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21.07.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Giahi, Robin Brecht
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Mit 1000 Franken zum millionenschweren Tattooimperium


»Sei immer deine Nummer 1«, lautet das Mantra von Tätowiererin und Businesswoman Giada Ilardo. Die rassige Schönheit ist der Kopf von Giahi und zierte selbst mehr als einmal die stets auffälligen, groß inszenierten Werbekampagnen der Schweizer Tattoo- und Piercingstudio-Kette. Alles über ihren Weg an die Spitze verrät sie im Interview.


Googelt man ihren Namen ist von »Tattoo-Königin« oder »Selfmade-Millionärin« die Rede – beinahe ein wenig einschüchternd. Zum Interview erscheint Giahi-Gründerin Giada lässig in Boyfriend-Jeans und einfachem Shirt. Von Allüren oder Dekadenz keine Spur. Ihr Partner Basil gewährt zunächst Einblick in die schillernde Welt von Giahi und führt durch das beeindruckende Haupthaus in der Löwenstrasse in Zürich.

Giada Ilardo arbeitete sich mit ihrem Tattoobusiness »Giahi« bis ganz an die Spitze.

Giahi ist mehr als eine Tattoostudiokette: Es verkörpert Tattoo und Piercing auf höchstem Niveau, ist aber auch Lifestyle, ein stylischer Ort für Tattoofans, Modemäuschen und ausgeflippte Paradiesvögel, die es gerne anders mögen. »Es war nicht ungewollt, aber definitiv gar nicht so geplant, wie es kam«, erzählt Bosslady Giada Ilardo später im Gespräch. Die gebürtige Italienerin lebt seit rund 30 Jahren in der Schweiz und betreibt seit 17 Jahren ein sehr erfolgreiches Tattooimperium in Zürich und Winterthur. 

1999 schmiss die junge Giada das Kunstgym-nasium und beschloss, selbstständig zu werden. Sie war damals 16 Jahre alt und gründete Giahi. Zwei Jahre nach ihrer ersten Shoperöffnung kam Shop Nummer zwei dazu und der Erfolg nahm seinen Lauf. »Die Shops waren zunächst sehr klein, wurden vergrößert oder zugemacht, um größere Läden zu öffnen. Wir sind stetig gewachsen.«
Giada hat zu Beginn nur gepierct, ein Jahr später begann die ehemalige Kunstgymnasiastin auch das Tätowieren, das machte sie dann fünf Jahre lang. »Irgendwann hatten wir so viele herausragende Künstler an Bord und abgesehen davon auch eine Größe erreicht, die es mir unmöglich machte, noch das zu geben, was ich eigentlich kann. Ich brauchte meine Kapazitäten woanders«, erzählt Giada. 

Der Giahi-Store in der Löwenstrasse ist das größte Tattoostudio Europas und sicher auch das imposanteste.

Zwischen Tätowieren und Management

Die Italienerin musste sich entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollte: Weiter tätowieren oder sich ganz dem immer komplexer werdenden Management und der Mitarbeiterführung widmen. Giada wählte den zweiten Weg und für den Erfolg war das nur richtig. Seit 17 Jahren managt Giada die Kette Giahi hauptverantwortlich. Hierfür bildet sie sich bis heute weiter. Giada sei aber vor allem in ihre Rolle »reingewachsen« und konnte auf ihrer Reise zum Erfolg immer auf Unterstützung setzen. Das war nicht ganz unwichtig: »Ich war 16 Jahre alt, konnte nicht mal einen eigenen Laden mieten«, erinnert sich die Businessfrau. »Meine Mutter hat mir damals unter die Arme gegriffen mit einem Startkapital von 1000 Schweizer Franken, das ich in Tattoos zurückzahlen durfte. So nahm alles seinen Lauf.« Das Geld, das Giada einnahm, hat sie immer wieder reinvestiert. So ist ihre Marke Giahi gewachsen, ohne dass sie dafür Geld von der Bank annehmen musste. 

Selbstständig mit 16 Jahren, zuvor ein Schul-abbruch – man sollte meinen, da war im Hause Ilardo viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen? »Meine Mutter ist alleinerziehend, also mussten wir das nur unter uns zwei ausmachen. Sie fragte mich ›Mensch, ist das was? Hat das Zukunft?‹, und sagte mir dann, ich solle es versuchen. Da ich so jung war, konnte ich ja jederzeit noch eine Ausbildung beginnen.« Während Giada an ihren Karrierebeginn zurückdenkt, sitzt sie in der Lounge ihres Giahi-Stammhauses in der Löwenstrasse. Ein großes Aquarium im Hintergrund beherbergt exotische Fische und trägt eine edle »Giahi«-Gravur. Für die Kunden stehen frisches Obst, eine Nespressomaschine und Wasser bereit. Darüber hinaus gibt es noch zwei weitere Giahi-Stores in Zürich sowie ein weiteres Tattoostudio mit integrierter Coffee Bar in Winterthur. 

Die anfängliche Skepsis von Giadas Mutter Franca dürfte grenzenlosem Stolz gewichen sein. Giada zählt mittlerweile zu den hundert reichsten Schweizern unter 40 Jahren und ihr Imperium ist mehrere Millionen Euro wert. Franca ist heute übrigens Giadas Assistentin.



Die »Tattoomillionärin«, wie sie in vielen Schweizer Illustrierten genannt wird, wuchs in einfachsten Verhältnissen auf und hat es bis ganz an die Spitze geschafft. Ihr Erfolgsrezept? Auf ihren eigenen Geschmack vertrauen und unbeirrbarer Ehrgeiz. Doch wieso macht Giada ausgerechnet in Piercings und Tattoos? »Mich haben Tätowierungen schon immer fasziniert. Ich bewundere, wie Menschen durch Tattoos ihr Aussehen verändern, ja, sich individuell verschönern. Sich selbst zu inszenieren hat mich schon immer interessiert.« Giada sei damals tatsächlich aber sehr naiv an die Sache herangegangen, wie sie sagt: »Ich bin einfach mal selbstständig geworden. Ich habe mir nicht gedacht ›Was soll ich machen, wo will ich damit hin?‹ Ich habe einfach mal gemacht.« Giada ging es vor allem darum, mal etwas anderes zu machen, als das, was es schon gab: »Die Tattoostudios, die damals bereits existierten, kamen mir vor wie eine geschlossene Gesellschaft. Alles war sehr ›underground‹, ich traute mich ja fast in kein Studio hinein. Ich wollte dann etwas Normales für jedermann machen. Ein bisschen hübsch, edel.« Erst später fing sie an, sich Tattooconventions und andere Tattoostudios anzuschauen und sich mit dem vorherrschenden Standard näher zu beschäftigen. »Und es war tatsächlich immer irgendwie ein bisschen dasselbe. Alles war in sich sehr geschlossen, als Außenstehender hattest du das Gefühl, du gehörst nicht richtig dazu.«

hren Einstein liebt Giada besonders.

Giada wollte in ihrem Tattoo- und Piercingstudio ein bisschen mehr Normalität. Schaut man sich jetzt in den edel-ausgeflippten Giahi-Stores um, die alle ein phänomenales Designkonzept vorweisen und sich thematisch voneinander und vor allem von herkömmlichen Tattoostudios unterscheiden, fallen einem viele Attribute ein, doch nicht Normalität. Eine Berechnung stecke hier dennoch nicht dahinter: »Die Einrichtung bei Giahi ist in erster Linie eine Geschmackssache. In meinem ersten Laden war das alles auch noch viel weniger durchgestylt. Damals hatte ich kein Geld, musste den Boden noch selbst verlegen. Eigentlich habe ich da alles selbst gemacht.« Doch woher kommt das krasse Design? Hier spiegelt sich Giadas ganz persönlicher Geschmack: »Ich bin eine extrovertierte Person und das entdeckst du hier wieder. Ich kenne keine Grenzen, musste mich auch noch nie an irgendwelchen Grenzen orientieren. Dadurch, dass ich mit 16 Jahren selbstständig wurde, gab es nie jemanden, der mir sagte ›So geht’s jetzt aber nicht!‹« 

Die Italienerin hat ein Faible für Innenarchitektur und liest gerne entsprechende Magazine. »Hier sammle ich viele Anregungen, schneide Schnipsel aus und hänge sie an eine Wand. So braut sich dann was zusammen, was ich irgendwann umsetze.« 

»Sei immer deine Nummer 1«, lautet das Mantra von Giada Ilardo.

Europas größtes Tattoostudio

Eine bestimmte Entscheidung, die letztlich zum Durchbruch von Giahi verhalf, kann die Gründerin gar nicht benennen. Doch wenn Giada den Cut vom kleinen Shop zum großen Business markieren müsste, wäre das wohl die Eröffnung des Stores in der Löwenstrasse. Nach einem Facelift vor ein paar Jahren erstreckt sich der Flagship-Store in Zürich nun auf über 530 Quadratmetern und ist somit das größte Tattoostudio Europas. Im Eingangsbereich finden sich ausgefallene Accessoires und Schmuck von kleinen Designern und spannenden Undergroundlabels. Wer ein ganz normales Tattoostudio hinter dieser Adresse erwartet, wird zunächst erschlagen. Die weiteren Stores sind in der Fläche kleiner, jedoch nicht weniger imposant in ihrer Optik.

Etwa vierzig festangestellte Mitarbeiter und zahlreiche Künstler, die als Untermieter für Giahi arbeiten, zählen zum Erfolgsteam. Giada ist der Kopf der Bande, verlässt sich an ihrer Seite aber auf ihre Partner Basil, Livia und Flo. Viele Gasttätowierer geben sich ebenfalls die Klinke in die Hand und runden das Angebot ab. Das Auswahlkriterium? »Sie müssen zu uns passen und natürlich erstklassige Arbeit abliefern. Wenn die Qualität und das Persönliche gleichermaßen passen, ist das von großem Vorteil«, erklärt die Chefin.

Glühwürmchen und Marienkäfer - awww süß.

Wie muss man sich den Führungsstil von Giada Ilardo vorstellen? »Mitarbeiteraffin und fair. Ich habe irgendwann davon abgelassen, alleine zu entscheiden. Wir haben hier so tolle Menschen, die will ich mit einbeziehen. Es ist toll, wenn wir alle gemeinsam hinter einer Sache stehen. Daher entscheiden wir demokratisch. Das ist der beste Weg«, erzählt Giada, die immer offen und neugierig bleiben will, für die Anregungen und Ideen ihrer Mitarbeiter. »Wenn ein Mitarbeiter von uns einen neuen Weg einschlagen will, sind wir unterstützend dabei. Daher kann ich mir alles vorstellen. Wir sind sehr offen. Wir haben zum Beispiel ein kleines Team, das gerne mehr an Conventions teilnehmen und rausgehen möchte. Das ist für uns völlig okay. Wir unterstützen es finanziell und stehen dahinter.«

Tatsächlich sind es die Mitarbeiter, die den Weg von Giahi vorgeben und mitbestimmen – und darauf ist die Italienerin stolz. Mit Kritikern, die Giada einen »Ausverkauf der Szene« vorwerfen, geht sie übrigens ganz gelassen um und steht zu ihrer Haltung: »Nein, wir haben die Szene nicht kommerzialisiert, wir haben sie professionalisiert. Das ist ein großer Unterschied! Ich denke, von der Qualität her kann man nicht sagen, dass wir hier einen Tattooausverkauf betreiben. Im Gegenteil. Wir arbeiten mit großartigen Künstlern, bleiben preislich immer gleich und machen keine dubiosen Tattooaktionen. Die Größe unterscheidet uns und das macht manchen Leuten Angst.« 


Den obersten Stock des Giahi-Flagship-Stores in der Löwenstrasse nennen sie »Himmel«. Von hier oben aus kann man ganz Zürich überblicken, das Interieur ist ein atemberaubender Mix aus glamourösem Hochglanz und Naturmaterialien.
Stores:

Giahi Zürich Löwenstrasse
LÖWENSTRASSE 22
8001 ZÜRICH
TEL: 0041 - 44 430 20 20

Giahi Wintertur
BAHNHOFPLATZ 6
8400 WINTERTHUR
TEL. 0041 - 52 740 10 10

Giahi Zürich Niederdorf
NIEDERDORFSTRASSE 20
8001 ZÜRICH
TEL: 0041 - 44 432 70 70

Giahi Zürich Seebach
SCHAFFHAUSERSTRASSE 455
8052 ZÜRICH
TEL: 0041 - 44 302 03 03

Mit einer schillernden Party wurde kürzlich erst das Jubiläum der Filiale in der Löwenstrasse gefeiert – ganz in flippiger Giahi-Manier.

Kontakt:

Web: www.giahi.ch 
E-Mail an alle Stores: mail@giahi.ch
Spontane Termine sind oft möglich. Falls du heute oder am nächsten Tag vorbeikommen möchtest, ruf direkt im gewünschten Store an.

Text: Jula Reichard
Bilder: Giahi, Robin Brecht

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Ausgabe 10/17 erscheint am 29. September

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Stand:19 September 2017 20:50:14/szene/mit+1000+franken+zum+millionenschweren+tattooimperium_177.html