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30.09.2017  |  Text: Oliver Lonien/Jula Reichard  |   Bilder: Jess Yen Tattoo
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Meisterhaftes Frontpiece-Tattoo von Jess Yen


Tätowierer haben naturgemäß einen kritisch-professionellen Blick auf die Arbeiten anderer Tätowierer, deshalb fragen wir Tattookünstler, welches Werk von Kollegen sie im Moment besonders beschäftigt.


»Nach zwanzig Jahren Tätowieren hat man sehr viele Tattoos gesehen, gute und schlechte. Außergewöhnlich gute Tätowierer sind längst keine Ausnahme mehr und dementsprechend verwöhnt sind unsere Augen, dennoch blitzt ab und an in der Flut hervorragender Tattoos eines auf, das einen besonders beeindruckt. So geschehen beim Schauen auf Instagram, als ich über dieses Frontpiece des dämonengestaltigen Windgottes Fu-Jin von Jess Yen stolperte. Der Gesamteindruck des Tattoos catcht einen sofort und trotz relativ gedeckter Farben knallt es ordentlich. Warum ist das so? Dazu müsste man kurz auf die Farbenlehre eingehen: Jessy hat überwiegend mit Komplementärfarben gearbeitet, also Farben, die sich im Farbkreis gegenüberliegen und den maximalen Kontrast erzeugen. Der Fu-Jin als Hauptmotiv hat blaue Haut, die mit Hilfe von Komplementär- und Simultankontrasten in Orange und Rot in den Kleidungselementen und im Hintergrund gepusht wird. Ein Simultankontrast ist, wenn statt der direkten Komplementärfarbe eine Farbe genommen wird, die im Farbkreis nah an der Komplementärfarbe liegt, was ein Vibrieren erzeugt, da das Auge die Farbe in Richtung Komplementärfarbe interpretiert. Weitere komplementäre Kontraste entstehen durch die Verwendung von Lila und Gelb, wodurch zusätzlich noch der Hell-Dunkel-Kontrast hinzukommt. Alle verwendeten Farben ergeben eine harmonische Skala.

Jess Yen tätowiert seit über sechzehn Jahren. Der vielfach preisgekrönte Künstler beherrscht sein Handwerk auf traditionelle Weise (Tebori) wie auch mit der elektrischen Tattoomaschine. In Kalifornien betreibt er zwei Tattoostudios.

Auch der Trick, das Hauptmotiv mit Boldlines zu versehen, während im Hintergrund nur weiche Water- und Greylines oder farbige Linien verwendet wurden, pusht den Oni weiter nach vorn und erzeugt mit der Perspektive zusammen einen lebendigen, dynamischen Gesamteindruck. Auch was die Komposition des Tattoos betrifft wurde alles richtig gemacht und die Einteilung liegt sogar im Goldenen Schnitt. Obwohl viel Farbe verwendet wurde, hat Jessy nicht alles mit Farbe zugeklatscht, sondern unten Wind und oben Elemente in Form buddhistischer Räder als Haut frei gelassen, was einen luftigeren Eindruck entstehen und das Tattoo atmen lässt. Die freien Elemente und die glatte Haut des Oni kontrastieren auch mit dem Muster, die sich wieder gegenseitig pushen. Dass im Mäander-Ornament des Windsacks an den Knotenpunkten jeweils ein Swastika entsteht, halte ich für unproblematisch, noch dazu, wenn man es in diesem Fall im buddhistischen Kontext sieht. Tattoos und Farbgebungen sind natürlich Geschmackssache. Meinen Geschmack in Sachen Style und Harmonie hat Jess Yen getroffen und das Analysieren solcher Arbeiten bringt neben dem Spaß sogar noch einen Lerneffekt!«



 

Oliver Lonien

Mit 23 Jahren wollte Olli Tätowierer werden. Heute blickt er auf eine über zwanzigjährige Karriere und zählt mit Recht zu den deutschen Tattoo-Urgesteinen.
Www.lonien-online.de
IG: olli_lonientattoo

 

Der Tätowierer

Jess Yen tätowiert seit über sechzehn Jahren. Der vielfach preisgekrönte Künstler beherrscht sein Handwerk auf traditionelle Weise (Tebori) wie auch mit der elektrischen Tattoomaschine. In Kalifornien betreibt er zwei Tattoostudios.
www.mytats.com
IG: jessyentattoo

 

Text: Oliver Lonien/Jula Reichard
Bilder: Jess Yen Tattoo

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Ausgabe 11/17 erscheint am 27. Oktober

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Stand:23 October 2017 02:41:53/szene/meisterhaftes+frontpiece-tattoo+von+jess+yen_178.html