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24.03.2017  |  Text: Amadeus Thüner  |   Bilder: Borkeberlin
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Infidelix, der tätowierte Straßenrapper, der auf der Straße rappt


Für den Musiker Infidelix ist Rappen ein Lifestyle und um die Menschen mit seiner Musik und Botschaft zu erreichen, geht er auf die Straßen Berlins. Wir schauten uns den Musiker mit der außergewöhnlichen Geschichte und dem Faible für Tattoos genauer an.


Es ist einer dieser kalten Berliner Wintertage. Wer nicht dringend aus dem Haus muss, der bleibt dort, wo er ist. Selbst die sonst so belebte Warschauer Straße ist heute wie leergefegt. Vereinzelt sieht man Spätfeierabendler, Touristen und Menschen, denen die Kälte nichts auszumachen scheint.
Einer von ihnen ist Infidelix.
Da sitzt er, der Straßenrapper, der im Vergleich zu all den Straßenrappern wirklich Straßenrapper ist. Denn er rappt auf der Straße, nicht nur über sie. Eine sogenannte Sondernutzungserlaubnis für Straßenmusik hat Infidelix natürlich nicht. Das widerspricht auch seinem Vibe und seiner Vorstellung davon, Musik zu den Menschen zu bringen. Bei seinem Tätowierer Carlo Sohl im Alten Schwan treffen wir uns zum Gespräch, bevor uns Bryan Rodecker aka Infidelix mit raus in seine Welt nimmt und zeigt, was Straßenrap eigentlich wirklich bedeutet.
 
Sanduhr in Patronenhülse und Flügel in klassischem Black-and-Grey, die Hände in Neo-Graphic. Das Tattoo hat Infidelix sich aufgrund des gewaltsamen Todes seiner Schwester tätowieren lassen.

Ende letzten Sommers erschien ein Video, auf dem du in einer U-Bahn-Station gerappt hast und von einer jungen Frau gesanglich begleitet wurdest. Dieses Video haben sich innerhalb kürzester Zeit hunderttausende Menschen angeschaut.
Ich war an dem Tag bereits auf dem Weg nach Hause. Ich hatte zuvor nicht viel Geld gemacht und dieses bereits für Essen ausgegeben, also hab ich mir gesagt, dass ich jetzt doch noch mal ran muss. In der U-Bahn-Station mache ich eigentlich ungerne Sessions, denn die Leute dort sind eher unfreundlich und finden Straßenmusiker nicht so toll. Und dann kam halt dieses Mädchen vorbei und fing an zu singen und wir haben gejamt und ihre Begleitung hat das gefilmt. Warum genau das Video viral ging, weiß ich nicht. Ich rappe nun seit sechs Jahren und es war nicht mal die beste Erfahrung. Aber irgendwie hat es die Leute berührt. Es war eine spontane Nummer und manchmal entstehen daraus die besten Sachen.

Du bist gebürtiger Texaner. Warum und wann hat es dich nach Berlin verschlagen?
Ich hatte einen beschissenen Job und es hat mich nichts mehr in den USA gehalten. Also habe ich meinen Job gekündigt, meinen Rucksack gepackt und bin nach Europa gereist. Und nach einem Jahr des Rumreisens wollte ich dann wieder eine feste Basis haben und endlich auch mal wieder Freundschaften aufbauen und pflegen können. Und in Berlin hatte ich das Gefühl, dass ich das könnte. Ich wurde von der Stadt sozusagen gefangengenommen.

Berlin ist ja eine sehr kreative Stadt mit breiter musikalischer Ausprägung. Fühlst du dich hier wohl als rappender Straßenmusiker?
Viele Leute haben mir gesagt, Berlin wäre eine Technostadt. Aber ich habe festgestellt, dass das gar nicht stimmt. Es gibt viele Rapper aus Berlin und es gibt viele, die mir erzählen, dass sie eigentlich gar keinen Rap hören, aber denen meine Musik gefällt, weil ich sie auch direkt erreiche. Anscheinend inspiriere ich auch Menschen, das ist ein tolles Gefühl.

Wie hast du deinen Tätowierer Carlo kennengelernt?
Genau so! Ich hab gerappt, er und seine Kumpel haben mich auf der Straße gesehen und wir kamen ins Gespräch. Er hat mir angeboten, dass ich mal in sein Studio komme und seitdem tätowiert er mich auf Buddy-Basis und wir hängen zusammen ab.
Carlo: Ich möchte noch gerne Folgendes ergänzen: Ich habe ihn, bevor wir wirklich miteinander geredet haben, schon dreimal durch Zufall performen gesehen. Und ich fand es super. Und da habe ich mir gesagt, ich durfte jetzt schon dreimal eine Show von ihm sehen und seine Musik hören, da will ich was zurückgeben. Und so habe ich ihm ein Tattoo von mir angeboten.

Frisch am Werk: Carlo Sohl hörte Bryan mehrmals performen und wollte etwas zurückgeben, also bot er ihm an, dass er ihn umsonst tätowieren würde.

Wenn man ehrlich ist, bist du bei all der Diskussion über deutschen Straßenrap eigentlich der einzige, der wirklich Straßenrapper ist.
Genau! Und ich sage hier nun allen deutschen Rappern, dass sie gerne zu mir an die Warschauer Straße kommen und mit mir rappen können. Denn meiner Meinung nach bist du kein Straßenrapper, wenn du noch nie auf diesen Straßen gerappt hast. Du kannst gerne im Studio rappen oder in deinem Schlafzimmer. Ich bin cool damit. Aber dann ist das Entertainment. Das ist kein Lifestyle. Und ich mache keine Rapmusik, weil ich sie so sehr liebe oder weil sie angesagt ist. Ich mache Rap, weil das, was ich zu erzählen habe, eben genau so aus mir rauskommt. Und ich habe hier eine Revolution gestartet. Es kommen immer mehr Leute, die auf der Straße rappen. Also kommt vorbei!

Was bedeutet dir die Musik?
Ich erzähle aus meinem Leben. Aber gleichzeitig versuche ich auch Menschen dazu zu inspirieren, das zu tun, was sie lieben. Wenn ich auf der Straße bin und rappe, dann kann es sein, dass im Publikum ein Flüchtling neben jemandem steht, der Flüchtlinge hasst – und sie wissen es nicht. Aber meine Musik verbindet sie.

Du bist ja sehr sichtbar tätowiert. Ist das für dich ebenso ein Statement?
Ja, auf jeden Fall. Ich werde mein Leben lang rappen, ich werde mein Leben lang das machen, was ich liebe. Und damit ist es auch ein »Fuck you« an die Gesellschaft, die mich in etwas zwängen will, was ich nicht bin.

Sicherlich keine Sternstunden der Tätowierkunst, aber authentisch. Die Sterne hat sich Bryan einst selbst gestochen.

Du hast verschiedene Styles auf deinem Körper.
Manche Sachen sind einfach nicht gut, weil ich es damals nicht besser wusste und schlechte Tätowierer ausgesucht habe. Carlos’ Graffiti-Comic-Style finde ich super! Aber ich mag es vor allen Dingen, wenn du eben nicht diese perfekt durchkonzipierten und gestochenen Sleeves hast. Denn dann hast du nicht gelebt. Wenn du detaillierte und perfekte
Bilder auf deinen Händen hast, dann sagt mir das, dass du auch nie mit deinen Händen gearbeitet hast. Das ist nicht mein Style. Tattoos sollen zeigen, wie sich mein Leben entwickelt hat. Und deswegen werde ich auch die Scheißtattoos nicht covern oder verändern.

Welche Bedeutung haben denn die Hände und die Patronenhülse auf deinem Hals?
Meine Schwester kam vor einigen Jahren durch einen Kopfschuss ums Leben. Ich hatte sie erst drei Monate vorher kennengelernt, denn ich bin adoptiert, ich hatte sie nur ein Mal getroffen und danach ist sie gestorben. Das Tattoo ist eine Erinnerung an sie und auch eine Warnung an mich, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig halte. Denn es kann in jedem Moment vorbei sein.

Text: Amadeus Thüner
Bilder: Borkeberlin

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Stand:23 October 2017 02:36:02/szene/infidelix+der+strassenrapper+der+auf+der+strasse+rappt_173.html