Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN

21.07.2017  |  Text: Victoria Hiebsch  |   Bilder: Hanna Heider
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Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
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Wildes Stimmengewusel, schallendes Lachen und ganz viel zu bequatschen – das gab es, als unsere Autorin Victoria die beiden Mädels vom Hiphop-Duo SXTN traf. Als würde man sich schon eine halbe Ewigkeit kennen. Was es mit dem Titel des ersten Albums »Leben am Limit« von Nura und Juju auf sich hat, ob Juju irgendwann mal wieder zur Tätowiermaschine greifen wird und warum der Albumtitel alles andere als aus der Luft gegriffen ist, erzählen uns die beiden Berlinerinnen im Interview.
»Leben am Limit« prangt in großen Lettern auf der Box des weiblichen Rap- Duos. Juju erzählt: »Es war schon echt ein Pennerleben. Kein Geld und keine Wohnung. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wovon wir uns Essen gekauft haben.« »Aber wir hatten immer Suff und haben die krassesten Partys gefeiert!«, ruft Nura dazwischen.

Früher bei Kaisers Suff klauen, heute auf Festivals die Hauptbühnen auseinander- nehmen. Juju und Nura ficken die Szene wie bereits auf ihrem neuen Album angekündigt.

Als ich sie frage, wie ihre Mutter zu diesem Lifestyle stand, schlägt sie einen ernsteren Ton an: »Ich war nicht das beste Kind. Wollte mit 12, 13 Jahren einfach, dass mich Mama auch mit meinen Nietenhalsbändern akzeptiert. Das war echt schwierig für eine Frau, die mit 25 und vier Kindern aus Eritrea alleine nach Deutschland kommt und die Sprache nicht spricht. Jetzt habe ich das beste Verhältnis zu ihr. Als meine Schwester ein Kind bekam, sind wir alle wieder zusammengekommen. Es war dann auch gar kein Problem, dass ich mit SXTN Musik mache. Voll verrückt, sie kam sogar mit zum Festival. Meine Mutter trägt Kopftuch und hat sich voll schick gemacht, mit hohen Schuhen und Goldschmuck und so. Dann bin ich mit ihr durch den Backstage und sie hat alle begrüßt: Hafti, Xatar, Samy Deluxe, D-Flame und so weiter. Viele Fans wollten Fotos machen und sie war total stolz auf mich. Beim Auftritt stand sie die ganze Zeit hinter uns und das war voll lustig, weil Juju in »Hassfrau« die Line mit dem Kopftuch rappt und ich Schiss hatte, dass sie das versteht. Juju hat’s aber extra schnell gesagt. Überhaupt, wir haben Riesenglück, dass unsere Familien SXTN so feiern. Sogar die Leute aus Marokko, wo Jujus Papa herkommt. Jujus Mama versteht ja Deutsch, aber ihr Papa nicht. Der sieht immer nur die Videos dazu, deswegen muss man ihm das natürlich erklären. Zu »Made 4 Love« hat er auch nicht viel gesagt, obwohl Juju da ja eine Prostituierte spielt.« 



Jetzt sind alle froh, dass Juju und Nura von dem, was ihnen auch Spaß macht, leben können. Obwohl sie, als sie die erste EP »Asozialisierungsprogramm« an den Start brachten, noch relativ broke waren. Heute sieht das schon etwas anders aus, inzwischen winkt fette Unterstützung von Adidas, Grimey, Converse und Co. »Das ist super zum Geld sparen, was Klamotten angeht. Wir konnten uns vorher auf jeden Fall nichts von Adidas leisten. Ich hab mich mein Leben lang schon so daran gewöhnt, die Schuhe richtig abzulatschen, dass ich mittlerweile auch neue Adidas immer so lange trage, bis sie fast auseinanderfallen«, entschuldigt sich Nura. 


Immer am Hustlen


Bevor das mit dem Rappen richtig steil ging, hielt sich Nura mit kleineren Jobs in Bars oder an den Clubtüren Berlins über Wasser. Juju nutzte ihr Zeichentalent und fing an, Freunde und Bekannte zu tätowieren. »Am Anfang habe ich auch kein Geld genommen und hab bei Nura und anderen Freunden angefangen, ganz kleine Sachen zu stechen. Irgendwann hat mir ein Kumpel gesagt, er kenne ein Tattoostudio, und bei Subculture haben sie mich auch gleich aufgenommen.« 
Nura kam natürlich die große Ehre zu, ihr erstes Tattoo von Juju zu bekommen. »Das allererste Tattoo, das Juju gemacht hat, ist das hier!« Sie deutet auf einen Smiley, dessen linkes Auge ein Muttermal ist (alle lachen). »Also eigentlich nur ein Punkt und ein Strich und ich so: Juju, ich vertrau dir! Wenn Juju mit dem Tätowieren wieder anfängt, bin ich wieder die Erste, darauf bestehe ich.«


Jujus erster Stich ein Punkt und ein Strich passend zu Nuras Leberfleck.

»Auf Suff Tattoos machen ist keine gute Idee«


Nura ist, wie sie von sich sagt, eine sehr gute Kundin und ziemlich schmerzresistent. »Ich liege immer da und schlafe meistens ein. Das kann mein Tätowierer Joseph von Ghettowiert bestätigen. An den Fingern fand ich’s zum ersten Mal schmerzhaft und dachte, meine schmerzlose Glückssträhne hat ein Ende. Aber danach hat Juju so ein Riesending bei mir gemacht und ich hab währenddessen Quizduell gespielt. Auch wenn manche Tattoos verkackt sind, fand ich es trotzdem total witzig. Aber auf Suff Tattoos machen, ist keine gute Idee. Nur unter Freunden und wenn man dazu steht.« 
Da sich in der HipHop-Szene der Trend zum eigenen Tattoostudio seit Sidos »Ich und meine Katze« und dem »187 Ink« der 187 Strassenbande abzeichnet, liegt die Frage nahe, ob sich SXTN das auch vorstellen können. »Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Wir haben ja auch noch nicht genug Kohle. Aber wenn genug da ist und eine coole Location, warum nicht«, sagt Juju. 

Nura zeigt Blendern die kalte Schulter, auf der ein Ninja von Molle wohnt. Da helfen auch keine Spendierhosen und 30k auf Instagram, wie sie im Song »Er will Sex« rappt. Oben Mitte: Das Fitness-Tattoo bekam Nura von Rapper-Kollege Achtvier, der jetzt auch tätowiert.

Große Fresse, nix dahinter

»Manche Typen haben einen Song und tun so, als wären sie jetzt rich. Deshalb hatten wir auch Tracks wie ›Kein Geld‹. Weil wir einfach auch keins hatten. Jetzt wollen alle Leute Markensachen, auch die, die eigentlich broke sind. Die kaufen sich dann irgend so ein Gucci-Portemonnaie, haben aber keine Kohle, um es zu füllen. Das macht doch gar keinen Sinn.«
Auf große Fresse und nichts dahinter stehen die beiden jedenfalls nicht. Die Herren der Schöpfung sollten eher Humor, Ehrlichkeit, Treue und eine ähnliche Weltanschauung mitbringen. Juju gerät ins Schwärmen: »Also ich hab ja einen Freund und ich finde, der bringt alles mit, was ich mir immer gewünscht habe. Aussehen ist mir zum Beispiel wirklich scheißegal. Intelligenz ist voll wichtig. Mit einer dummen Person kann ich noch nicht mal befreundet sein.« Nura stimmt im Hintergrund Beyonces Hit »Singleladies« an und erklärt, dass sie als solche momentan sehr glücklich ist. »Ich verliebe mich einfach krass, wenn jemand richtig lustig ist. Aussehen spielt für mich auch keine Rolle. Oder Talent macht jemanden auch voll sexy und wenn die andere Person mich wirklich aus guten Gründen mag.« Es bleibt nicht aus, dass Nura und Juju auf Festivals oder Konzerten von den Kollegen hier und da mal angebaggert werden. »Gerade am Anfang hatten wir ja nur diese eine EP, aber selbst die berühmtesten Rapper waren richtig korrekt zu uns«, erzählt Juju. »Lustigerweise sind die Korrekten genau die, von denen man vorher denkt, na ja okay, der hat derbe Texte, der ist bestimmt bisschen assi. Frauenarzt zum Beispiel, mit ihm waren wir auf Tour und der hat ja schon kontroverse Texte, ist aber immer super zuvorkommend zu Frauen.«
Nura stellt auch klar: »Ich find es eher abturnend, wenn mich jemand nur wegen SXTN feiert. Ein Fan wäre auf jeden Fall leichte Beute, könnte man machen, aber mal gucken. Aber an sich mag ich sowas nicht. Ich hab mal jemanden in einer Bar kennengelernt und hab am Anfang gesagt, dass ich erstmal noch nicht über unsere Jobs reden will. Dann kam aber raus, dass er es schon die ganze Zeit wusste und dann hab ich ihm eine Ansage gemacht.« 

»Jetzt sind die Fotzen wieder da«

Ansagen erteilen SXTN im Übrigen auch ihren Hatern mit ihrer ersten Singleauskopplung »Jetzt sind die Fotzen wieder da«. Juju erklärt: »Wir wollen halt die Szene erobern und das ist das Game. Wenn du da grad als Frau mitmachen willst, musst du das mitspielen und dich irgendwie beweisen.« Liest man sich einige Kommentare in den sozialen Medien bei SXTN durch, zweifelt man wirklich am gesunden Menschenverstand. Dort ist das rassistische, homophobe, sexistische Buffet für alle eröffnet und man kann gar nicht so viel lesen, wie man kotzen möchte. »Wenn mal jemand zu seinem Kollegen sagt: ›Alter, SXTN, diese scheiß Fotzen sind wieder da!‹ Dann ist es schon lustig wenn man sagt, haha, wir haben’s eh schon gesagt und die Hook schon gesungen. Den Song haben wir für genau diese Leute gemacht, für Idioten!«, erklärt Nura. 
Andererseits sind SXTN dankbar für jegliche Unterstützung ihrer Fans. Am Anfang war es unglaublich für sie, überhaupt die Chance zu bekommen, in einem Studio Songs aufzunehmen. Heute müssen regelmäßig Konzerte in größere Hallen verlegt werden und ihr erstes Album landete direkt in den Top Ten. Das machen zu können, wovon beide schon immer geträumt haben und das Ganze auch noch als Freundinnen, damit haben sie den Jackpot geknackt. »Beste Leben«, fügt Nura hinzu und gibt ihrer Partnerin ein High Five.

Sie sind es leid, über Feminismus und über die Rolle der Frau im Hip Hop zu reden. Männer fragt immerhin auch niemand zu ihrer Position im Rap-Business, die dürfen einfach da sein. SXTN wollen einfach rappen, ihr Ding durchziehen und in keine Schublade passen.

SXTN im Web:
Instagram: @sxtnmusik

Facebook: @sxtnmusik
 
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Stand:18 November 2017 05:44:44/szene/realtalk+mit+hiphop-duo+sxtn_177.html