Mimi Erhardts Kolumne: Hat das eigentlich wehgetan?

21.04.2017  |  Text: Mimi Erhardt   |   Bilder: Mimi Erhardt
Mimi Erhardts Kolumne: Hat das eigentlich wehgetan?
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Welche Körperstelle schmerzt beim Tätowiert-werden besonders? Mimi Erhardt gibt nichts auf Prognosen, denn schmerzen tut es immer, wie stark, empfindet jeder Tätowiersoldat anders.

»Hat es wehgetan, als du dir den/die/das (insert random body part here) hast stechen lassen?«  

Ja. Hat es.
Weil Tätowieren immer mindestens ein bisschen wehtut, schließlich wirst du ordentlich angeritzt und jeder, der dir sagt, dass Tätowieren ein Sonntagsspaziergang sei, lügt. Der Schmerz variiert allerdings. Je nachdem, wo du dich tätowieren lassen willst und wie lange die Sitzung dauert. Lässt du dir einen flohgroßen Punkt auf den Oberarm stechen, wirst du kaum etwas merken. Soll der Punkt in deiner Achselhöhle platziert werden, wird es mindestens kurz ziepen.
Vor vier Jahren ließ ich meinen Hals vom einzigartigen Sebastian Domaschke tätowieren. Zuerst die Seiten, erst danach wagten wir uns an den Kehlkopf. Die Tätowierung wurde schöner, als ich es mir je hätte vorstellen können. Seit damals werde ich mindestens ein Mal pro Woche gefragt, ob die Kehlkopftätowierung nicht schrecklich weh getan hat.
Nein. Sie tat nicht weher als viele andere meiner Tätowierungen. Das, was stresste, war, dass ich meinen Hals eine gefühlte Ewigkeit überstrecken musste, damit ich Sebastian eine straffe Leinwand präsentieren konnte. Um ehrlich zu sein, überraschte mich die Erkenntnis selbst. Denn, so lautet doch eine altehrwürdige Tätowierweisheit: Je dünner die Haut, desto krasser der Schmerz. Die Fußoberseiten, der Kehlkopf, der untere Rücken – Tortur, nur was für die ganz Kranken! Ich aber sage euch: Genießt derartige Horrormärchen mit Vorsicht.
Kurz bevor ich mich dazu entschloss, mein Dekolleté mit einem Chestpiece verschönern zu lassen, warnten mich meine Freunde, sagten, die Schmerzen an dieser Stelle seien unerträglich, da die Haut dünn wie Esspapier sei. Null Fettgewebe und dann erst das Rattern des vibrierenden Brustbeins. »Das überlebst du nicht«, prophezeiten sie. Doch ich überlebte. Ich empfand die Schmerzen als »geht so« und hielt mich für die härteste Sau des tätowierten Ruhrgebiets. Also frisch weitergemacht, schließlich hatte ich die Hölle bereits durchschritten – ich hatte den Schmerz ohne Gleitgel von hinten gebumst. »Dirk, lass nächste Woche meinen Bauch machen«, bestimmte ich. Mein damaliger Tätowierer und Für-Immer-Held Dirk Reuter von »Leib und Seele Tattoo« in Dorsten grinste und sagte: »Wenne willst – klar.«
Eine Woche später lag ich da, meinen kleinen Speckibauch entblößt, vorfreudig. Was sollte schon groß passieren? Bauchhaut ist bekanntlich der Monstertruck unter den Häuten. Ich fühlte mich safe, bis Dirk den ersten Stich machte. Ein Schmerz, als hätte man meine Schwarte mit einem Skalpell bei vollem Bewusstsein aufgeschlitzt. Ich sah Dirk mit großen Augen an. »Jahaaa«, sagte der und lachte, »dat hamse dir nicht gesagt, ne? Dass der Bauch die übelste Stelle von allen ist?«
»Aber das Brustbein …«, ächzte ich.
»Jaja, allet Lügenmärchen. Bei Bauchtätowierungen sind mir schon die härtesten Biker zusammengeklappt, weil dat scheißweh tut. Willste trotzdem?«
Natürlich wollte ich trotzdem, denn ich bin ein Soldat und Fernfahrer-Biker-Daddy-at-heart und kneife nie. Ich hielt aus und musste die Sitzung dennoch kurz vor Ende abbrechen. Die einzige bis heute.
Was ich sagen will: Mach deine eigenen Erfahrungen. Deine Haut ist anders als meine, unser Schmerzempfinden individuell. Für mich war das Brustbein okay, beim Bauch starb ich tausend Tode. Vielleicht ist es bei dir genau andersherum. Lass dich von den Folterstorys deiner Freunde nicht abschrecken oder verunsichern, lass dir von ihnen nicht das Tätowierglücksgefühl kaputt machen. Hab dennoch Respekt vor dem Schmerz, sei vorbereitet. Denn ein bisschen Wehtun gehört dazu, Tätowiersoldat, und eigentlich wollen wir es doch genau so haben.

Eure Mimi


Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.

 
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Stand:24 November 2017 15:39:55/szene/mimi+erhardts+kolumne+hat+das+eigentlich+wehgetan_175.html