Körperkonzepte

25.09.2015  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM-Archiv, Travelingmic
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Körperkonzepte
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Tätowierungen trägt man auf dem Körper – ist ja klar. Wie aber Tattoos und menschliche Anatomie zusammenwirken können, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Unterschiedliche Stilrichtungen haben ihre eigenen Vorstellungen, wie Tattoos am vorteilhaftesten auf dem Körper wirken.
Klassische japanische Tätowierungen sind stets symmetrisch angelegt. Tattoo von Yozin Irezumi, Ome, Tokyo.

 
Die sehr dynamischen Tätowierungen von Chaim Machlev aus Berlin folgen den Körperkonturen, allerdings ergibt sich der Zusammenhang zwischen Design, Muskeln und Gelenken erst auf den zweiten Blick.Die traditionellen Tätowiermuster Samoas sind sehr körperbezogen und sitzen »wie auf den Leib geschneidert«. Pe'a von Kasala Sanele Tatau aus Australien. Abb. links: Die traditionellen Tätowiermuster Samoas sind sehr körperbezogen und sitzen »wie auf den Leib geschneidert«. Pe'a von Kasala Sanele Tatau aus Australien.  Abb rechts: Auch die sehr dynamischen Tätowierungen von Chaim Machlev aus Berlin folgen den Körperkonturen, allerdings ergibt sich der Zusammenhang zwischen Design, Muskeln und Gelenken erst auf den zweiten Blick.

Während bei Kunstgattungen wie Malerei oder Bildhauerei das Mediutm, auf oder mit dem das Kunstwerk entsteht, zwar nicht beliebig, aber in den meisten Fällen zweitrangig ist, ist bei Tätowierungen gerade das Gegenteil der Fall. Ob ein Gemälde auf Leinwand, Papier, auf einer Wand oder auf Holz entsteht, ist natürlich nicht vollkommen egal, und eine Skulptur aus Marmor ist freilich etwas anderes als die gleiche Form in Sandstein oder Keramik. Dennoch ist in diesen Kunstgattungen das Material eher Mittel zum Zweck.

Tätowierungen: Körperverbundene Kunst

Bei Tattoos verhält es sich anders: Das Medium, auf dem der Tätowierer arbeitet, ist immer der menschliche Körper und es geht vorrangig darum, diesen mittels Tätowierungen zu schmücken. Vor allem bei den klassischen und traditionellen Tattoostilen lässt sich sehr genau erkennen, wie Tattoomotive und Designs sich dem Körper und seinen Formen anpassen. Sie sind im wörtlichen Sinne »auf den Leib geschneidert«. Besonders deutlich wird das bei polynesischen Designs, die in besonderer Weise Körperformen nachzeichnen und hervorheben. Gelenke, Rundungen und besonders Muskelpartien werden von den schwarzen Mustern zusätzlich betont und erscheinen noch plastischer und wuchtiger, weswegen Tätowierungen dieser Art inzwischen sehr oft bei Kraftsportlern zu sehen sind; sie verleihen den mühsam mit Hanteln aufgebauten Muskelpaketen noch einen willkommenen optischen Bonus.

Die Erfindung einer traditionellen Tätowierkunst

Klassische japanische Tätowierungen sind stets symmetrisch angelegt. Tattoo von Yozin Irezumi, Ome, Tokyo.In der japanischen Tätowierkunst wird im Gegensatz zur traditionell-europäischen Tätowierung die Brust in zwei Flächen aufgeteilt, auf die zwei separate Motive gestochen werden.  Abb. links: In der japanischen Tätowierkunst wird im Gegensatz zur traditionell-europäischen Tätowierung die Brust in zwei Flächen aufgeteilt, auf die zwei separate Motive gestochen werden.  Abb. rechts: Klassische japanische Tätowierungen sind stets symmetrisch angelegt. Tattoo von Yozin Irezumi, Ome, Tokyo.

Ebenso körperverbunden wie körperbetonend ist die japanische Tätowierkunst, die sich vor knapp 200 Jahren vor allem in den japanischen Großstädten Edo (das heutige Tokyo) und Osaka entwickelte. Unter den zahlreichen klassischen Tattootraditionen der Welt nimmt die japanische Ausprägung des Tätowierens insoweit eine Sonderstellung ein, als dass sie sich nicht über Generationen hinweg entwickelte, sondern innerhalb weniger Jahrzehnte »erfunden« wurde. Als Vorlage der Tattoomode des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts diente ein aus dem Chinesischen übersetzter Roman, der von 108 Rebellen erzählt. Vier der Helden dieser Geschichte werden im chinesischen Originaltext mit Tätowierungen beschrieben und viele japanische »Fans« dieser Geschichte identifizierten sich so stark mit den Romanhelden, dass sie sich ebenfalls solche Tätowierungen stechen ließen. Doch da die Tattoos in der Geschichte nicht sehr ausführlich und detailliert beschrieben wurden, hatte man bei der Ausgestaltung praktisch völlig freie Hand. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich eine Art von Tattoos, die prototypisch für den »tattooed body suit« steht, den tätowierten Ganzkörperanzug, der den Körper wie ein eng anliegendes Kleidungsstück schmückt. Bei der Herausbildung der typischen Form der japanischen Tätowierung erschien es den Kunden, Tätowierern und den Künstlern, die die Vorlagen dazu entwarfen, wohl als logisch und völlig natürlich, dass sich eine Tätowierung, ausgehend von einem zentralen Rückenmotiv in unterschiedlicher Ausdehnung bis über Brust oder über die Arme, über die komplette Vorderfront oder gar über die Beine, wahlweise bis zu den Knien oder bis zu den Fußgelenken erstrecken musste, und zwar in symmetrischer Weise. Das ist insofern interessant, als diese streng symmetrische Positionierung in der Romanvorlage nirgends erwähnt wird; sie ist also eine japanische Erfindung, die den Tattoopionieren zu Beginn des 19. Jahrhunderts stimmig erschien.

Die Brust-Frage: ein Bild oder zwei?

In der japanischen wie auch in der westlichen Tätowierkunst wird der Rücken als Fläche für ein großes Motiv verwendet und nicht weiter aufgeteilt. Tattoo von Hata, Inkrat Tattoo aus Tokyo.In der westlich-traditionellen Tätowierkunst wird in der Regel ein großes, symmetrisches Motiv über die gesamte Brust platziert. Tattoo von Dano vom Studio Black Cat Tattoo in der Schweiz.Abb. links: In der westlich-traditionellen Tätowierkunst wird in der Regel ein großes, symmetrisches Motiv über die gesamte Brust platziert. Tattoo von Dano vom Studio Black Cat Tattoo in der Schweiz. Abb. rechts: In der japanischen wie auch in der westlichen Tätowierkunst wird der Rücken als Fläche für ein großes Motiv verwendet und nicht weiter aufgeteilt. Tattoo von Hata, Inkrat Tattoo aus Tokyo.

Ein gewisses Körperkonzept war auch bei traditionell westlichen Tätowierungen gegeben, wenn auch nicht so ausgereift und weit entwickelt wie bei den Tattookulturen vieler indigener Völker oder der japanischen Tätowierkunst. Der Rücken war auch in Europa und in den USA für ein großes Motiv vorgesehen, klassischerweise trug man je ein Motiv auf dem Oberarm und eines auf dem Unterarm, wobei sich für den Unterarm längliche Designs wie Dolche, Schlangen, Hula-Mädchen oder lang gestreckte Panther anboten, und am Oberarm kompaktere Motive wie Bulldogen oder Schädel Platz fanden. Vor allem in Großbritannien ist diese Art von Tätowierungen noch häufig bei ehemaligen Soldaten und Matrosen zu sehen. Diese Anordnung der Motive nach gedrungener oder gestreckter Form war nicht zwingend, aber deutete zumindest ansatzweise eine Wechselwirkung von Körperstelle und Tattoodesign an, wenn auch lange nicht in der Art, in der bei anderen Tattoostilen sogar Muskeln oder Gelenke in die Konzeption der Designs mit einfließen.
Interessant ist die Aufteilung der Brust in verschiedenen Kulturkreisen: Im Westen galt die Brust im traditionellen Tattoostil als eine querformatige Fläche, auf der man mehr oder weniger symmetrische Motive wie Segelschiffe mit daneben aufgefächerten Flaggen oder auch Adler mit ausgebreiteten Flügeln tätowierte; es galt (bis zur Entstehung des so genannten »Arschgeweihs« Ende der 90er Jahre) interessanterweise als einzige Körperstelle, an der ein querformatiges Bild passend erschien, während sich alle anderen Körperstellen wie Rücken, Arme und Beine für eher hochformatige Motive anboten. In der klassischen japanischen Tätowierkunst wird die Brust dagegen ganz klar aufgeteilt in zwei separate Motive auf rechter und linker Brustseite. Diese japanische Aufteilung floss in den 80er Jahren in die westliche Tattookultur ein und die Idee der zwei eher rundlich angelegten Brustmotive verdrängte lange Zeit die traditionell-westliche Auffassung vom querformatigen Brusttattoo, bevor diese sich erst innerhalb der letzten Jahre im Zuge der Rückbesinnung auf den klassisch-westlichen Tätowierstil wieder etablierte.

Kann ein Tattoo Körperformen ignorieren?

Der Künstler Little Swastika überwindet mit seinen auf mehreren Körpern angelegten Designs die Vorstellung davon, dass ein Tattoo auf einen Körper beschränkt sein muss.Volker und Simone vom Buena Vista Tattoo Club aus Würzburg inoriert mit diesem Tattookonzept vordergründig die Topographie des Körpers – andererseits hat es mit dem Wort »Sex« und dem überdeutlichen Pfeil in Richtung der Genitalien einen unübersehbaren Körperbezug.Abb. links: Volker und Simone vom Buena Vista Tattoo Club aus Würzburg inorieren mit diesem Tattookonzept vordergründig die Topographie des Körpers – andererseits hat es mit dem Wort »Sex« und dem überdeutlichen Pfeil in Richtung der Genitalien einen unübersehbaren Körperbezug. Abb. rechts: Der Künstler Little Swastika überwindet mit seinen auf mehreren Körpern angelegten Designs die Vorstellung davon, dass ein Tattoo auf einen Körper beschränkt sein muss. Doch auch er ignoriert dabei den Körper nicht, sondern weist ihm insofern eine neue Rolle in der Wahrnehmung einer Tätowierung zu, dass mehrere Körper zusammenkommen müssen, um eine Einheit zu bilden, die das Tattoo sichtbar macht.

Seit einiger Zeit kann man vor allem in der westlichen Tätowierung einen Trend erkennen, der die Bindung zwischen Körperform und Tattoodesign infrage stellt und oft in drastischer Weise missachtet. Bildmotive werden dabei dezentral platziert, große Körperflächen werden oft nur von kleinen Bildelementen oder Ausläufern des Hauptmotivs besetzt, pfeilgerade Striche scheinen Rundungen des Körpers oder der Gelenke völlig zu ignorieren. Bei anderen Konzepten erstreckt sich ein Motiv über mehrere Personen, womit die oft geradezu als axiomatisch geltende Einheit von Tattoo und Individuum in Frage gestellt wird. Aber natürlich blenden auch diese neuen Tattookonzepte, die man vor allem im Bereich der Kunsttätowierungen findet, Körperform und Struktur nur vordergründig aus; denn wer ein Tattoo mit Absicht gegen den harmonischen Verlauf von Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenken anlegt, muss ja zunächst erkennen, dass es eine solche natürliche Struktur überhaupt gibt. Denn wenn man das organische Konzept des Körpers nicht erkennt, kann man kein Gegenkonzept dazu entwickeln.

Harmonie und Spannung in Wechselwirkung

Letzten Endes »funktionieren« diese Tätowierungen, die den Körper komplett zu ignorieren scheinen, nur auf diesem, denn die Wirkung der Designs entfaltet sich erst dann, wenn sie auf einem Untergrund angebracht sind, zu dem sie eine Spannung und eine Gegensätzlichkeit aufbauen können; auf einer planen, weißen Fläche würde ein Realistic-Trash-Polka-Design immer noch interessant, aber nie so energiegeladen wirken wie auf einem menschlichen Körper. Einen Sonderweg geht der Berliner Tätowierkünstler Chaim Machlev mit seinen Kreationen, die organisch wirken, aber nicht mit den offenkundig erkennbaren Linien des Körpers fließen. Obwohl sie nicht sklavisch den konvexen und konkaven Strukturen der Anatomie folgen, scheinen sie dennoch mit diesen auf einem Level zu harmonieren, das erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.
Unabhängig davon, welchen Weg man innerhalb der stilistischen Vielfalt unterschiedlichster Tattookonzepte gehen will, führt auch bei den Ausprägungen, die die Körperform zu negieren scheinen, nichts daran vorbei, dass sie diese zwingend voraussetzen; denn ohne den menschlichen Körper wären Tattoos nicht mehr als Bildchen …

 
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Stand:24 November 2017 15:51:25/szene/koerperkonzepte_159.html