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21.04.2017  |  Text: eide Heim  |   Bilder: Lukas Speich, Porträtbilder von Lukas Speich: Maria Ruppen (www.mariamangold.com)
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Von süß bis dämonisch: Katzen-Tattoos im Special


Katzenbilder lösen meist einen »Awwwwww«-Effekt beim Betrachter aus. Katzenmotive können aber mehr sein als nur niedlich, wie die Geschichten der japanischen Mythologie und des Volksglaubens zeigen. Auch aktuell arbeitende Tätowierer wie Lukas Speich aus der Schweiz und dem Monmon-Erfinder Horitomo lassen sich davon inspirieren. Hinter ihren Katzentattoos stecken skurrile und abgefahrene Geschichten und manchmal sind sie auch einfach nur supersüß!


Katzen-Tätowierer Lukas Speich im Interview

Der Schweizer Tätowierer Lukas Speich aus dem »XXX Tattoo« in Luzern trägt nicht nur selbst außergewöhnliche Katzentätowierungen, sondern hat ebenfalls im japanischen Stil umgesetzte Katzenmotive ins Zentrum seiner aktuellen Arbeit gestellt. Wir sprachen mit dem jungen Tätowierer über seine Beziehung zu Katzen, seine Inspirationsquellen Kuniyoshi und seine Tattoos von Hoirtomo. 

Wie viele Katzen hast du zurzeit und woher kommt deine Beziehung zu Katzen?
Ich habe momentan zwei Katzen, Schnauzbarak und Bubbin. Sie sind schon ein bisschen älter. Ich bin mit Katzen groß geworden, wir hatten immer eine oder sogar mehrere zuhause. Da gibt’s sogar noch super Kinderfotos.
Aber die richtige Faszination für Katzen kam bei mir erst später. Ich hatte mal eine Zeit, in der es mir nicht so gut ging, und ich konnte nächtelang nicht schlafen. Damals hatte ich eine Katze, die eigentlich selten zu mir kam, aber als ich eine ganz schlimme Nacht hatte, lag sie auf meinem Bauch und da konnte ich einschlafen. Als hätte sie gespürt, dass es mir nicht gut geht. Seit diesem Moment haben Katzen einen besonderen Platz in meinem Leben und auch in meiner Kunst. Dass sie so eigenständig und unabhängig sind, mag ich an ihnen, und ich finde diese Eigenschaften auch in mir selbst wieder. Man muss ihnen nicht immer volle Aufmerksamkeit schenken, die kommen auch ganz gut ohne uns zurecht. 

Auch das Rückentattoo stammt von Horitomo vom State of Grace: eine Katze mit dem buddhistischen  Schutzgott Fudō Myōō.

Katzenmotive findet man in deinen aktuellen Arbeiten sehr häufig. Welchen Einfluss haben da Schnauzbarak und Bubbin auf deine konkrete Arbeit?
Die Eigenheiten der Katzen fließen schon sehr bewusst in meine Arbeit ein. Katzen sind so unterschiedlich, jede hat ihren eigenen Charakter und benimmt sich entsprechend. Ich beobachte sie und meist finde ich da einen lustigen Gesichtszug oder eine Position, die mir gefällt, und die ich dann in meine Zeichnung einbaue.

Wann kam zum ersten Mal die Idee auf, klassische japanische Motive mit Katzen zu kombinieren? War das Zufall und du hast in der Folge Geschmack an der Idee gefunden, oder gab es ein klar umrissenes Konzept?
Bevor ich mich ernsthaft für den japanischen Stil in Kombination mit Katzen interessierte, habe ich bereits Katzen im neo-traditionellen Stil gezeichnet. Der ausschlaggebende Punkt waren aber Kuniyoshis Katzenbilder. Den japanischen Stil fand ich sehr passend, um den Charakter und Witz der Katzen darzustellen. Da ich sowieso schon sehr auf japanische Kunst fixiert war, begann ich, mit der Idee zu spielen; weg vom neo-traditionellen Stil und hin zum japanischen. Ich denke, das Ganze hat sich dann gefestigt, als ich von Horitomo tätowiert wurde. Als absoluter Meistertätowierer und Katzenenthusiast inspiriert er auch meine Art, Katzen zu zeichnen.

Kannst du erklären, worin der Unterschied zwischen den Katzenbildern im neo-traditionellen Stil und dem japanischen Stil liegt? Was ist der spezielle »japanische Blickwinkel« auf die Tiere und was würdest du als europäischen Ansatz bezeichnen?
Bei Neo-Traditionals gibt es keinen wirklich tiefen mythologischen Hintergrund zu den Katzen, während man im japanischen Stil wie auch im Shintoismus – der japanischen Naturreligion – eine tiefe Verehrung der Tiere erspüren kann. Es gibt in Japan Schreine, die Katzen gewidmet sind, das sagt ja schon sehr viel über die sehr innige Verbindung aus. Ich wollte den Katzen eine tiefere Bedeutung geben, indem ich sie beispielsweise mit einem Schutzsymbol versehe. In der neo-traditionellen Umsetzung ist das schwer zu machen, da diese Tiere im europäischen Kontext eigentlich keinen mythischen Sinngehalt besitzen, außer man dichtet sich selbst was zusammen. Sollte ich da falsch liegen, bitte ich um Entschuldigung und lasse mich gerne belehren.



Deine Katzen werden ja immer in einem anderen Kontext dargestellt. Arbeitest du explizit daran, den Ausdruck der Katze, also quasi ihren Charakter, mit der Bedeutung des Motivs in Zusammenhang zu bringen? Wenn ja, wie gehst du da vor? Vielleicht kannst du das anhand eines Beispiels aufzuzeigen.
Ja klar! Ich denke mir meist eine kleine Geschichte aus, worin ich der Katze einen bestimmten Wesenszug zuspreche. Grundlage dafür sind Situationen aus dem Alltag der Katzen. Die Einbettung in eine Geschichte macht es mir leichter, diesen Charakter und die Eigenheiten herauszuarbeiten. Anders ist es, wenn ich ein Katzenmotiv aus der japanischen Mythologie nehme, wie beispielsweise Bakeneko. Dann benutze ich natürlich einen Ausdruck entsprechend der Geschichte. Da die Bakeneko eher dämonische Züge annimmt, spiegelt sich das natürlich auch im Gesicht der Katze wider. Auch da fließen meine Beobachtungen ein: Eine im Spiel versunkene Katze kann ganz schön beängstigend aussehen (lacht).

Du hast den Einfluss der Katzenbilder von Utagawa Kuniyoshi angesprochen, die quasi eine Initiation bei dir ausgelöst haben. Wo genau liegt sein Einfluss auf deine Arbeit?
Ich habe mehrere Bücher über die Katzenzeichnungen von Kuniyoshi, die ich noch heute als Inspirationsquelle benutze. Man lernt am besten von den alten Meistern. Ich liebe die Art und Weise, mit der Kuniyoshi Menschen in Katzen verwandelte. 

Worin liegen die Parallelen beziehungsweise der Unterschied zwischen Kuniyoshis Ansatz, Katzen quasi wie in der Fabel menschliche Charakterzüge zu geben, und deinem Ansatz?
Ich denke, da ist fast kein Unterschied. Ich habe eine Katze gezeichnet, die auf zwei Beinen geht und einen Oni-Kopf, also den eines grobschlächtigen Höllendämons, in den Händen hält. Somit hat das wieder was sehr Menschliches. Soweit ich mich erinnere, hab ich noch nie ’ne Katze was tragen sehen. Vielleicht machen sie das, wenn ich gerade nicht hinsehe. Diese Art der Interpretation vermenschlicht die Katzen natürlich und das ist ja auch das, was Kuniyoshi gemacht hat. Er hat sie so dargestellt, als hätten sie menschliche Charaktereigenschaften.

Über Kuniyoshis Katzenbilder hinaus gibt es weitere Katzenfiguren in der japanischen Ikonogafie. Kannst du uns darüber etwas sagen?
Katzen tauchen in der japanischen Mythologie und im Volksglauben immer wieder auf. Da gibt es beispielsweise die bereits angesprochene Bakeneko, einen bösartigen Katzendämon, der verwandt ist mit der Nekomata, ebenfalls ein bösartiger Dämon. Die Nekomata kann man an ihrem gegabelten Schwanz erkennen. Oder die Nekogami, ein wie eine Gottheit verehrtes Geistwesen, eine sogenannte Kami, das ist ein Naturgeist oder Gespenst, es verkörpert aber auch die Seele eines Verstorbenen. In Japan gibt es mehrere Shinto-Schreine, die Katzengottheiten gewidmet sind. Und dann gibt es Geschichten über Katzen, die den Menschen helfen, und natürlich die Ursprungsgeschichte der Maneki Neko, in der eine in einem alten Tempel in Tokio lebende Katze einen Edelmann vor einem Gewitter beschützt. Oder eine Katze, die ihren Besitzer vor einer riesigen Schlange rettet. Bei den Katzengeschichten geht es ganz menschlich zu, meist geht es um den Dualismus zwischen Gut und Böse. 

Ginge das gleiche Projekt auch mit anderen Tieren, beispielsweise Hunden?
Mit Hunden funktioniert das genauso gut! Ich arbeite auch gerade an einem Hundemotiv, was super Spaß macht. Aber letztendlich kenne ich mich mit Katzen einfach besser aus, da bin ich dann schon eher zuhause.

Du hast dir im letzten Jahr auf den Kopf ein Katzentattoo stechen lassen. Kannst du etwas über deine Motivation, das Motiv und zu deiner Wahl des Tätowierers sagen?
Genau, Horitomo hat mir nach Abschluss meines Rückentattoos den Kopf tätowiert. Das Motiv hat er ausgesucht, da ich ihm vertraue und ihm auch die künstlerische Freiheit lassen wollte. Nun habe ich auf meinem Kopf eine Katze mit einem Vajra und kleinen Blumen tätowiert. Das war mein letzter großer, freier Platz für ein Tattoo auf meinem Körper und nach Horitomos Erklärung bedeutet das Vajra unter anderem Vollendung. Was ich sehr schön finde, das passte gerade super. Zurzeit bin ich dabei, meine restlichen Körperstellen von Horitomo füllen zu lassen. Natürlich auch mit Katzen. Verrückt nicht? (Lacht.)

Wann hast du angefangen, dich von Horitomo tätowieren zu lassen? Wie war die zeitliche Abfolge?
Ich überlegte schon seit sehr langer Zeit, von wem ich meinen Rücken machen lassen sollte, und vor etwa vier Jahren sah ich die Arbeiten von Horitomo. Ich war so fasziniert, dass ich schon nach ein paar Tagen im Studio State of Grace anrief und fragte, ob er auf meinen Rücken eine Monmon-Katze mit dem Thema Fudō Myōō machen möchte. Zuerst hieß es, ich müsse eineinhalb Jahre warten, aber eine Woche später bekam ich eine E-Mail und alles ging sehr schnell. Seitdem bin ich drei- bis viermal im Jahr in San Jose in seinem Studio und werde wohl auch noch ein paar weitere Jahre von Horitomo tätowiert werden. 

Erzähl uns auch was über dein Katzen-Fudō-Myōō-Rückentattoo. Wie ist die Idee entstanden? Ein buddhistischer Tempelwärter integriert auf einer Katze – das versteht man nicht auf Anhieb. Kannst du das erklären?
Die Idee war ziemlich schnell klar. Ich mag die Bedeutung hinter der Gottheit Fudō Myōō, die auch der Unbewegliche genannt wird. Es gibt ein paar Bedeutungen hinter dieser Gottheit, aber ich mag vor allem die des Fudō Myōō als Verbündeten gegen das Böse, als Statue sitzt er häufig vor buddhistischen Tempeln, um Feinde abzuwehren. Die Schutzfunktion finde ich sehr passend in Kombination mit einer Katze. Er soll sie sozusagen beschützen, genau so, wie er alle Katzen beschützen sollte. 

Am Anfang des Interviews hast du über deine Entwicklung vom neo-traditionellen Stil hin zu deiner aktuellen Ausrichtung gesprochen, in der die japanischen Elemente im Vordergrund stehen. Kannst du die Entwicklung erklären?
Ich bin vom neo-traditionellen Stil zum japanischen gekommen. Ich mischte anfangs Neo-Traditional mit japanischen Einflüssen, bis ich dann entschied, Neo-Traditional ganz wegzulassen. Japanische Tätowierungen haben so einen unglaublich schönen Look auf der Haut. Durch den schwarzen Hintergrund wirkt das Hauptmotiv sehr stark und das sollte für mich im Idealfall auch farbig sein. Und auch das Spiel mit den Linien ist im Japanischen super interessant und es macht unglaublichen Spaß, es zu tätowieren.

Natürlich hat auch der Start meines Backpieces bei Horitomo sehr viel dazu beigetragen, mich in diese Richtung zu bewegen. Ich bin bei meinen Guest Spots im State-of-Grace-Studio umgeben von japanischen Tätowierern, das beeinflusst einen doch sehr stark. Horitomo nimmt sich von sich aus die Zeit, meine Arbeiten anzusehen und mit mir zu besprechen, was ich verbessern kann. Natürlich sprechen wir auch über die Bedeutungen von japanischen Motiven, am liebsten bei einem Bier nach der Arbeit. Das ist echt super und hilft mir immens weiter. Ich durfte Horitomo auch beim Zeichnen zusehen, für die finale Zeichnung verwendet er einen feinen Pinsel, das lässt die Motive sehr geschmeidig aussehen. Das hab ich mir mittlerweile auch angeeignet und mache die Linienzeichnung nur noch mit Pinsel und übernehme diese Linien auch direkt auf den Körper. Das gibt den Tattoos einen speziellen Look, der mir sehr zusagt. 

Die Speich-Zwillinge Lukas und Mathias waren schon in ihrer Kindheit von Katzen umgeben. Sie waren Kuschel- und Spielfreunde. So wurde womöglich unbewusst der Grundstein für Lukas’ heutige Faszination für die Tiere gelegt.
 

Kontakt


Lukas Speich
XXX Tattoo
Zürichstr. 42/Haus Blumenhof
CH-6004 Luzern
www.xxxtattoo.com
instagram.com/lukas.tattoo
facebook.com/LukasLeChat

 

Text: eide Heim
Bilder: Lukas Speich, Porträtbilder von Lukas Speich: Maria Ruppen (www.mariamangold.com)

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Stand:17 August 2017 09:52:30/szene/katzen-taetowierer+lukas+speich+im+interview_174.html