Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht

24.11.2017  |  Text: Pascal Bagot   |   Bilder: Pascal Bagot, Illustrationen: Navette
Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht
Jean-Luc Navette und sein Königreich der Nacht
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Morbide Meisterwerke von Illustrator und Ex-Tätowierer Jean-Luc Navette aus Frankreich begeistern mit ihrer düsternen und doch unverwechselbaren Schönheit.
Nachdem er 16 Jahre als Tätowierer gearbeitet hat, beschließt Jean-Luc Navette im letzten Jahr, die Tattoomaschine an den Nagel zu hängen. Seitdem widmet er sich umso intensiver seinen Illustrationen. Sein zweites Buch »Nocturnes«, das er wieder bei dem französischen Verlag Noire Méduse veröffentlichte, demonstriert eindrücklich seine Fähigkeit, kraftvolle und eindrückliche Bildwelten zu erschaffen. Vollgesogen mit Tragödie und Tod und durchdrungen vom Blues erscheinen seine Bilder wie Fenster, die den Blick auf die unerträgliche Wahrheit unserer Welt freigeben. Dieses 184-seitige Meisterwerk untermauert den Status von Navette als einem der besten französischen Illustratoren unserer Zeit. 

Details über Details: Navettes Bildwelten borden nahezu über und eröffnen dem Betrachter eine eigene Welt, vollgepackt mit Verweisen auf Geschichte, Literatur, Psychologie und Kunstgeschichte. Zudem versteckt der Illustrator gerne Symbole und geheime Zeichen in seinen filigranen Arbeiten.

Wie bist du nach deinem ersten Buch »Dernier été du vieux monde« die Arbeit zu »Nocturnes« angegangen? 
Ich war mit dem ersten Buch sehr glücklich, aber das zweite musste noch besser werden. Doch der Stress war ganz unnötig. Der Herausgeber bei Noire Méduse, Christophe Escarmand, ließ mich einfach nach meinem Rhythmus arbeiten. Als wir uns nach einigen Monaten trafen und darüber sprachen, wies er mich darauf hin, dass ich das Buch schon längst fertig gestellt hatte. 

Wie meinst du das? 
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich für dieses Projekt wirklich arbeiten musste. Ich produzierte einige Sachen nebenbei und hatte auch einige Aufträge, aber die Leute ließen mir stets die Freiheit, die Arbeiten so umzusetzen, wie ich wollte. Also waren es am Ende eigentlich gar nicht mehr wirklich Auftragsarbeiten, sondern persönliche Werke. Und da hatte ich schon 150 Seiten beisammen. Als mir das klar wurde, war alles ganz easy und ich schaffte innerhalb eines Monats weitere 36 Illustrationen, das war der ganze esoterische Part, in dem es um Tod und Übergang geht. In der Zeit habe ich praktisch zwanzig Stunden am Tag gezeichnet. 

Jean-Luc Navette

Wie fühlt es sich für dich als Illustrator an, wenn Leute deinen Arbeiten folgen?
Beim Tätowieren ist es so: Wenn du dem Kunden die richtigen Fragen stellst und keine Fehler im Design machst, dann gibt es für den Kunden keinen Grund, warum es ihm nicht gefallen sollte. Aber wenn du ein Bild nur für dich erschaffst und jemand möchte es haben, dann hat das eine ganz andere Wertigkeit. Man wird ja ständig mit Bildern bombardiert, und wenn jemand aus dieser Bilderflut eine Arbeit von dir auswählt, dann ist das auf alle Fälle etwas Besonderes.  

2016 hast du aufgehört zu tätowieren – warum?
Es hat einfach meine Freiheit eingeschränkt. Es kamen immer mehr Kunden und ich hatte das Gefühl, dass ich immer weniger Zeit hatte, die Sessions so vorzubereiten, wie ich das für notwendig hielt. Und wenn ich das weiter gemacht hätte, wäre höchstens noch Zeit für fünfzehn weitere Projekte pro Jahr geblieben. 

Der Meister an seinem Arbeitsplatz, der selbst fast wie eine Zeitreise in eine seiner stilvollen und morbiden Illustrationen wirkt: Hier findet sich kein Computer mit Tablet, sondern es wird mit Bleistift, Feder und Tinte gearbeitet. Und ab und an mit Filzstiften, aber das fällt ja kaum auf.

Dein Lehrer an der Kunstschule in Lyon, Jean-Michel Nicollet, vergleicht im Vorwort deines Buches deine Illustrationen mit Alpträumen. 
Die Verbindung zu Träumen ist interessant, denn bei meinen Arbeiten hast du nie sämtliche Schlüssel in der Hand, jeder Betrachter muss da seine eigenen Schlüsse ziehen. Auch die Inspiration, die ich beim Zeichnen bekomme, kann man mit Träumen vergleichen. Aber besonders geschmeichelt habe ich mich gefühlt, als er mich mit einem Journalisten gleichsetzte, der ein Statement zum Zustand unserer Welt abgibt. Ich fühle mich tatsächlich eher als Reporter, nicht so sehr als Illustrator. Ich bin hier, um Geschichten zu erzählen, nicht meine Geschichten, sondern ich sende Bilder aus über die Gefühle, die von der Welt und den Menschen um mich herum auf mich einwirken. 

Wann während des kreativen Prozesses merkst du, wenn es eine gute Story ist, eine Geschichte, die du erzählen willst?
Ich muss die erzählen, die mir zufällt, unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht ist.

Jean-Luc Navette

Läuft bei dir Inspiration nur visuell?
Nein, auch viel über Musik. Das eigentliche Thema eines Bildes oder auch generell den Anfang habe ich schnell gefunden, aber dann fehlt noch der letzte Schliff, der dem Ganzen die Kraft gibt. Dann höre ich oft Musik und der Zufall ist da ein guter Helfer. Es gibt Songs, die kenne ich seit zwanzig Jahren, aber genau an dem Tag, an dem es drauf ankommt, macht diese eine Textstelle plötzlich Sinn und man denkt: »Das ist es, genau! Danke, Neil Young!« Als Künstler ist man in einer neutralen Position, in der man die Geschichte empfängt und weitergibt. Der Künstler erschafft die Geschichte nicht, er gibt ihr nur die Form, verleiht ihr eigene Worte. Es ist immer derselbe Song, aber es ist deine Version. 

In deinen Bildern sind Augen oft sehr wichtig, aber diesmal taucht oft das Motiv von verbundenen Augen auf.
Manche Themen sind während der Arbeit an »Nocturnes« aus dem kreativen Prozess heraus entstanden. Auch die brennenden Augen, oder verbundene Augen, die zu viel gesehen haben, was sie verbrannt hat.  

Jean-Luc Navette

Etwas Neues, das zur Kraft in deinen Bildern beiträgt, ist Nacktheit.
Keiner stellt die Nacktheit der Pfauenfrau (eines der Bilder im Buch, hier Abbildung Seite 60) in Frage, weil wir weibliche Nacktheit in der Kunstgeschichte gewohnt sind. Bei Männern ist das weniger der Fall. Diesen Umstand wollte ich in meinem Buch hervorheben. Es war auch nötig, Figuren völlig nackt darzustellen, da es auch bedeutet, seine Maske fallen zu lassen. Nackte sind gleich, zudem stellt Nacktheit eine Verbindung zwischen Geburt und Tod her. 

Die Porträts von Bluesmusikern stehen da ein wenig abseits, aber Blues ist etwas ganz Wichtiges für dich?
Er ist unverzichtbar, ich höre die ganze Zeit Blues. Und Bluesmusiker haben mich stets fasziniert aufgrund ihres Mutes. Sie kamen aus der untersten Schicht und konnten nicht mal lesen, aber haben gegen die gesellschaftliche Situation rebelliert. Sie haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Süden der USA eine musikalische Kultur geschaffen, die Auswirkungen auf alle Arten moderner Musik hatte und auf die gesamte moderne amerikanische Lyrik. Samstagabend spielten sie in Bars und während sie sich betranken, sangen sie über Sex, Schlägereien, Mord und Totschlag, und Sonntagmorgen gingen sie zur Kirche, sangen Gospels und feierten Jesus. Dieselben Kerle. Das finde ich großartig. 

Jean-Luc Navette
Robert Johnson sticht dabei aber besonders heraus. 
Er fasziniert mich total. Er stimmte seine Gitarre auf eine ganz besondere Weise, so dass er mit minimalem Aufwand eine maximale Anzahl von Leuten zum Heulen bringen konnte. Wenn ich ihn je getroffen hätte, hätte ich ihn aber wahrscheinlich erschlagen, ich denke, er war wohl ein ziemlicher Drecksack. Diese Kerle arbeiteten nichts, sie spielten ihre Musik, fickten die Mädels im nächsten Dorf, während deren Männer auf Arbeit waren. Und um diesen Lebensstil zu verteidigen, hatten sie Messer, Knarren … das waren üble Typen! Ich bin nicht von deren Gewalt fasziniert, aber mich fasziniert ihr Mut. 

Zuletzt: Was soll in deinem Nachruf stehen?
Er hat uns schöne Geschichten erzählt. Bis bald!

Das ausdrucksstarke Gesicht der Illustrators Jean-Luc Navette verweist auf viel Lebenserfahrung und Tiefe – von so jemandem lässt man sich gerne Geschichten erzählen.

Kontakt:

Jean-Luc Navette

www.jean-lucnavette.blogspot.de
E-Mail: vivadolor@gmail.com
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Stand:16 December 2017 21:28:03/szene/jean-luc+navette+und+sein+koenigreich+der+nacht_171024.html