Szeneshop-Angebote
23.06.2017  |  Text: Pascal Bagot, Übersetzung: Dirk-Boris  |   Bilder: Pascal Bagot, Harley Flanagan
Alle Bilder »

Harley Flanagan: »Ich war der erste mit Tattoos!«


Harley Flanagan, Gründer des New York Hardcore und Ex-Mitglied der Cro-Mags, trug als Erkennungszeichen den geflügelte Dämon auf seiner Brust . Mit diesem Tattoo beeinflusste er nicht nur die Fans, sondern auch die Kollegen. Tattoos und NYH gehörten damit zusammen.


Harley Flanagan, eine Legende der New Yorker Hardcore-Szene und Ex-Mitglied der Cro-Mags, ist ein Mann mit vielen Talenten. Dazu gehört neben seiner brutalen, kantigen Musik und der Fähigkeit, über so viele Jahre in einer Stadt wie New York zu überleben, nun auch das Schreiben. In seiner 448 Seiten dicken Autobiographie »Life of My Own« beschreibt er seinen Werdegang von einem Kind der Flower-Power-Bewegung zu einem der Gründer des New York Hardcore in den 1980er Jahren, einer Bewegung, die aus der Asche des Punkrock entstand und die zu Bands wie den Cro-Mags führte, die Harley mitbegründet hatte. Für Fans der Cro-Mags war Harleys Bühnenpräsenz mit seinem für damalige Verhältnisse spektakulären Brusttattoo nicht weniger beeindruckend als die Musik selbst; der geflügelte Dämon wurde zu einem Erkennungszeichen und dürfte viele junge Hardcore-Fans in ihrer persönlichen Entwicklung beeinflusst haben. 

Ungezügelte Energie: Harley Flanagan bei einem Auftritt mit seiner Band Cro-Mags.

Hast du eine Erklärung dafür, dass du bis jetzt überlebt hast?
Ich hatte viel Glück im Leben, ich bin wirklich gesegnet. Und ich gebe nie auf. Es gab viele Momente, in denen ich auf allen vieren hätte davonkriechen können, aber das mache ich einfach nicht. Ich hatte es nie einfach, aber andererseits heißt das auch, dass es für mich nichts Besonderes ist, wenn’s mal haarig wird. Was hat man denn für eine Wahl? Obdachlos werden? Sich mit Drogen umbringen? Ich hab überlebt und mein Bestes gegeben, nicht auf Kosten anderer zu leben. 

Deinen Ärger und deine Wut hört man auf dem letzten Album »Cro-Mags«, das du unter deinem Namen gemacht hast, auch deutlich raus. 
Ich war wirklich wütend, als ich das Album aufgenommen habe, es war eine üble Zeit für mich. Die Sache in der Webster Hall lag noch nicht lange zurück, Leute, mit denen ich aufgewachsen war, hatten mich betrogen, angegriffen und mit Messern attackiert, ich wurde verhaftet und musste vor Gericht für meine Freiheit kämpfen, dafür, dass ich um mein Leben gekämpft hatte. Die ganze Sache beherrschte mein Denken völlig, ich hätte über nichts anderes schreiben können. (Anm. d. Red.: Nach offiziellen Berichten drang Harley Flanagan 2012 während des CBGB-Festivals in den Backstage-Bereich der Webster Hall ein, wo er den Cro-Mags-Bassisten Mike Couls und eine weitere Person mit einem Messer verletzte. Nach Flanagans Darstellung war er in den Backstage-Bereich eingeladen worden, wo er dann angegriffen worden sei. Im Kampf erlitt auch Flanagan einen offenen Beinbruch.)

Zusammen mit den NY-Hardcore-Ikonen Vinnie Stigma und Roger Miret.

Wie bewertest du heute, was in der Webster Hall passiert ist?
Heute kann ich drüber lachen. Der Kampf war gut, war ja nicht mein erster Fight. Ich hab drei Pisser, die mich angreifen wollten, ins Krankenhaus geschickt, und letzten Endes hab ich gewonnen. Und dann wollten sie mich verklagen, da sieht man ja, wie total »New York Hardcore« diese Schlampen wirklich sind. Jemanden anzugreifen, der praktisch ihre Szene gegründet hat, wie peinlich! Und mich dann noch zu verklagen, nachdem ich sie platt gemacht hab, das ist noch peinlicher! 

Aber du spielst immer noch Hardcore?
Das ist die Musik, die ich spiele. Klar, ich kann auch andere Musik machen, aber um wirklich zufrieden zu sein, muss ich Hardcore spielen, ich muss mich wirklich ans Limit bringen.



Gehst du mit deiner aktuellen Band auf Tour?
Für den Sommer sind zwei Touren für Europa geplant und ein paar Gigs in Kalifornien. Der Kern der Band besteht aus drei Leuten, wobei ich Bass und Gesang übernehme. Wir haben gerade eine EP herausgebracht, von deren Erlös achtundvierzig Prozent an Dr. Know von den Bad Brains geht. (Anm. d. Red.: Gary Miller aka Dr. Know von der Hardcore-Band »Bad Brains« erlitt 2016 einen Herzstillstand und sah sich, da er keine Krankenversicherung hatte, mit Arztrechnungen in Höhe von 100.000 $ konfrontiert.) Für dieses Fundraising hatte ich mich auch an John (Ex-Sänger der Cro-Mags) gewandt, ich hätte es klasse gefunden, einen Song dafür aufzunehmen oder eine Show als Cro-Mags zu machen, wir verdanken Dr. Know so viel. Das wäre eine tolle Gelegenheit gewesen, den ganzen Mist hinter uns zu lassen. Auch Dr. Know hat John deswegen schon angesprochen, aber er hat abgelehnt. Ich liebe diese Typen immer noch, sogar nach dem, was in der Webster Hall passiert ist, aber die müssen erst mal klar kommen. 

Du würdest nach allem, was passiert ist, immer noch mit deinen Ex-Bandkollegen spielen?
Ich bin ein sentimentaler Depp, was soll ich sagen. Wenn ich mit John und Parris (Cro-Mags-Gitarrist) und allen in einem Raum sitzen würde, würde ich sagen, Alter, du bist so ein Arschloch, ich kann nicht glauben, was du getan hast, aber ich würde auch sagen: Wie geht’s weiter, machen wir eine Show zusammen, weil die Fans sich nichts sehnlicher wünschen, weil es nicht mehr möglich sein wird, falls einer von uns stirbt? Aber ich glaube, denen bedeutet es einfach nicht das, was es mir bedeuten würde.

Harley hatte bereits im Alter von sechzehn Jahren eine beachtliche Tattoosammlung.

Und was ist es für dich, das so besonders war, dass du immer noch mit ihnen spielen würdest?
Ich werde nicht so dämlich sein zu sagen, dass die Cro-Mags wie Bad Brains, Led Zeppelin oder Black Sabbath waren, aber diese Chemie, wo jeder etwas beiträgt und es zu etwas Besonderem macht, ist selten. Diese Musik hat das Leben so vieler Menschen verändert, und du bist zu trotzig und wütend, um den Fans und dir diese Befriedigung zu gönnen? Denn du kannst mir nicht erzählen, dass es dir keine tiefe Befriedigung gibt, diese Songs zu spielen! Ich bin sicher, egal wie sehr sich die Misfits hassten, sie fanden es geil, als sie wieder zusammen auf der Bühne standen. Und dann sagen manche: Das haben sie doch nur wegen des Geldes gemacht! Scheiß drauf, sie verdienen es, damit Geld zu machen!  

Welchen Titel hätte denn ein Album, das du mit John und Parris aufnehmen würdest?
Vielleicht »The End of the Quarrel«? Oder »Zeit, verfickt nochmal, erwachsen zu werden«?



»The Age of Quarrel«, euer erstes Album auf das du anspielst, ist immer noch enorm populär.
Das ist ein Album, das niemand anders zu keiner anderen Zeit hätte aufnehmen können. Es hat einen Augenblick eingefangen, der den Leuten etwas bedeutete. Mir schrieb mal einer, dessen Frau am 11. September ums Leben gekommen war und ihn mit ihrem fünfjährigen Sohn zurückgelassen hatte, dass ihn das Album durch die härteste Zeit seines Lebens gerettet hat. Das hat mich unheimlich bewegt, ich fühlte mich so geehrt, dass ich ihm hatte helfen können. 

Das Album ist ein Klassiker, genauso wie dein berühmtes Brusttattoo. Wann hast du das bekommen?
Ich war fünfzehn, als ich es bekam, das war in Kanada. Eigentlich wollte ich ein Teufel-Tattoo, aber Normand Demers von Tatouage de Quebec in Montreal zeigte mir diese Vorlage und ich war so: »Fuck Yeah!« Ich glaube, das Design war von der Tätowiererin Kari Barba. Der Tätowierer sagte, es wäre besser, wenn es jeweils zwischen den Sessions abheilen würde, aber ich hatte keine Zeit dafür, also ließ ich mich sechzehn Stunden lang tätowieren, verteilt auf vier Tage. Als Fünfzehnjähriger steckt man das weg.



Aber hatte der Tätowierer keine Probleme damit, einen Minderjährigen zu tätowieren?
Ich hatte ja schon Tattoos, wie den Schädel am Oberarm, den mir Bob Roberts in New York in der 23sten Straße gestochen hat. In New York war das Tätowieren ja sowieso illegal. Und wenn du eh schon ein Tattoo von Bob Roberts hattest, dann war es für andere danach auch okay, dich zu tätowieren. 

Und die anderen Tattoos, dein Backpiece zum Beispiel?
Das zeigt mich, wie ich dem Sensenmann den Mittelfinger zeige, vor einer atomaren Explosion. Ein Typ hat es angefangen, ein anderer hat daran weiter gemacht, und jetzt ist es ein einziges Chaos. Das Zombie-Mädchen am Innenarm symbolisiert, dass alles nur oberflächlich ist. Du kannst ein hübsches Gesicht haben und innerlich schon völlig verwest sein. Die Sterne auf meinen Fingern – das ist eben das letzte, was du siehst, wenn ich dir eine ’reinhaue. Und dann ist da das Tattoo von meinen Kindern, in Jiu-Jitsu-Anzügen. 



Waren Tattoos verbreitet unter Hardcore-Kids?
Fuck, nein, ich war einer der Ersten in der Szene, der wirklich viele Tattoos hatte. Als ich noch jung war, gab es keine Tattooshops, du musstest jemanden kennen, der jemanden kannte. Andere Hardcore-Kids lebten bei ihren Familien, wie Vinnie Stigma von Agnostic Front, der lebte bei seiner Mutter in Little Italy – diese Kids machten nicht die Erfahrungen, die ich machen musste, aber deshalb respektierten mich alle. Ich war echt, die meisten anderen waren Fake. 

Aber Roger Miret und Vinnie Stigma von Agnostic Front waren zu der Zeit doch auch schon tätowiert?
Als ich aus Kanada zurückkam, hatte Roger ein kleines Tattoo am Handgelenk. Als er mein Brusttattoo sah, flippte er aus, und bis zum nächsten Sommer waren alle komplett zutätowiert. Henry Rollins hatte auch noch nicht seine ganzen Tattoos, als ich damit anfing. Ich hab noch Fotos von denen, als noch keiner Tattoos hatte außer mir. 

Harley als junger Rotzlöffel neben Debbie Harry.

Du hast inzwischen deine Biographie geschrieben. Was hast du dir davon erwartet?
Eigentlich hatte ich mit mehr negativem Feedback gerechnet, als tatsächlich kam. Ich zerstöre eine Menge Mythen und reiße Leuten ihre Masken runter. Aber ich schätze, am Ende des Tages kann man die Wahrheit eben einfach nicht verleugnen. Der Einzige, der sich beschwert hatte, war unser ehemaliger Gitarrist Doug Holland. Er korrigierte die Geschichte, wo er Geld geklaut hat. Er sagte: »Ich hab mir das Geld damals nicht in den Arsch geschoben, ich hab es in einem Kondom geschluckt«. Keine Ahnung, was nun stimmt, letzten Endes hatte er es ja doch im Arsch und hat nachher seine Scheiße nach dem Geld durchwühlt, das er geklaut hatte …

Im Buch schreib ich auch über Pigman, ein Auftragskiller mit einer Schweinemaske, der mich umlegen sollte. Als ich bei ’ner Lesung des Buches Autogramme gab, kam da auch einer von seiner Gang, also fragte ich ihn: »Wer war Pigman?«. Er sagte es mir, es war Crazy Eddie, den kannte ich! Es war ja auch nichts Persönliches, er wurde ja dafür bezahlt … Ich erfuhr auch, dass der jetzt in Queens lebt und ’ne Autowerkstatt hat. Dieser Auftragskiller, der den Job hatte, mich kalt zu machen, ist heute Großvater! Ich bepiss mich vor Lachen! Solcher Scheiß passiert nur in New York. This is real shit.

Heute tobt sich Harley beim Brazilian Jiu Jitsu des Profi-Kampfsportlers Renzo Gracie aus.

Harley Flanagan und Steven Blush
Hard-Core: Life of My Own
448 Seiten, Englisch
ISBN: 978-1627310338

Harley Flanagan und Steven BlushHard-Core: Life of My Own448 Seiten, EnglischISBN: 978-1627310338

Kontakt
Harley Flanagan 
www.harleyflanagan.com
feralhouse.com/hard-core

Text: Pascal Bagot, Übersetzung: Dirk-Boris
Bilder: Pascal Bagot, Harley Flanagan

Kommentare zum Artikel





Aktuell am Kiosk: TätowierMagazin 8/17

Artikel aus der Ausgabe: 8/17

Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Dotwork-Tattoos als Mantra
Dotwork-Tattoos als Mantra
Sommer, Sonne und Tattoos
Sommer, Sonne und Tattoos
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

Weitere, relevante Artikel
  • Über das Leben und den Tod: Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray solo

    Tattoos trägt man sein ganzes Leben lang, doch ihr Sinn und ihre Bedeutung kann sich über die Jahre verändern, erklärt Boysetsfire-Frontmann Nathan Gray.

  • Rapper eRRdeKa: Mit Tattoos ins Paradies

    eRRdeKa ist zielstrebig; der junge Rapper will so schnell wie möglich viele Tattoos haben. Hauptsache Black-and-Grey und der Tätowierer ist kein Arschloch.

  • Rap im Nirvana-Style

    Seine Reime haut er raus, als würde er ein Maschinengewehr abfeuern: schnell und aggressiv. Aber der US-Rapper sieht sich mittlerweile eher als »Rock Artist with RAP Attitude«, eine Standortbestimmung, die sich auch in seinen Tattoos spiegelt.

  • Tattoo Starlet 2016: Sara Surprisink

    Sara Surprisink wurde auf der Tattoo Expo Leipzig zum TATTOO STARLET 2016 gekürt. Wir sprachen mit der 24-Jährigen über den Wahlsieg, Modelaufträge und ihre Tattoos.

  • Die Tattoosammlung von »Stick to your Guns«-Gitarrist Josh James

    Von Hundehütten- bis zu Fantattoos: »Stick to your Guns«-Gitarrist Josh James trägt nicht nur roten Nagellack, sondern auch ’ne ziemlich schräge Tattoosammlung.

  • Ein Tattoo ist keine Psychotherapie

    Akribisch bis ins letzte Detail hebt die US-Amerikanerin Teresa Sharpe realistische Tierdarstellungen in eine abgefahrene Dimension. Dabei hält sie nichts von Zwängen zu klaren Linien, symmetrischen Tattoos und Tiermotiven, die richtig herum auf…

  • Impericon Never Say Die Tour 2016 - Tattoos und Hardcore

    Seit zehn Jahren holt die »Impericon-Never-Say-Die!«-Tour die angesagtesten und vielversprechendsten Metal-Core- und Hardcore-Bands auf europäischen Boden. Zum Jubiläum gab es das härteste Paket aller Zeiten: Whitechapel, Thy Art Is Murder und Carnifex standen auf den Headliner-Positionen.

  • Ink my whole body

    Wiz Khalifa ist ein waschechter Rap-Superstar. Er hat Abermillionen Platten verkauft, jettet um die ganze Welt, spielt Konzerte auf so gut wie allen Kontinenten dieser Erde und raucht Gras so wie andere Menschen atmen.


Stand:17 August 2017 09:58:13/szene/harley+flanagan+ich+war+der+erste+mit+tattoos++_176.html