Mimi Erhardts Kolumne: »Ich will Wahrhaftigkeit beim Tätowieren«

19.05.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Marlene Fulde
Mimi Erhardts Kolumne: »Ich will Wahrhaftigkeit beim Tätowieren«
Mimi Erhardts Kolumne: »Ich will Wahrhaftigkeit beim Tätowieren«
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...
Die Stimme, die sich aus den Boxen in meine Ohren prügelt, ist rau und grob, hart und ehrlich. Ein bisschen Verlorensein ist zu hören und ganz viel Wehmut. Und Fieber.

»Now call me crazy but all the old ways of living simple are simply fading. All we buy is time before we die and lay on down desensitized.«



Man solle ihn verrückt nennen, singt Chuck Ragan in »For Goodness Sake«, aber die alte Art zu leben, mit all ihrer Einfachheit, sterbe aus. Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Du hast ja recht, Chuck Ragan«, denke ich. Und während ich weiterhin den Geschichten des Mannes lausche, der mich seit so vielen Jahren begleitet, ohne das auch nur zu erahnen, beginnt es in meinem Kopf zu rattern.  

Ich mag mein oh so modernes Leben mit all seinen Annehmlichkeiten. Es ist für alles gesorgt, ich kann nicht klagen. Aber macht es mich glücklich? 

Chuck Ragans Stimme singt von Wahrhaftigkeit und Ursprünglichkeit und ich weiß: Das will ich. Bedeutsamkeiten auf Papier schreiben, sie parfümieren und als Brief verschicken, nicht zweideutige Belanglosigkeiten in viel zu kleine Chatfenster hacken. Freunde statt Buddys, Liebe statt Tinder-Dates, ich selbst sein und keine Rollen mehr spielen will ich. Ich will Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen, zu verlieren und zu gewinnen. Die echt sind und die ich anfassen kann. Nichts Abstraktes, keine Fakes, keine Luftschlösser. Wahrhaftigkeit.

Große Worte, Mimi Erhardt. Nicht mal die Hälfte von dem, was du aufgezählt hast, bekommst du auf die Reihe. Briefe verschicken, pah. Als würdest du dich bei Wind und Wetter zum Postamt aufmachen, wenn du bequem vom Sofa aus eine Message verschicken kannst. Keine Rollen mehr spielen und immer du selbst sein? Du bist eine Schauspielerin, die es genießt, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Ich sehe an mir herunter. Ist denn gar nichts echt an mir? Doch, denke ich. Meine Tätowierungen sind echt, wahrhaftig. Seit so vielen Jahren begleiten sie mich schon, schmücken meinen Körper, zeigen dem, der in ihnen lesen kann, wenigstens zum Teil, wie es in mir aussieht. Viele von ihnen sind schrecklich aus der Mode geraten, sind verblasst, unvollendet und be-inhalten Gedanken, die ich heute nicht mehr unterschreiben würde. Dennoch würde ich sie nie covern oder gar weglasern lassen, weil sie ein Teil von mir sind, bunte Meilensteine auf meinem ziemlich krummen Lebensweg. 

Wenn ich mich tätowieren lasse, bin ich bereit, dafür zu bluten und Schmerzen zu ertragen. Emla-Salbe? Niemals, nicht für mich. Ich will den Scheiß fühlen, ich will mit dem Tätowierer darüber lachen, dass ich zittere wie Espenlaub und ihm beweisen, dass ich es durchziehe, weil es mir wichtig ist.

Vielleicht bin ich viel wahrhaftiger, als ich es mir selbst zugestehe. Vielleicht sind meine Tätowierungen meine Art zu zeigen, dass zwischen der Bequemlichkeit und der Taktik ein Herz schlägt, das wertschätzt und kämpft und innehalten kann. Und das, finde ich, ist doch ein guter Anfang.

»And find the difference between wants and needs. Be sure to stop and count your blessings, smell the roses and fight for something.« (Aus: Chuck Ragan – »For Goodness Sake«)

Eure Mimi 
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