Mimi Ehrhardt über treue Beziehungen zum Tätowierer

23.12.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Marlene Fulde
Mimi Ehrhardt über treue Beziehungen zum Tätowierer
Mimi Ehrhardt über treue Beziehungen zum Tätowierer
Alle Bilder »
In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau.

Mimi Ehrhardt über treue Beziehungen zum Tätowierer


Ich bin eine Verfechterin monogamer Beziehungsmodelle. Zu wissen, da ist jemand, der für mich da ist, ist ein tröstlicher Gedanke. Jemand mit einem ordentlichen Gerät, der mich froh macht und aus meinen müden Klüsen Herzchenaugen zaubert. Jemand, der mir treu ist, ich teile nämlich nicht. Im Gegenzug schenke ich diesem Menschen mich. Und meine Treue. Also fast. 

Denn ich bin eine Betrügerin. Immer wieder lasse ich die Hosen runter und vergnüge mich mit Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe.

Es ist wahr. Ich, Mimi Erhardt, habe mehrere Tätowierer gleichzeitig. Und ja, manchmal fühle ich mich deshalb schlecht. Buhuhu.

Hattet ihr auch schon mal ein schlechtes Gewissen, weil ihr eurem Tätowierer fremdgegangen seid? Ich kann davon ein Lied singen. Dabei rührten meine außerhäusigen Abenteuer nicht daher, dass ich unzufrieden war. Im Gegenteil. Wenn ich einen Tätowierer in mein Herz geschlossen habe und unsere Allianz mit Blut (also meinem) besiegelt wurde, gehören wir zusammen. Aber Beziehungen ändern sich. Irgendwann ist man den Leopardensternen und Herzen pupsenden Bambis einfach entwachsen. Man will mehr, etwas Bedeutsames! Was aber, wenn mein Tattoo-Artist mir genau das nicht geben kann? Weil das romantisch furzende Reh ihn an seine Grenzen bringt? Verdammt, soll ich deshalb meine Bedürfnisse zurückstellen? Nein, Freundchen! Ich werde einen anderen finden, der es mir besorgt und mir das gibt, was ich brauche!

Na gut, ich gestehe: So manche meiner Tätowierbeziehungen sind an meiner Sucht nach neuen Kicks zerbrochen. Manchmal aber laufen sie auch parallel. Der Tätowierer zum Beispiel, der mir Hals, Kehle, Schultern, Hände, Gesicht und Beine verschönert hat, ist meine Langzeit-Zuhack-Liebe. Wir haben schon viel miteinander erlebt, und auch jetzt noch, nach Jahren, bin ich bis in die Fußspitzen in seine Kunst verknallt. Aber es sind oft abendfüllende Projekte, große Flächen, die er mit seinen Bildern füllt. Das braucht Zeit, Kohle, Commitment. Wenn ich dagegen den schnellen Rausch suche, klingel ich bei einer Tätowiererin an, die ich vor eineinhalb Jahren kennenlernte. Von ihr lasse ich mir verquere Gedichte stechen, Zeichnungen, deren Sinn sich nur uns beiden erschließt, manchmal einfach Quatsch. Und im Sommer, ja, da kam noch ein Dritter ins Spiel. Ein Tattookünstler, den ich auf Instagram entdeckt und der mich mit seinen Stick-and-Poke-Tattoos unwissentlich angefixt hatte. Nun trage ich zwei Schriftzüge von ihm auf meinen Rippen durch die Welt.

Ich aber frage mich: Sollte ich mit meinen Tätowierern reden? Ihnen sagen, dass sie nicht die einzigen sind? Tut es ihnen weh, wenn sie auf Instagram sehen, dass es schon wieder einen Neuen in meinem Leben gibt? Ob sie finden, dass die Spuren der anderen ihre Arbeit entwerten?
Vielleicht könnt ihr diese Gedanken nicht nachvollziehen, wenn ihr der Typ Tattoosammler seid, der von Tätowierer zu Tätowierer flattert wie die Hummel von Rhododendron-Busch zu Rhododendron-Busch. Wenn aber der Tätowierer gefühlt zur Familie gehört, man bislang nur mit ihm seine Visionen bequatschte und verwirklichte – findet er es dann nicht daneben, dass ich ihn mit einem anderen »betrüge«?
Ich muss sagen, dass ich mir ähnliche Fragen stelle, wenn ich mir die Spitzen im Urlaub beim ortsansässigen Barbier schneiden lasse und nicht von meiner Stammfriseurin. Tief in mir drin schlägt eben doch ein treues Herz.
Von meinen Tattookünstlern wüsst’ ich übrigens gern: Denkt ihr manchmal an mich, wenn ihr wieder einer anderen Farbe unter die Haut ballert? 

Ein wenig eifersüchtig und zerknirscht,
Eure Mimi 

Mimi Ehrhardt

Zur Person


Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.
  Teilen
Mimi Erhardt und ihre Kippe danach

Mimi Erhardt und ihre Kippe danach

 

In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen…

Kolumne von Mimi Erhardt: »Das Kastenwesen der Tätowierten«

Kolumne von Mimi Erhardt: »Das Kastenwesen der Tätowierten«

 

Ähnlich des indischen Kastenwesens hat auch die Tattooszene ihre Hierarchien und ordnet die Tätowierten nach Trägern von coolen Tattoo und solchen, die…

Mimi Erhardts Kolumne: Über Tattoos und ihre Bedeutung

Mimi Erhardts Kolumne: Über Tattoos und ihre Bedeutung

 

In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen…

10. Tattoomenta Kassel

10. Tattoomenta Kassel

 

Zum ersten großen Jubiläum bewies die Convention in Nordhessen, dass sie ihr Qualitätsversprechen bis heute einlöst. Und dass in der »dokumenta«-Stadt…

Mimi Erhardts Kolumne: Hat das eigentlich wehgetan?

Mimi Erhardts Kolumne: Hat das eigentlich wehgetan?

 

Welche Körperstelle schmerzt beim Tätowiert-werden besonders? Mimi Erhardt gibt nichts auf Prognosen, denn schmerzen tut es immer, wie stark, empfindet…

Mimi Erhardts Kolumne: »Sind Tätowierte besser im Bett«

Mimi Erhardts Kolumne: »Sind Tätowierte besser im Bett«

 

In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen…

Szeneshop-Angebote
Szeneshop-Angebote
Stand:26 February 2018 00:41:33/szene/mimi+ehrhardt+ueber+treue+beziehungen+zum+taetowierer_171121.html