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19.05.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Robin Brecht, One More Tattoo
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Möglichkeiten und Grenzen der Tattooentfernung mit dem Laser


Der Laserentfernungs-Selbstversuch: Um zu wissen, wie sich eine Laserbehandlung anfühlt, hat sich Redakteurin Heide eine post-Jugendsünde entfernen lasen. Bei ihrem Termin hat ihr Marion Thill vom One More Tattoo erklärt, warum Laserentfernung kein Wundermittel gegen ungewollte Tätowierungen ist.


Der Schmerz

Eines ist klar: Eine Laserentfernung ist nicht zum süchtig werden. Es schmerzt und der einzige Grund, warum man nicht sofort wegrennt, ist wohl der, dass man es sich freiwillig antut. Also gleich vorweg: Es fühlt sich an, als würde dich jemand mit einem kräftigen Schnippsgummi malträtieren. Gummi schön gespannt und abgezogen: Tschack! Ein starker, ziehender Schmerz. Und dann immer wieder: Tschack! Bei mir ist die Behandlung in circa zwanzig Sekunden vorbei und was bleibt, ist ein nur ganz leichtes Brennen. Der erwartungsvolle Blick auf das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Zu sehen ist eine weißliche Schicht, die sich darauf abgesetzt hat. Laserschnee nennt Marion diese Erscheinung, die aber nach zehn bis fünfzehn Minuten wieder verschwindet. Der Blick nach dieser Zeitspanne offenbart: Alles wie vorher! Das Tattoo ist noch da, als wäre nichts geschehen.

Initiale und Namen – Redakteurin Heide befindet sich mit diesem Tattoo unter den Top 3 der »Best-of«-Liste der Tattooentfernungsmotive.

Pacman schlägt zu

»Abgesehen von der jeweiligen Dauer der einzelnen Laserbehandlung ist der Prozess der Tattooentfernung insgesamt langwierig«, erklärt Marion Thill vom Luxemburger Studio One More Tattoo. Marion führt Laserbehandlungen seit zehn Jahren durch, als Tattoostudioinhaber wollte er mit diesem Angebot die Arbeit der Tätowierer erleichtern, schlechte Tätowierungen ohne zu große künstlerische und motivische Einschränkungen überdecken zu können. Nicht jeder will ein Panther-Motiv oder einen Henkel dunkler Trauben als Überdecker.

Meine Enttäuschung über das Ergebnis direkt nach der ersten Laserbehandlung mit einem »Q-Switched Nd:YAG«-Laser ist für ihn nicht überraschend, aber logisch, und mit der Wirkungsweise der Laserbehandlung zu erklären. Stark vereinfacht erklärt, passiert Folgendes: Die von einer Membran eingekapselten Tattoopigmente in der Haut nehmen die gebündelte Lichtenergie des Lasers auf, zerplatzen unter Hitzeeinwirkung und die Trümmer werden dann von den Fresszellen (Makrophagen) aufgenommen und über das Lymphsystem abtransportiert.

Bilder vom Computerspiel Pacman setzen sich in meinem Kopf fest, der die zertrümmerten Pigmentteile auffrisst, leider braucht er dafür ziemlich lange, erst drei Wochen später stellt sich ein sichtbares Ergebnis ein. Meine nächste Laserbehandlung könnte ich erst nach acht Wochen machen lassen, die folgenden dann in sechswöchigen Abständen. Klingt nach einer sehr langwierigen Geschichte, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich mich laut Prognose von Marion circa acht- bis zehnmal behandeln lassen müsste, damit es unsichtbar würde. Zwischenstufen sind natürlich auch möglich, viele Kunden wollen ja nur eine Aufhellung, um für das neue Tattoo an der Stelle mehr Spielraum bei der Gestaltung und Farbwahl zu haben.

Die Entfernung mit dem Laser fühlt sich an, »als würde dich jemand mit einem kräftigen Schnippsgummi malträtieren«, stellt Heide fest.


Welche Tattoos lassen sich gut entfernen? Und welche nicht?

Wenn ich also die Initialen des Exfreundes, um die es sich bei meiner Tätowierung handelt, mit den Initialen des aktuellen Freundes überdecken wollte, würden drei bis vier Sitzungen ausreichen. Und ja, ich habe mir so ein Tattoo stechen lassen! Und nein, das ist nicht wirklich clever! Damit befinde ich mich in bester Gesellschaft unter den Laserentfernungskunden. Laut Marion stehen auf der Liste der Motive, die entfernt werden sollen, Namen und Initialen ganz oben, gefolgt von »witzigen« Tätowierungen. »Das Teufelchen mit Windeln erscheint einem Vierzigjährigen gar nicht mehr so komisch«, so seine Erfahrung. »Modetattoos sind natürlich auch häufig und natürlich sogenannte Jobstopper, also Tattoos an Händen, Fingern und im Gesicht.«

Seiner Beobachtung nach hat sich in den letzten Jahren vor allem die Einstellung gegenüber dem Lasern geändert. »Anfangs wurde es sehr kritisch gesehen, mittlerweile habe ich den Eindruck gewonnen, dass immer mehr Leute auf die Option einer Entfernung bei Nicht-mehr-Gefallen setzen. Das ist ein Fehler, denn die Tattooentfernung ist eine Notlösung, kein Wundermittel! Es ist langwierig, kostenintensiv und muss, wenn sich die Leute ernsthaft Gedanken über ihre Tätowierung machen, einfach nicht sein.«


Marion Thill von One More Tattoo muss bei der Beratung die hohen Erwartungen seiner Kunden häufig dämpfen.

Mein Schandmal ist ja in Schwarz gestochen, und diese Farbe gilt gemeinhin als gut zu lasern. »Der Kontrast zwischen Haut und schwarzem Tattoopigment ist groß und damit gut zu behandeln. Schwierig sind vor allem helle Farben wie Gelb, Türkis, Pink und Orange, diese Farben erreicht der »Q-Switched Nd:YAG«-Laser nur schwer. Bei Mischfarben wirkt der Laser womöglich nur auf einen Teil der Pigmente, bei Mischfarben mit Weiß, das Titanoxid enthält, kann die Farbe auch erst einmal in Braun umschlagen. Danach kann es zwar gelasert werden, aber das verdeutlicht, welch langwieriger Prozess das ist. Prinzipiell muss man die Erwartungshaltung der Kunden, welche Wunder die Laserhandlung vollbringt, sowieso bremsen. Gerade sehr bunte, großflächige Tätowierungen lassen sich zwar aufhellen, um damit eine bessere Basis für ein neues Tattoo zu schaffen, ganz weg bekommt man es aber nicht. Manche Systeme arbeiten effektiver als andere, aber so weit sind wir noch nicht, dass wir die Haut wieder in ihren vor-tätowierten Zustand bringen.«

»Das hier ist die maximale Größe, die ich in einer Sitzung lasern kann. Trage ich zu viel Pigment ab, verstopfen die Lymphbahnen«, erklärt Marion Thill.

Risiken

Ein langer Atem ist also gefragt. Mein Tattoo ist an Größe natürlich ein Witz und kann so direkt komplett behandelt werden. Bei größeren und vor allem farbigen Tätowierungen geht das allerdings nicht, erklärt Marion. »Ich kann in einer Sitzung auch nicht unendlich große Flächen lasern. Das hängt unter anderem von der Menge an Pigment ab, die in die Haut eingebracht wurde, aber auch das Lymphsystem selbst ist nur begrenzt belastbar. Wenn ich zu viel Pigment freisetze, dann können die Lymphdrüsen verstopfen. Das endet dann in den Fotos von Lymphdrüsen mit darin eingelagerten Tattoopigmenten, was zu Entzündungen führen kann. Es bringt meines Erachtens nichts, immer mehr und schneller zu lasern. Es gibt auch keine Richtwerte, wie stark ich wie viel tätowierte Haut behandle, sondern das ist reine Erfahrungssache. Man muss sich langsam vortasten und merkt dann, wie der Körper reagiert.« Es gehe also bei der Anzahl der Laserbehandlung nicht darum, Geld zu schneiden, sondern darum, dass der Körper die Prozedur ohne allzu große Belastung erfährt.  

Marion Thill von One More Tattoo in Luxemburg hat bereits seit zehn Jahren Erfahrung mit der Laserentfernung von Tattoos.
 
»Das hier ist die maximale Größe, die ich in einer Sitzung lasern kann. Trage ich zu viel Pigment ab, verstopfen die Lymphbahnen«, erklärt Marion Thill.

Ein großer Kritikpunkt an der Laserbehandlung ist die mögliche Krebsgefahr, die jedenfalls nicht ausgeschlossen werden kann. Noch gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse, was bei der Freisetzung der in der Haut eingekapselten Pigmente durch die Laserbehandlung passiert. Befürchtet wird, dass die in manchen Tattoofarben enthaltenen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) freigesetzt werden, PAKs besitzen gesundheitsschädliche Eigenschaften, insbesondere können sie krebserzeugend sein. »Es gibt da keine aussagekräftigen Studien dazu. Die Lasertechnologie ist ja noch sehr jung und ihr Einsatz für die Entfernung von Tätowierungen noch jünger. Wir wissen nicht, wie sich die Tattoofarben in der Haut zusammensetzen und in was sie sich aufspalten. Ich bin mir sicher, dass an Farben gearbeitet wird, die sich gut lasern lassen. In meinen Augen ist das gar nicht so gut für die Tattoobranche. Wenn sich die Leute darauf verlassen, dass sie das Tattoo wieder wegmachen können, dann wird Tätowieren der Techno der Kunstszene!«

Kontakt
One More Tattoo
36 Rue Michel Rodange
LU-2430 Luxembourg Stadt

www.tattoo.lu
facebook.com/OneMoreTattoo

Text: Heide Heim
Bilder: Robin Brecht, One More Tattoo

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Stand:23 October 2017 02:32:51/szene/moeglichkeiten+und+grenzen+der+tattooentfernung+mit+dem+laser_175.html