Mimi Erhardts Kolumne: »Tattoomüde «

28.10.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Marlene Fulde
Mimi Erhardts Kolumne: »Tattoomüde «
Mimi Erhardts Kolumne: »Tattoomüde «
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...
An manchen Tagen fühle ich mich alt. Uralt. Das liegt nicht an den Lachfältchen, die sich im Laufe der Jahre in meinem Gesicht breitgemacht haben. Auch nicht daran, dass sich mein Stoffwechsel seit meinem 30. Geburtstag in Rente begeben und aus einem skinny Teenage-Girl eine curvy Uschi gemacht hat. Na gut, ich gehe nicht mehr so häufig wie früher raus, ziehe Instant-Cappuccino und Kuchen mit meiner 76-jährigen Nachbarin Frau S. inzwischen dem Abhängen mit der zugekoksten Berliner Schickeria vor. Aber das alles ist nicht der Grund dafür, warum ich mich oft wie ein Eimer Fallobst fühle.

Mimi Erhardt

Ich bin tattoomüde. Seit einiger Zeit beobachte ich diesen Wesenszug an mir, und ja, es ängstigt mich, zu sehen, was aus mir geworden ist. Anstatt mein sauer verdientes Geld für meine nächste Großflächen-Tätowierung zu sparen, horte ich meine Piepen für einen neuen großen Traum: einen Trockner. Statt Tätowier-Inspirations-Recherche auf Pinterest und Tumblr zu betreiben, suche ich Bilder minimalistisch eingerichteter Wohnungen. Auf Instagram folge ich mehr Make-up-Artists als Tätowierern. Wenn mir andere Menschen von ihren Reisen nach London, Krakau und L.A. berichten und davon, dass sie den ganzen, langen Weg nur auf sich genommen haben, um sich von Star-Tätowierer XY stechen zu lassen, lächle ich nur milde und denke heimlich bei mir: »Wär mir viel zu stressig, buh.«

Was ist nur los mit mir? Was ist passiert, dass aus dem tattoo­süchtigen Wesen von einst, diese genügsame Tätowier-Omi geworden ist? Zum einen hat diese Entwicklung einen finanziellen Background. Waren mir Tätowierungen früher mit das Wichtigste im Leben, haben heute andere Wünsche ihren Platz eingenommen. Vor zehn Jahren war es mir noch völlig peng, in meiner geschnorrten Alf-Bettwäsche im Europaletten-Bett zu nächtigen. Heutzutage bevorzuge ich weißes Leinen und ein mindestens mittelteures Ikea-Bettgestell. Waren Tütensuppe und Buttertoast vor Jahren aus Spargründen vollwertige Lebensmittel für mich, kaufe ich heute gern frisches Obst, Brot vom Bäcker und finde, dass man Sushi auch fünfmal pro Woche essen kann. Da bleibt natürlich nicht mehr so viel Schotter übrig, den man in die aufwendige Modifizierung seines Bodys investieren könnte. Aber es ist noch etwas anderes, was mich tattoomüde gemacht hat. Alle Stellen, die an meinem Körper noch blank geblieben sind, gehören zu den Spots, die beim Tätowieren einfach sauweh tun! Ellenbogen, Handinnenflächen, Füße, unterer Bauch, linkes Knie, Kniekehle, Oberschenkelrückseite. Aua. Allein der Gedanke daran macht mich ganz duselig. Vorbei die Zeiten, als man sich lässig den Oberarm zuhacken ließ. Oberschenkel? Easy. Rücken? Fast dabei eingeschlafen. Und nu? Muss ich mich damit auseinandersetzen, dass meine nächsten Male beim Tätowierer kein Sonntagsspaziergang mehr sein werden.

Ich habe mit mir selbst einen Kompromiss geschlossen. Vorerst sehe ich von riesengroßen Motiven ab und konzentriere mich auf kleine, feine Schätze. Songlyrics, die mir viel bedeuten, dumme bis tiefsinnige Sprüche, Mini-Tattoos wie die Boot fahrende Ananas auf meiner linken Hüfte, Liebeserklärungen an meine Tätowierer. Die Vorteile der Tattookleinigkeiten? Sie sind bei weitem nicht so teuer wie ihre großen Brüder und Schwestern. Und selbst wenn sie auf schmerztechnisch eher ungeilen Körperstellen platziert werden, ist die Sitzung meist auch schon wieder vorbei, ehe ich noch »Danke, ich brauch kein Emla« sagen kann. 

Das alles bedeutet nicht, dass ich die Lust am Tätowiertwerden oder an großen Tattoos verloren habe. Das ist definitiv nicht der Fall. Just in diesem Moment mache ich schon wieder Pläne für mein nächstes größeres Projekt: Die Vorderseite meiner Beine. Wird hoffentlich zu ertragen sein, das Sparschwein füllt sich allmählich, und Bock habe ich auch. Also, es muss natürlich nicht morgen passieren. Oder in einem Monat. Vielleicht so zu Weihnachten. Oder ganz relaxt im neuen Jahr? Wer weiß. Ich lasse mir einfach Zeit.

Eure Mimi 
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Stand:20 November 2017 13:00:37/szene/mimi+erhardts+kolumne+tattoomuede+_17926.html