Mimi Erhardts Kolumne: Über Tattoos und ihre Bedeutung

24.03.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Mimikry Berlin
Mimi Erhardts Kolumne: Über Tattoos und ihre Bedeutung
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...

»Superschöne Tattoos, die haben doch bestimmt eine Bedeutung, oder?«  
»Nein. Tschüss, eure Mimi.«


Just kidding, bin noch da. Und ich wüsste gerne: Hat jede eurer Tätowierungen eine Bedeutung? Ich frage, weil ich die Vorstellung romantisch finde. Diesen Gedanken, mit jedem Bild eine Erinnerung an Vergangenes bei mir zu tragen, kleine, kostbare Momente, die ich mit geliebten Menschen geteilt habe. Schön. Und für mich so gar nicht durchzuhalten. Denn was Tätowierungen angeht, bin ich ein ungeduldiger, oft gedankenloser Mensch, und wenn ich etwas will, dann will ich es jetzt sofort und nicht erst dann, wenn der neue Star-Tätowierer aus London Zeit für mich hat (mit etwas Glück in dreizehneinhalb Monaten). Die liebsten Tattoos sind mir unter anderem die, die aus einer Laune heraus entstanden sind, die es gibt, weil man sich gerade danach fühlte und Lust auf Unfug hatte. Oder rebellieren wollte.

Als ich mir nach einer Tätowierpause mit Anfang 20 zwei Anker auf die Schulterblätter tätowieren lassen wollte, fand mein damaliger Freund (ein Reinhäuter) das gar nicht gut. Ich machte ihm klar, dass er mich davon nicht abhalten könne, versprach ihm aber, mir danach nichts mehr stechen zu lassen. Ich fuhr zu Monique, meiner Tätowiererin, und ließ sie die lange geplanten Anker tätowieren und vollenden. Da fühlte ich, wie das Post-Tätowiersitzungs-Gefühl, diese wundervolle Mischung aus Glück, Schmerz und Unbesiegbarkeit, mich erfasste und sagte: »Kannst du mir noch was stechen? Nur was Kleines, irgendwas, mir egal.« »Na klar«, sagte Monique, »was darf’s denn sein? Ein Sternchen vielleicht?« »Ja bitte«, sagte ich und wusste in diesem Moment, dass jemand, der meine Tätowierliebe reglementieren will, nicht der Richtige für mich sein kann. Seitdem ziert ein kleines, inzwischen etwas verblasstes Tattoo mein Handgelenk. Mein Emanzipationsstern. Der Mann ist Geschichte.

Es sind vor allem die Gefühle und Gedanken, die ich mit der Entstehung eines Tattoos verbinde, die so ein Bild für mich besonders machen. So wie das Papierschiff auf meinem linken Unterarm, das mir ein guter Freund an einem eiskalten Wintertag tätowierte. Wenn ich an die Busfahrt durchs verschneite Kreuzberg zu seinem Studio denke, daran, wie Chuck Ragan in meine Ohren brüllte und wie sehr ich mich auf den Tag mit meinem Freund freute, wird mir noch immer ganz warm ums Herz. Natürlich liebe ich das Papierschiff, es gehört zu meinen liebsten Tattoos, weil es so irre hübsch ist. Aber viel wichtiger ist mir die Erinnerung an den Tag, daran, dass wir literweise Kaffee tranken, über die Zukunft und unsere Vergangenheit sprachen und er mir mit dem Schiff das schönste Geschenk machte.
Oder das Bild einer Bratwurst mit Senf, ein Freundschafts-tattoo, dessen Gegenstück in Kanada weilt und das mich an ein paar wunderbare Sommertage und berauschte Nächte im letzten Jahr erinnert. Spontane Semi-Weisheiten und skurrile Kurzgedichte gibt es, verdammt, ich trage sogar eine Liebeserklärung an meine Tätowiererin Francesca auf meinen Rippen: »Fra You Are My Sexy Genius« steht da. Warum? Darum!

Natürlich habe ich auch Tätowierungen, die geplant waren, die eine Bedeutung haben, die meine Liebe zu den Menschen in meinem Leben ausdrücken oder mit denen ich Seiten von mir offenbare, die nur mir gehören und die außer mir niemand lesen kann. Die mein Tätowierer und ich lange geplant und ausgearbeitet haben, weil sie mir so wichtig sind.
Wenn du mich fragst, welche Bedeutung diese Tattoos für mich haben, werde ich dir antworten: »Geht dich einen Scheißdreck an.« Aber wenn ich dich nett finde, erzähle ich dir vielleicht von dieser Nacht, in der ich mir die Worte »No fucking fear« in die Leiste tätowieren ließ und warum ich danach so froh nach Hause fuhr.

Eure Mimi

Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.

 
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Stand:20 November 2017 12:55:00/szene/mimi+erhardt+ueber+tattoos+und+ihre+bedeutung_176.html