Indiens vielfältige Tattoo-Kulturen

24.02.2017  |  Text: Pascal Bagot / Übersetzung: Heide Heim  |   Bilder: Stéphane Guillerme
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Indiens vielfältige  Tattoo-Kulturen
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Indien ist vielfältig, auch bei Tätowierungen. Stammestätowierungen, Volkstätowierungen und moderne Tätowierungen existieren nebeneinander. Einen Überblick gibt der französische Fotograf Stéphane Guillerme.
Der französische Fotograf Stéphane Guillerme erforschte sieben Jahre lang Indiens vielseitige Tattookultur. Er konnte dabei beobachten, dass es im Vielvölkerstaat Indien mehr als nur eine Art des Tätowierens gibt. Verschiedene ursprünglich lebenden Stämme konnten sich ihre überlieferten Designs bewahren, während in den Städten Straßentätowierer für religiöse Schutzzeichen zuständig sind. Und auch Tattoos nach westlichem Vorbild sind inzwischen auf dem Vormarsch. In seinem E-Book »India under the skin« dokumentierte Stéphane Guillerme die verschiedenen Tattootraditionen dieses faszinierenden Landes.

Hinduistische Götter wie Shiva und Hanuman zählen bei den Männern zu den beliebtesten Tätowiermotiven.

Welche Arten von Tätowierungen gibt es in Indien?
Einfach gesagt, sind es drei Arten: Stammestattoos, volkstümliche Tätowierungen und moderne Tätowierungen. Die Stammestätowierungen findet man hauptsächlich in den Regionen Gujarat, dem Madya Pradesh und in einigen Gebieten von Karnataka, Chhattisgarh und Orissa. Sie haben ihren Ursprung in der Kultur der unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Es sind meist geometrische Muster, die Bezug nehmen auf Mythen von der Entstehung der Welt, oder haben sonstige religiöse Inhalte zum Thema. Es werden aber auch ganz alltägliche Dinge wie Haustiere und sogar Kochgegenstände dargestellt. In Orissa beispielsweise sind Lotosblüten als Symbol der Reinheit in vielen Variationen stark verbreitet.

 Die Rabari-Frauen, eines im Nordwesten Indiens nomadisch lebenden Stammes, tätowieren sich aus dekorativen, religiösen und therapeutischen Gründen seit hunderten von Jahren.

Kann man einen Zeitpunkt benennen, ab wann die Menschen in Indien anfingen, sich zu tätowieren?
Außer, dass die Ursprünge sehr, sehr alt sind, kann man dazu eigentlich nichts sagen. Nur wenige Ethnologen und Anthropologen arbeiten ernsthaft an diesem Thema. Angefangen hat es wohl mit magischen Schutztätowierungen. Die traditionelle indische Heilkunst Ayurveda ist tausende von Jahren alt, es gibt keine Beweise dafür, aber womöglich gibt es eine Verbindung zwischen dieser Heilkunst und Tätowierungen, wie sie zu Heilzwecken und zur Schmerztherapie noch heute von manchen Stämmen ausgeführt werden.

Betrachtet man die Bilder in deinem Buch, dann fällt auf, dass Stammestätowierungen hauptsächlich von Frauen getragen werden?
Für Frauen sind Tätowierungen sowohl eine Sache der Identität als auch des Schmucks. Wenn man die Frauen nach dem Grund für ihre Tätowierungen befragt, dann geben sie an, dass sie ohne keinen guten Ehemann abbekommen hätten. Ein weiterer ist der Glaube, nach dem Tod im Jenseits die Angehörigen ihrer ethnischen Gruppe anhand der Tätowierungen erkennen zu können. Tätowierungen bei Männern sind bei den Nagas, den Kopfjägern im Nordosten Indiens, bekannt. Dort ließen sich die Krieger tätowieren, um ihren Status zu zeigen. Die Naga-Frauen lassen sich auch tätowieren, aber aus ähnlichen Gründen wie die Frauen aus anderen Regionen.

Stammestätowierungen sind unter den Männern eher selten, eine Ausnahme bilden die im Nordosten des Landes lebenden Stämme im Nagaland.

Die von dir als »volkstümliche Tätowierungen« bezeichneten Tattoos werden wiederum nur von Männern getragen …
Ja, die Männer lassen sich meist kleinere Tätowierungen stechen, sehr häufig bei einem Kumbh Mela, dem größten hinduistischen Fest. Solche Tattoos werden überwiegend von Hindus aus niederen sozialen Schichten getragen. Die Grenze zwischen den Stammestätowierungen und den volkstümlichen Tattoos ist nicht immer eindeutig zu ziehen, da diese Leute zum Teil auch Stammeswurzeln haben. Die volkstümlichen Tattoos werden von Straßentätowierern gestochen, die von einem Fest zum anderen reisen und ansonsten mitten auf der Straße in den Städten arbeiten. Sie verdienen ein paar Rupien am Tag – gerade mal genug, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Und sie sind Meister des Recyclings! Wenn es um den Bau ihrer Maschinen geht, zeigen sie viel Kreativität, sie bauen sich ihr Arbeitsgerät aus so ziemlich allem zusammen: aus Kugelschreibern, Metallstücken, Klingeln, Kassettenrekordern … So bewundernswert dieser Aspekt ihrer Arbeit ist, so dürftig ist ihr künstlerisches Geschick. Generell kann man sagen: Ein Kennzeichen dieser Tätowierer ist, dass ihre Arbeiten unglaublich schlecht sind. Aber das stört niemanden. Es spielt keine Rolle, wie schlecht ein Shiva-Bild tätowiert ist, es reicht die Gewissheit, dass es sich um die Gottheit handelt, um sich ihrer Kraft und ihres Schutzes zu versichern.

Was lassen sich die Männer noch so tätowieren?
Die anderen Götter Indiens: Krishna, ein Avatar von Vishnu, Narasimha … Der König der Motive ist aber Hanuman, er steht für Männlichkeit, Mut und Treue. Und natürlich all die universell-profanen Tätowierungen wie Herzen mit Initialen, Schlangen, polynesische Tribals, Sonnen, Skorpione … Viele lassen sich auch das Om-Symbol auf die Hand stechen, besonders im Westen des Landes, an der Grenze zum überwiegend muslimischen Pakistan. Die Inder möchten, dass sie sofort als Hindus identifiziert werden können.

Tattoos werden in Indien immer populärer. Als modisches Accessoire lässt sich die junge, von US-Tattoo-Soaps geprägte Mittelschicht in richtigen Studios tätowieren. Leider werden die wunderschönen traditionellen Tätowierungen, wie sie diese Frau der Ahir, einer hinduistischen Hirten- und Bauernkaste, trägt, immer seltener.

Und das moderne Tätowieren, wann fing das in Indien an?
Das kann man recht konkret benennen und sogar mit einer Person verbinden: Das war in den 60er Jahren, und der Vater des modernen Tätowierens war Dr. J.A. Kohiyar, auch als Jangoo bekannt. Kohiyar ist ein Psychoanalytiker aus Mumbai, dem ehemaligen Bombay, der in den 50er Jahren in London studierte und von dort das Tätowieren mit in seine Heimat brachte. Einmal in der Woche tätowierte er in seiner Kammer und von ihm lernten Tätowierer wie der erfolgreiche, in New York arbeitende Anil Gupta. Ende der 70er Jahre kamen die Hippies nach Indien, Leute wie der Tätowierer Felix Leu und Paco el Vasco hinterließen ihre Spuren. Vor allem auf den Menschen in Goa, aber auch auf den zahlreichen Westlern, die in Indien lebten.
Der größte Input kam natürlich später über Serien wie L.A. Ink, Miami Ink und so weiter, die die Einstellung der modebewussten Jugendlichen aus der Mittelschicht prägten und im krassen Widerspruch zur Sichtweise der traditionellen indischen Gesellschaft stehen, die Tätowierungen mit den Stämmen und Menschen niederer Stellung in Verbindung bringt. Tätowieren ist in ihren Augen unrein.

Neben den westlich geprägten und den Stammestätowierungen gibt es in Indien eine Heerschar von Straßentätowierern, die meist die Angehörigen der niedrigen Kasten tätowieren.

Wie populär ist Tätowieren denn tatsächlich?
Als ich vor sieben Jahren mit meinen Studien anfing, konnte
man das Tätowieren nicht mit Begriffen wie Hygiene und Mittel des künstlerischen Ausdrucks in Verbindung bringen. Aber in der Zwischenzeit ist es regelrecht explodiert, wenn die Standards auch noch nicht das westliche Niveau erreicht haben. Einige Tätowierer haben mittlerweile ein künstlerisches oder grafisches Studium absolviert, andere haben jahrelang Kinoplakate gemalt, andere kommen wieder aus ganz anderen Bereichen wie Handel, Wissenschaft, sogar aus der Biotechnologie. Noch sind es kleine Gruppen, die vor allem in den Städten zu finden sind, aber alles entwickelt sich rasch weiter.

Entwickeln die Tätowierer einen eigenen Stil oder kopieren sie eher den westlichen?
Das kreative Zentrum Indiens liegt in Mumbai, der fortschrittlichsten Stadt Indiens. Die Städter lassen sich Hindu-Götter wie auch Porträts ihrer Eltern stechen, sicherlich in einem Maße, wie man es sonst nirgendwo auf der Welt findet. Der Tätowierer Mo Naga aus Delhi hat auch eine moderne Variante der traditionellen Tätowierungen entwickelt. Er beschäftigt sich vor allem mit der Kultur der Naga, denen er auch angehört.

Ihre Kreativität und ihr Geschick zeigen die Tätowierer vor allem beim Bau der Maschinen, bei ihren Zeichnungen und Tattoos spielen diese Qualitäten keine Rolle mehr.

Sind die westlichen Tätowierungen eine Bedrohung für die beiden anderen Tattookulturen?
Ich denke nicht. Moderne Tätowierungen sprechen nicht dieselben Leute an, die sich Stammestätowierungen oder volkstümliche Tätowierungen stechen lassen. Das scheitert schon am Geld. Die Stammestätowierungen sind zwar vom Aussterben bedroht, die Ursache liegt aber nicht in den westlichen Tätowierungen, sondern darin, dass die Kultur der traditionellen Stämme von der Mehrheit im Land verachtet wird. Die sichtbaren Zeichen führen oft zur Ausgrenzung. Aus diesem Grund lassen viele Eltern ihre Kinder nicht mehr in traditioneller Weise tätowieren.

Wandertätowierer ziehen von Mela zu Mela. Auf den religiösen Festen lassen sich die einfachen Menschen tätowieren.

Pascal Bagot hat sich als Experte für japanische Tätowierungen einen Namen gemacht, schreibt aber auf seinen Reisen auch gerne über Tattoos aller Kulturkreise.

Das E-Book »India under the skin  - An overview of the worlds of tattoo in India« von Stéphane Guillerme ist erhältlich bei Amazon und Apple.

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Stand:24 November 2017 15:56:19/szene/indiens+vielfaeltige++tattoo-kulturen_176.html