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21.07.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Mimikry Berlin
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Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen


In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...


Ich habe ultrahässliche Finger. Sie sind kurz und wurstig, außerdem knabbere ich Fingernägel und knibble. Davon abgesehen schaffe ich es nicht, meine Fingernägel auch nur einmal ordentlich zu lackieren. Aus diesem Grund war der Gedanke, jemals einen Ring zu tragen, um so meine Liebe zu einem anderen Menschen zu symbolisieren, für mich lange sehr befremdlich. Ich meine, warum sollte ich die Aufmerksamkeit anderer auf einen Teil meines Körpers lenken, den ich selbst absolut ungeil finde?
Gedanken dieser Art gingen mir vor allem als Teenager in den 90er Jahren oft durch den Kopf, denn wenigstens in der nordrhein-westfälischen Provinz, der ich entstamme, waren Freundschaftsringe damals DAS Ding. ALLE Kids mit Boy- oder Girlfriend trugen sie, nur ich nicht. Dann aber erfuhr ich, dass Pamela Anderson sich den Namen ihres Neu-Gatten Tommy Lee auf den Ringfinger hatte tätowieren lassen – während er ihren Namen auf seinem Penis tätowiert trug. So erzählt es die Legende. Wow! Liebe! Commitment! Und das ganz ohne Ringe an wurstigen Knibbelfingern!
Seit damals liebe ich nicht nur Pamela Anderson und Tommy Lee, sondern vor allem die Idee von Partnertattoos. Nicht mehr nur zu Verlobungszwecken, sondern um damit zu zeigen, dass man mit einem anderen Menschen etwas teilt. Das kann eine Freundschaft sein, die seit Jahr und Tag besteht und die sämtliche Hindernisse überwunden hat. Vielleicht hat man einen besonderen Moment geteilt, an den die Tätowierung bis ans Ende aller Tage erinnern soll. Wer weiß, möglicherweise lasst ihr euch ein tiefgründiges Song-Zitat stechen, von »How much is the fish« bis »Heaven knows I’m miserable now« ist alles drin. Oder den Namen des Clubs, in dem ihr euch getroffen habt. Oder doch ein Bild, das euch viel bedeutet: Bierflaschen, Burritos, »Der Schrei« von Munch als minimalistisches Scribble. Eventuell wird es sogar ein Tattoo, von dem jeder von euch einen Teil trägt und das nur vollständig ist, wenn ihr gemeinsam abhängt.
Vielleicht geht es aber auch gar nicht um tiefe Beziehungen. Vielleicht teilt man schlichtweg den Hang zu Quatsch und Kamikaze-Aktionen. So geht es mir immer wieder. Im letzten Sommer traf ich dank Tinder diesen schönen Kanadier, den es zwecks Abenteuerurlaub nach Berlin verschlagen hatte. Wir verbrachten drei Tage wie im Rausch, irgendwo zwischen betrunken, dauer-horny und frisch verknallt. Ich zeigte ihm meinen Kiez, meine Lieblingsclubs und machte ihn mit den lokalen kulinarischen Spezialitäten vertraut. Und so kam es, dass er nicht nur sein Herz an mich verlor, sondern auch an Bratwurst mit Senf. Am Tag seiner Abreise beschlossen wir, uns ein gemeinsames Tattoo stechen zu lassen – als Erinnerung an die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten. Seit diesem Tag ziert das Bild einer Bratwurst mit Senf mein linkes Handgelenk.
Der Mann ist wieder in Kanada, ich bin immer noch hier, die Sommerromanze ist Geschichte. Mein Bratwurst-Tattoo aber wird mir bleiben.
Manche finden das dumm, sagen: »Aber was machst du denn, wenn es die Liebe oder die Freundschaft nicht mehr gibt? Wenn der Mensch, mit dem dich ein Buddy-Tattoo verbindet, zum Idio­ten wird, dich betrügt oder ihr euch nicht mehr ertragt?«
Dann habe ich trotzdem noch mein Buddy-Tattoo und werde mich daran erfreuen. Denn auch wenn mein Tattookumpel und ich andere Wege gehen, waren wir uns doch für eine kurze Zeit so nah, dass wir uns auf ewig aneinander erinnern wollten. Das ist doch krass und ein Geschenk! Warum sollte ich das bereuen?
Was ich sagen will: Seht Partnertattoos als das an, was sie sind, als Erinnerungen. Als in die Haut gehackte Freundschaftsringe.
Menschen und Momente kommen und gehen, aber so eine Bratwurst auf dem Handgelenk bleibt.

Eure Mimi


Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.

 

Text: Mimi Erhardt
Bilder: Mimikry Berlin

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Stand:17 August 2017 09:57:28/szene/mimi+erhardt+erklaert+warum+freundschaftstattoos+fetzen_177.html