Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass

24.03.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Ole Wittmann, Robin Brecht
Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass
Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass
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Der neue Sensationsfund zur deutschen Tätowiergeschichte: Der Kunsthistoriker Ole Wittmann hat das Vorlagenalbum des Hamburger Tätowierers Karl »Kuddl« Finke aus den 1920er Jahren wieder entdeckt. Wir trafen ihn exklusiv in Hamburg und sprachen mit Ole über den Wahnsinnsfund!
Nur einige wenige Fotografien dienten bisher als bildlicher Beweis, dass er gelebt und gearbeitet hat: der Tätowierer Karl »Kuddl« Finke, ab 1914 Tätowierer in seinem Studio »Zur Tätowier-Anstalt« in Hamburg-Altona. Der Kunsthistoriker Ole Wittmann hat im Rahmen seines Forschungsprojekts »Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich« im Archiv einer Universität einen Schatz geborgen, von dessen Existenz die Öffentlichkeit bisher nichts wusste. Weder gab es in der Literatur Hinweise darauf, noch hatte jemand Bilder davon gesehen. »Ich bin natürlich immer auf der Suche nach weiteren Dokumenten zu Christian Warlich. Im Rahmen dieser Recherchearbeit stieß ich aber auf etwas anderes. Zu meiner großen Überraschung tauchte in einem von mir besuchten Archiv ein Tattoovorlagenbuch des Hamburger Tätowierers Karl Finke auf: das ›Tätowirbuch Karl Fincke Buch No. 3.‹! Fotos von Finke wurden ja bereits veröffentlicht, aber von der Existenz dieses Albums wussten bisher nur die Wissenschaftler, in deren Archiv es sich befindet.«
 
Der Umschlag von Karl Finkes Vorlagenalbum weckt Fragen: Gibt es einenersten und zweiten Band?

Das inklusive Umschlag zweiundachtzig Seiten umfassende Musterbuch von der Größe 23 x 15,2 Zentimeter befindet sich in einem recht desolaten Zustand. Mit einer Art Schnürsenkel waren die Seiten gebunden, ein Verfahren, das für den täglichen Gebrauch nicht die erste Wahl war. In der Regel hat der Tätowierer zwei bis drei Motive auf jeder Seite platziert, thematisch weitestgehend ungeordnet zeigen sie Maritimes, Frauen, Blumen … das klassische Repertoire der 1920er Jahre.
Über Finkes zeichnerische Fähigkeiten urteilte Adolf Spamer* in seiner erstmals 1933 veröffentlichten Untersuchung »Die Tätowierung in den deutschen Hafenstädten«, dass er ein »unbeholfener, zugleich aber doch auch ganz volkstümlicher Zeichner« gewesen sei. Und ja, die Vorlagen sind eher schlicht, seine Zeichnungen zeigen eine weniger künstlerische Handschrift als die von Christian Warlich. Ein Vergleich, der sich geradezu aufdrängt: Beide waren Berufstätowierer mit eigenen Räumlichkeiten und in den 1920er Jahren in Hamburg Konkurrenten. Dass sie voneinander wussten, davon ist auszugehen, ihre Studios befanden sich unweit voneinander entfernt: Finke arbeitete in der Großen Marienstraße 8 in Altona, und Warlich in der Kieler Straße 44 im angrenzenden Stadtbezirk St. Pauli. Das Haus, in dem Warlich seine Gaststube mit Tattoobereich betrieb, kann man heute noch sehen, und zwar in der Clemens-Schultz-Straße (1948 umbenannt), nicht jedoch Finkes Atelier, das sich zusammen mit seinem Kanarienvogelhandel in einem einstöckigen Haus mit Vierfensterfront in besagter Großer Marienstraße befand. Ein Bombenhagel im Sommer 1943 hat die Altonaer Altstadt weitestgehend zerstört, im Zuge der Flächensanierung ab 1956 wurde der Straßenzug nicht mehr aufgebaut.

Aushängeschild von Finkes Können war seine zweite Frau, die als »volltätowierte Schaustellerin« auftrat. Ob der Drachen auf ihrem Rücken aber wirklich von ihrem Ehemann stammte, ist ungewiss.

Wenig schmeichelhaft ist auch Spamers Vergleich, dass Finkes Tattoos wie »Gelegenheitstätowierungen« aussehen würden. Dies führte er darauf zurück, dass Finke als einziger sesshafter Tätowierer die Arbeit mit Schablonen ablehnte und die Tattoos freihand aufbrachte – zumindest arbeitete er mit Maschine. Über mangelnde Kundschaft konnte er sich trotzdem nicht beklagen, obwohl er recht teuer gewesen sein soll. Zeitweise sollen ihm über ein Dutzend Zutreiber, sogenannte Schlepper, die Kundschaft ins Atelier gelockt haben.
Zur Person selbst macht Spamer folgende Angaben: Finke wurde 1865 geboren, das Todesjahr konnte er nicht eindeutig benennen, entweder sei es 1935 oder 1941. Soweit bekannt, betrieb er mit seiner Ehefrau, der »kunstvoll tätowierten Dame« Marie Finke, von 1907 bis 1913 einen Schaustellerbetrieb mit Ringkampfbude. 1914 taucht sein Name wieder im Altonaer Adressbuch mit der Anschrift Große Marienstraße 8 auf, getarnt hat er seine Tätigkeit unter der Berufsbezeichnung »Arbeiter«. 1929 heiratete er erneut und auch seine zweite Ehefrau soll er am ganzen Körper tätowiert haben. »Die Informationen über Finke, die bei Spamer stehen, gilt es natürlich erst einmal zu überprüfen. Es existieren auch noch ein paar Zeitungsartikel und womöglich finde ich noch weitere Informationen in den Archiven«, umreißt Ole Wittmann grob seinen Arbeitsplan.

Das Vorlagenalbum aus den 1920er Jahren von Finke ist in einem beklagenswerten Zustand.

Große Neugierde weckt auch der Titel des Vorlagenalbums: ›Tätowirbuch  Karl Fincke  Buch No. 3‹. Zum einen verwundert womöglich, dass sich Finke auf dem Titelblatt mit »ck« schreibt. »Das ist gar nicht mal so ungewöhnlich, man hat es einfach nicht so genau genommen«, erklärt Ole. In seinen Augen viel spannender ist die Angabe, dass es sich um das Büchlein Nummer drei handelt und sich daraus sofort die Frage stellt, wo sind die beiden mit der Nummer eins und zwei? Gab es sie überhaupt und wenn ja, sind noch welche erhalten? Die Hoffnung, dass womöglich noch weitere kursieren, weckt Spamer mit seiner Bemerkung, dass Finke die Musterbücher für 20 Mark das Stück verkauft haben soll.
Auch wenn die Zeichnungen von Karl Finke heute sehr einfach wirken, sind sie neben Warlichs Nachlass die einzigen bekannten Vorlagenbücher aus den 1920er und 1930er Jahren und damit eine wichtige Informationsquelle zur deutschen Tätowiergeschichte.
Dass das Buch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, diese Auffassung vertritt Ole Wittmann. »Noch entwickle ich Ideen, wie ein Nachdruck der Vorlagen realisiert werden kann. Mir schwebt ein Buch vor, das natürlich neu gestaltet werden muss, in dem aber die Seiten im Maßstab eins zu eins zu sehen sind. Ich stehe mit der Forschung und dem Abklopfen der Möglichkeiten eines Nachdrucks noch am Anfang, bin aber guter Hoffnung, bald eine Lösung gefunden zu haben und diese auch umzusetzen.«
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* Quelle: Adolf Spamer, Die Tätowierung in den deutschen Hafenstädten. Ein Versuch zur Erfassung ihrer Formen und ihres Bildgutes. Erstmals erscheinen 1933 in zwei Folgen der Niederdeutschen Zeitschrift für Volkskunde, ein Jahr später erschienen als eigenständige Publikation.
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