »Living Archive« – zack!
Damit das Archiv auch wirklich von der ersten Sekunde an lebt, gibt’s im Grassi vom 22. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die direkt aus den bisherigen Aktionen gespeiste Ausstellung »(un)covered«. »Ausgehend von den zahlreichen Geschichten und Fotografien«, so die erfreulich entspannten People vom Museum, »entsteht von der örtlichen Sicht ausgehend eine weltweite Schau. Mit Objekten, Fotografien, Zeichnungen aus den Sammlungen der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, mit Performances und zeitgenössischer Kunst liefern wir neue Blickwinkel auf die intimen, aber immer öfter sichtbaren Tattoos und Piercings.«
Übrigens: Das alles untergräbt niemandes Coolness, sondern es ist eine saugeil, liebevoll, jung und urteilsfrei umgesetzte Sache, die Tattoos ein verdientes, schönes und zeitgemäßes Plätzchen an einem duften Ort einräumt. Ganz ohne Bartkratzen, Bedenkenträgerei und Bluff. Geht hin und macht mit! n ethnografischen Sammlungen finden sich öfter auch Tätowierungen, wie beispielsweise im Institut für Rechtsmedizin in Bukarest, wo Hautstücke tätowierter Menschen im Verbrechensmuseum ausliegen. Fotos und Zeichnungen, die Forschungsreisende in den letzten Jahrhunderten angefertigt haben, sind in zahlreichen Museen in Europa und Nordamerika zu sehen. Im Grassimuseum für Völkerkunde zu Leipzig – übrigens ist die sächsische Metropole eine der weltweiten Hauptstädte des entspannten Tattoo-Tragens – läuft nun unter der Überschrift »Grassi invites # IV« die ganz andere Aktion »Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut«. Das ist keine künstlich cool gemachte Rückschau; stattdessen können dort schon seit Mitte März (und noch bis Mitte September) Kinder und Jugendliche beispielsweise in einem »Tattoo-Labor« zusammen mit dem jungen Ausstellungsteam anschauen, was Tattoos überhaupt sind und dabei ihre Meinung – auch zu Piercings – offen aufschreiben. Die dabei entstehenden, echt lustigen Kärtchen werden dann gleich ausgestellt.



Im Juli ging es um Tätowiermaschinen, wie sie beispielsweise im Knast und auf der Straße verbreitet waren, und auch um Graffiti, die besonders in den USA viele Tätowierer auf ihren Wegen begleitet haben. Eine Soundinstallation untermalte das Ganze durchgehend mit dem gleichförmigen Surren der Tattoomaschinen, und jede Menge Fotos zum einfach nur Staunen gibt es sowieso.   
Unter diese laboratmosphärische Menagerie mischt sich – und das finde ich äußerst geil – kommentarlos korrekte Tattookunst, etwa von Ricaletto (geb. 1986), der als Grafiker und Künstler in Leipzig arbeitet: Er steuerte kopierte und selbst zusammengeheftete Broschüren mit dem Titel »Too Cool For School« bei. Darin finden sich Tätowiervorlagen und Fotos seiner häufig wilden Tattoosessions, außerdem Flashes und Skizzen von hochklassiger, schwarzweißer Oldschool-Güte. Bei den Freunden sanfter Tätowierfarbkompositionen löst das wohl Staunen, bei den Liebhabern der altschuligen »Bold will hold«-Einstellung hingegen ein fettes Freudentänzchen aus.
Am 29. Juni hatte ich die Ehre, ein via Facebook und Plakaten aufgerufenes und vor Ort spontan zusammengewürfeltes Zufallsteam aus tätowierten Menschen im »Labor« auf WG-Paletten-Couch-Möbeln vor Publikum zu interviewen. Mitgemacht hat ein Lehrling der Leipziger Verkehrsbetriebe (sie wird Straßenbahnfahrerin), ein Tätowierer, der unter anderem über Erinnerungstattoos nach Todesfällen sprach, eine sauber vollgepiercte Zuschauerin und viele andere Menschen, die dem Publico durch ihre ehrliche und freundliche Art mehr Respekt abzollten, als es auf mancher Con aus dem Graben spürbar ist.
Fotografen wie Nick Putzmann und Benjamin Pohle schossen derweil vor einer weißen Studiowand oder im Freien Fotos aller Freiwilligen. Diese wie auch Videos und Interviews landen getreu dem Aktionsmotto »Showtime – Du gehörst ins Museum!« im Körperkunst-Archiv des Grassi. Es trägt, das ist jetzt schon von den Kuratoren beschlossen, für die kommenden Jahrhunderte den Namen »Living Archive« – zack!
Damit das Archiv auch wirklich von der ersten Sekunde an lebt, gibt’s im Grassi vom 22. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die direkt aus den bisherigen Aktionen gespeiste Ausstellung »(un)covered«. »Ausgehend von den zahlreichen Geschichten und Fotografien«, so die erfreulich entspannten People vom Museum, »entsteht von der örtlichen Sicht ausgehend eine weltweite Schau. Mit Objekten, Fotografien, Zeichnungen aus den Sammlungen der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, mit Performances und zeitgenössischer Kunst liefern wir neue Blickwinkel auf die intimen, aber immer öfter sichtbaren Tattoos und Piercings.«
Übrigens: Das alles untergräbt niemandes Coolness, sondern es ist eine saugeil, liebevoll, jung und urteilsfrei umgesetzte Sache, die Tattoos ein verdientes, schönes und zeitgemäßes Plätzchen an einem duften Ort einräumt. Ganz ohne Bartkratzen, Bedenkenträgerei und Bluff. Geht hin und macht mit!

Kontakt:
Grassi
Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Johannisplatz 5-11
04103 Leipzig
www.mvl-grassimuseum.de/ausstellungen/2017/tattoo/

 

Text: Mark Benecke
Bilder: Ines Benecke

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:23 October 2017 02:42:05/szene/tattoos+im+museum_178.html