Kolumne von Mimi Erhardt: »Das Kastenwesen der Tätowierten«

27.01.2017  |  Text: Mimi Erhard  |   Bilder: Marlene Fulde
Kolumne von Mimi Erhardt: »Das Kastenwesen der Tätowierten«
Kolumne von Mimi Erhardt: »Das Kastenwesen der Tätowierten«
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Ähnlich des indischen Kastenwesens hat auch die Tattooszene ihre Hierarchien und ordnet die Tätowierten nach Trägern von coolen Tattoo und solchen, die Tattoos tragen, die so gar nicht gehen.
Hey, streitet euch nicht! Niemand ist besser als der andere, wir sind alle gleich«, lautete ein deeskalierender Kommentar, den ich just im Rahmen einer Facebook-Diskussion las. Um was es bei der Diskussion genau ging, habe ich vergessen. Der Kommentar aber blieb mir im Gedächtnis. Nicht, weil ich ihn so wahr fand, sondern weil ich dachte: »Was für eine Kacke. Geh mal Blumenkränze flechten, du Hippie.«
Wir sind beileibe nicht alle gleich. Manchmal kommt es mir so vor, als lebten wir in einer Art Kastenwesen, einer Hierarchie der Zugetackerten. Wir kennen das Prinzip aus Indien. Dort gibt es vier Kasten oder Klassen. Diese dürfen auf einem Mob namens Paria herumtrampeln, auch die »Unberührbaren« genannt, die Pickel am Arsch des Kastensystems. Etwas weiter oben stehen die Shudras, einst Tagelöhner und Handwerker. Es folgen auf Platz drei die Vaishyas, die ursprünglich Kaufleute und Landwirte waren. Silber geht an die Kshatriyas, ehemals Fürsten und Krieger. Auf Platz eins tanzen Brahmanen, Priester und Intellektuelle.
Die Unberührbaren der Tattooszene sind wider Erwarten nicht die Untätowierten. Nein. Die Unberührbaren der Tätowiergesellschaft sind die, die ihre Tätowierungen so sehr bereuen, dass sie sie weglasern lassen. Das ist sündhaft und in unseren, den Augen der oberen Stände, nicht akzeptabel. Dann lass halt endlich die Cropped Tops im Schrank, Girl, wenn du deinen tribalumrankten Bauchnabel nicht mehr herzeigen magst. Ziehst du den Laser einer gesunden Attitude und altersgemäßen Garderobe vor, hast du verkackt. Mach es dir gemütlich in der Gosse von Tattoo City, da kommst du nie wieder raus.
Auf Platz vier stehen all die, die sich seit 2013 tätowieren lassen, die Anhänger der Tätowiermoderne. Mandalas, Graphisches, Geometrisches, Wasserfarbentattoos. Wir, die Kastenpriester, können das nur belächeln. Die einzige Entschuldigung für Angehörige dieser Kaste: Ihr seid noch jung. Werdet erstmal so alt, wie ich mich fühle, vielleicht kommt dann die Einsicht, dass das alles nur ein blutleerer Hype ist. Wir waren damals ganz anders, unsere Schwalben, Anker und Hello Kittys kamen straight from the heart.
Platz drei geht an alle, deren Tattoos so aussehen, als wären sie in einer Folge von »Berlin Tag und Nacht« gestochen worden. Oder auf Koks im Keller deiner Dorfdisco. Martialische Lettering-Kawenzmänner, körperbetonende Tribals, Unendlichkeits-Achten, schlechte Porträts deiner acht unehelichen Kinder. Ja, du bist das Marzahn der Tätowierfamilie.
Kommen wir zur zweiten Klasse. Angehörige dieses Standes haben meist nur wenige Tätowierungen, dafür sind die sehr durchdacht. Wenn dein linker Arm und dein rechtes Bein durch das motivierte Blackwork aussehen wie seit drei Jahren abgestorben, ist dies hier dein Platz. Ein Partner-Backpiece mit deinem Bruder, gestochen von Little Swastika auf ansonsten reiner Haut? Zieht sich eine von Chaim Machlev gestochene, schwarze Linie von deinem Kopf bis zu den Fußsohlen? Konsequent und hart einen an der Geek-Waffel: Willkommen, ihr Fürsten und Krieger unserer bunt bemalten Welt.
Endlich sind wir dran, wir, die Brahmanen des Tattookastenwesens. Uns zeichnet vor allem eines aus: Wir haben uns vor der Jahrtausendwende zum ersten Mal tätowieren lassen. Deshalb können wir uns auch alles erlauben, denn wir sind die Altvorderen, die Hohepriester. Wir sagen dir, was Scheiße und was schön ist, stehen über den anderen, ja, auch über dir. Wir haben die besseren, da alteingesessenen Tattoo-Artists, winseln beim Tätowiertwerden nicht rum, vor allem aber: Unsere Tätowierungen sind authentisch, true. Die haben eine Bedeutung, nicht so wie deine Besoffski-Gurke, die Lyrics deines Lieblingssongs oder dieses Dreieck auf deinem Handgelenk. Und jetzt knie nieder und küss mein Arschgeweih, ich hab ja nicht den ganzen Tag Zeit.

Mimi (heute ganz kastig)


Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.


 
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