Mimi Erhardts Kolumne: »Sind Tätowierte besser im Bett«

24.02.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Mimikry Berlin
Mimi Erhardts Kolumne: »Sind Tätowierte besser im Bett«
Mimi Erhardts Kolumne: »Sind Tätowierte besser im Bett«
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...
Es muss im Jahre 1997 gewesen sein. Ich hatte mir gerade mein erstes Tattoo stechen lassen, ein dickes Trucker-Tribal, schön martialisch, direkt überm Arsch. Eines Abends bemerkte ich, der tollpatschige Kleinstadtdepp, der ich bis heute im Herzen geblieben bin, dass sich etwas verändert hatte. Eine Unebenheit in der Matrix, etwas Neues, was ich nicht greifen konnte. Bis ich begriff: Es waren die Blicke der anderen. Fremde sahen mir nach, starrten mich an, schlossen die Augen einen Libellenflügelschlag länger, wenn sie mich betrachteten. Mit meiner ersten Tätowierung hatte sich etwas an meiner Aura verändert, bislang ungefühlte Energien hatten sie rauer gemacht, kurviger. Ich war über Nacht sexy geworden. Geil.
Tatsächlich werde ich seitdem anders wahrgenommen, vor allem von Männern, und da ganz besonders von den untätowierten Jungs. War ich vor der ersten Tätowierung noch ein süßes Mädchen, mit dem man Pferde stehlen und betrunken durch die Nacht eiern konnte, war ich nun eine Frau. Eine tätowierte Frau.
»Tätowierte Frauen sind gefährlich«, verriet mir kurz nach meiner Tätowierpremiere ein Partyflirt, als ich ihn fragte, warum er mir so blöde auf die Kiste glotzt. »Ihr wirkt so, als würdet ihr jeden Mann mit Haut und Haar verschlingen. Ihr nehmt euch das, was ihr wollt, und das ist einfach so unglaublich heiß und wild!« »Versteh ich nicht«, lautete meine Antwort, denn ich fand mich weder heiß noch gefährlich. »Moah«, sagte der Partyflirt, »tätowierte Frauen sind einfach geiler im Bett.«
Mit diesem Vorurteil lebe ich bis heute. Wann immer ich mit jemandem im Bett lande, habe ich das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Immerhin bin ich ein krass zugehacktes Girl mit einem Ruf, den es zu verlieren gilt, denn ja, mit jeder neuen Tätowierung stieg und steigt der Druck, noch krasser, versauter, einfach NOCH besser im Bett zu werden. Dabei finde ich mich im Bett vor allem eins: okay. Und das meine ich sehr liebevoll mir selbst gegenüber. Ich weiß, was ich will, richtig, nur will ich eigentlich nie irgendwen verschlingen. Und wild bin ich schon mal gar nicht. Ich lasse lieber locker kommen, die Arbeit darf der andere verrichten und mich dafür auch mal feste am Zopf ziehen. Ich bin »passive as hell« und glücklich damit. Eine bestimmte Art von Mensch steht auf meine Art, Sex zu genießen, und zum Glück gerate ich seit Jahren ausschließlich an solcherlei Zeitgenossen und -genossinnen. Aber ach, wie enttäuscht muss so mancher gewesen sein, der sich vom Sex mit mir, der tätowierten Rabaukin, ein Schlachtfest der Wollust erwartet hat. Mir egal.
Warum gelten wir denn nun als so animalisch und unersättlich? Tätowierte Frauen und Männer, wohlgemerkt. Denn ja, auch für viele Frauen ist so ein über und über bemalter Boy ein Sexsymbol, das sie nur zu gerne erobern und vernaschen möchten. Ein Freibeuter, wagemutig, kinky, verrucht. Nicht so wie ihr untätowierter Hans-Jochen, der immer so aussieht, als würde er lieber die Steuererklärung machen, als seine Liebste ordentlich durchzunageln.
Ich sage euch mal was. Vielleicht ist so ein Hans-Jochen die eigentliche Granate im Bett, gäbe man ihm mal eine Chance. Aber macht ja niemand, weil alle nur mit uns, den Tätowierten, bumsen wollen. Buh! Hört auf, uns zu übersexualisieren und uns mit euren Erwartungen unter Druck zu setzen. Vielleicht ist die tätowierte Mieze von nebenan gar kein ausgehungertes Raubtier, sondern eine Schmusekatze. Vielleicht will der stark geblackworkte Kevin dich überhaupt nicht am Hundehalsband Gassi führen, sondern innig mit dir Liebe machen. Die gesichts­tätowierte Lara bekommt beim Blasen möglicherweise schnell Kiefersperre und findet Blowjobs deshalb doof, und Florian mit der tätowierten breiten Brust hatte seit drei Jahren keinen Sex mehr, weil er sich für seine große Liebe aufspart.
Wir sind wie ihr. Mal richtig gut, mal was für Liebhaber. Und vor allem: Ganz oft scheiße im Bett. Nehmt uns das nicht weg.
Eure Mimi


Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.

 
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