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29.09.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Diverse
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Keine Porno-Tattoos, sondern Shunga!


Tattoos mit sexuellen Anspielungen sind keine Erfindung unserer mehr oder weniger aufgeklärten Gesellschaft. Schon vor über dreihundert Jahren haben die japanischen Farbholzdruckkünstler des Ukiyo-e mit den sogenannten Shunga das Liebesleben der Menschen dargestellt. Tätowierer nutzen diese heute vermehrt als Vorlagen oder lassen sich von ihnen inspirieren. In einem großen Special nähern wir uns einer spannenden japanischen Kunstform und sprechen mit Tätowierern, die Shunga unter die Haut bringen.


Tätowiermotive mit erotischen Darstellungen sieht man in japanischen Bodysuits hin und wieder, an diskreten Körperstellen wie unter den Achseln oder an den Innenseiten der Oberschenkel platziert. »Explizit« ist im Zusammenhang mit diesen erotischen Bildern der am häufigsten verwendete Ausdruck. Gemeint sind Abbildungen, auf denen frei von jeder Prüderie die Sexualität zwischen zwei Menschen abgebildet ist. Diese erotischen Tätowierungen haben ihren Ursprung in den Shunga, einem Sujet der Farbholzdrucke des Ukiyo-e.

(Ukiyo-e: »Bilder der fließenden Welt«. Gemälde und illustrierte Bücher, Farb- und Holzdrucke, die das Leben des aufstrebenden Bürgertums (Kaufleute, Handwerker und Dienstleister) in den großen Städten während der Edo-Zeit (1603 bis 1868) widerspiegeln.)  

»The night parade of one hundred demons« ist in der japanischen Kunstgeschichte ein populäres Thema, das unter der Bezeichnung »hyakki yagyō« bekannt ist. Es zeigt eine nächtliche Parade von durch die Straße ziehenden Yokai, Oni und anderen übernatürlicher Wesen.

Kein anderes Thema der japanischen Holzdruckkunst während der Tokugawa-Zeit, auch Edo-Zeit genannt (1603 bis 1868), überrascht mehr, als die sogenannten Shunga, auf deutsch »Frühlingsbilder«: Erotische Darstellungen von sich Liebenden, die so eindeutig sind, dass man kaum glauben mag, dass diese nicht nur in einer unglaublichen Zahl hergestellt wurden, sondern auch über viele Jahrzehnte frei käuflich zu erwerben waren. Zumindest in Japan. In Europa kursierten damals auch erotische Bildchen, von einem offenen aufgeklärten Umgang damit konnte jedoch nicht die Rede sein. Sicherlich wäre auch vor dreihundert Jahren in Deutschland keine Tante auf die Idee gekommen, einem jungen Brautpaar ein Set mit erotischen Bildern auf das Kopfkissen zu legen. In Japan soll dies hingegen üblich gewesen sein. Ob zur Sexualerziehung, zur  Inspiration oder beides, so eindeutig ist das nicht geklärt. 

Als Hintergrund für den in europäischen Augen so offenen Umgang mit dem Liebesleben wird der Shintoismus angesehen, der neben dem Zen-Buddhismus das religiöse Leben in Japan dominiert, und in dem Sexualität nicht mit Schuld und Sünde behaftet ist wie in der christlich-jüdischen Religion, sondern als etwas Natürliches und Positives angesehen wurde. 

Der Urheber dieses Shunga-Farbholzdruckes ist nicht bekannt. Einige Quellen ordnen die Darstellung einer jungen Dame, die vom Sex mit einem Mann träumt, dem Künstler Suzuki Harunobu (1725–1770) zu, das British Museum hingegen Ippitsusai Buncho(circa 1765–1792).

Japanische Erotik-Kunst - etwas völlig Normales

Bis ins frühe 18. Jahrhundert gab es für die Shunga einen riesigen Markt, mehrere Bilder wurden in Form von Rollen, Alben und Büchern zusammengefasst. Erst mit den um 1722 erlassenen Mäßigungsgesetzen hat sich die Einstellung gegenüber den Shunga allmählich geändert. Ihr tatsächliches Verbot kam mit der Modernisierung Japans und der Öffnung gegenüber dem Westen. 1907 und 1910 wurden die Obszönitätsgesetzte verabschiedet und die Produktion und der Vertrieb von Shunga letztendlich verboten. Nicht, dass die Japaner die Bilder selbst als obszön oder verachtungswürdig ansahen, aber mit der wirtschaftlichen Öffnung wollten sie bei ihren westlichen Geschäftspartnern, die den ungezwungenen Umgang der Japaner mit Nacktheit und Sexualität als anstößig und rückständig ansahen, als seriös angesehen werden. Seit dieser Gesetzgebung ist die Darstellung männlicher und weiblicher Geschlechtsteile in Japan übrigens bis heute verboten, wird aber seit 1986 nicht mehr strafrechtlich geahndet.

Dass Shunga heute in Japan ein Tabuthema sind, zeigen die Schwierigkeiten des British Museum in London, das seine Shunga-Ausstellung »Sex and Pleasure in Japanese Art« im Jahr 2015 auch in Japan zeigen wollte. Zehn Museen lehnten es ab, die erotischen Bilder von Künstlern wie Hokusai, Utamaro, Kiyonaga oder Kunisada zu zeigen. Das Eisei-Bunko-Museum nahm die Ausstellung an, beschränkte den Zutritt aber auf Personen über 18 Jahre. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die Ausstellung ein riesiger Erfolg wurde – während der dreimonatigen Ausstellungsdauer kamen über 200 000 Besucher.

»The night parade of the hundred demons« in der sexualisierten Version von Kunisada oder Kuniyoshi lieferte für die Tätowierung die Inspiration. Tattoo von Daniel Miranda, Mad Needle Tattoo (Torres Novas, PT).

Was ist das Besondere an diesen Bildern, die nach wie vor als pornografisch stigmatisiert werden? Innerhalb des Ukiyo-e Farbholzschnitts waren Shunga bei den Künstlern ein eigenständiges Sujet, es war ein Teil ihrer Arbeit neben der Herstellung von beispielsweise Helden- und Kabuki-Bildern oder der Abbildung städtischen Lebens und sie wurden mit der gleichen Sorgfalt und dem gleichen ästhetischen Anspruch hergestellt. 

Die Darstellungsweise der Menschen in den Shunga ist insofern auffällig, dass sie den Blick auf die Geschlechtsteile fokussiert, denn nur diese und die Gesichter der abgebildeten Paare sind nicht von Kleidern verhüllt. Nacktheit als solches wurde anscheinend nicht als erotisch wahrgenommen. Grund dafür sei der prinzipiell offenen Umgang mit Körperlichkeit gewesen. Der Besuch der Badehäuser war beispielsweise nicht nach Geschlechtern getrennt.

Kein anderer Farbholzdruck wird so häufig als Vorlage für Tattoos umgesetzt wie »Tako To Ama« von Katsushika Hokusai (1760–1848).  Das Original zeigt die Perlentaucherin Ama, die von zwei Oktopussen verführt wird. Die Darstellung von Sex mit Tieren ist jedoch sehr untypisch für Shunga. Tattoo von Craig Secrist, Heart of Gold Tattoo, Salt Lake City (US)

Der Kleidung hingegen wurde umso mehr Aufmerksamkeit geschenkt: Elegante Faltenwürfe und bis ins Detail ausgearbeitete Stoffmuster verleihen den Bildern eine besondere Schönheit und sind auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die einander Liebenden so eindeutig dargestellt werden können, ohne dass die eingenommene Körperhaltung grotesk wirkt.

»Tako To Ama« von Alex Rusty, Lighthouse Tattoo, Sydney (AU).

Denn die Positionen, in denen die Menschen während des Geschlechtsaktes dargestellt sind, widersprechen jeder visuellen Logik. Die gewünschte, eindeutige Darstellung wäre ästhetisch nicht möglich, wenn der Künstler nur einen Blickwinkel gewählt hätte. So viele Stellungen beim Geschlechtsverkehr existieren nun mal nicht, bei denen beide Geschlechtsteile zu sehen sind. Ohne des Außer-Acht-Lassens des real Möglichen wäre die Eindeutigkeit der Abbildungen in all ihren Variationen nicht umsetzbar gewesen. In der überwiegenden Zahl der Bilder ist das Schäferstündchen zwischen Mann und Frau dargestellt, aber auch das Liebesspiel zwischen Frauen beziehungsweise zwischen Männern waren kein Tabu.

Im engeren Sinne handelt es sich bei diesen Tätowierungen nicht um Shunga, wahrscheinlich sind sie aber stark von Shunga inspiriert. Ein Grund dafür dürfte die Fokussierung auf die stark vergrößerten Geschlechtsteile der japanischen Farbholzschnitte sein. Tattoo von Snüden, Monkey Business (Forchheim).

Detailverliebt bei Penis und Vulva

Besonders detailverliebt war man bei der Ausarbeitung von Penis und Vulva – jedes Schamhaar, jede Ader am Penis, jede Schamlippe der Vagina ist deutlich zu erkennen. Dieser gewünschte Effekt war nur umsetzbar, wenn die Geschlechtsteile wie bei den Shunga extrem groß dargestellt wurden. Welche handwerkliche Präzision die Schnitzer bei der Erstellung der Druckvorlagen erreichten, ist enorm. Die Linien sind bis zu einem Zehntelmillimeter dünn, das sind beim Farbholzschnitt die Bereiche, die der Holzschneider in den hölzernen Grundplatten stehen lässt. 

Im Vergleich zu den Stoffen und dem Schambereich ist die Ausarbeitung der Gesichter mit Augen, Nase und Mund wie auch der Hintergrund der Szenerie eher schlicht gehalten und entspricht viel deutlicher der eigentlichen Intention des Farbholzschnitzer, nämlich keine realitätsgetreue Abbildung zu schaffen, sondern mit der Reduktion das Wesen einer Sache zu erfassen. Mit nur wenigen, aber vollendet ausgeführten Linien, erkennt man am Gesichtsausdruck das Vergnügen der Paare, die voller Leidenschaft, Genuss und Hingabe abgebildet werden. Und dies ist sowohl bei Mann als auch bei der Frau zu spüren. 

Die regelrechte Lust, Harmonie und Hingabe beider Partner machen womöglich den Unterschied zwischen Shunga und pornografischen Erzeugnissen unserer Zeit aus. Natürlich sollten Shunga den Betrachter sexuell stimulieren – dass sie so gedacht waren, sieht man auch in einigen Werken, auf denen die abgebildeten Frauen und Paare selbst Shunga betrachten –, die Sexualität hat jedoch trotz der übergroßen Darstellung der Geschlechtsteile nichts Beliebiges.

Eher selten sind Szenen, die sexuelle Gewalt abbilden; diese tauchen vor allem gegen Ende der Edo-Zeit häufiger auf. Inwieweit diese Bilder einem Zeitgeist entsprachen, eine Verrohung der Gesellschaft abbildeten und ob es demzufolge hierfür eine Nachfrage gab, lässt sich jedoch nicht eindeutig sagen. Aufschluss über die Intention dieser Abbildungen würden die Texte geben, die die Bilder begleiten. Leider sind bislang nur wenige dieser ergänzenden Texte aus dem japanischen der Edo-Zeit übersetzt.

n der westlichen Adaption sind Tätowierungen noch recht selten, bei denen klassische Shunga als Vorlage dienen. Tattoo von Norte, LTW Tattoo (Barcelona, ES).

Tätowierer inspiriert von expliziten Shunga-Bildern

Zur Abgrenzung von diesen expliziten Darstellungen hin zur Pornografie gibt es sicherlich noch viel zu sagen, und die Menge und Vielfalt an Farbholzdrucken, die in der gut 250 Jahre andauernden Edo-Zeit entstanden sind, hebeln die Trennung zwischen Kunst, zu der die Drucke des Ukiyo-e heute gezählt werden, und »pornografischer Darstellung« je nach persönlichem Moralempfinden immer wieder aus. Aber Moral ist eben ein gesellschaftliches Konstrukt und die Menschen der Edo-Zeit waren dahingehend weitaus offener und weniger scham- und schuldbehaftet, als wir das zum Teil heute noch sind. 

Bemerkenswert ist, dass diese Art der Shunga heute in der westlichen Tattooszene eher selten als Vorlagen für Tätowierungen benutzt werden. Die überwiegende Zahl der erotischen Tätowierungen orientieren sich eher an den Farbholzdrucken im Stil von »The night parade of one hundred demons«. Womöglich weil sie als Single-Spot-Tätowierungen wesentlich kleiner und damit an diskreten Stellen umzusetzen sind. Als zentrales Rückenbild würde Shunga womöglich noch heute die Menschen zumindest irritieren. 

Es ist nicht unüblich, die von Shunga inspirierten Tätowierungen an einer diskreten Körperstelle in einen japanischen Bodysuit zu integrieren. Tattoo von Horiyoshi III (Yokohama, JP).

Siehe hierzu auch:
Die Shunga-Tattoos von Alina Bushman
Penis- und Vulven-Metamorphosen tätowiert von Dan Sinnes

 

Text: Heide Heim
Bilder: Diverse

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