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25.08.2017  |  Text: Boris Horn  |   Bilder: Pic Fabrik, Porträtfotos/Tattoo-Close-ups: Julian Kröhl, Anna Hari
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Maurice, Klobürstenmotiv-Träger und Hochzeitsfotograf


So außergewöhnlich wie Maurices Tätowierungen, sind auch die Hochzeitsfotos, die er zusammen mit seiner Verlobten Caro macht. Wir stellen den Fotografen, Musiker, Pop-Akademie Dozenten und Gewinner des »Bratwurst Song Contests« vor.


Jeder hat sie, diese Person, die man bereits kennt, bevor man sie tatsächlich trifft. Eine Person, über die oft erzählt wird, auf Partys oder in der Mittagspause auf der Arbeit. Jemanden, über den es so viele abstruse Geschichten gibt, dass sie immer und immer wieder erzählt werden und das in den verschiedensten Situationen. In meinem Fall war es ein gewisser Maurice aus Worms, der sich Anfang der 2000er, einer Zeit, in der das Tätowieren noch nicht so allgegenwärtig war wie heute, eine fette Klobürste auf den Arm tätowieren ließ. So erzählte man es sich damals bei meinem ehemaligen Arbeitgeber im Aufenthaltsraum. Jahre später hörte ich wieder von ihm, nun wurden die verrücktesten Festival- und Partygeschichten von ihm erzählt und ich konnte das meiste kaum glauben, aber ich dachte: »Wer sich eine Klobürste tätowieren lässt … Vielleicht ist ja doch was dran.« 2013 stand er dann plötzlich vor mir, als wir für meine Band einen neuen Bassisten suchten »Das ist er also«, schoss es mir durch den Kopf. »Und er siehst genau so aus, wie ich es mir vorgestellt habe – und das mit der Klobürste stimmt ja offenbar auch!«

Das zukünftige Pic-Fabrik-Ehepaar

Mittlerweile ist der gelernte Erzieher Maurice 32 Jahre alt und steht kurz davor sein Masterstudium in Kommunikationsdesign abzuschließen. In der Zeit seines Studiums baute er sich parallel auch eine Existenz als Hochzeitsfotograf auf, mit dem Fokus auf außergewöhnliche Paare – ab 2018 übrigens ansässig im schönen Hamburg.

Maurice, wie bist du zum Fotografieren gekommen?
Meine Jugend- und Teenagerzeit war geprägt von Musik: Ich begann mit elf Jahren Gitarrenunterricht zu nehmen, sammelte Platten, besuchte Konzerte und fing schließlich mit 14 an, selbst in Bands zu spielen. Die Leidenschaft zu den Plattencovern, den Schriftzügen und Fotos meiner Lieblings-Metal-Bands brachte mich früh zu einem allgemeinen Interesse für Kunst, Design und Fotografie. So wurde ich schnell in allen Bands, in denen ich spielte, zum Medienbeauftragten und gestaltete wild vor mich hin, entdeckte Photoshop und erlernte den Umgang damit autodidaktisch. Als ich dann 2009 mit meiner Verlobten Carolin zusammenkam, kauften wir uns unsere erste Amateur-Spiegelreflexkamera, um unseren gemeinsamen Hobbys nachzugehen: Fotografieren und fotografiert werden. Das ergab zu zweit eine schöne Wechselwirkung!

Bei Fotoaufträgen ist es Maurice wichtig, einen Draht zu seinen Kunden zu haben. Dass dadurch viel tätowierte Kundschaft auf ihn zukommt, geschieht da ganz von selbst.

Du hast selbst auch einige Tattoos, erzähl uns doch mal davon.
Mit der Musikleidenschaft kam auch bald das Interesse für Körperschmuck und Tattoos. Allerdings hab ich mir mein erstes Tattoo nicht mit 18, sondern mit 21 abgeholt. Vor einer Gurke haben mich die drei Jahre allerdings auch nicht geschützt. Seitdem war ich schon bei vielen Künstlern aus der Mannheimer Umgebung: Christian Weber (Tragic Kingdom), Clemens Hahn (Electric Circus), Tascha (Moustache Ink), Alexander Daglioglu (Stechmalerei), Nadine Awayes, Sandy Kempkens (Moustache Ink). Seitdem man im Internet ständig tolle neue Leute entdeckt, reise ich auch immer wieder gerne im Zeichen der Nadel und hab Stopps bei Uptown Danny (Vienna Electric Tattoo), Doro (Immer und Ewig Tattoo) und Castor Raubadler (Sorry Mom Tattoo) hingelegt. Last but not least: Mein Stammtätowierer ist »Klemens der Dritte« aus dem idyllischen Saalfeld in Thüringen. Da stehen auch noch ein paar Besuche an: Vor allem ein Kleemännchen muss noch in meine Sammlung!

Siehst du eine Verbindung zwischen Fotografieren und Tätowieren?
Auf jeden Fall! Ich sehe beides als eine Dienstleistung mit künstlerischem Aspekt, die von Zwischenmenschlichkeit beeinflusst wird. Das hört sich jetzt hochtrabend an, aber ich versuche es zu erläutern. Jede der Tätigkeiten hat drei Teile, die sich gegenseitig beeinflussen: die Vorbereitung, der Akt und das Ergebnis. Die Vorbereitung beginnt bei der Auswahl des Fotografen respektive Tätowierers und reicht bis zum ersten Kontakt. Nicht jeder Kunde passt zu jedem Künstler oder Dienstleister, denn nicht jeder ist auf derselben Wellenlänge und hat das gleiche ästhetische Verständnis. Wenn also diese Voraussetzung nicht stimmt, kann weder Vertrauen aufgebaut werden noch ein zufriedenstellendes Ergebnis entstehen. Der Akt, sprich das Stechen des Tattoos beziehungsweise das Foto-shooting, ist eine sehr intime Situation, bei der beide Parteien über einen längeren Zeitraum in engem Kontakt sind. Das erfordert von Seiten des Künstlers/Dienstleisters nicht nur technische und künstlerische Fähigkeiten, sondern darüber hinaus eine Menge Empathie und Social Skills. All diese Faktoren wirken sich auf das Endergebnis und das Gefühl des Kunden aus.
Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Medien ist der Faktor Zeit: Zu einem gewissen Zeitpunkt wird etwas geschaffen, was für immer bleibt. Ein Tattoo oder eine Fotografie wird mit der Zeit an Wert gewinnen und Leuten in der Zukunft einen Eindruck der Vergangenheit geben. Das finde ich essenziell!

Leute, die ein bisschen anders aussehen, wollen auch Hochzeitsfotos, die ein bisschen anders sind.

Hast du ein Tattoo, das das Fotografieren »auffängt«?
Wenn man davon ausgeht, dass jedes Tattoo zu meinem Körper gehört und ich mit demselbigen fotografier, ja. Dann hängt jedes Tattoo mit der Fotografie zusammen und bedingt sie auch. Jede Tätowierung beeinflusst mehr oder weniger meine Umwelt und die Reaktion, wie Leute auf mich zugehen oder vor meiner Kamera stehen. Es ist ja am Ende ein 360-Grad-Gesamtpaket!

Du hast dich hauptsächlich auf Hochzeitsbilder spezialisiert, wie kam es dazu?
Nachdem Caro und ich uns die erste Kamera zulegten, kam relativ bald eins zum anderen: Schnell fragten Bands aus dem Freundeskreis an, ob wir nicht mal ein paar Promo-Fotos schießen wollen. In einer der Bands gab es ein Paar, bei denen wir dann 2013 unser Hochzeitsdebüt gaben. Was danach passierte war eine Art schleichender Prozess: Caro trieb sich immer mehr auf diversen, internationalen Hochzeitsblogs wie »Rock ’n’ Roll Bride« ’rum, die alternative Ganztagesreportagen zeigten, wie sie jetzt auch in Deutschland angekommen sind. Diese saugten wir auf und wurden parallel immer wieder von Freunden gebucht. Durch dieses »Learning by Doing« haben wir in den letzten vier Jahren unseren Bildstil entwickelt. Wir lieben die Kombination aus drei Faktoren: das fotografische Einfangen von echten Gefühlen und Momenten unmittelbar im Geschehen, die Porträtsession mit dem Brautpaar und die Idee, dass die Bilder nachwirken. Der Wert der Bilder für das Brautpaar, die Familie und die Nachfahren ist riesig – in zwanzig Jahren noch mehr als heute. Deshalb sind wir immer wieder aufs Neue glücklich, wenn die Paare uns das nötige Vertrauen schenken.

Das Tätowiererpaar Scarletti Vendetti und Klemens der Dritte aus dem »Dritten Loch« in Saalfeld, zählt zum engeren Freundeskreis von Caro und Maurice.

Bei den Paaren vor der Linse ist sehr auffällig, dass sie oft Tattoos tragen oder auch einfach außergewöhnliche Typen sind. Wie kam das, sucht ihr euch eure Kunden ein Stück weit aus?
Es ist eine Mischung. Bei vielen freien Shootings suchen wir uns Leute, die wir faszinierend finden, die uns inspirieren oder deren Gefühle zueinander außergewöhnlich sind. Oft sind es auch Leute aus dem engeren und weiteren Freundeskreis, die logischerweise eine ähnliche Denke und einen ähnlichen Geschmack haben wie wir. Das ist sehr dankbar, weil man schnell auf einer Wellenlänge ist und an die Menschen herankommt. Durch unseren visuellen Auftritt und unsere Kommunikation positionieren wir uns gezielt so, dass uns auch tendenziell Leute anfragen, die zu uns passen. Ob diese Leute nun Tattoos haben oder nicht, spielt in dem Moment keine Rolle, solange sie ein offenes und tolerantes Weltbild vertreten und uns und unsere Art zu fotografieren mögen.

Musik ist für dich ein großes Thema. Was hast du denn bisher gemacht und was war dein Höhepunkt hierbei?
Seitdem ich denken kann, war ich von Musik umgeben. Mit sechs Jahren habe ich Michael Jackson vor unserer Spiegelwand im Keller imitiert, mit elf Black Sabbaths »Paranoid« auf der Hochzeit meiner Mutter gezockt und mit 25 gefeiert, wie es in Mötley Crües Biographie »The Dirt« beschrieben wird. Als Musiker gab’s da verschiedene Stationen: Mr Virgin and his Love Army, Supernova Plasmajets, die Mannheimer Kultband Monoment und die Turbonegro-Tribute-Band The Cobra Dudes. Wenn ich mich entscheiden müsste, für den wichtigste Moment in meiner Laufbahn, dann ist es der Auftritt auf dem Highfield Festival mit der Love Army, wo ich nach dem Gig auf dem Festivalgelände Caro kennenlernte.

Maurice mit seinem trashigen Bandprojekt »Monoment« live in der Popakademie Mannheim

Du warst auch Dozent an der Popakademie in Mannheim, richtig?
Diese Information ist zu 99 Prozent richtig: Ich war zusammen mit meinem Kommilitonen Stefan Apfel Gastdozent zum Thema »Marketing und visuelle Kommunikation für Bands«. Mit unserer im Studium gegründeten Band Monoment haben wir in den vier Jahren zahlreiche Musikvideos produziert, haben ein Album aufgenommen, eine Tour gespielt und einen der wichtigsten Nachwuchscontests Deutschlands gewonnen: Den »Bratwurst Song Contest« im thüringischen Holzhausen mit dem Gewinnersong »Wurst is my Religion«. Das war vor meiner Zeit als Vegetarier. Diese Vielzahl an mehr oder weniger wichtigen Ereignissen war für unsere Professoren V. Götz und J. C. Hamilius Grund genug, um uns für mehrere Gastvorträge und Auftritte im Zweitsemester-Kurs der Popakademie zu vermitteln.


Kontakt
Pic Fabrik
www.pic-fabrik.com
info@pic-fabrik.com
DackelDame Holly:
IG: holly_minidoxie

 

Text: Boris Horn
Bilder: Pic Fabrik, Porträtfotos/Tattoo-Close-ups: Julian Kröhl, Anna Hari

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Ausgabe 10/17 erscheint am 29. September

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Stand:19 September 2017 20:51:12/szene/maurice+klobuerstenmotiv-traeger+und+hochzeitsfotograf_178.html